Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Jüdische« Yolksblatt Nr. 49 wird die Anwesenheit bei dem eigentlichen Verhör untersagt sein. Der Hauptfehler der Bill ist, daß ihre einzelnen Anordnungen unbestimmt, unfaßbar sind, daß sie keine klare gesetzliche Formen hat. Den Behörden ist ausgedehnte Vollmacht erteilt, um alles auf administrativem Wege zu erledigen, und eS hängt vollkommen vom Willen des inspizierenden Beamte ab, ob er einen Ankömmling einlasien will oder nicht. Ist der betreffende Beamte ein Antisemit, so liegt eS in seiner Hand, jeden »Grünen" von der Landung zurückzuweisen, ohne daß man ihn wegen Verletzung des Gesetzes anklagen kann. Glücklicherweise ist begründete Hoffnung vorhanden, daß die ganze komplizierte Maschinerie bald aus den Fugen gehen wird. Das Gesetz ist so unbeholfen und so verwickelt, daß seine Ausführung geradezu unmöglich ist. Die Verwaltung nird wahrscheinlich jährlich eine Million Pfund verschlingen und das Ergebnis die Zurückweisung von 1 bis 2 Dutzend Juden sein. Man ist in London überzeugt, daß, sobald eine liberale Regierung kommt, ihre erste Arbeit sein wird, diese legislatorische Mißgeburt in den Orkus sinken zu lasten. Ja, selbst die gegenwärtige Regierung und ihre Freunde werden bald dahinter kommen, daß in einem Lande wie England mit seinen zahlreichen Häfen und den tausenden in denselben ankommenden Schiffen die Ausführungsmöglichkeit der Bill geradezu ausgeschlossen ist. Bezeichnend dafür ist die Tatsache, daß es jetzt von der Fremdenbill plötzlich ganz still geworden ist. Während noch im letzten Winter jeder Abgeordnete und jeder Wahikandidat in den Volksversammlungen über seine Stellungnahme zur Bill feste Zusagen machen mußte und Freund und Feind fortwährend die Angelegenheit diskutierten, herrscht jetzt über diesen Punkt in allen Versammlungen wie auf Verabredung absolute Stille. Selbst die Urheber und Schöpfer de- Gesetzes gleiten über ihre Heldentat mit verlegenem Stillschweigen hinweg und tun so, als hätten in London niemals fremde Juden existiert. Allerdings find die grausigen Vorgänge in Rußland nicht dazu angetan, Sympathien für die herzlose Ausschließung der nach England flüchtenden Juden zu werben. Akademischer Verein „Jüdische Kultur". Uebersetznna aus dem Jüdischen. Wien, im Oktober 1906. Gegen das Ende des Mittelalters lebte der -größte Teil des jüdischen Volkes in Deutschland und sprach deutsch. Da sich aber die Juden des Hebräischen als Schriftsprache bedienten, mischten sich viele hebräische Wörter in ihre deutsche!Sprache. Diejenigen Juden, welche nach den Verfolgungen der damaligen Zeit in Deutschland zurückblieben, arbeiteten diesen Mischdialekt nicht zu einer eigenen Sprache aus und heute kann man ihn in Westeuropa nur noch von wenigen allen Juden sprechen hören. Anders war die Entwicklung bei dem größeren Dell unseres Volkes, das sich in den slawischen Ländern Osteuropas niederließ. Allmählich schlichen sich hier in ihre Sprache auch slawische Wörter ein und aus der deutschen Sprache, von hebräischen und slawischen Worten durchwirkt, bildete sich ein neues Idiom, die jüdische Sprache, heute die Muttersprache von 8 Millionen Juden. Der Genius des jüdischen Volkes Hat der fremden Sprache seine Seele eingehaucht und drückte ihr den spezifisch jüdischen Charakter auf. Acht Millionen Juden reden und denken in dieser Sprache; Künstler, wie P e r e >z, M e n d e l e, Rosenfeld, Reise n, Pinski und viele andere schreiben in ihr; zahlreiche Zeitungen und Bücher werden in ihr gedruckt. Trotzdem gibt es Leute, die die Anmaßung Haben, ihre Muttersprache einen Jargon zu nennen, das Heißt ein Kauderwelsch, dessen sich nur Diebe und Strolche bedienen, um nicht verstanden zu werden. Die Sprache des Volkes, die sprudelnde Quelle des Volkslebens, das einzige Mittel, das Werk zu bilden, sein Niveau zu heben, Haben wir als eine Sache betrachtet, deren wir uns schämen müssen. Das kann nur bei Juden geschehen, deren Loben so ganz eigentümlich abnormal war. Aber als unser Volk sich in den letzten Jahren wieder regelmäßig zu entwickeln begann, als unsere Bürger, deren Leben sich in engem Raume abspielte, anfingen, Menschen zu werden, zu erkennen, daß sie einem lebenden Volke ange- Hvren und Pflichten gegen dasselbe zu erfüllen haben; und als sich unsere Müßiggänger und geängstigten Banldrücker zu einem gesunden und kräftigen Proletariat heransbildeten, vor dem auch die Mächtigsten enitter», da brach anch die neue Zeit für unsere Muttersprache an. Sie hat kommen müssen, so wie der Tag der Nacht folgen muß. Ein großer Teil des jüdischen Voltes beginnt das Unrecht einzusehen, das er so lange an seiner Muttersprache verübt, es sieht den Schaden ein, den seine Verblendung verursacht hat. Männer, wie der bekannte Verfasser von „Die Inden der Gegenwart", Arthur Nuppin, der Redakteur des Berliner Journals „Die jüdische Rundschau", Heinrich Löwe, und noch andere Mestjuöen, welche der jüdischen Sprache ganz fernstehen, anerkennen heute die Wichtigkeit der jüdischen Sprache. >Eine der größten jüdischen Organisationen,, der ,>Bund", fordert in seinem im vorigen Jahre veröffentlichten Programm« „das Recht, sich in allen staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen neben der Staatssprache der jüdischen Sprache zn bedienen". Dasselbe Ziel erstrebt auch ein großer Teil der Zionisten, besonders die ,-Poale Zionisten". In New York, dem größten jüdischen Zentrum, ist ein jüdischer Literaturverein gegründet worden, dessen Statuten folgendermaßen beginnen: „Wir betrachten die jüdische Sprache nicht als ein einstweiliges Mittel, um Kultur im Volke zu verbreiten, sondern als eine nationale Sprache". In Rumänien sind in der letzten Zeit mehrere Vereine mit ähnlichen Zielen entstanden. Für dasselbe Prinzip Hat der: bekühmte Dichter Abraham Reisen in seinem Journal „Das jüdische Wort" gekämpft und dieser gerechte Gedanke hat in dem bekannten Schriftsteller und Denker Mllthias A ch e r einen warmen Verteidiger gesunden. Ueberall regen sich die Hände, überall wird für unsere Sprache gearbeitet. Sollten wir Studenten, die wir die Blüte der Nation genannt werden, stumm und blind abseits stehen? Wir müssen uns, mehr als die anderen, auf die Brust schlagen, denn niemand hat so sehr gegen unsere Muttersprache gesündigt als wir. Wir haben uns ihrer geschämt, wir haben sie verspottet — unsere Sünde ist grenzenlos. Doch die Reue kann keine Hilfe bringen. Dies erkennend, haben wir, eine Anzahl von Studenten der Wiener Hochschulen, uns zu einem akademischen Vereine ,-Jüdische Kultur" vereinigt. So wollen wir unsere Schuld gutmachen. Wir hoffen, daß wir 'bei der Arbeit für unsere Muttersprache nicht allein bleiben werden und daß jeder, der sich als Jude fühlt, sei er nün Student, Bürger oder Arbeiter, zu unserer Jahne schwören wird, um für die jüdische 'Sprache zu kämpfen. Wir wollen Hoffen, daß in kurzer Zell in ganz Osteuropa viele solche Vereine entstehen werden, die der jüdischen Sprache ihre Aufmerksamkeit widmen werden, da ja die Sprache die Grundlage jeder Kultur ist. Der wichtigste Faktor, der ein Volk bildet, ist die Sprache, und wehe dem Volke, das sie nicht pflegt. Der akademische Verein ,Jüdische Kultus. Zum 28. Nsvember. Skizze au» dem Leben, geschildert von Wolf den Jehnda. Es ist das kleine, lebhafte Industriestädtchen N. In aller Gottesfrühe hört man in der Hauptstraße den eintönigen Schritt der soeben angelangten zwei Bataillone Soldaten, welche im Schlosse einquartiert werden. Die Geschäfte sind alle geschlossen; festlich gekleidete, mit Nelken geschmückte Arbeiter ziehen zu dem unter freiem Himmel, außer der Stadt abgehaltenen Meeting. Es ist ein herrlich schöner Novembertag und die Sonne lockt alles ins Freie. Auch mich drängt es hinaus, nicht vielleicht um die Wahlrechtsdemonstranten zu mustern, sondern um frische Luft zu schnappen. Ich halte mich ziemlich entfernt von dem Massenznge, denn ich selbst war Zeuge der Novemoerunruhn in Prag unb es liegt mir äußerst fern, Aehnliches wieder erleben zu wollen. Während die Demonstranten nach den beim Rathause abgehaltenen Reden sich in Bewegung setzen, befmbe ich mich mit meinem Freunde unter den angestauten Zuschauern bei der Biegung in die Hauptstraße. Voran die Stadtvertretung mit vier Glaubensbrüder in ihrer Mitte. Eine Arbeitergruppe singt: »Kde domov muj“. Die vorbeiziehende Vertretung entblößt ihr Haupt und setzt mit ein. Da treffen die ersten höhnischen Rufe mein Ohr: „Warum nehmen die Juden unter ihnen auch den Hut ab und singen aber nicht mit?" Und schon löst eine holde Zunge hinter mir die Frage. „DaS sind genau solche Tschechen, wie ihr Deutsche. Sie kennen ja überhaupt keine tschechischen Lieder. Sie tun bei dieser Bewegung mit, weil sie sich fürchten, es könnte sich das Jahr 1897 wiederholen. Für unsere Sache zeigen sie aber so viel Liebe, wie ihr gum Seiltänzern" Eine Pause trat nach dieser gelungenen Antwort ein. Ich wollte noch mehr hören und animierte meinen Freund zttm Bleiben. Volkesstimme ist doch Gottesstinnne. Massen von Arbeitern defilierten vor uns. Da, ein erstauntes Rufen: „Seht, da geht sogar ein Jude unter ihnen! . . . Da, wieder! Und ein alter! Der hätte wirklich zu Hause bleiben können! ... Da sogar zwei! . . . Ja, was wollen denn die mit ihren . . . Nasen? Die müssen auch überall fein. Die denken wohl, wir treffen es nicht ohne ihnen? Wir brauchen sie ja gar nicht dazu; sie kriechen ja von seihst überall auch dorthin, wo man sie nicht will." Diese und ähnliche Worte galten den tatsächlich sich an den Demonstrationen beteiligenden Juden. Dieser Wortschwall war kaum verhallt, als wieder eine wirklich bessere Dame — wohl aus N. — neben mir das Bedürfnis in sich fühlte, auch etwas zu sagen. „Gestern," sagte sie, „wollte ich es gar nicht glauben, als ich erzählen hörte, daß sich die Arbeiter auch einen Juden zum Ordner gewählt haben. Ich hielt so eine Dummheit nicht für möglich. Ich wollte mich selbst davon überzeugen. Und da soll man sehen! Es ist doch wahr! Seht den Juden N. N. dort — das ist er — wie er geschäftig umherläuft, schreit, sich groß macht und mit Händen und Füßen dabei zappelt. Jetzt ist er schon wieder da! Wie der Teufel schiebt er .herum! Na ja, der Jude nutß sich doch hervortun und etwas Besonderes haben!" Ich konnte jedoch dem nicht länger zuhören. Ein „Schämt euch \a das ich dieser mir bekannten, eleganten Dame zurief, machte erst die Nachbarschaft auf uns aufmerksam und beschränkte sichtlich die späteren Bemerkungen. Wirklich angenehm berührte es mich, zu sehen, daß es hier noch pflichtbewußte Juden gibt, die nicht mit diesem Strome der Zeit schwimmen. Doch es sind wenige, besonders hier! Jedoch auch für die Assimilanten wird wohl die Zeit der Einsicht kommen. Gebe Gott, es wäre für sie nicht zu spät! Gemeindeu. Dtttmualtirichten. Aus der Plenarsitzung bes Knllusvorstandes vom 3. Dezember 1905 unter dem Borsitze -es erste« Vizepräsidenten Herrn Dr. Gustav Kohn. (Beginn 10 Uhr vormittags.) Zn Beginn der Sitzung berichtet der Vorsitzende, daß das Befinden des erkrankten Präsidenten Dr. Stern sich wohl gebessert habe, jedoch noch nicht derartig ist, daß es dem Präsidenten gegenwärtig die Wiederaufnahme seiner Tätigkeit gestatten würde.!Jm Einlaufe befinden sich Dankschreiben der Herren Dr. Alfred Stern, Professor Dr. Ehrm a n n und der Frau 'Elise G e r s o n für die bekundete Teilnahme des Kultusvorstandes anläßlich von Trauersällen in ihren Familien. Im Sinne der durch den Vorstand der „Chewra Kadischa" vorgenommenen Wahl wird an Stelle des verstorbenen Herrn Dr. Isidor Schnabl Herr kais. Rat Leopold Sachs zum Vorstandsmitgliede der „Chewra Kadischa" einhellig ernannt. Zum Mitglied« der Bezirkskommission für den ersten Bezirk wird Herr Eduard Schwarz berufen. Es gelangt die Zuschrift vom 17. Juli d. I. zur Kenntnis, wonach Baron Albert von R o thschild aus dein von letzterem sür wohltätige nen Bruder Herrn Baron Nathaniel von Rothschild aus dem von Letzterem für wohltätig« und gemeinnützige Anstalten testierten Betrag« von zwei Millionen Kronen folgende Beträge der Kultnsgemeinde zugewiesen hat: K 260 000 zugunsten eines Fonds für arme Rekonvaleszente des Spitales der israelitischen Kultnsgemeinde iu Wien mit der ausdrücklichen Bestimmung, daß die Ziusen dieses Fonds unter separater Verrechnung als „Nathaniel Freiherr von Nvthschildscher Nekouvaleszentenfonds" nach Ermesse»! der Spitalsdirektivu im Sinne des von der Spitalsdirektioni entworfenen und von Herrn Baron Albert von Rothschild genehmigten Regulativs Vevwenidnng zn finden haben; X 100 000 für das von der israelitischen Kttltnsgemeinde zn errichtende Kaiserin Elisabeth- Jnstitnt für israelitische Pflegerinnen in der Erwartung, daß durch diese Zuwendung das genannte Institut im Anschluß an das Spital der israelitischen Kultnsgemeinde nunmehr einerbaldigen Aktivierung entgegengehe; K 12 000 zugunsten der Altersversorgnngsanstalt der israelitischen Kultnsgemeinde in Wien zum Zivecke der Kreierung eines „Nathaniel Freiherr von Rvthschildschen Stiftbettes" an dieser Anstalt.