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Jüdisches Volksblatt · 1905-12-08 · 49 (8.12.1905) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49 Jüdisches Volksblatt Seite 3 Die Rede des Reichsrats- «dgesrdneten Dr. Straucher. Wie zu erwarten war, hat Dr. Straucher, wie zu allen wichtigen Reichsfragen, auch zur Wahlreformfrage im Abgeordnetenhause Stellung genommen. Und wie alle Reden Dr. Strauchers fachmännisches Wissen und Sachlichkeit auszeichnen, so gilt auch die jüngste Rede des Volksvertreters in des Wortes schönstem Sinne als eine vielbeachtete, ehrliche Enunziation eines Mannes, der sich mit aller Kraft für die Exweiterung der Volksrechte einsetzt. Für uns Juden hat aber die Rede Dr. Strauchers geradezu historische Bedeutung, denn sind wir auch dem Abgeordneten Roman czuk aus vollem Herzen dankbar für das Eintreten für die n nt i o n a l e G l e i ch st e l l u n g im Reiche, so konnte es immerhin den Anschein haben, als würden die Juden selbst einer nationalen Sonderstellung abhold sein. Daß der Jude Dr. Strauche r, bereits im Besitz cinesMandates, sich vor dem ganzen Reiche als Nationaljude bekannte und es als eine verächtliche Handlung hinzustellen den Mut hatte, wenn er es unterließe, die Regierung auf die nationalen Forderungen der Juden zu verweisen — das ist das große Verdienst Dr. Strauchers! Nachdem Dr. Straucher im ersten Teile seiner Rede mit der altliberalen Partei gründliche Abrechnung hielt und gegen die Stellung des Herrenhauses zur Wahlreform in überzeugender Weise polemisierte und ferner durch Anführung von geradezu erdrückendem Zisfernmaterial den Nachweis erbrachte, wie ungerecht das jetzige Wahlgesetz größeren Teilen der Bevölkerung gegenüber ist, fuhr Dr. Straucher (nach dem stenographischen Protokolle) fort: Die vom Herrn Ministerpräsidenten nur leise angedeutete Einführung der sogenannten Wahlpflicht aber ist durchaus unannehmbar. (Zustimmung.) Die Erzwingung der Wahlpflicht ist nur möglich durch Schaffung von Strafsanktionen und da würde sich nach allen Wahlen eine Unzahl von Erhebungen, Strafaintshandlungen, Strafverhandlungen ergeben, kurzum eine namhafte Belastung der Behörden und sohin auch des Staatsetats durch eine Vermehrung der Beamten. (Zustimmung.) Und abgesehen davon, glaube ich, daß die Einführung der Wahlpflicht ein Mittel wäre zur Ausübung eines wirtschaftlichen Druckes auf die wirtschaftlich Abhängigen. Ich meine prämiiert l. Wiener Licht-Ausstellung 1900. — Telephon 12359. — Kaiseröl-Fabriksniederlage jedoch, daß es unsere Aufgabe ist, bei der Schaffung der Wahlreform darauf zu achten, daß der wirtschaftlich Schwächere von dem wirtschaftlich Stärkeren nicht erdrückt werde. Was die Frage der Seßhaftigkeit betrifft, so muß man sich mit aller Kraft und Energie dagegen sträuben, daß die in der Öffentlichkeit ventilierte fünfjährige Seßhaftigkeit oder eine der Zeit nach auch nur annähernd gleiche Frist eingeführt werde. (Zustimmung.) Es handelt sich doch um die Reforin des Wahlrechtes für das Abgeordnetenhaus, für die sogenannte Reichsvertretung, und wir dürfen nicht vergessen, daß die Abgeordneten des Reichsrates nicht von dem engherzigen Kirchturmstandpunkte eines Wahlbezirkes die Reichsinteressen zu vertreten haben. (Zustimmung.)^ Ob nun der eine in Lemberg oder in Prag wohnt, ist für die Frage der Ausübung des Wahlrechtes ganz gleichgültig. Der Wahlbewerber oder Wähler ist Staatsbürger und als solcher hat er bei der Wahl die Interessen des ganzen Staates zu vertreten. Es geht nicht an, eine fünfjährige Seßhaftigkeit zu statuieren, weil hierdurch allem Mißbrauch Tür und Tor geöffnet wird. Wenn jemand in einem Wahlbezirke 20 Jahre wohnt und er übersiedelt in einen anderen Wahlbezirk, in dem er nun schon etwa vier Jahre wohnt, so hat er das alte Wahlrecht verloren und das neue besitzt er noch nicht; hierdurch wurde einer herrschenden Partei oft die Möglichkeit geboten, diese gesetzliche Voraussetzung im praktischen Leben derart zu handhaben, daß die Seßhaftigkeit tatsächlich nur zu Schikanen, zur unbegründeten Entziehung des Wahlrechtes führen müßte. Eine sechsmonatliche Seßhaftigkeit genügt, damit richtige Wählerlisten angefertigt und die Wählerschaften in richtiges Evidenz geführt werden. (Zustimmung.) Wenn ich, hohes Haus, zum Schluffe, da ich den Ausführungen des Herrn Abgeordneten Dr. Skedl zum größten Teile zustimme, noch von meinem exzeptionellen Standpunkt einer Frage näher trete, so geschieht dies deshalb, weil ich einer starken pnd berechtigten Strömung in mehrfachen Schichten der jüdischen Bevölkerung pflichtgemäß Rechnung tragen muß. Es ist bekannt, daß derzeit in jüdischen Kreisen eine Bewegung herrscht, die dahingeht, auch die Judenschaft der nationalen Autonomie teilhaft werden zu lassen, sich im Zeichen der nationalen Autonomie und der Sozialreform zu organisieren. Die Judenschaft beansprucht sonach eine eigene nationale Vertretung im Parlament als nationalpolitische Individualität, als welche sie betrachtet werden will; die Zahl der der Judenschaft einzuräumenden Vertreter habe ihrer Volkszahl und wirtschaftlichen Kraft zu entsprechen. (Abg. Daszynski: Will man Jargongymnasien oder nicht?) Darum handelt es sich nicht; es kann auch ein Volk bestehen, welches neben seiner eigenen Schrift- und Literatursprache im Unigange, bürgerlichen Verkehr und in der Bildung die Sprache eines anderen Kulturvolkes gebraucht und dennoch eine eigene nationalpolitische Individualität besitzt. Ich verweise diesbezüglich, wie es schon der Herr Abgeordnete Romanczuk getan hat, auf die Irländer. Die Forderung ist einmal da, ebenso ist der Wunsch und das Bestreben großer jüdischer Volkskreise nicht nur in Galizien und in der Bukowina, sondern auch im Westen Oesterreichs nach einer eigenen jüdischnationaten Sondervertretung im neuen Parlamente vorhanden. Die Tatsache besteht. Der Herr Ministerpräsident hat ja ausdrücklich in seiner Enunziation hervorgehoben (lieft): „Die Regierung darf nicht die nationale Vertretung eines Volksstammes geradezu verkümmern, weil das Parlament dann nicht mehr das richtige Abbild Oesterreichs wäre und weil eine Wahlreform, die sich diesen Verhältniffen verschlösse, leicht wie eine bloße äußerliche Tünche abbröckeln würde." Die Juden bilden einen eigenen Volksstamm. Ob und in welchem Maße die von mir gekennzeichnete Richtung und Strömung berechtigt, praktisch realisierbar ist u. dgl., will ich vorläufig unerörtert lassen; ich rechne nüt der Tatsache, daß sie besteht und daß mir mehrfach nahegelegt worden ist, diese Forderungen hier zu vertreten. Und wenn die Tatsache besteht, so glaube ich, daß es eine Forderung ist, der die Regierung bei der praktischen Verwirklichung der in Aussicht gestellten Wahlreform die verdiente Beachtung schenken möge. Ich weiß, daß die Besprechung einer derartigen Frage hier im hohen Hause nickt populär ist (Zwischenrufe) oder daß sie — gelinde gesagt — nicht gerne gehört wird. Das weiß ich ganz gut. Allein die Zeiten sind ernst und die Judenschaft besorgt vielfach, daß sie von der Ceh H Blitz Wien, XX 2 Dresdnerstrasse 82 Petroleum in Kannen franko Haus nach allen Wir haben seit einigen Tagen ein seltsames Tier im Pala stuntergebracht in einem der Gewölbe. Vor fünf Jahren kaufte ein Edler von Kreta einen Sklaven. Der Sklave, ein Schwarzer aus Ligyen, hatte ein kleines Tier mit sich, sehr possierlich anzusehen, und mit einem Gesicht wie ein Mensch. Er hatte es aus Ligyen mitgebracht. Der Edle verkaufte den Sklaven bald wieder, behielt aber das Tier. Eines Tages zerfleischte das Tier das Bein des Sklaven, der für ihn sorgte. Darauf ließ der Edle einen starken Käfig bauen und das Tier hineinsperren. Das Tier wurde immer größer, jetzt ist es größer wie ein Mann und so stark wie zehn Männer." Steurakius überlegte einen Augenblick, dann meinte er weiter: „Möchtet ihr, große Majestät, das Tier euch ansehen?" „Erst deinen Plan." „Der Edle hat euch das Tier geschenkt, große Majestät, es kam vor einigen Tagen hier an. Mit dem Tiere kam derselbe Sklave, der es immer versorgt hat mit Futter. Ich macke euch den Vorschlag, den Patrizier in den Käfig des Tieres sperren zu lassen. Das übrige kommt dann von selbst." „Sehr gut, Steurakius, aber wird das Tier auch—?" „Bestimmt, große Majestät. Vielleicht nicht sofort, aber doch einmal. Das ist doch noch besser so. Und noch einen Vorschlag wollte ich machen. Sperrt doch die Judendirne auch dort hinein. Der Sklave erzählte seinem Herrn, daß diese Tiere oft Weiber rauben und sie mit in die Bäume, in ihre Wohnungen nehmen. Das wäre größere Strafe als Soldaten." „Recht, Steurakius, recht! Sie sollen büßen! Und jetzt will ich doch dieses Tier sehen." Der Sklave, der das Tier besorgte, wurde gerufen und führte sie in das Gewölbe. Als sie ankamen, hörten sie zuerst nur eine Art fürchterliches Kreischen, denn es war finster in dem Gewölbe. Als aber der Sklave die Fackel hoch hob, da sah Irene vor sich einen großen Käfig, aus dicken Eisenstäben gebaut. Und hinter diesen Eisenstäben stand ein Geschöpf, so groß wie ein Mann. Mit den Händen hatte es die Stäbe gepackt und rüttelte und schüttelte daran mit großer Macht. Dabei kreischte es gar fürchterlich. Zwei lange, spitze Zähne ragten aus seinem sehr großen Rachen hervor und viel Schaum lief heraus. Es war ein sehr kräftiges Geschöpf und sah aus wie ein Mensch, nur die Zähne waren anders und auf dem ganzen Körper hatte es Haare. Nach der Beschreibung glaube ich, Schreiber dieser Zeilen, es war ein Geschöpf, hervorgegangen aus sündflutlichem Verkehre zwischen einem Menschen und einem wilden Tiere. Der Anblick war so schrecklich, daß Irene gleich wieder davon ging. (Fortsetzung folgt.) Jakob Wassermann. Zu unserem Feuilleton von „Pfl." in Nr. 34 des „Jüdischen Volksblatt" vom 26. August 1905, „Die Juden von Zirndorf", teilt uns der Verfasser desselben noch mit: Von dem Dichter der „Juden von Zirndorf", Jakob Wassermann, erschienen bei Albert Langen (München) noch folgende Werke: Die Novellen „Schläfst du, Mutter?" und „Ruth", und die Erzählungen „Die Schaffnerin" und „Die Mächtigen", alle von Langen in dankenswerter Weise in die billige „Kleine Bibliothek Langen" eingereiht.und so den weitesten Kreisen zugänglich gemacht, schließlich die beiden Novellen „Der ungeküßte Mund" und „Hilperich", in einem Bande vereinigt. „Schläfst du, Mutter?" zeigt so recht eine hohe Eigenart des Dichters; er versteht das unbewußt fragende Sehnen einer träumenden Kinderseele warm und herzlich zu malen wie kaum einer. Was er uns da so tiefrührend vom kleinen Peter Vogelfang erzählt, gehört zum Besten, was er geschaffen; — und das will viel sagen! „Ruth" ist ein modernes Drama: Der Held starrt am Ende vor sich hin, leer, lichtlos, ohne Hoffen und Warten . . . . „Die Schaffnerin" und „Die Mächtigen" sind zwei in kühl berichtendem Tone gehaltene Schöpfungen voll innerer Glut und erschütternder Gewalt, „Der niegeküßte Mund" eine herrliche Dichtung von ganz eigenartiger, seltsamer Schönheit; als ich das Buch las, war es mir, als schritte ich durch den nächtlichen, schweigenden Wald und senkte sich der bleiche, bläuliche Schein des MondlichteS auf mich nieder . . . Dieeelben aind für Personen, welche en Magonbesshwerdea, Sodbrennen, Aufstossen eie. leiden, Soda-Pastillen. 5. niTTELDdCH Wien. I, Hoher Markt Nr. 8 UebeUetten, unentbehrlich Vermöge der Ausstattung in Psaulleu Sohachtol 10 Heller

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