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Jüdisches Volksblatt · 1905-12-22 · 51 (22.12.1905) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische« Volksblatt Nr. 51 schon in unserem eigenen Interesse, in eigene nationale Wahlbezirke eingereiht werden, natürlich für den Fall, daß für Galizien nationale Wahlkurien geschaffen werden sollten. Al- Beweis für die vollständige Berechtigung möge die Tatsache dienen, daß die Juden sie mit warmem Interesse zu ihrer eigenen gemacht haben. Die vielen AnerkennungS- und Dankschreiben, die Abgeordneter R o m a n e z u k nicht nur aus Galizien, sondern auch aus Westeuropa erhalten hat, beweisen, daß die Juden zur Einsicht gelangt sind, daß die Zeit gekommen i.st, wo sie die Anerkennung ihrer Nationalität in O e st s r r e i ch erwirken rönnen und ein solch günstiger Moment nicht so leicht wiedelkehren werde. Und es ist auch anzunehmen, daß die Juden als energisches und solidarisches Volk ihre Interessen nicht vernachlässigen und ihre Stimme für ihr Recht laut erl-eben werden. Die nationalen Bestrebungen der Juden sind bereits kräftig aenup. um es durchzusetzen, daß die Frage der Anerkennung ihrer Nationalität nicht mehr von der Tagesordnung verschwinde, bis sie zu ihren Gunsten gelöst ist. Die polnischen Politiker und ihre Presse werden auf diese Bestrebungen der Juden gewiß mit dem Entwände hervorrücken, daß die Juden leine nationale Gruppe, sondern eine konfessionelle Genossenschaft darstellen, lInzwischen har der Pole mosaischer Koufkssiou. Abgeordne-cr und Kultuspräsident Dr. Byk dieses saubere Geschäft schon besorgt. Auw., d. Red. des -,Jüd. Volksbl.") Wir sind jedoch ganz entgegengesetzt der Ansicht, das; man die Juden als eine besondere 'Nntionatttä», welche das Bewußtsein ihres '.ndividu-.ll u nationalen „Ich" in sich trägt, anerkennen 'olle. Aber auch für den Fall, daß man nicht gewillt ist, die Juden als Nation ju der vollen Bedeutung des Wortes, wie dies herrschende Völker zu tun pflegen, unzuerkennen. so loird es niemand leugnen können, daß die Juden Galiziens zufolge ihrer sprachlichen, rassenkulurellen und ökonomischen Gleichartigksit eine so zahlreiche und markante Gruppe in unserem Lande bilden und daß die jüdische Bevölkerung in den galizischen Städten und Städtchen als eine so vollständig abgesonderte Schichte mit eigenen kulturellen und ökonomischen Interessen anzusehen ist, daß es einfach unmöglich und ungerecht wäre, sie in die polnische Nationalität hineiuzuzwängen, daß es vielmehr unerläßlich ist, daß ihre Bezirke als spezifisch-jüdische und nicht fremde Wahlbezirke anerkannt werden. Wie immer die Lage sich gestalten möge, ist es notwendig, daß die Juden in ihrem eigenen wie in unserem Interesse, hauptsächlich aber im Interesse der Wahlgerechtigksit, einen eigenen Wahlkörper bilden. Darauf muß das ruthenische Volk bestehen und darauf werden auch — so hoffen wir — alle Juden bestehen!" Politische Wochenschau. Die Bereinigung des „Bund" und der „Poale Zion" in Rußland. Die treueste Nummer des „Iüd. Arbeiter" veröffentlicht eine Resolution des „Bund", der im gegeirwärtigen Allgenblick außergewöhnlche Bedeutung ntcfjt abgesprochen werden kann. Es haildelt sich um ein ßcmcmfamc3 Vorgehen in Sachen der Selbsttvehr mtb wir zweifeln nicht, daß, trotz prinzipieller uud nicht zu unterschätzender Gegensätze, wegen der Gemeinsamkeit vieler das inländische Programm berührender Fragen auch hier eine Verständigttng gefunbeu werden ivird. Die Resolution hat folgenden Wortlallt: „In Anerkennung, das; die „Poale Zion" m Rußland in der Frage der Selbstverteidigung sich auf den revolutionären Standpllnkt gestellt habetl und die Verteidigung der Juden bei bcu Pogroms als ihre spezielle Aufgabe betrachten, beschließt der „Bund" offen, es sei wünschenswert, daß die »Poale Zion" in dieser Frage gemeinsam mit dem „Bund" in der Sammlung von Geld und in der Verteidigung der Juden bei den Pogroms vorgehen. Die Konferenz spricht ben heißen Wunsch aus, daß alle allgenleitl rilssisch-revolutionären Organisationen und alle selbstbewußten Elemente der jüdischen und llichtjüdischen Bevölkeruilg Amerikas die gemeinsame Arbeit des „Blurd" und der „Poale Zion" in dieser Frage nach Kräften unterstützen." Man hätte bereits früher viel Unglück verhüten können, wenn solch ein einheitliches Vorgehen zur Zeit der Pogroms vollzogene Tatsache gewesen iväre. Statt dessen zog man es vor, sich gegenseitig zu bekämpfen, ohne Rücksicht ans den gemeinsamen Feind, der im Hintergründe seine '.nordenden Pfeile gegen uns abziclte. — Auch bei uns in Oesterreich erleben wir ein ähnliches Schauspiel. Man sollte meinen, daß unsere Separatisten in Galizien und in der Bukowina, die mit großer Tatkraft für die Anerkennung einer nationalen Organisation eingetreten sind, auch in der Frage der Anerkennung einer jüdischen Nation und einer nationalen Judenkurie mit derselben Begeisterung mitkämpfen werden, da es doch nicht angeht, aus wirtschaftlichen unb nationalen Interessen sich zu separieren und die Konsequenz dieser Tatsache zu mißachten. Bisnnn hörten nur aber nicht, daß die Separatisten in dieser Frage auch nur das miitdeste getan hätten. Wenn es sich um solche brennende Interessen handelt, müßten die Vorurteile und die Furcht, sie könnten von den polnischen Sozialisten als „reaktionär" bezeichnet werden, fallen gelassen werden, um durch gemeinsames Vorgehen mit den „Poale Zion" der Sache zum Siege zu verhelfen. Das Vorgehen des „Bund" müßte atkch für sie maßgebend sein. O. K. * Ein Manifest der Polen mosaischer Konfession in Lemberg. Die Erregung, welche der höchst bedauerliche Vorfall im Lemberger Kultnstempel anläßlich der veranstalteten Trauerfeier für die im polnischen Aufstande -des Jahres 1830/31 Gefallenen hervorgernsen hatte, will nicht zur Ruhe kommen, hüben und drüben ivird noch immerin Wort unb Schrift weiter gekämpft. Nun erließen die als „Polen mosaischer Konfession" bekannten— glücklicherweise jenesmal mehr zusamiitenfchrtnnpsen-den, auf den Aussterbeetat gesetzten - Assintilatioitsapostelit ein Manifest, mit welchen, sie sich an ihre „Glaubensgenossen" lvendcn unb ihren Standpunkt klarzulegen suchen-. Dieses Manifest, welches kein Jude ohne bilteres Schamgefühl lesen kann, verdient als Dokument menschlicher Verblendung und Verwirrung der Nachwelt er halten 31t bleiben, und wenn künftige Forscher die Ursachen des Judenelends und Ju'denunglücks nuferes Zeitalters suchen werden, werdensie gewiß an dieser aus diesemManifest hervorstrotzenden Selbstverleugnung und Selbstverachtuug nicht unbemerkt vorübergehcn können. Zunächst gibt das Manifest einen historischen- Rückblick über die Ursachen und Folgen des Aufstandes in den Jahren .1830/31, jammert über den vollständigen Mißerfolg desselben und konstatiert mit Befriedigung, daß die Polen die Hoffnung auf die Erkäm-pfung eines freien, selbständigen- Polennicht auwegeben. haben. „Mit der g. samten polnischen Naiion müssen auch die Inden als untrennbarer Teil des gesamten polnischen Volkes diesen- Jahres tag feierlich begeben", dekretieren die Polen mosaischer Konfession, „dennalle Leiden, des polnischen Volkes gebensich -auch in verstärktem Maße du; Inden zri fühlen." lob es arich um gekehrt der Fall ist, lassen« die Herren nimntersncht), „weil di-. Russen als Feinde der Polen auch Feinde der Inden sind." „Zwar waren.- wir unb sind noch heute ans polnischem Boden u ickerdrückt und zri nick ge setzt, zwar genießen wir arich heute keine Volte Glcichberechtigniig," bekennen die Herren schüchtern, „aber geht es dem polnischen Bauer, dem Kleinbürger, bem Arbeiter besser, und sollen diese deshalb sich aus der polnischen Gemeinbürgschaft ausschließen?" Man muß wirklich ein verbohrter Assimilant sein, um die Stirne zu. haben, solche Argninente vorzubringen; wissen es die Herren nicht oder wollen sie es nicht wissen, daß der Jude hier als Jude, als Fremder, als Angehöriger einer anderen- Rasse gehaßt, verfolgt und hiickangesetzt wird? Wissen sie es nicht, daß hier -bem« Juden vieles, sehr vieles versagt und unzugänglich bleibt, was dem Bauer, Kleinbürger, Arbeiter leicht erreichbar ist? Hierauf gibt das Manifest eine Schilderung der Vorkommnisse im. Kultnstempel und führt eine überaus scharfe Polemik gegen die Zionisten, Ivelchen vorgelvorfeu ivird, daß sie bisnun für die Juden nichts getan haben, baß sic mir mit nichtssagenden- Schlagwörtern herumwerfen, das Volk verführen unb erlernte Phrasen- bis zum tteberdrnsse wiederholen. „Währenddem," heißt es int Manifeste weiter, „ruht die ganze Last der öffentlichen Wohlfahrt den Juden ans den Schulternder so verschrienen Assimilanten, ihnen wird die gesamte öffemliche Arbeit für das Judentum an den Hals geworfen, sie müssen die Juden überall bei den- Behörden unb öffentlichen Korporationen vertreten, ihnen allein liegt die Verteidigtmg der Gleichberechtigung der Judenob, sie müssen die Arbeit iu allen kulturellen, konfessionellen und humanitären« Institutionen leisten; dies alles zunt Nachteil ihrer eigenen Berufe und Familien, lind da wagen noch die Zionisten, ihre selbstlose, harte Arbeit Karrieremacherei zunennen, als ob die Vertretung in denkulturellen, konfessionellen und humanitären Institutionen, als ob die Repräsentanz in deirr Gemeinderate, Landtag und Reichstage Karriere genannt werden kann?" Hier hört schon gar die Gemütlichkeit ans und da muß marr die Herren fragen, was sie im Laufe der Jahre für die Juden als solche getanhaben. Was tatensie zur Linderung der j.desmal größer werdenden Jrrdeimot, tvas taten sie gegen die systematische Verdrängung der Jrrden, rvas taten sie gegen die systematische Verschließung jeder Lebensquelle für die Juden, rvas taten sie, als der Statthalter vorr Galizieit int galizischen Landtage den- Juden— zwar mit anderen Worten, aber indemselben Sinne roie Tr. Lueger - - die russischen Ereignisse irr Aussicht stellte, was tai-cnsie endlich und rvas werden sie tun, Um den, Inden zu ihrer vollkommenen Gleichberechtigung, zrr ihrer nationalen, Anerkenuuitgzrr verhelfen? Die Juden, als Nation anerkennen-? Nein!. Das wollen sie eben nicht, die Polen mosaischer Konsessiau, sie wollen um jeden Breis Polen sein, ob es das jüdische Volk will, ob es selbst die Polen lvollen, darnach fragensie nicht viel. Die Arbeit für die volle Gleichberechti-guirg, für die nationale Amrkeiinnng der Juden überließen die jüdischen Abgeordneten aus Galizieit — dem Romancznk. Mit der Aufforderung analle „Glaubensgenossen", im polnischnationalen Geiste zu arbeiten, sich als Polen, als Söhne dieser Erde zrr betrachten, in welcher die Asche ihrer Ahnen ruht, schließt das Manifest. Wir sind gcwiß die allerletzten, welche dert unüberlegten Vorgang der Zionisten beim Trauergottcsidicnst im Lemberger Kultnstempel gutheißen, aber wer das Manifest liest, wer die Assimllatiorrsapost-cl au der „Arbeit" sieht, wird die Entrüstung der Zionisten versüßen uud ihnen verzeihen müssen. Tont comprendre c'est tont pardouuer! Desider Harlig. * Agram. Tie beiden Gesetzvorlagen in Kroatien, das interkonfessionelle Gesetz und das Gesetz betreffend die Regelung der Knltvsgenieillden, sind in den letzten Sitzungen des Landtages nach diui: äußerst kurzen Debatte angenommen worden und werden, nun zur Sanktiondein König unterbreitet werden. Ausnahmsweise befand sichim Landtage der Agranrer Erzbischof und der griechischorientalische Metropolit, die demersterwähnten Gesetz ihre Zustimmung gabelt, wodurch die klerikalen Auslassungen einiger Hetzgeistlichen auf das Mniinnm reduziert wurden. Nichtsdestoweiger dauern die Ausfälle gegen das Gesetz in der Presse fort und nt-an verschont dabei auch den Erzbischof nicht, der Klerus rät ihm, znrückztltreteu. Die freisinnigen Abgeordneten, auch der jüdische Aligeordirete Dr. Schwarz, entfernten sich vor der Abstimmung. Das zweite Gesetz wurde nach dem Referate des Abg. Dr. Schwarz und dcr Befürwortung des Sektionschefs Chavrak fast ohne Debatte angenommen, nachdem, es Dr. Schwarz angeblich gelungertlvar, die Bedenken der Orthodoxen zu beseitigen.

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