Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Jüdisches Yolksblatt Seite 7 An die jüdische Bevölkerung Wiens. Dienstag den 12. Dezember d. I. findet nm 8 Uhr abends im R o n a ch e r s a a l e, 1. Bez., Scilerstätte, eine Volksversammlung statt. Tagesordnung: Die nationale Autonomie und die Juden Oesterreich. in Referent: Dr. Nathan Birnbaum l Mathias A ch e r). Jüdische Mitbürger! Durch die bevorstehende Wahlrcform ist die Frage der nationalen Autonomie aktuell geworden! Erscheinet zahlreich! Die Einberuscr: Lneian Brunne r. Richard Rappaport. Reichsratsabgeordneter und Landesausschus; Dr. Benno S t r a u ch e r. Dr. Richard W a g n e r. Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Franz Ernst W e i s l. Ans Agram. Das jüdische Gemeindcgesctz in den Ausschußberatungen. Diese Woche hielt der aus den Mitgliedern des Kultus- und Justizausschusses zusammengesetzte Ausschuß seine dritte Sitzung ab. Seitens der Regierung waren Banus Graf Theodor Pejacsevich und Sektioeschef v. Chavrak, ferner als Referenten Regierungssekretär Dr. Milan Nodak und Negierungskonzipist Dr. Ladislav Polic anwesend. Zunächst wurde das Protokoll der beiden letzten Sitzungen sowie der an den Landtag über das interkonfessionelle Gesetz zu erstattende Bericht verlesen, wobei auf Wunsch des Abgeordneten Dr. Mile Starcevic im Protokoll ausdrücklich betont wurde, daß die bekannte Enunziation des Sektionschcfs v. Chavrak über die Zustimmung des Zagreber Erzbischofs zum Gesetzentwürfe vor dem Eingang in die Spezialdebatte abgegeben wurde. Hierauf nahm zu dem Gesetzentwürfe über die Regelung der Verhältnisse der israelitischen Gemeinden Abg. Dr. Ljudevit Schwarz als Berichterstatter das Wort und erklärte zunächst, daß er von dem vor kurzem in Zagreb stattgefundenen jüdischen Gemeindetage ermächtigt sei, der Regierung für die endgültige Regelung der jüdischen Gemeindeverhältnisse den Dank auszusprechen. Redner begründete hierauf die allgemeinen Bestimmungen, auf denen dieses Gesetz fußt und betont den bisherigen ungeregelten Stand der äußeren Rechtsverhältnisse der kroatischen Juden, der durch das neue Gesetz geändert werden wird. Deshalb empfiehlt er den Gesetzentwurf in der Generaldebatte unverändert anzunehmen, was auch einstimmig geschieht. Bei Paragraph 2 des Gesetzentwurfes, welcher über das Gemeindegebiet und über die Bestinunung, das sich auf einem Teritorium in der Regel nur eine jüdische Gemeinde befinden dürfe, handelt, ergreift Abg. Dr. Mile Starcevic das Wort und gibt seinen Bedenken darüber Ausdruck, daß durch die Bestimmungen des neuen Gesetzes der freien Religionsübüug der Orthodoxen ein Hindernis in den Weg gelegt werde. Abg. Dr. Nikola v. Tomaschic äußert dieselben Bedenken und erklärt, von den liberalen Anschauungen der Nationalpartei ausgehend, die betreffende Bestimmung des Gesetzes nicht annehmen zu können. Er bittet den Referenten, die diesbezüglich vorgebrachten Befürchtungen ausführlicher darzulegen, um die Abgeordneten, welche glauben, daß es sich um eine Einschränkung der Gewissensfreiheit handelt, zu beruhigen. Referent Dr. Ljudevit Schwarz erklärt, in dieser Frage vollständig sine ira et studio sprechen zu wollen. Der jüdische Gemeindetag in Zagreb befürwortete einstimmig, daß sich auf einem Territorium nur eine jüdische Gemeinde befinden dürfe, sei diese nun neolog oder orthodox. Zwischen diesen beiden Rechtungen bestehe überdies kein dogmatischer Unterschied, was auch aus einem Gutachten des Oberrabbiners von Budapest, Dr. Samuel Kohn, einer Kapazität auf jüdischreligiösem Gebiete, hervorgehe, das dieser über Ersuchen der Zagreber Gemeinde verfaßte und welches Redner verliest. Es gibt keinen Austritt aus der Orthodoxie Tn die Neologie und mngekehrt, der . an irgendwelche Förmlichkeiten gebunden wäre, und auch bezüglich der genauen Erfüllung der religiösen Gebote gebe cs keinen Unterschied, denn unter beiden Richtungen befinden sich, wie wohl überall, Fromme und Nichtfromme. Redner verliest ferner ein Gutachten des Zagreber Obcrrabbiners Dr. Hosea Jakobi, welcher, obwohl selbst Neologc, ausführt, daß sich ein gewisser Unterscheid zwischen beiden Richtungen finden lasse. Die Neologen betrachten jeden als zum Judentum angehörig, der dies selbst von sich behauptet und an einen einzigen Gott glaubt, während die Orthodoxen nach den Vorschriften des religiösen Gesetzbuches Schulchan-Aruch denjenigen als nicht zum Judentum gehörig betrachten, der nicht alle vorgeschriebenen Speisegesetze, die Sabbatruhe usw. einhält. In Kroatien gibt es, führt Redner aus, nur ganz vereinzelte Orthodoxe, während sie in Zagreb in ihre Gemeinde jeden aufnchmen, der sich wegen der großen Steuer von der Hauptgemeinde lossagt.. Redner ist ermächtigt, namens der reformierten Zagreber jüdischen Gemeinde zu erklären, daß diese bereit ist, den Orthodoxen eine Synagoge zu bauen, für sie einen Rabbiner zu halten und 'ür alle religiösen Instruktionen nach ihrem Verlangen zu sorgen. Die Einheitlichkeit der Gemeinde — und da es nicht zweierlei Judentuin gibt, könne es logischerweise überall nur eine jüdische Gemeinde geben — sei nicht nur für die Juden selbst von großem Vorteile, sondern auch für den Staat, da ja die jüdischen Seelsorger staatliche Matrikelführer sind und es zu Unzukömmlichkeiten kommen muß, wenn sich für dieselbe Konfession auf einem Gemeindcgebiete zwei Matrikelämter befinden. In Oesterreich sei durch das Gesetz vom Jahre 1890 die Einheitlichkeit der jüdischen Gemeinde angeordnet und obwohl es dort, besonders in Galizien, sehr viele Orthodoxe gibt, herrsche doch vollständige Zufriedenheit über diese Bestimmung. In Wien und in Berlin gebe cs die verschiedenartigsten Riten in der Judenheit und trotzdem nur eine jüdische Gemeinde, die alle Riten berücksichtigt. So möge es auch in Kroatien sein. Redner schließt, nachdem seine Ausführungen über eine Stunde gedauert, mit einem Appell an den Ausschuß, im Gesetze festzusetzen, daß es, bei vollster Gewährung der Gewissensfreiheit und Zulassung aller Riten, überall nur eine jüdische Gemeinde geben dürfe. Mg. Dr. Nikola v. Tomaschic beantragt, die Beratungen auf einige Tage zu unterbrechen; vielleicht könne der Referent inzwischen eine Einigung zwischen der neologen und der orthodoxen jüdischen Gemeinde Zagrebs herbeiführen, wozu sich Abg. Dr. Ljudevit Schwarz einverstanden erklärt. Sektionschef v. Chavrak erklärt sich namens der Negierung mit dieser Vertagung einverstanden und ersucht den Negierungssekretär Dr. Milan Novak, ihn über den Gang der Verhandlungen zu verständigen. Vom Vereine für ««entgeltlichen Arbeitsnachweis. Samstag den 25. v. M. fand die diesjährige Generalversammlung des Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis statt. Der Vorsitzende Herr Dr. Alois Klemperer begrüßte die erschienenen Mitglieder und Gäste, namentlich Herrn Hofrat Sigmund T a u s s i g als Vertreter der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, die Vertreter folgender Vereinigungen : .Bnai Brith", „Frauenhort", „Verein zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender", „Verein zur Hebung der Gewerbe", die Herren Rabbiner Doktor (5. David, Dr. D. F e u ch t w a n g und Dr. A. K a m i n k a, Herrn Emil Horner als Vertreter des Bankhauses S. M. v. R o t hs ch i l d und die Vertreter der Preffe. Die Herren Oberrabbiner Dr. M. Güdeman n, Rabbiner Dr. Max G r u n w a l d und David Ritter v. G u t m a n n hatten ihr Fernbleiben entschuldigt. Dann erstattete der Obmann des Exekutivkomitees, Herr Dr. Bela T a u s s i g, den Jahresbericht. Man erfuhr aus demselben, daß der Verein im abgelaufenen Berichtsjahre neuerlich, und zwar bedeutende Fortschritte gemacht hat. Es wurde eine Vermittlungsziffer von 3013 gegenüber 2524 im vorhergehenden Berichtsjahr, also eine Steigerung von fast 20%, erzielt. Im ganzen sind seit Gründung des Vereines — vor sechs Jahren — 13.244 Vermittlungen durchgeführt worden. Wie groß der Bsirieb und die Arbeitsleistung des Bureaus ist, geht daraus hervor, daß sich im Berichtsjahre 646 - Arbeitsnehmer anmeldeten und da die meisten von ihnen wiederholt an den Schaltern erschienen, die Frequenz weit über 40.000 Besucher aufwies. Bemerkenswert ist auch folgende Stelle des Berichtes: „Unsere Bemühungen gelten naturgemäß in erster Reihe jenen Glaubensgenossen, welche unserem österreichischen Vaterand angehören und in Wien ansässig sind. Im letzten Vereinsjahre sind jedoch zahlreiche jüdische Arbeiter an unseren Schaltern erchienen, welche durch grausame Anfeindungen aus einem östlichen Nachbarreiche vertrieben, gezwungen wurden, ihre Existenz in der Fremde zu begründen. Unter diesen Bedauernswerten haben wir eine bedeutende Anzahl tüchtiger und williger Arbeiter aller Kategorien, besonders aber Schlosser, Schmiede und Maurer gefunden, deren Handwerke unter unseren österreichischen Glaubensgenossen weniger vertreten sind. Wir haben nicht gezögert, denselben zur Erlangung von Arbeitsgelegenheit unseren Beistand zu leihen und hoffen hiermit dem humanen Sinn unserer Mitglieder entsprochen zu haben. Wir können hinzufügen, daß die Leistungen dieser Arbeiter fast ausnahmslos befriedigt haben/ Reicher Beifall lohnte den Bericht und die vom Schriftführer Herrn Dr. L an g st e i n zur Verlesung gebrachten Tabellen. Der Vertreter der Kultusgemeinde, Herr Hofrat Taussig, fühlte sich veranlaßt, dem Vereinsvorstande für seine erfolgreiche und aufopfernde Tätigkeit den besonderen Dank des Kultusvorstandes auszusprechen. Herr Rabbiner Dr. Dav id sprach dem Vereinsvorstand ebenfalls seine Anerkennung aus und entwickelte seine Anschauungen über Wohlfahrtspflege. Hierauf wurde der Bericht einstimmig, genehmigt. Die nach den Statuten ausgelosten Vorstandsmitglieder Baurat Wilhelm Stiaßny, Emanuel Winkler und Julius Wolf würden einstimmig wiedergewählt. Herr Dr. K l e m p e re r ergriff nun das Wort zu einer Schlußansprache. In schwungvollen Worten führte er, die russischen Ereignisse streifend, aus, daß auch hierzulande die armen Juden zumeist nur auf die Hilfe der Glaubensgenossen angewiesen seien und daß diese Hilfe ihnen nicht besser als durch Verschaffung von Arbeit geboren werden könne. Die Fremdenbill. Die englische Regierung trifft alle Vorbereitungen für die Inkraftsetzung der im letzten Sommer vom Parlament angenommenen Fremdenbill. Die zu diesem Zwecke von ihr eingesetzte Kommission hat alle Hände voll zu tun, Inspektoren, Aerzte, Polizisten und sonstige Beamte anzustellen sowie den ganzen, zuc Untersuchung der ankommenden Fremden erforderlichen Apparat in Bewegung zu setzen. Wie sich dieser Apparat bewähren wird, bleibt abzuwarten. Einstweilen versichern die neu angeftellten Beamten, daß ihr Augenmerk in erster Reihe darauf gerichtet sein würde, das Gesetz in liberalem Geiste durchzuführen und den Fremden so wenig Schwierigkeiten wie möglich zu machen. „Die Botschaft hör'ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." Das Verhör der Immigranten wird hinter verschlossenen Türen erfolgen, so daß ihre Angehörigen ihnen in keiner Weife werden beistehen können. Freilich sollen Vertreter einiger jüdischer WohltätigkeitSinstitute die Zurückgehaltenen besuchen und ihnen mit Rat und Tat beistehen dürfen. Aber auch ihnen