Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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J iiJisehes Volksblatt »\> Majie der anderen Völkerschaften erdrückt iverde mW ohne. Vertretung bleiben könnte. Wir sind unbedingt und llneingeschränkt Anhänger des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes und wollen für dasselbe ehrlich mitkämpfen. Ich muß daher sagen: Wie Sie Pflichten haben gegenüber Ihren: Volke, so habe auch ich Pflichten gegenüber meinem Volke, und ich würde mir selbst verächtlich erscheinen, wenn ich nicht den Mtck hätte, meiner Ueberzcugung dahin Ausdruck zu geben, daß jeder pflichtgemäß hier int Hanse berufen ist, die Interessen seines Volkes, seiner Nation mannhaft zu vertreten, insbesondere dann, wenn dieses Volk bei jeder Gelegenheit mit allen Mitteln, lauteren oder unlauteren, unverdient beschimmi und zurücksctzt, malträtiert und verfolgt wird. Dann dürfen 2k es den Juden in Ländern, wo sie in großen Massen nebeneinander wohnen, sicherlich nicht verargen, wenn die Bedenken eines großen Teiles der jüdischen Bevölkerung, welche in Angst und Sorge darum ist, daß sie möglicherweise bei Ausgestaltung des Wahlrechtes, bei Schaffung eines wahrhaften Volkshauses unvertreten bleiben könnte, hier vorgebracht werden. Und um dieser Besorgnis von vornherein die Spitze abzubrechen, habe ich die Aufmerksamkeit der Regierung auf die geschilderten Verhältnisse gelenkt. Im übrigen, ich weiß wohl, wir Juden und ein ohnmächtiger, schwacher und unbedeutender Faktor, allein, wenn schon Recht geschaffen wird, so möge Recht nach allen Seiten hin geschaffen werden — denn auf den: Tore der Kaiserburg prangt die Inschrift: „Justitia regnorum fundamentum". (Lebhafter Beifall. ) Erklärung. Ich habe in Nr. 14 dieser Zeitschrift vom 7. April 1905 einen von mir gefertigten Artikel veröffentlicht, der eine Reihe von Beleidigungen gegen die Person des Herrn Dr. Max Diamant in Czernowitz enthielt. Ich bedaure lebhaft, hierdurch den Herrn Dr. Max Diamant in seiner Ehre gekränkt zu haben, und ziehe auf diesem Wege den Inhalt dieses Artikels, insofern er sich gegen die Person des Herrn Max Diamant richtet, zurück. S. Wagschal, Kultusrat, Czernowitz. Politische Wochenschau. Die Drohung Dr. Luegers, in Wien nach russischem Muster eine Judenmetzelei zu arrangieren, ist ebenso empörend wie vom Gesichtspunkte der Verfassung verdammenswert. Der Bürgermeister von Wien macht die Ausführung seiner „Warnung" davon abhängig, ob die Juden auch weiterhin die sozialdemokratische Partei, sei es mit Geld oder in anderer Form, unterstützen werden oder nicht. Uns kann wahrlich nicht der Vorwurf gemacht werden, daß wir der Beteiligung der Juden an der sozialdemokratischen Bewegung das Wort redeten, und die Haltung der „Arbeiter-Zeitung" in Angelegenheit der russischen Massakers und ihre Stellung zu unserer wichtigsten Forderung nach einer nationalen Autonomie f ü r d i e I u d e n ist sicherlich auch nicht dazu angetan, unseren Kampf gegen die Sozialdemokratie aufzugeben oder auch nur abzuschwächen, aber ebenso müssen wir uns dagegen verwahren, daß der Bürgermeister nun seine Wut über die scheinbaren Erfolge seiner politischen Gegner an den Juden kühle, indem er seinen leider allzu gefügigen Anhang zu einem Judenmassaker auffordert. Wir gestehen es offen, daß die jüdische Bevölkerung durch diese Drohung und Aufreizung seitens des „Herrn von Wien" sich beunruhigt fühlt, weil sie gar zu oft erfahren hat, daß der Bürgermeister von Wien besonders vor den Wahlen gerade die Versprechungen, die er die Judeü betreffend macht, am promptesten zu erfüllen pflegt, und weil sie die niedrigen Instinkte desjenigen Teiles des Luegerschen Anhanges kennt, auf den Herr Dr. Lueger bei Ausführung seiner Drohungen rechnet. Den Juden von Wien bleibt keine andere Antwort auf diese Drohung übrig als sich zu bewaffnen und zur Schutzwehr vorzubereiten. Jeder erwachsene Jude ver- 1 einen Waffenpaß mit der ausdrücklichen Begründung, daß er zufolge der Drohungen des Bürgermeisters sich in seinem Leben bedroht fühle und sich für eine eventuelle Notwehr belvaffncu müsse. Lueger mag es Ivohl nach dem traurigen Ruhm eines K r u s ch e w a n dürsten, aber die Wiener Juden sind keine verknöcherten, verschüchterten Juden, wie sie in den russischen Ghetti zusammengepfercht leben. Die Wiener Juden werden, wenn die Drohung zur Tat werden sollte, ihr Leben zu verteidigen wissen. „Weil auch die antisemitischen Parteien die nationale Kurie für die Regierung fordern, dürfen wir sie nicht anstreben," das ist die ganze Weisheit, die man in gewissen assimilatorischen Kreisen angesichts der großen Bewegung, welche jetzt die jüdischen Kreise mächtig erfaßt hat, aufzubringen vermag. Leider waren ja diese Kreise immer mehr darauf bedacht, )oas die Antisemiten zu einer bestimmten Aktion sagen würden, als )vas die reine Vernunft diktiert. Nach ihrer Logik müßten wir uns auch gegeu das allgemeine Wahlrecht aussprechen, weil es auch von den Antisemiten gewünscht wird. Diese Abhängigkeit unserer „führenden" Juden von der Meinung anderer, dieser Glaube an die Unfehlbarkeit unserer Feinde hat gerade in gegnerischen Kreisen den Glauben an die Schwäche des Judentums geweckt. Hätten wir von jeher mehr Selbständigkeit bewiesen, dann wäre manches unmöglich gewesen, was in den letzten Jahren gegen uns geschehen ist. Die Forderung der nationalen Autonomie der Juden darf nicht aufgegeben werden, weil sie auch von den Antisemiten gewünscht wird, sondern trotzdem sie auch von ihnen verlangt wird. Es wird nur von uns abhängen, diese Forderung in der Form und mit dem Inhalte durchzusetzen, wie sie die Gerechtigkeit und politische Klugheit erheischen, und dann kann uns diese Sympathie der antisemitischen Presse für diese unsere Bestrebung nichts schaden. * Ein Hetzbild. Vor einigen Tagen erhielt unser Chefredakteur aus Krakau die Meldung, daß in einer Lemberger Druckerei ein Ritua'lmordbild in Massen hergestellt und in ganz Galizien in vielen tausenden von Exemplaren verbreitet werde. Wir haben von dieser Meldung dem Rechtsschuhbureau der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" Mitteilung gemacht, welches zunächst ein Exemplar dieser hetzerischen bildlichen Darstellung sich beschaffte und bei dem Leiter des Justizministeriums direkt gegen die Nichtbeanstandung des erwähnten Bildes Beschwerde erhob und die schleunigste Erlassung des Verbotes der Weiterverbreitung verlangte. Der Leiter des Justizministeriums hat diesem Verlangen unverzüglich entsprochen und die erforderlichen Weisungen an die galizischen Staatsanwaltschaften hinausgegeben. Die Synagoge zum politischen Kampfplatze zu wählen, müßte unter allen Umständen vermieden werden, weil wir dadurch auch den einzigen Ort herabwürdigen, an den sich bis jetzt auch unsere grimmigsten Feinde — wenigstens in den konstitutionellen Staaten — nicht herangewagt haben. Nur von diesem Gesichtspunkt aus ist das Vorgehen der L e m b e r g e r Zionisten zu verurteilen, die durch turbulente Szenen in der Synagoge die Abhaltung eines Festgottesdienstes anläßlich des Gedenktages des polnischen A u f st a n d e s im Jahre 1830 zu vereiteln suchten. Die assimilatorischen Führer der Lemberger Kultusgemeinde begnügten sich nicht damit, selbst dieser in die Synagoge nicht hineingehörenden allpolnischen Demonstration beizuwohnen, sondern kömmandierten auch die jüdischen G y m - n a s i a st e n zur Feier. Gerechte Entrüstung erfaßte den national gesinnten Teil der Lemberger Juden ob dieser unverantwortlichen Notzüchtigung der wehrlosen jüdischen Jugend und griffen zu dem, wie oben erwähnt, nicht ganz einwandfreien Mittel, den Gottesdienst zu stören, indem sie die Galerie besetzten, Flugzettel in den Betraum warfen und Kantor und Prediger durch Abfingung jüdischnationaler Lieder in ihren ihnen vom Vorstand aufgezwungenen Funktionen störten. Den Abschluß dieser bedauerlichen Szene bildete die Requirierung der Polizei seitens der Arrangeure der Gedenkfeier. Tie herbeigeeitte Polizei drang in die Synagoge ein und machte zwei Akademiker stellig, gegen die mm die Amtshandlung eingeleitet wurde. Wir wiederholen: die Entrüstung der Jüdischnationalen war eine begreifliche und gerechte, aber die Synagoge muß vor alle m n n s Inden heil i g sein! * Auch die Zionisten Oesterreichs habe» zur Wahlrechtsfrage Stellung genommen. Am 3. Dezember fand in Wien eine Besprechung von zionistisHen Vertrauensmännern aus ganz Oesterreich statt, in welcher über die Stellungnahme der Juden zur Wahlrechtsfrage verhandelt wurde. ES wurde als eine unabweisbare Forderung anerkannt, daß die Juden im Kampfe um die Erreichung deS allgemeinen Wahlrechtes die Erlangung einer jüdischen Minoritätsvertretung mit allen Mittel« anzustreben haben. In diesem Sinne wurde eine Reihe von taktischen Maßnahmen beschlossen, zu deren Durchführung ein Exekutivkomitee eingesetzt wurde, dem die Herren Arch. Marmorek, Dr. Schalit und Herm. Müller vorstehen. * Der Ruf nach einer nationaljüdischen Organisation in — Amerika dringt von jenseits des Ozeans zu uns hinüber. Der „American Hebrew", ein einflußreiches New Jorker jüdisches Blatt (in englischer Sprache), schreibt hierüber: „Als die Nachricht über den Ozean drang, daß das jüdische Volk in Rußland — an 6 Millionen — durch den Niob angegriffen wurde, da bebte jedes jüdische Herz vor Angst, öffnete sich die jüdische Börse und die Gefühle eines jeden Juden wurden erregt. Wir glauben, es gibt keine jüdische Gemeinschaft, die nicht die Gelegenheit ergriffen hätte, ihrem Mitleidsgefühle den unglücklichen Brüdern gegenüber in irgend einer Form zu entsprechen. Aber gerade in dieser Stunde der Not sehen wir es auch, wie die Juden Amerikas sich abquälen müssen, um in dieser gemeinsamen Sache auch etwas g e m e i n s a m unternehmen zu können. Auf der Ostseite wurden durch größere und kleinere Organisationen zu gleicher Zeit Versammlungen einberufen. Dasselbe war in Philadelphia, Baltimore usw. der Fall. Aber in allen diesen Versammlungen schwebte auf aller Lippen die eine brennende Frage: Aus welche Weise könnte ein einmütiges Vorgehen geschaffen werden? Wo ist die Organisation, durch deren Vorstand wir unsere Beiträge befördern und den nachhaltigen Protest erheben könnten, der unser aller Herz bedrückt? In der Stunde d e r N o t stehen wir h i l f l o s d a, wir besitzen keine Organisation, die für uns alle, für das ganze Judentum eintreten könnte, sobald das gesamte jüdische Volk seinen in Unglück geratenen Söhnen zu Hilfe eilen möchte. Wir sind nun der Ansicht, daß jetzt die Zeit gekommen ist, die Gründung einer Körperschaft mit aller Entschiedenheit in Angriff zu nehmen, die kompetent wäre, das amerikanische Judentum in allen Fragen offiziell zu vertreten, in welchen sie für ihre im Unglücke befindlichen Brüder im Auslande mit Nachdruck eintreten wollen. Der jetzige chaotische Zustand darf nicht länger geduldet werden!" Zum Schluffe konstatiert das Blatt, daß keine der in Amerika jetzt bestehenden jüdischen Gruppen die Macht oder die Eignung besitze, diese kompetente jüdische Behörde abzugeben, und schlägt die Gründung einer eigenen, aus Delegierten aller Parteien und Vereinigungen bestehenden Organisation vor. Das Blatt rechnet bereits mit Bestimmtheit darauf, daß diese nationaljüdische Organisation zustande kommen wird. Amerika, du hast es besser! Der Sem-wok<«greß über die Jndenfrage. Allgeniein hatte man erwartet, daß die Resolution, betreffend die Freiheit und volle Gleichberechtigung der Juden, als' selbstverständliche Pvstulate der allgemeinen Freiheit ohne Debatte werde einstimmig angenommen