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Jüdisches Volksblatt · 1905-12-15 · 50 (15.12.1905) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seit; 4 Zionisten die Pflicht auferlegen. daS Judentum an seine Pflicht gegen sich selbst z« gemahnen. Die Reoner der Versammlung haben es übernommen, Zweck und Ziel des Zionismus auseinanderzusetzen. Er ladet die Anwesenden und besonders diejenigen, die sich zum Zionismus ablehnend verhalten, sich an der Diskussion zu beteiligen. Ihre Ausführungen werden ruhig angehört werden, da der wichtigste Zweck der Versammlung eine ruhige Ansprache und, wenn möglich, eine Einigung der einander widerstrebenden Ansichten und Standpunkte sei. Wir müssen einander aufflciron und nicht bekämpfen. Der erste Redner war Schriftsteller Felix Salten, der nach einer Schilderung der berechtigten Erregung, die das Judentum nach den Vorgängen in Rußland ergriffen -hat, sagte: „Nach Kischinew, .Hieiu und Odessa und u>;ch einer Rede wie jener des Dr. Lueger bleibt den Juden nur zweierlei: die Taufe oder der festere Zusammenschluß. Und deshalb fall Dr. Lueger wissen: Wenn mau uns a »greift, s o wird m a u u u ch i n unserer Hand die Waffe finden. (Tosender Beifall.) Der Bürgermeister dieser Stadt hat uns Dinge gedroht wie in Rußland. (Zwischenrufe : Das kann ihm selbst passieren!) Er, der über die russischen Greuel vielleicht besser unterrichtet ist als wir. hat die Frechheit, von „sogenannten Judenmassakers" zu sprechen. Und er hat uns zugerufen, daß er keine Gnade k; n n e n w i x d. (Rufe: Wir brauchen keine Gnade.) Er soll wissen, daß er nicht nur in den Mob, den er gegen uns hetzen will, die Brandfackel geschleudert bat, sondern daß seine Worte auch bei uns gezündet haben. Wir verschmähen seine Gnade. Wir stützen uns in. diesem Lande auf beschworene Gesetze, aus unser Recht, das nicht ein Haar weniger gilt als das des Dr. Lueger und seiner Garde. Wenn der Staat es duldet, daß ein gewissenlos frecher Kerl das Volk aufreizt, dann werden wir nicht Kritik üben, sondern wir werden antworten, daß die Stunde, in der es ihm beliebt, unszu treffen, u n s bereit finden wird. Wir werde n das Leben unserer Frauen und K i n d e r so teuer a l s m ö g l i ch v e rkaufen. Und er soll noch eines wiffen, daß wir ihn verantwortlich machen für den Erfolg seiner Worte, und wir werden ihn gleichfalls zu finden wissen." Die Rede Sailens wurde fast nach jedem Satze durch stürmische Zusümniungskundgebungen unterbrochen. Zum Schluffe wurde minutenlanger Beifall laut. Die eigentliche Tendenzrede hielt Herr Dr. Carl M a r g u l i e s aus T e p l i tz. In längerer Rede besprach er die geschichtliche Entwicklung des Judentums, die zum Zionismus als einziger Lösung der Juvenfrage in allen Staaten führen mußte. Er widerlegte alle Einwände, die besonders seitens der Juden selbst gegen den Zionismus angeführt iverden, und übte scharfe, aber gerechte Kritik an dem Verhalten derjenigen bestehenden Parteien, besonders der Sozialdemokratie, die den Zionismus bekämpfen. Auch diese Rede wurde von den Anivesenden mit großen: Beifall ausgenommen. Hierauf sprach Dr. Schallt, der der Rede Luegers nicht diejenige Bedeutung beizumessen wünscht, die ihr beigelegt wird. „Lueger ist 'nur ein alter Manu, das jüüiiche Volk aber ist ewig jung! Nicht nur Waffen müssen die Juden ergreifen, um ihr bedrohtes Leben zu schützen, sondern es müsse sich der politischen Waffen versichern, die dem einzelnen Juden die Sicherung seiner wirtschaftlichen Existenz ermöglichen." So kam er auch auf die nunmehr aktuell gewordene Frage der nationalen Autonomie der Juden zu sprechen. Die Zionisten werden diese Bestrebungen offen und ehrlich fördern und die Sache nicht mehr einschlafen lassen. Als Kontraredner sprach dann der Sozialdemokrat Reu u e r, der das von den Vorrednern scharf kritisierte Verhalten der soziuldemokralischen Führer in allen jüdischen Fragen und auch anläßlich der Judenmassakers in Rußland zu leugnen oder zu rechtfertigen suchte. Große Heiterkeit erweckte die salbungsvolle Rede eines gewissen Trnka, der die .sückiaebw« yolksbiatt Massenversammlung dazu zu mißbrauchen versuchte, um als sicheres Heil der bedrängten Juden das Evangelium der christlichen Liebe, die Taufe, hiuzustctten und auf Seelenfang auszugehen. Wir machen die Wiener Juden auf diesen s ch w a rz b ä r t i g e n Missionsjuden aufmerksam, und warnen sie davor, ihm in die Falle zu gehen. Wie wir aus Leserkreisen erfahren, hausiert dieser T r n k a jetzt die Leopoldstadt ab, um bedrängte Juden in seine Netze zu locken. Auch das Wiener Rabbinat sei hiermit auf dieses niderträchtige Treiben der Mission aufmerksam gemacht. Es möge seine Pflicht tun! Sehr wirkungsvoll sprach Redakteur Berthold Feiwel aus Berlin, der die Ausführungen des Sozialdemokraten Neuner durch Anführung von authentisch?n Tatsachen wiederlegte. Zum Schlüsse wurde folgende Resolution mit allen gegen die Stimme des Sozialdemokraten angenommen: Die hier versammelten Juden erklären sich mit den Ausführungen der beiden Referenten einverstanden, danken ihnen für ihr mannhaftes, energisches Auftreten und sprechen ihre Ueberzeuguno aus, daß die Lösung der Judenfrage nur in der" Erfüllung des Baseler Programrnes gelegen ist. Fast zweitausend Menschensind dem .Rufe der Eiuberufer in den- Ronachersaal gefolgt, um sich über diese heute so aktuelle Frage nntcrrichteu zu lassen und zu erklären, das; die Inden Oesterreichs au dev Politik des Reiches in Zukunft nicht als EinzAiiwividnen, sonderu als autoiromc Rationalität teilnehmeu will. Au den Verhandlungen! nahmen cutri) die Abgeordneten Tr. S i r a n ch e r rind Professor .R o nt a n c z n k, diese beiden Abgeordneten, die zuerst die nationale Ant-vnonne den Inden ins Pa Armnnrt gebracht haben, teil. Es tvaren gegen 250 Znstiimnmigsknndgstbnngen zu der Forderung nach nationaler Abgrenztntg der Judenschaft eingegangeu, darunter vonsäst allen größeren Knilnsgeineinden Galiziens und der Bukowina sowie viele ans Böhmen und Mähren. Das .Hauptreferat „lieber die nationale Autonomie und die Juden" erftatteie, von den Anwesenden stürmisch akklainiert, Tr. Nathan B i r n b a n m l Mathias Acheri, der eingehend und oft von Beifall unterbrochen das Prinzip der nationalen Autonomie im allgemeinen lind dann die Frage der jüdischeir Rationalität erörterte. Er rcflami-at vor allem für jene Juden, weiche sich als Inden der Nation nach fühlen, das N'echi auf nationale Selbstbestiinmnng <allerdings ohne Zwang). Er sucht bei der objektiven Frage des Bestandes einer jüdischen Nationalität namentlich den Eimvand des Mangels einer Sprache zu widerlegen. indem er als -entscheidend die nationale „(RststigkAt" erklärte. Er behauptet eine starke stiürkenuv cklnng des Assimi(atio11sgedankens und beseitigt die Bedenken, die wegen der Nebereinstiimnung mit dem AiNiseminsmnS erhoben werden. Er schließt mit den lebhaft -alllamierten Worten: „Wir wollen dennatürlichen- Wnizelboden für uns znuickerobern, das nationale Grundrecht, das nn-S vor enthalten ist." Tas ausgezeichnete Referat Tr. Birnbaums Ivird in der nächsten Nummer unseres Blattes znm Abdrucke gelangen. Herr Lneiair B r n n n e r, einer der Ein bernfer, führt ans, daß er namentlich ans praktischen (Sünden dafür eintrete, daß die In den in, Oesterreich autonom und abgegrenzt von den anderen Nationalitäten ihre politischen Interessen vertreten. Es handle sieh darum, KorporatiouSrechie zu erhalten, um angesichts der sich znspitzeudeu Verhältnisse den Kampf führen zn könneir, den heutzutage eine andere Gruppe für die Juden« zu führen nicht in der Lage und auch nicht getvillt ist. Nachdem. Tr. Schatit den Standpunkt der Zionisten dahin präzisiert hatte, daß diese die nationale Akltonoinie ztvar als eilt entßhiedeneS Abschivenkeu von der bisherigen Politik der Inden« Oesterreichs, aber immerhin iNfr. 50 bloß als ein Mittel znm Ziveck ausehen, ergriff, von instmieiriang.m Beifalle begrüßt, Abg. Tr. S t r a n ch e r das Wort. Tie Frage nach der Nationalität der Inden, sagte er, ist für einen Jndeir des Ostens von vornherein gelöst. Tie Jndenfehaft der Bukowina mußte sich auf nationaler "Basis organisteveir, um jhle politische Zukunft sicherzustellen. Tenn die Politik der Gleichstellung im bürgerlichen mM polilischen Recht, habe es nicht vermocht, den- Inden die Achtung der anderen Nationen zu ernngen. Tie Bukowina speziell empfinde jeden Stoß, den die Inden im. angrenzeudeu Rußland mkd Rnmänieii! trifft, sie sieht den Jammer der D n r ch iv a n d e r e r, die nach einein Lande ziehen, das vielleicht auch bald durch ein Einwaudcrnngsgesetz seine Pfortenschließen' >neide. Ohne die Erwerbung einerp r o d u k t i v e n H e i in st ä t t e für diesm tleberschuß ist die Inden frage nicht zu lösen. - Wemr die Wählst n durchgeführt Iverden ans (Grundlage der. politischen Amonomie, iverden die Sr.mmeir der Jiwen fein Volk stärken oder schwächen und werden bloß im Dienste des eigenen Volkes stehen-. Auch die Hofsunug ans die Jittellektnellen sei falsch, denn auch vondiesen wenden sich viele von den Inden ab. Den Sozialdemokraten' Borivürfe zu inachen hält Redner für unklug: Sie ivaren die einzigen, die seine scharfe Interpellation gegen Dr. Lmger unterschrieben haben, ivähreud sich die jüdischen Abgeordneten dazu nicht haben entschließen' können. (Langanbaltender Beifall.) Dr. Horn lSozialdemokrat) hält die nationale Antoiioim'e der Jndeir für ein It ng l ü ck lWiderspruch), die nationale Kurie werde sich bei den Jndeir znm Gheito niwvandeln. Auch iverden die Klassengegensätze innerhalb der Autonomie umso stärker henvorbrecheir. Tie Ausführnugeu des Redners wurdenoft durch Zlvischenrnfe und lärnreirde Proteste mu terbrochen, die den Vorsitzenden zu scharfen Rügen veranlaßten. A.bg. .stk o m a ii c z ii k, lebhaft begrüßt, führt ans, er habe die bekamite Anregnng im. Parlament i r i ch t ans I n d e n f r e n n df ch a f t oder ans Judenfeindschaft gemacht, sonder»! e r st e n s iir B e r ü ck s i ch r i g u n g d es t a t f ä ch t i ch' e n B e r b ä t t n i j f c S, daß die Jndeir trotz ihrer sprachlichen Verschiedenheit als ein Ganzes ansgefaßt iverden müßten, z iv e i t e n s ans G -e r e ch t i g k e i t, die auch den Inden gebührt, und schließlich, iveil es g l e i ch z e i t i g d a s I n t e r e s s e d e r Jude ir iv i e 'd, e r "N i ch tjnde n s o v e rlange. Die anfgezivnngene Zugehörigkeit zu einer anderen! Nationatitäl ist ein schreiendes Birrecht an den« Jndeir mrd eine Schädignirg der andereu Nationalitäten, zu deren Majorisienurg sie beitrage, (sttanschender Beifall.» Richard str a p p a Port führt ans, daß Eie Inden weder beim Föderalismus noch beim Zentralismus ihr Recht fanden, da sie dort in der Landesmajdrität. liier im Tentselstmn nn tergingen. Sie bedürfen eimr Verfassung, die für die spezielle Organisation, die Knitnsgemeiirde, Platz läßt. Es tzäng! nicht von. ihireir ab. ob die nationale Autonomie in Oesterreich Eingang findet es sei aber sehr wahrscheinlich ivohl aber hängt es non ihnen ab, ob sie sie in Äieseur Falle gleichfalls erhalten. Er erörtert danir die damit znsaimnenhängeiidens Kniinrinöglichkeiten, die Vorteile iir finanzieller Beziehung, Eriiennnng jüdischer Beamten usw. Tie Autonomie sei keine Lösung, ivohl aber der feste Boden, ans dein die schivebenden Fragengelöst iverden kömren. Sekretär F leis ch e r «der „Oesterreichischen israeiilischeir Nniv»" kündigt an, daß Bemühnngen im Zuge seien, eine e i n h e i tl i ch e B e h a n d t n n g d e r F v a g e z n iv e g e z n b r i ir g e n. Ter Zug der Eniwicklnng in Oesterreich geht ans eine Kaiastricvung der Nationalitäten und eS sei nicht unmöglich, daß sie deir Juden, auch ohne ihren Willen geschehe. ES urüsse daher voir allen sozialen inrd politischen Gruppen, idcS Jndeirtums eiire e i n-- h e! t l i ch e Platts o r m für die Lösung gefmiden iverdeir. Die Arbeiten hierzu seien im Gange. Znm Schluffe ivurde folgeirde stt e s o l u t i o u angenvmiireii: „Die am 12. Dezember 1905 im Wiener Ronachersaale tageirde jirdi-

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