Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite S Jüdisches VelksMatt Kr. 49 Seiten angegriffen. Da ließe sich eine stete Quelle deS Antisemitismus verstopfen. Mit schwerer Besorgnis sehen wir den Auflösungsprozeß, der das Judentum ergriffen hat. Assimilation! Viele von uns haben den festen Boden ihres Stammes unter den Füßen verloren und können sich doch anderen Völkern nicht anschließen; sie sind ihnen -u wesensfremd und würden auch gar nicht ausgenommen. Da ist der Boden für die Fäulnisprodukte, deren übler Grrnch die Luft erfüllt. Es ist kein Zufall, daß getaufte oder weniastens sehr assimilierte Juden in so vielen Kuminalfällen als traurige Helden erscheinen. Und man nennt dann jüdisch, was den Wurzellosen aller Völker eigen »st. Da kann nur gründliche nationale Erziehung Wandel schaffen. Und die eigene Kurie wäre ein nationales Erziehungsmittel elften Ranges. Soll ich von Rußland sprechen? Dort wird endgültig über die Zukunft unseres Volkes entschieden. Der Jüdische Arbeiterbund hat gezeigt, daß radikalste Gesinnung mit nationalem Pflichtbewußtsein wohl vereinbar ist. Sollen wir von unseren Brüdern im Osten immer nur lernen? Wir, die wir unter so viel günstigeren Verhältnissen leben, hätten doch auch die Pflicht, ihnen einmal ein Beispiel zu geben. Und es könnte entscheidend sein. Das sind nur einige Beispiele aus einer Liste, die sich beliebig erweitern ließe. Nun hat auch Dr. Strauch er im Parlament gesprochen. Mögen seine tapferen Worte ein kräftiges Echo sinden. Das jüdische Volk ist vor e»n schweres Problem gestellt. Vielleicht wird es endlich erwachen. Programm der Jüdischen Bottspartei. (Angesichts der jetzt so aktuell gewordenen Frage der nationalen Autonomie für die Juden, sei hier derjenige Teil des im Jahre 1903 ausgestellten Programmes der „Jüdischen Vvlkspartei" reproduziert, das sich auf die politische Gegenwartsarbeit bezieht.) 1. Die Jüdische Volkspartei steht auf dem Boden des jüdischen Volkstums. Die Juden sind nicht nur eine Konfessionsgemeinschast, sondern durch ihre Abstammung, ihre tausendjährige Geschichte, ihre Kultur, die zur Kulturquelle vieler Völker geworden ist, und vor allem durch ihr eigenes Gefühl eine Nation. Die Jüdische Volkspartei bekämpft die unter dem Schlag- Worte des Fortschrittes gepredigte Assimilation, in dem Bestreben, das geistige Erbe unserer Vorfahren, das sie unter unsäglichen Leiden uns überliefert haben, unverkümmert auf die Nachfahren kommen zu lassen, zumal schon jetzt ausstechen, und das würde die Erfüllung des Fluches sein. Angst. Zorn, Wut und Nachsucht müssen in ihrer Seele gewesen sein, denn sonst hätte sie nicht gehandelt, wie sie es getan. Neun von den zehn Mann schickte sie in Verbannung. Den zehnten aber, Bubas, den Anführer, hieß si eim Palast bleiben, und wenn die Sonne wieder aufgegangen, dann sollte er zu ihr kommen mit einem ausführbaren Plan, lvie man Leo zurückbringen könne. Würde er einen solchen Plan nicht gefunden haben, dann solle er mit dem Kopfe dafür büßen. Dann stellte sic iljm alle ihre Spione zur Verfügung, die ihn gleichzeitig bewachen mußten. Und immer wieder gab sie neue grausame Befehle. Immer mehr Gegepeitscht. Und darum herrschte Zittern und Betreue wurden verbannt, immer mehr Sklaven bei im Palaste zu Byzanz. In einem unterirdischen Gewölbe des Palastes hatten sich über 100 Männer versammelt. Es waren Spione der Stadt, eiligst zusammengerufen, um zu beratschlagen. Daß Leo eine Jüdin liebte und wer diese Jüdin war, wußten die Spione schon lange. Es galt nun, dieser Jüdin habhaft zu werden, durch sie würde man Leos Aufenthalt entdecken, vielleicht ihn auch zur Rückkehr nach Byzanz bewegen können. Jetzt galt es aufzufinden, was aus der Jüdin geworden. Im Zirkus war sie nicht geblieben, verschiedene der Seute hatten dort jeden einzelnen Körper untersucht, ein solches Gesicht Ware ihnen bestimmt ausgefallen. In ihre Wohnung war sie auch nicht zurückgekehrt. Also nahm der ••»ol Vawhbarl rdioh»! der Mißerfolg und die völlige Aussichtslosigkeit der Ässtmilationsbestrebilngen konstatiert werden kann. Die Jüdische Volkspartci erstrebt die Hebung der kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Lage der Inden. 2. Die Jüdische Volkspartei erstrebt insbesondere die Verwirklichung sowohl eines wirtschaftlichen alS auch politischen GegerttoartSprogranimeS in Oesterreich: sie läßt sich hierbei von dem Gesichtspunkte leiten, daß ohne politische Betätigung eine Minoritätsnation innerhalb eines gemischtsprachigen Staates von selbst zu einem nebensächlichen Faktor wird. Der bisherige Kampf wurde mn die Gleichberechtigung der Juden als Staatsbürger geführt, nicht aber mn die Gleichberechtigung des jüdischen Volkes. Wir folgen dem Beispiele anderer Völker in Oesterreich, die nicht nur von der Gleichberechtigung, sondern auch von der Gleichwertigkeit ihrer Nation sprechen. Zur Erledigung ihrer gemeinsamen, über die Kultusinteressen hinausgehenden Angelegenheiten und zu ihrem Schutze bedürfen die Juden einer gesetzlich anerkannten Organisation; diese wird von uns in der Durchführung der Forderung der nationalen Autonomie erblickt, wie sie die modernen nationalen Parteien in Oesterreich bereits anstrebcn. Diesen Forderungen muß sich auch das jüdische Volk anschließen und cs wird den Organisationen der einzelnen Länder Oesterreichs überlassen werden müssen, welche Art und Form sie für die Erreichung ihres Zweckes geltend machen wollen. 3. Die Jüdische Volkspartei ist ihrem Wesen nach nationalsozial. Sie tritt nicht ein für chauvinistische Volkserrcgungen, sondern für einen geläuterten, verfeinerten und gereifteren Nationalismus, der alle positiven Kulturerrungcnschaften der europäischen Nationen dem eigenen Volke zugute kommen lassen will. Insbesondere in der sozialen Wirksamkeit für die Hebung der leidenden unteren Volksschichten sieht die Jüdische Volkspartei einen wesentlichen Bestandteil ihres nationalen Programmes. 4. Von diesen Grundsätzen ausgehend, stellt die Jüdische Volkspartei folgende Forderungen auf: 1. Pflege der kulturellnationalen Bestrebungen, Ausbau der Kultusgemeinden auf demokratischer Basis. 2. Moderne nationale Erziehung der Jugend, Begründung rmd Propagierung nationaler jüdischer Schulvereine, Gründung von Volksbibliothekcn, Lesehallen, Pflege der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte und Literatur und Förderung aller auf Kultivierung eines „lebendigen" Judentums gerichteten Bestrebungen; Gründung von jüdischen Gesangs-, Turn- und Sportvereinen. Kommandant jeden Mann einzeln vor und fragte ihn aus. Niemand mußte etwas. Nun holte er die Liste der Freunde Leos hervor und nannte jedem Mann einen Namen. Die Spione entfernten sich, um die Sklaven auszufragen. Nach einer Stunde kamen sie zurück. Einer hatte Erfolg gehabt. Er wußte, daß der Patrizier- Theodor Moreas seit dem Zirkustage eine schöne Jüdin in seinem Hause versteckt hielt. Nach der Beschreibung war es zweifellos Rachel. Eine halbe Stunde später waren Soldaten auf dem Wege zum Hause des Moreas, mit der Weisung, Moreas und die llüdin unauffällig gefangen zu nehmen und lebend nach dem Palaste zu bringen. Als die Kaiserin an: nächsten Morgen den Vubas zu sich kommen ließ, da hatte dieser seinen Plan fertig. Er erzählte Irene von Rachel, Leos Geliebte, und wie sie wahrscheinlich wüßte, wo Leo sich aufhält. Auch Moreas, der Patrizier, Leos Freund, bei dem sich die Rachel verborgen hatte, wisse sicher Leos Aufenthalt und Ziel. Wenn man nun die beiden zwingen könnte, Leo handschriftlich zu bitten, sofort zurückzukehren, da sonst ihr Leben verwirkt sei, so würde Leo gewiß nach Byzanz zurückkehren. Er habe daher Moreas und Rachel schon gestern gefangen nehmen lassen, sie seien jetzt im Palaste. „Dieser Plan hat dir das Leben gerettet," sagte Irene. „Jetzt geh und sende diese Beiden zu mir." Der Patrizier hatte den Grund der Der- Pollenz p*«*-“ 3. Verwirklichung der Gleichberechtigung mit den anderen Völkern innerhalb Oesterreichs. 4. Allgemeines direktes W a h l r e ch t mit M i n o r i t ä t s v ert r e t u n g. 6. Unterstützung der genossenschaftlichen Betätigung sowohl des jüdischen Mittelstandes als auch des jüdischen Proletariats, Förderung der ländlichen Siedelungsgenossenschaften. 6. Errichtung eines Arbeitsamtes mit der Aufgabe: a) durch statistische Erhebungen diejenigen Erwerbszweige, in denen Ueberfüllung herrscht, als auch diejenigen, in denen Mangel an Arbeitern besteht, in Evidenz zu halten und den jüdischen Arbeitsmarkt in dieser Richtung zu beeinflussen; b) die Arbeitsvermittlung, die Versicherung der jiidischen Arbeiter gegen Alter, Krankheit, Invalidität sowie gegen Arbeitslosigkeit zu zentralisieren. Speziell für die jüdischen Gewerbetreibenden streben!vir an: 1. Ausbildung und Vervollkommnung des Lchrlingswescns. 2. Größere kaufmännische Ausbildung der jüdischen Gewerbetreibenden. 3. Unterstützung der jüdischen Handwerker durch alle Klassen der jüdischen Bevölkerung. 4. Gründung und Ausbildung von Genossenschaftsbanken und Kreditinstituten nach dem Muster des in Wien gegründeten Kreditinstitutes für jüdische Gewerbetreibende und Beamte. Speziell für Galizien und Bukow i na stellen wir folgendes Programm auf: Eine bleibende Besserung der materiellen Lage der Juden in Galizien und Bukowina kann nur durch eine gleichzeitige Hebung der wirtschaftlichen Lage des gesamten Landes erfolgen. Die früher erwähnten Bestrebungen genügen nicht, um das unter den Juden bestehende ungeheure Elend zu bannen. Durch das fortwährende Nachrücken von Armen aus diesen Ländern werden auch alle Wohlfahrtsbestrebllngen im Westen vereitelt. Die Jüdische Volks- Partei wird daher eine Reichsaktion zur Industrialisierung Galiziens und der Bukowina, die ja auch im Interesse des gesamten Oesterreich liegt, allen Kreisen klarzmnachen suchen. 5. Die Jüdische Volkspartei faßt zunächst die wirtschaftlichen und politischen Interessen der Stammesgenossen Oesterreichs ins Auge, indem sie an der Erhaltung unb Konsolidierung dieser Monarchie das größte Interesse hat'. Zugleich aber enthält ihr national-kulturelles Programm Bestimmungen, die das gesamte Judentum berühren. Häftling geahnt und seine Ahnung der Rachel mitgeteilt. Diese wußte nicht, wo Leo weilte, und als der Patrizier ihr es sagen wollte, da bat sie ihn, zll schweigen. Sie wollte nicht in die Versuchung kommen, ihren Geliebten zu verratelr, selbst wenn es sich um ihr Leben handelte. Da hat der Patrizier das Judenmädchen auf die Stirne geküßt zlim Zeichen der Ehrfurcht und hat auch seinerseits Schweigen gelobt. Als die beiden nach einiger Zeit wieder weggeführt wurden von Irene, da waren sie so weiß wie Leichen. Irene aber schrie in schrecklicher Wut nach Steurakius, dem Eunuchen. Man holte ihn herbei. „Steurakius, du nnlßt mir einen guten Rat erteilell," rief sie ihm entgegen, als er eintrat. Und sie erzählte ihm alles ausführlich. „Und nichts habe ich von ihnen erfahren können, nichts," schrie sie. „Sie wissen nicht, wo Leo ist, sagte sie, die Lügner. Keine Besprechungen nützten mir und keine Drohungen. Sie wagten es, nur zll trotzen, mir, der Kaiserin von Byzailz. Aber sie sollen es büßen, Steurakiusl Die Judendirne schenke ich den Palastsoldaten. Was aber ist Strafe genug für einen Patrizier, der seiner Kaiserin nicht gehorcht?" „Große Majestät," erwiderte Steurakius. „Moreas ist ein Patrizier und ein Edler des Landes, den man so öffentlich nicht bestrafen kann, ohne daß die anderen murren. Doch im geheimen wüßte ich eine gar schöne Strafe." „So nennt sie mir."