Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Air. 51 Jüdisches Volksblatt Seile 5 Ei« „jüdisches Wahlrechtskornitee für Oesterreich" hat sich vor einigen Tagen in Wien gebildet, dessen Aufgabe es sein wird, die Aktion der Juden Oesterreichs behuss Anerkennung der jüdischen Nationalität und Wahrung der Interessen der Juden Oesterreichs als besonderer nationaler Gruppe bei Durchführung der Wahlreform zu leiten. Das Komitee, dem Vertreter fast aller Richtungen im Judentum Oesterreichs angehören, trägt keinen Parteicharakter und hat das Bestreben, ein möglichst einheitliches Vorgehen der Gesamtjndenschaft Oesterreichs in dieser so wichtigen Frage zu erzielen. Wir werden über die Tätigkeitsergebnifse dieses Komitees von Fall zu Fall berichten. Ueber die Arrerkermrmg der jüdische« Nationalität äußerte sich Abg. Nikolai v. Wassilko im Parlamente wie folgt: Ich muß konstatieren, daß M uns im Osten sowohl in Ostgalizien wie in der Bukown-.a die Judenschaft 'tatsächlich in der Schaffung der Möglichkeit, daß sie, ohne sich in die Wahlen der anderen Rationalitätenputschen zu müssen, ihre Vertretung bekommen, ihr Ideal sieht. G> gibt auch in Ostgalizien und in der Bukowina tatsächlich eine Reihe von Städten, die, wenn sie zu einem Wahlkreise zusammengefaßt werden, ohne daß man einen Kataster errichtet, ohne daß man speziell das hier in Wien in Ansehung dieser Frage so perhorreszierte jüdische Ghetto schafft, für Jahrzehnte hinaus ihren Abgeordneten haben würden. Rach den gegenwärtigen Verhältnissen in Oesterreich würde in der Tat, wenn man von der sozialdemokratischen Partei absieht, beim allgemeinen Wahlrechte doch kaum ein Jude in Galizien und doch kaum ein Jude irgendwo in der Provinz so leicht zu einem Mandat kommen, in kompakten Massen wohnen die Juden in Galizien und itt der Bukowina. Es wäre aber wohl eine Frage der Gerechtigkeit, auf diesem Wege ihnen für alle Zeiten eine Vertretung zu sichern. Ich habe große jüdische Wählerkreise, sagt Redner, und ich bin daher verpflichtet gewesen, diese Frage anzurogen. Es ist aber gewiß Sache der jüdischen Vertreter, selbst dazu entsprechend Stellung zu nehmen. Wir werden in dieser Richtung gerne unsere jüdischen Kollegen unterstützen . Die Hilfsaktion für unsere russische« Brüder. Der Bericht der Herren Dr. Paul Nalhaii- Berlin, Carl Stettaner-London und Dr. Feinde rg-St. Petersburg über ihre Reise durch Rußland vom 22. November bis 10. Dezember d. I. bat sollenden Wortlaut: „Ans Grund gemeinlsamer Anregungen ans Rußland, den Bereinigten Staaten und Deutschland falid am 14. November 1905 in New Court London, eine Sitzung unter Vorsitz von Lord Rothschild statt, an welcher teilnahmen die Herren: Lord Rothschild, Leopold de Rothschild, Feinberg- St. Petersburg, Leven-Paris, Dr. Pall! Nathau- Berlin, Claude G. Moutefiore, Hermann Landau, Rev. S. Dinger und N. S. Joseph. Als Ergebnis der Beratungen silid die svlgendcu Festsctzuugeu ge tröffe» worden: 1. Es soll eine Kommission ernannt werden, welche die von den Jlldeulietzeu beiroffelken Orte bereist. Die M umm tjfioit soll beste neu aus den Herren Dr. Nathan-Berlin, Jeiilberg-Petersbnrg und Carl Stettaner-London und soll sich zurrest liach Petersburg begeben. Die Kommission soll dem Zeniral-Berichtsblireall in Berlin die nötigen Informationell verschaffen, sie soll aber vor allen Dingen auch berechtigt sein, m dringellden Fällen Geldsummen zur Verfügung des Herrn Baron von Güngbnrg bereltzllstellen für die blot des Augenblicks und für die Bedürfnisse der Hospitäler. 2. Es soll in Berlin ein besonderes Zentral- Berichtsbnrean gebildet werden, -welchem auch Vertreter der Alliance israelite uusverselle in Paris angehören sollen. Dieses Bürean soll die Ausgabe habet!, alle Nachrichten alls den betroffenen Städten nlld voll der Kommission, die Rußland bereist, zll sammeln und zu sichten. Bon Zeit zn Jett sott dieses Bureau daL Rnsso Jewish Committee in London und die Alliance israelite universelle ln Paris von den in den einzelnen geschädigten Städten notwendigen Bedürfnissen in Kenntnis setzen. 4. Alles Geld sott, wie bisher, all Baron Günzbnrg nach Petersbllrg übersendet werden, der seinerseits wieder an die einzelnen Städte die Summen überweisen soll, welche notwendig sind, oder in Fällen dringendster Not anch an die oben erwähnte Kommission. Falls Petersburg von den übrigen Teilen des russischen Reiches abgeschnbtten sein sollte, können Geldsummen direkt nach den betroffenen Städten gesendet werden. 4. Um eine unrichtige Verteilung der Gelder zu vermelden, soll alles Geld durch die Firma N. M. Rothschild Söhne itt London gesendet werden, welche über die Beträge einer jeden einzelnen Organisation, die ihnen zugehen, gesondert Rechnung fuhren. Jede Organisation führt über die ihr zustehenden Gelder ein separates Konto und behält das Recht, lokale Aufwendungen, die für das russische Hilfswert notwendig werden, zu machen, nicht aber für Bedürfnisse in Rußland Geld selbständig zn verwenden. Bon Zeit zn Zeit sotten von dem Rnsso Jewish Committee in London bei den einzelnen Organisationen je nach dein vorhandenen Fonds verhältnismäßig abgestufte Summen durch die Firma N. M. Rothschild Söhne eingezogen werden, die aber nur für Rußland Verwendung finden dürfen. Von der Alliance israelite universelle in Paris sowie von der „Israelitischen Allianz" in Wien ist eilte endgültige Zustimmung zu den obigen Festsetzungen bisher nicht eingegangen. Die Kommission reiste am 22. November von Berlin ab und erreichte St. Petersburg am 24. November. In einer Sitzung, die ain Tage darauf im Hause des Herrn Baron v. Günzbnrg stattfand, ivurden die nachsvlgenden Beschlüsse gefaßt: 1. Schnelle Nilterstützungen werden gewährt, um die äußerste Rot abzuweudeu. 2. Unterstützungen, die die Erwerbsfährgkeit der Heimgesuchteil wieder Herstellen sollen, resp. Unterstützungen, die Erwerbsunfähigen gewährt lverden, um ihre bleibende Versorgung sicherzustellen, lind für die Unterbringung von Waisen werden nur gewährt auf Grilnd von Feststellungen, die laut besonderer statistischer Formulare ailsgenommen worden sind. 4. Um eine genaue Ansnahiue ans Grund dieser Formulare zu ermöglichen, sind die heimgesuchten Gegenden in Bezirke mit einem zentralen Mitteilpunttc eingeteilt worden. 4. Jeder zentrale Mittelpunkt hat die erforderlichen Ausnahmen für seinen Bezirk sestznstellen nnd die Nichtigkeit zu kontrollieren. 5. Die zentralen Mittelpunkte wird unsere Kommission arrsslichen. Sie ist an diesen Plätzen an Bcrtrauenspersonen adressiert, die den hiesigen Herren persönlich bekannt sind und die bereits für Vermittlung der ersten Hilfe in Anspruch genommen sind. Die Kommission wird außer diesen ZellLralpuulten nur einige wenige kleine Plätze zur Kontrolle besuchen. Alle heirngesuchlen Orte — wir zähle!» bisher über 499 — zu besuchen, würde Jahre in Anspruch nehmen und die Hilfsaktion zu sehr verzögern. '0. Die Kontrolle für die Gewährung von Unterstützungen ist die folgende: a) Das- Komitee an den heimgesuchten Orten füllt die Listen zunächst ans,- ö) unter Nr. 9 der Liste gibt das Gouverneinelltskornitee sein Votum ab,- e) die Liste geht gleichzeitig nach Berlin lind an das Komitee nach St. Petersburg, nnd nach Verständigung zwischen Petersburg und Berlin wird der Vorschlag, welcher Betrag zu bewilligen empfohlen ivird, all Lord Rothschild übermittelt. 7. Es ist in Aussicht genommen worden, nach Möglichkeit kein Almosen zu verteilen, sondern, soweit erreichbar, durch Subventioniernng von Vorschußkasseu und ans andere geeignete Weise auf lanfmäuuischer Grundlage das wirtschaftliche Leben der Heimgesnchtetl ivieder aufzubaileu. 8. Es soll erstrebt rvcrden, daß die russische Regierung durch Nachlaß der Steuern, durch Nachlaß der Schulgelder nsw. den Geschädigten Erleichternugen g ewä hrt. 0. Es herrschte allgelneine Uebereinstunmnug in der Richtung, daß die Hilfsaltion in keiner Weise die Auswanderung nnterstützen dürfte, sondern daß im Gegenteil die Maßregeln in jedem einzelnen Falle derartige sein sollen, um die Bevölkerling zll veranlassen, in Rußland selbst zn bleiben. 10. Das Petersburger Komitee traf bereits vor unserer Allkunst Borbereiiltligeli, um sämtliche bet rosse neu Plätze durch Advokaten besuchen zu lasse», die auf dem Gerichtswege versuchen sollten, den Betroffenen ihr Recht zn verschaffen. Es wurde die Frage aufgeworfen, ob die Kosten teilweise ans nnseren Fonds bestritten iverden sollten. Obwohl die Kommission dieses Vorgehen vollständig billigt, wurde doch über diesen Punkt kein Beschluß gefaßt. Die Kolmilisslon begab sich darauf nach Moskau und langte daselbst an» 27. 'November an. Noch am gleichen Tage fand eine gemeinsame Sitzung des Moskauer Komitees mit der Kommission im Hanse des Herrn T. Schloßberg statt. Es wurde Hierselbst beschlossen, daß Moskau als Zentrale dienen sollte für die Versorgung der kleinere» Orte außerhalb des AnsiedlnngSrayvnS sowie für die Gouvernements Tscheru igvw uni» Mobilem. Es wurde festgestellt, daß aus Sammlungen, die in Moskau selbst vorgenommen worden sind, in runder Dumme ein Betrag von etwa >00000 Rubel zur Verfügung stehen würde. Die Kommission begab sich hierauf nach Kiew, ivo sie anl 29. November eintras. Es stellte sich nunmehr heraus, daß sowohl die Londoner wie die Petersburger Beschlüsse gemäß den ursprünglichen Absichten nicht würden zur Durchführung gelangen könne«. Durch einen Poststreik in Rußland, dessen Dauer nicht äbzusehen tvar, war es unmöglich geworden, mit den kleillen Orten oder auch nur mit St. Petersbllrg oder mit Berlin in postalische Verbindung zu treten. Da auch der Telegraphen verkehr völlig unterbunden war und der Eisenbahnverkehr im erheblichen Umfange, so wußten die Dispositionen der Kommission eitle Mndernng erfahren. Es stellte sich zunächst die Unmöglichkeit heraus, alle Zentren der betreffenden Gegenden persönlich zu besuchen. Vor allem dieEisenbahnverbindung mit Jekaterinoslaw und einer ganzen Reihe anderer Städte hatte aufgehört ltnd da auch eine telegraphische und briefliche Verbindung nicht herzustellen war, so mutzte der Versuch gemacht werden, durch die Entsendung junger Leute, die die Aufgabe hatten, nach Möglichkeit ihr Reiseziel zu erreichen, die verschiedenen Verbindungen herzustellen. Diese Schwierigkeiten führten des weiteren dazu, daß die Kommission jetzt selbständig ohne Zuziehung von Berlin und St. Petersburg ihre Beschlüsse nach zwei Richtnngcn hin faßte. Da die Einholung eines Votums aus St. Petersburg zu einer Verzögerung von nicht abzusehender Dauer geführt Hütte und da sich in Kiew zugleich zeigte, tvie dringend eine unmittelbare Hilfeleistung war, so entschloß sich die Kommission auf Grund der ihr vorliegenden Tatsachen und unter Hinzuziehung des Rates angesehener und mit den Verhältnissen vertranter lokaler Persölllichleitett, sowohl die Abgrenzung der Bezirke wie die Zubilligung der Beträge an die Heimgesuchten sofort an Ort und Stelle vorznnehmen. Die Bezirke untröeu in folgender Weise festgestellt: Au dem Nebereinlommen, das in Mostan getroffen worden rvar, ist nichts geändert worden. Kiew wurde als Zentrale eingesetzt. Fernere Zentralen sind Homcl, Odessa, Poltawa, Romup, Jekaterlnvslaw, Jelisoiretgrad, K rementschug, Rostow a. Ton und Saratow. Der Gesichtspunkt, nach dem bei der Einsetzung non Zentralkomitees in den oben genannteu Städten gehandelt worden ist, war der, daß eirierseits ans die geographische Lage, andrerseits und insbesondere darauf Rücksicht genommen wurde, daß in diesen Zentralpnnkten die geeigneten Kräfte sich fanden, um die Gewähr dafür zn bieten, daß das Hilfswerk in zweckentsprechender Weise zur Durchführung gelaugt. Ju Kiew fanden mit dem dortigen Komitee lütter dem Vorsitze des Prof. Mandelstamm zwei Sitzungen statt kam 29. und am 40. November). In diesen Sitzungen! rvurde eine vollständige Uebereinstimmung erzielt. Sie erstreckte sich aus die für Kiew zn gewährenden Mittel, soivie auf die Hilfe für den größten Teil der Ortschaften, die dem Kiewer Zentralkomitee angegliedert worden sind. Es ist lnsbesoubere zu bemerken, daß die Kie;ver Kaufmauwschaft selbständig einen Fonds allsgebracht hat, um durch Kreditgewährung solchen größeren Kauflenten wieder aufzuyelfen, denen auch nur ein entsprechender Betrag des ihueil zugefugteu Schadens aus internationalen Mitteln nicht hätte zu rückvergütet lverden können. Eine zweckentsprechende Zlbwicklung der Geschäste in Kiew sowie eine Vorarbeit für die weitere Tätigkeit wurde rvesentlich dadurch erleichtert, daß in Kiew mit Vertretern der nachstehenden Städte persönliche Verhandlungen gepflogen werden konnten, mit denen zmn überwiegenden Teile zugleich Festsetzlnigeu über die zu gewährende Unterstützung vereinbart worden sind. Es waren auf telegraphische Berufung in Kiew Vertreter folgender Städte und Gemeinden anwesend: Pvltawa, Krvlewetz, Nieshiir, Klieuzy, Solotonv- 'schv, Berditschew, Starodnb, Beresna, Nowosybkoiv, Romnri, Tschernigvw und Hömel. Äm 1. Dezember reiste die Kommission nach Odessa und laugte daselbst am 2. Dezelnber an. 'Nach vier Sitzungen mit dein Komitee in Odessa, dessen stellvertretende Borsitzende, in Mwesenheit des Herrn Aschkenasy, Herr Kommerziell:ac EHages nnd Herr Rechtsamvalt Margnlies find, lvurde auch in diesem Ort eine vollständige Uebereiilstimulllng erzielt, und zwar sowohl in bezug ans die nötigen Answeltdullgen für Odessa selbst lvie für die dem Odessaer Zentralkomitee angegliederten Teile Rußlands. Es wurde insbesondere auch für Odessa und für Cherson ein Fonds ins Leben zu rnfen versucht, der 5eu größeren Kaufte ulen Kredite geivähren soll. Falls der in Odessa selbst aufzubringeilde Fonds eitle Höhe von 189 009 kkinbel erreicht, verpflichtete sich das interiiativnale Komitee, mit einem Betrage voll 20 000 a sond perdu beiziltretcii; bei einer Höhe des in Odessa allfzubrillgendell Betrages von 270 000 Rubel aber 40 000 Rubel beizustenern. Für Cherson sind die entsprechenden Zahlen bei 15 000 Rubel an Ort und Stelle ein Zuschuß vvn 5000 Rubel. (Schluß folgt.) n mx zugunftender Opfer der russtschenIndencxzcssc. Für die verfolgten russischell Juden sind seit voriger Woche folgende Sammiungsergebnisse eingeganflen: Aus Wien Kr. 18.907 (zusammen zirka Kr. 620.000), Verband der Humanitätsvereine „B'nai B'rith" in Österreich durch Herri« Dr. Hammerschlag in Prag Kr. 23.135 (',nsammen Kr. 43.610-—), Repräsentanz der Landesjudenschaft in Böhmen Kr. 3053-20 (Sammlung unter böhmischen Kultusgemeinden), Prag durch Dr. A. Rosenbacher Kr. 1499-— (zusammen Kr. 48.162 96), Triest 20.000'—, Teplitz 7966 —, Rrichenberg 5105'—, Olmutz 1129 (zusammen Kr. 3002). Buezaez 1000 —, Rzeszow 1000-—,Gorlice710-—,Siffek 700-—,