Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdisches YolkibUtt Nr. 49 Vorstellungen Petersburg Freunde, bleibt Haltung russischer Regierung zweideutig. Nathan. Die Antwort Schiffs an den Hilfsverein (deutsch) ist gleichlautend mit derjenigen an die „Jca". Hierauf kam noch folgendes Telegramm des Hilfsvereines: Merlin, 6. Nov. 1906. Loob für Jacob Schiff, New York. Gehe wenn irgend kann, R'ußland. Würden Die mich bei Witte gleichfalls akkreditieren, um Sendung Nachdruck zu verleihen. Nathan/ (Dr. Nathan befindet sich bereits in Rußland. Anm. d. Red.) Antwort Schiffs (original-deutsch): „Nathan, Berlin. Oskar Strauß heute Washington behufs persönlicher Konferenz. Morgen Versammlung zur definitiven Organisierung .^ilsswerkes. Witte kabelte mir sein Entsetzen nud Versicherung, daß Zentralregierung allmögliches tlle, doch seine lokalen Behörden machtlos. Wenn Sie Rußland gehen, werde Witte avisieren. Nathan/ Hierauf Dr. Nathan an Jakob Schiff: Vorschlag ausgezeichnet, sekundiere bereitwilligst. Vermute, daß England, Deutschland m der Richtung Rußland einwirken, daß sie aus Gefährdung riesiger finanzieller Interessen hmwel- ,-at. Nathan." Hier noch zwei Telegramme aus Rußland an Schiff. Sie haben wenig Worte, aber eine ganze Welt von Jammer spricht alls ihnen: „Dt. Petersburg, 5. November. Jacob H. Schiff. New York. Die meisten jüdischen Gemeinden leiden Not. Bitte Hilfe! Baron Günzburg. Schiff antwortete: ,Mir sind entsetzt. Unser tiefstes Beileid. Hilfskomitee wird organisiert, arbeiten^eiuverständlich mit London. Schiff. Zu diesem letzten Depeschenwechsel bemerkte Schiff in der New Yorker Versammlung: „Baron Günzburg hat, soviel bekannt, in den letzten zwanzig Jahren kein einziges Mal um Hilfe angesucht. Jetzt sendet auch dieser erste jüdische „Edelmann", dieser alte Mann, dessen Leben eine Kette von Opfern bildet, dieses kurze, um Hilfe flehende Telegramm." Das zweite Telegramm aus Rußland kam in deutscher Sprache zum Mitgliede des z i o - n i st i s ch e n A.-C., K a tz e n e l s o h n aus Liebau, und lautet: ,-Libau, 6. November 1905. Schiff William. Pine St. N. Y. Lage ernst. Erhoffen Ihren Einfluß. Intervention Verhütung werterer Massakers telegraphiert. Katzenelso'hn. Worauf Schiff antwortete: „Sind entsetzt, tun gemeinsam mit London alles was -möglich ist." Zum Schlüsse sei noch der Wortlaut eines Telegrammes hier mitgeteilt, das auf Ersuchen des Herrn Oskar Strauß vom Präsidenten der amerikanischen „Arbeiter-Federation" Samuel G o m p e r s an Witte gesendet wurde mit dem Ersuchen um Mitteilung des Inhaltes an die russischen Arbeiter. Es lautet: „Während die ganze Welt die großen Erfolge, welche Rußlands Arbeiter in dem großen Freiheitswerke errungen, mit Jubel aufnähm, -wurden die Herzen der amerikanischen Arbeiter erschüttert. Die Sache der Freiheit und Gerechtigkeit soll nicht durch Grausamkeiten und Verbrechen beschmutzt werden. Wollten die Arbeiter Rußlands ihre Macht ernstlich zur Unterdrückung der verbrecherischen Mdssakrierung menschlichen Lebens anfiwenöen, würden sie auch fernerhin die wärmste Dankbarkeit und dauernde Sympathien der rechts- und freiheitsliebenden Menschheit verdienen und ihrer sicher sein. Das Leben aller Menschen, jedweden Glaubens und jeder Religion — ob jüdisch oder christlich — muß iw Sicherheit sein, wenn die wahre Freiheit nicht nur errungen, sondern für alle Zeiten auch gesichert ist. Mächten Sie nun nicht die Freundlichkeit haben, diese Botschaft nicht nur den drei Millionen organisierten, sondern sämtlichen Arbeitern Amerikas Ihren Landsmännern und unseren Arbeiterbvüdern zu übermitteln?! Gvmpers." Hilfsaktion der „Israelitischen Allianz". Das Ergebnis der von der „Israelitischen Allianz zu Wien" zugunsten der Opfer der russischen Judenexzesse eingeleiteten Spendensammlung beträgt bis heute einschließlich der für die nächsten Tage avisierten Sendungen ungefähr 600 000 Kronen. Ausgegeben wurden für Rechnung der vereinigten europäischen und amerikanischen Hilfsorganisationen zur Linderung der ersten Not der Hinterbliebenen der Ermordeten zirka 200 000 Rubel (600 000 K.), während die auf viele Millionen sich belaufenden Ausgaben für die dauernde Versorgung der Waiseir und die Wiederherstellung der Existenz der Beraubten erst nach Einlangen der genauen Berichte der gegenwärtig in Rußland weilenden Kommission von Vertretern der westeuropäischen Hilfsorganisationen einzeln auf Grund der vorzulegenden genauen Daten bestimmt werden sollen. Mit Rücksicht auf die Störungen im Postimb Telegraphenverkehre, durch lvelche auch die regelmäßige Berichterstattung voi: den von den Exzessen betroffenen Orten kinterbrochen wurde, sind außer dem erwähnten Betrage dem Komitee in Odessa für fernere unaufschiebbare Auslagen zugunsten der südrussischen Gemeinden größere Summen zur Verfügung gestellt worden. Dem Bureau der „Israelitischen Allianz" sind mehrere Zuschriften zugegangen, in welchen Familien sich in hochherziger Weise bereit "erklären, Waisenkinder nach ermordeten russischen Juden in Erziehling zu nehmen. Es kann in bezug darauf mitgeteilt werden, daß seitens der vereinigten Organisationen der Plan erwogen wird, diejenigen Kinder, die beide Eltern verloren haben, eventuell außerhalb Rußlands verschiedenen Familien oder Waisenanstalten zur Erziehung zu übergeben. Näheres wird darüber erst nach dem Vorliegen von ausführlichen Berichten aus den betroffenen Orten bestimmt werden können. Die Tranerfeier i» Sofia. Auf Anordnung des Großrabbiners von Bulgarien veranstalteten sämtliche jüdischen Kultusgemeinden des Landes am 28. November Trauergettosdienste anläßlich der Judenmetzeleien in Rußland. In der Synagoge von Sofia hielt Großcabbiner Dr. Ehrenpreis eine ergreifende Gedenkrede und betonte die Wichtigkeit der Einberufung einer Weltkonferenz aller jüdischen Organisationen zur Feststellung einer gemeinsamen Hilfsaktion für die Waisen und Auswanderer. Warnung vor Maffennnswandernng. Das Berliner „Zentralbureau für jüdische Auswanderung* erläßt folgendes Communiquö: In verschiedenen deutschen Städten befindet fich jetzt eine große Anzahl jüdischer Auswanderer, die ohne alle Geldmittel aus Rußland ausgewandert sind. Die Lage dieser Emigranten ist eine verzweifelte, da die deutschen Gesetze ihre Unterstützung behufs Weiterbeförderung verbieten. Ebensowenig können die jüdischen Emigranten auf eine Unterstützung in Paris, London oder anderen Städten rechnen. Irrtümlicherweise hat sich in Rußland das Gerücht verbreitet, daß jüdische Auswanderer in Berlin Unterstützung finden können. Durch dieses falsche Gerücht ließen sich viele Auswanderer, unter ihnen auch Frauen und Kinder, irreführe« und kamen nach Berlin, wo sie der größten Not ausgesetzt sind. Wir richten daher an all" Gemeinaevorsteher die Bitte, alles aufzubieten, daß jetzt keine Massenemigration erfolge. Die Summen, die jetzt für die verunglückten Juden in Rußland gesammelt werden, sollen an Ort und Stelle in Rußland zur Verteilung gelangen. Anregung zum Beschaffe« eines Teiles der Hilfsmittel rnv Unterstützung unserer unglücklichen Glaubrnsbrüdrr tn Knßlnndl Ich gestatte mir ju diesem Zwecke folgenden Vorschlag in Allregung zu bringen. Wolle eilt jeder der Herreil Autoren jüdischer Werke eine Anzahl ihrer Werke dem Hilfskomitee gratis zur Verfügurlg stellen, die voll, demselbell um die Hälfte ode r um den dritten Teil des Ladellpreises an alle Bestellerzugunsten ullserer russischen Glaubens* brüder veräußert werden. Ängezeigt wäre vielleicht als Sammelstelle eitle der israelitischen Vereiiligungeil, Union, Bulld re., in Wien. Die Herreil Redakteure der in Wien erscheinenden jüdischen Zeitungen werdeil sicherlich in ihrem bewährten Streben zur Fördermlg alles Edleu die Güte haben, die Liste der übcrfcmbteu Bücher uud deren Preise dem Lesepublikum in ihreil Blättern zu bieten. Nikols bürg, 4. Dez. 1905. Dr. M. L e lv in Rabbiner. Konzert zugunsten der unglücklichen Opfer der russischen Judenverfolgungen. Zu diesem am 9. Dezember 1905, halb 8 Uhr abends, im großen Mnsikvereinssaale stattfindenden Kollzert ist das Programm wie folgt: 1. Le 0 ncavall 0: Prolog aus der Over „Bajazzo", Herr Bela Guttmanit. — *2. Brüll: „Marche a la japonaife" (aus Opus 94); Chopin: „Marche funebrc" (aus Opus 35); S ch ubert-Liszt: „Erlkönig", Herr Prof. Jg. B r ü l l. — 8. Max K 0 l - deck: „Not und Lieder", Adolf N. v. Sonnenthal. — 4. Verdi: Arie aus „Trovatore": D 0 n i z e t t i: Arie aus „Llicretia Borgia". Hofopernsängerin Frl. von Seeböck. — 5. Sulzer: „Sommernacht"; David 0 ff: „Am Springbrunnen", Herr Prof. Sulzer. - 6. Schubert: „Am Meer"; H. van .... „Jlidiths Siegeslied", Fr. Raja-Barber-Waldberg. — 7. Sulzer: „Abendlied" (mit Violincello und Klavier); B r ü l l: „Der Steinbauer"; Hermailli: „Drei Wall derer", Herr B. Guttmann. — Die in beschränkter Zahl noch vorhandenen Karten sind bei Rose, 1. Bez., Kärtnerstraße 11, Haslinger, 1. Vez., Tuchlauben 11, und Knepler. 1. Bez., Habsburgergasse 2, zu haben. Politische Vorträge in der Provinz. Die eilte Neugestaltung unserer innerpolitischen Verhältnisse heischenden österreichischen Wirren lassen es erklärlich erscheinen, daß ilnmer brennender die Frage auch für die Juden wird, welche Stellung sie in den verschiedenen Zeitun d (Streitfragen gegenüber einzunehmen haben. Diese bildeten nun deir Gegenstand von Vorträgen, welche Dr. K a d i s ch, einer Einladung entsprechend, in Holleschau, Kojetein, Proßnitz und Bielitz hielt. Redner beleuchtete überall eingehend die Notwendigkeit, datz die österreichischen Juden sich im Sinne des modernen Nationalismus — frei von chauvinistischen Allüren — auf national sozialer Basis organisieren müßten. Die alte jüdische Politik habe sich ebenso verkehrt erwiesen wie die a l t österreichische der einzellten parlamentarischen Parteien. Wir benötigen eine moderne jüdische Politik, aber auch eine neue, auf sozialer Basis ruhende jungösterreichische Reich spolitik. Die. nationale Organisation der Juden Oesterreichs schließe nicht aus, sondem eilt Korporation mit denjenigen Elementen sämtlicher Volksstämme der Monarchie, welche die Ncuorgatlisation des Gesamtreiches im Sinne der Autonomie aller seiner Volksstämme erstreben. Der erste Schritt dazu sei die Einführung des a l l g e m e i n e 1t, gleichen 1111 b direkten Wahlrechtes mit P r 0 p 0 r t i 0 n a l s y st e m in beiden Reichshälften, ein weiterer ist die Umgestaltung unseres vollkommen rückständigen, total vermorschten und nur Schlagworten huldigenden Parteiwesens. Wir benötigen n e u e, die Interessen aller physisch und geistig Produzierenden vertretende wirtschaftliche Gruppen. Dr. Kadisch schließt seine Ausführungen mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit intensiver wirtschaftlicher Arbeit, wenn die jüdische Renaissancebewegung ihre Ziele erreichen will, und verweist auf das Buch Adolf D a m a s chk e s, „Die Bodenreform", in welchem in dem Abschnitt „Die Bodenreform in Israel" gezeigt wird, daß in dem alten jüdischen Staatswesen durch eine zweckentsprechende «Sozialgesetzgebung für den Schutz der ehrlichen Arbeit gegen Ausbeutung gesorgt wurde.