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Jüdisches Volksblatt · 1905-12-08 · 49 (8.12.1905) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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iNr. 49 Jüdisches Volks bhtt werden. Gegen alle Erwartung hatten sich jedoch nicht'weniger als zwölf Redner zu diesem Gegenstände zum Worte gemeldet, um, wie der Petersburger „Fraind" meint, ihre Zustimmung zur Resolution zu begründen. Der erste Redner war Professor M. K o - w a l e w s k y. Er sagte u. a.: Zur Zeit der ersten Kischenewer Metzeleien habe ihn der „französische Verein der Russenfreunde in Paris", wo Redner sich damals aufhielt, ersucht, daß er auf der Protestversammlung, die gegen die Metzeleien in Paris abgehalten wurde, auch das Wort ergreife und gegen diese Unmcnschlichkeiten protestiere. Er wollte damals den Zeitungsberichten keinen Glauben schenken, die behaupteten, daß die Polizei an den Plünderungen teilgenommen habe. Er antwortete daher den Franzosen, er kenne wohl P l e h w e nicht persönlich, doch könne er es unmöglich glauben, daß die Leiter der Negierung auf die Stufe besoffener Kannibalen gesunken seien, von denen behauptet wird, daß sic ihre eigenen Untertanen erschlagen. Heute sei er allerdings andere r M e i n u n g. Redner schloß mit der Bemerkung, daß Begrenzungsgesetze gegen einzelne Nationen und Konfessionen in der heutigen Zeit durch nichts mehr gerechtfertigt werden können. Als Zweiter ergriff der bekannte Delegierte des Semstwokongresses, R o d i t s ch e w, das Wort, der ungefähr folgendes ausführte: Als er — Redner — vor einem Jahre auf dein Semstwokongresse die Meinung aussprach, daß in Rußland ein neues Negierungssystem eingeführt werden müsse, wurde ihm erwidert, daß man erst das Ende des Krieges mit Japan abwarten müsse, erst dann werde man von Freiheiten reden können. Vielleicht werde man ihm fetzt wieder entgcgenhalten, jetzt, nach den Judenmetzeleien sei nicht die Zeit, sich mit der Judenfrage zu beschäftigen, weil eine Stellungnahme zugunsten der Juden leicht den nationalen Haß wieder aufstacheln könnte. Auch gelange,^ Briefe vom Westen des Reiches an uns, in welchen: vor einem Aufrollen der Judenfrage gewarnt und auf die traurigen Folgen, die es haben könnte, hingewiesen wird. Wären Sie, meine Herren, bei den Metzeleien zugegen gewesen, so wäre es Ihre Pflicht gewesen, mit Einsetzung Ihres Lebens die Unglücklichen zu beschützen. Damit hätten Sie jedoch noch nicht Ihre Pflicht voll erfüllt. D i e s m ü s s e n Sie jetzt tun! Man sagt, jetzt sei nicht die Zeit dazu. Im Gegenteil: e s i st v i e l l e i ch t schon zu spät! Wir werden nur unsere Pflicht erfüllen, wenn wir unsere Stimme erheben gegen die Vorgänge, gegen welche d i e N e g i e r u n g ihre S t i m m e nicht erhebt. Die Regierung hat angeblich Angst vor der öffentlichen Meinung, indem sie behauptet, daß sie es sei, welche die Pogroms macht. Man wird uns auch einwenden, daß wir zur Judenfrage schon einmal Stellung genommen und damit unsere Pflicht erfüllt haben. Aber haben wir nicht auch in der Vauernfrage schon wiederholt unsere Stellung präzisiert und dennoch kommen wir täglich aus sie zurück, weil sie noch immer ungelöst ist. Und dabei dürfen Sie nicht vergessen, daß die Ausschreitungen gegen die Juden zehnmal größer und trauriger waren als die Bauernunruhen im Saratower Gouvernement. Ist nun einmal die Frage aufgeworfen worden, so dürfen wir nicht mehr schweigen. Schweigen heißt — s i ch fürchten! Wollen wir uns selbst treu bleiben, lebt wirklich in uns die Verachtung gegen diese schändlichen Vorgänge und haben wir noch ein Gefühl für die Schmach, die durch diese Grausamkeiten unserer ganzen Nation angetan wurde, so müssen wir die vorgeschlagene Resolution einstimmig annehmen. Damit werden wir einen schweren Vorwurf entkräften, der heute mit Recht auf dem russischen Volke lastet. Nehmen Sie die Resolution ohne Debatte an, auf daß unsere Kinder und spatere Generationen sich einst nicht unserer zu schämen brauchen! Ich schließe mit dem Rufe, der aus meiner iunersteu lleberzeugung kommt: „Das r u ssis ch e Vo l k t r i f f t k e i n e S ch u l d f ü r die w i l d e n T a t en d e v H ü t e v d e r O r d 11 u ngundd e r P o l i z e i!" Roditschewskys Rede eittfesselte einen nicht endenwollenden Beifallssturm der Anwesenden, unb die Versammlung beschloß nach dieser glän zeuden Rede, die Debatte zu schließen. Es wurde dann folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die Uuruhen, die nach dem 17. Oktober (a. St.) ausgebrvchen sind, haben sich mit schrecklicher Wucht gegen die jüdische Bevölkerung gerichtet. Die Zahl der Opfer erreicht in einigen Städten hunderte, sogar tausende. Bon den Massakers wurden ungefähr sechzig Städte und Städtchen betroffen. Diese Bewegung und ihre wilde Zügellosigkeit ist einerseits den: Umstande zuzuschreiben, daß die Beamten sie oon langer Hand vorbereitet und sich an ihr beteiligt haben, andrerseits der Tatsache zu verdanken, daß in der Administration und der Bevölkerung infolge der langen Reihe von Ausnahmegesetzen gegen die Inden die Ansicht Wurzel gefaßt hat, daß den Juden gegenüber alles erlaubt sei. Ta durch, daß die Juden weder ihren Aufenthaltsort noch ihre Beschäftigung frei wählen dürfen und von gewissen Bildungsmöglichkeiten ausgeschlossen sind, ist der Gedanke irr der Bevölkerung erweckt und erhalten worden, daß man Jude:: frank und frei straflos schlagen, morden und ausplündern dürfe. 'U-m diese falschen Vorstellungen einfür allemal auszu rotten, ist es unbedingt notwendig, sofort Maßregeln zu ergreifen, die eine Wiederholung solcher Schrecknisse unmöglich machen. Ter Semstwökvngveß hat schon anläßlich feiner früheren Tagung beschlossen, die Gleichberechtigung aller Bürger Rußlands ohne Unterschied des Glaubens und der Nation zu fordern. Die gesunde, praktische Politik erfordert es, daß im Hinblick auf die jüngsten Geschehnisse diese Maßregel zugunsten der jüdischen Nation unverzüglich ergriffen werde. Tie Durchführung darf nicht mehr aufgeschoben werden. Eine Negierung, die ehrlich daran geht, die Grundlagen der Freiheit, die am 17. Oktober manifestiert wurden, in die Tat umzufetzen, muß auch die Notwendigkeit des gleichen Schützes der menschlichen Rechte der Juden mit den anderen Bürgern Rußlands sowie der Aushebung der Begrenzungen dieser menschlichen Rechte der Juden bedingungslos anerkennen. Ter Kongreß erklärt daher, daß im Sinne der Gewissensfreiheit, deren Proklamierung im Manifeste vom 17. Oktober enthalten ist, die Gleichberechtigung der Juden mit den übrigen Bürgern Rußlands und mit ihr auch die Aufhebung aller diese Gleichberechtigung hindernden Gesetze, Verordnungen und Erlässe schon jetzt zum Gesetze erhoben werden müssen." Außerdem wurde auch folgender, von Professor L u e z i e k y beantragter Zusatz zur Resolution angenommen: „Im Hinblick auf die großen Verwiüstuugen, welche die jüdische Bevölkerung durch die Ruhestörungen erlitten, ohne daß die Behörden zu ihrem Schutze eingeschritten wären, erklärt der Kongreß es als eine unbedingte Forderung der Gerechtigkeit, daß die Regierung dieser Bevölkerung, die jetzt aller Lebensmittel. beraubt, unverzüglich ihre Hilse angedeihen lasse." Im erste« Schreck. Als die erste Nachricht von den russischen Judenmassakers nach Amerika gelangte, es war am Freitag, wollte man den Berichten keinen Glauben schenken oder man hielt sie für eine vorübergehende lokale Ruhestörung, an die man ja in Rußland schon gewöhnt war. Kaum ward man sich des großen Unglückes inne, das unsere russischen Brüder betroffen, gingen die maßgebenden jüdischen Kreise rasch entschlossen an die Hilfsarbeit. Nun liegt der Wortlaut des gesamten Depeschenwechsels vor, der in den ersten Schreckenstagen zwischen Amerika und Europa stattsand. Wir lassen diese Depeschen, denen eine historische Bedeutung nicht abgesprochen werden kann, in deutscher Uebersetzung hier folgen. Die erste Depesche richtete Jakob H. Schiff an den Präsidenten R o o s e - v e l t: „Präsideut Roosevelt, Washington D. C. Die Nachrichten über 'die Juden Massakers in Odessa und anderen Teilen Rußlands find so empörend, daß, fo sehr es mir auch widerstrebt, ich mich dennoch berechtigt fühle, zu fragen, ob Ihnen die Möglichkeit geboten ist, Botschafter Me per anzufragen, ob seiner Meinung nach eine Vorstellung seitens unserer Regierung die russische Regierung zur Ergreifung von energischen Maßregeln veranlassen könnte, um diesen furchtbaren Grausamkeiten Einhalt zu gebieten. Ich begreife die Schwierigkeit der Lage, aber wenn die ganze Menschheit entsetzt ist, müssen konventionelle Rücksichten beiseite gefetzt werde n. Jacob H. Schiff." Präsident Roosevelt antwortete, er werde die Angelegenheit unverzüglich mit Staatssekretär R o o t beraten. Gleichzeitig mit der Depesche an Roosevelt ließ S ch i f f an W i t t e folgendes Kabeltelegrantin abgehen: „Graf Witte, Petersburg. Das amerikanische Volk ist entsetzt über die Grausamkeiten in Odessa und de» übrigen Orten. Eine Regierung, die unter welchen Umständen immer duldet, daß eine solche Situation noch länger anhält, kann unmöglich ans die inoralische Unterstützung einer andere» Nation rechnen. Schiss." Hierauf anlivortete Witte: „Mr. Schiff, New Aork. Tie Regierung ist entsetzt über diese Ausschreitungen. Sie wissen, daß niemand mit diesen wilden Exzessen weniger sympathisiert als ich. Alles, was ich zur Unterdrückung der Unordnungen zu tun vermag, ist geschehen, aber so lange das Land sich in einem so aufgeregten Zustande befindet, find die Lokalbehörden oft machtlos. Witte." Nun war es klar, daß jedwede Intervention der Negierung fruchtlos bleiben müßte, weil die Negierung auf einen eventuellen Protest die gleiche Antwort geben würde. Schiff sandte nun an den L o n d o n e r R o t h s ch i l d folgendes Kabeltelegrainm: „Lord Rothschild, London. Angesichts der Schrecklichkeit der russischen Situation und da zweifellos bedeutende Hilfe notwendig sein wird, beantrage ich Bildung eines internationalen Hilfskomitees unter Ihren: Präsidium. Schon dies allein wäre ein sehr wirkungsvoller Protest gegen die bestehenden Anstände. Habe unsere Regierung gebeten, fich zu vergewissern, ob eine diplomatische Intervention Erfolg hätte. Bei der Ohnmacht russilscher Behörden fcheint jede Vorstellung nutzlos. Teilen Sic nur mit, ob Sie geneigt 'sind, im Sinne meiues Vorschlages zu arbeiten, ich arrangiere hiesige Korporation. Kabelte an „Jca", Paris, und Hilfsverein, Berlin, mit Frage, was getan werden könnte. Kabelte auch obigen Vorschlag. Schiff." Je ein Telegramm gleichen Inhalts erging an die „Jca" in Paris und an den „Hilfsvcrcin der deutsche!: Juden" in Berlin. Am ü. November erhielt Schiff vom Londoner Rothschild folgende telegraphische Antwort: „Tring, 5. November 1605. Jacob' Schiff per Kuhn, Loeb, New Aork. Mitteilung erhalten, werde mit russisch-japanischenr Komitee kon-sultieich bei unserer Negierung, welche die Situation vollauf würdigt und mir sagt, daß sie genau erwägen wolle, ob weitere Vorstellungen geeignet wären, Juden zu nützen. Sie ist gerne bereit, etwas zu tun, was ein wirklicher Erfolg sein könnte. Empfehle Beratung mit Ihrer Regierung zur Vorbereitung einer gemeinsamen Allion, falls solche durchführbar. Rothschild." Ein zweites Telegramm Rothschilds an A u g u st B e l m o n t u. Co. lautet: „Bitte Jacob Schiff in Firma Kühn, Loeb u. Komp, sofort zu verständigen, daß ich mein gestriges Telegramm aufrecht halte. Wir beraten mit hiesigem russisch-jüdischem Komitee. (In .der obigen Depesche heißt es russisch-japanisches Komitee. Am::. d. Red.) Wir halten Rücksprache mit unserer Regierung. Sie ist sehr freundlich gesinnt und erlwägt, was am besten zu tun wäre. Wichtig wäre es, wem: Regierung Vereinigter Staaten entweder gemeinsam oder parallel mit unserer Regierüng Vorgehen würde. Erhoffen Sendung an verunglückte russische Juden, erreichte bei englischer Negierung, daß Geldsendungen im Wege englischer diplomatischer Agenten erfolge, damit russische Reaktiv nspartei nicht sagen könne, ausländische Juden fördern Revolution und damit gesandtes Geld den Juden nicht wieder geplündert werde. Wir schlagen vor, morgen an Lord L a n s d v w::• offizielles Schreiben zu richten und den diplomatischen Agenten gleichzeitig eine Summe einzuhändigen. Jacob Schiff wird zweifellos diesbezüglich direkt mit uns in Verbindung treten. Verfolget Angelegenheit mit Aufme rksa m'ke it. R othschrld." Hierauf Schiff an Rothschild: „Lord Rothschild, London. Zustimme vollständig Ihrem Plan. Einöerufe für morgen Delegierten>versan:m'l'ung zwecks Organisation Hilfsaktion. Zweifle nicht Annahme Züsammenwir-: kens mit Ihnen. Inzwischen garantiere ich vorläufig 50.000 Dlvllars für New Aork. Zweifellos wird morgen mehr erzielt werden. Oskar Strauß heute in Washington' zu persönlicher Konferenz. Witte kabelte mir mit Ausdruck Entsetzens, Versicherung Negierung alles anfbiete mit Hinzusügung Lokaibehöröen Kontrollmacht verloren. __ Schiff." Vom Vorstande der „Jca" kam am 4. November folgendes Telegramm in französischer Sprache an Schiff: „Jacob Schiff, New Aork. Bitten sofort Witte telegraphieren, ihn anflehen, dem Morden ein Ende zu bereiten. Conseil Jca." Schiff antwortete hierauf: „Conseil Jea, Paris, 2 rue Pasguist, Kabelte bereits Witte und intervenierte Washington. Kabelte Lord Rothschild :nit Vorschlag ans Gründung eines internationalen Hilfskomitees. Große Sttnunen werden erforderlich sein, und Bildung solchen Komitees kräftiger Protest gegen schreckliche Zustände. Rate Rothschild veranlassen, daß er Vorschlag annehme. Schiss." Das Telegramm des Berliner „Hilfsvereines" an S ch i f f hat (original deutsch! folgende!: Wortlaut: „Loeb für Tchisf, New Aork. Nach erhaltenen Telegrammen Massalers in 25 Ltädten und außerordentlich großer Anzahl Orlsryasten trotz

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