Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1905-12-08 · 49 (8.12.1905) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2432763-2433077-2433126--3282-2437226
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wisches Mslilall Redaktion: ix/i, Wafagasse 81. Telephon Nr. 1478». Lprechstunden: An Wochentagen von bi« 8 Uhr nach«. 4-ostadresie: JtidtscheS VolkSblatt. «Lien. 1X|I. B«tCfcW<r4«tt wegen verspäieier oder gor nicht erfolater Zustellung erb inen wir «ns dringend. — Manurleripte werSen nied» ru'Scdge»te»t. Postlparkaffen-Konto 84703>. In dar Abonnement kann mau täglich eintreren. Erscheint jeden Freitag. EjgeMmr und KkNUiLgrbrr: Ialrod Kra«sz. Inserate übernehmen di« firmen: M. vukes Nachf., lsaasenstein tc Vogler, Ruöolf Mosse, Ul. pozsonyi, kl. Lchalek in Wien, ferner all« Annoncen« Expeditionen im Ausland«. Einzel - Nvuirrrer in Wien 3V Heller. Administration: IX/l, Wafagaste 31. Telephon Nr. 1478». Abonnement - > Preis Für Wien u. Oesterreich- Nugarn f. Fronkozustrllung: Ganzjährig . . . . K 18.— aibjähiig . . . .K 6.— ierteljädrig . . . K ».— FürdaS gesamteAuSl, d iamt grankozustellun < Ganzjährig . . .Kl ffl Halbjährig . . . K 0.3» Vierteljährig . . . K » 48 Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entqeciengenonlmen »verden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, 13, Ctefaniestraße 12; Robert Weiß, Wien, l. Jakobergnsse 7. Kr. 49. Wie«, 8. Dezember 1905 (10. Kisiev 5666). ViL Jahrgang. Etwas vom Wahlrecht. R. Wahlrechtsdebatte 1 Im bohen Hause wird die Diskussion über die Erklärung deS Ministerpräsidenten fortgesponnen. Kein sonderlich hoheS Niveau. Die alten Phrasen, die in unzähligen Leitartikeln und Versammlungen schon blS zum Ueberdrusse wiederholt worden sind. Und die Unaufmerksamkeit des HauseS entspricht den Leistungen der Redner. Bik einer aufsteht, der neue Gedanken erfaßt hat, der den Mut hat, sie offen zu künden. Abgeordneter Romanczuk war es, der sich so kühn über die ungeschrieben« Geschäftsordnung hinwrggesetzt hat. Zwei Poftulate stellt er auf: Vornahme der Wahl nach nationalen Kurien und Anerkennung der Juden als eigene Nationalität mit eigener Kurie. Ersterer Gedanke ist auch im Abgeordnetenhaus? schon berührt worden. Es ist die sinngemäße Anwendung der nationalen Autonomie auf die Wahlen. Und seit disie Forderung zuerst von unserer Seite ausgestellt wurde, hat sie so weile Kreise erfaßt, daß an ihrem endlichen Siege nicht zu zweifeln ist. In Mähren ist schon der Anfang gemacht worden. Aber die Anerkennung der Juden als gleichberechtigte Nation, die auch Anspruch auf Autonomie und politische Vertretung hat! Da muß die Frag« des jüdischen Volkstums aufgeworfen werden, an der die Politiker sonst schon vorüberschleichen. Und man kann es ihnen nicht einnial verargen. Man kommt da so leicht in den Ruf, Antisemit oder Philosemit oder beides zugleich zu sein. Und von de« Juden ist wenig Dank zu erwarten. Ja, die Juden! Wo ist es erhört, daß man über ein Volk ohne das Volk entscheidet? Aber die Juden haben sich so lange von ihren Führern unter den vrrschisdsnftrn Begründungen einreden lassen, daß sie am besten tun. i« allen politischen Fragen, die sie betreffen, zu schweigen, daß sie heute den großen Problemen, die das allgemeine Wahlrecht mit sich bringt, in kläglicher Hilflosigkeit gegenöbersteheu. Selbst die Vorfragen sind noch nicht entschieden, ja die große Masse hat «och nicht einmal Stellung zu ihnen genommen. Die erste Vorfrage lauter: .Sind wir ein Volk?" Diese Frage ist in den letzte» auderthatb Jahrzehnten von de« kleinen Kreisen, die sich dafür inteiessierten, so gründlich klargestöllt worden, daß kein vernünftiger und unUrrichtelsr Mensch an unserem selbständigem Volkstum mehr zweifeln kann. Dl's offenen Gegner dritte« denn auch nicht all^'.r zahlreich ssru: senile Assimilanlen, die noch an der Auffassung von an;u) dazumal Fsthalleu, und etwelche Spießbürger in de« kleineren Orten, für die es eins Eyrenpflicht zu sein scheint, bei jedem Fortschritt den Nachtrab zu bilde«. Doch ihre Anzahl ist gerirrg. Ader erdrückend groß ist die Anzahl jr»er Indifferente», die sich mit der Frag« noch nicht befaßt habeu, deneu sie gleichgültig ist. Ihr Streben ist dis individuelle Gleichberechtigung und sie begreifen nicht, daß der einzelne seinen Mitbürgern nicht gleichberechtigt sein kann, wenn sein Volk nicht dsn anders« Völker« des Reiches gleichgestellt ist, daß der Jude nicht gleiche Rechte haben kaum, solange daS jüdische Volkstum nicht jene Rechts besitzt, dis den deutsche», böhmischen, polnischen und de« anderen Völkern eigen find. Ohne nationale Rechte wird die staatSgrundgesetzlich gewährleistet« Gleichberechtigung ewig nur ei» toter Buchstabe bleiben. Solche Rechte werden aber nicht geschenkt, sie müssen erkämpft werden. Dazu bietet die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes den Anlaß. Welche praktischen, positiven Erfolge hätte» wir von der Errichtung einer jüdischen Kurie zu erwarten? Zunächst eine wirkliche jüdische Vertretung. Heute gibt es Abgeordnete, die Juden sind, aber mit einer Ausnahme — keine jüdischen Abgeordneten. Sie können es auch nicht sein, da sie auf ihre andersgläubigen Wähler Rücksicht zu nehmen haben. Ein einziger Abgeordneter, der unsere Jutexessen rückhaltlos vertritt, ist mehr wert als ein Dutzend Kompromißler. Dr. S t r a u ch e r S mannhaftes Auftreten in der Wahlrechtsdebatte hat es bewiesen. Und da die Zahl der Mandate auch nach der Steuerlsistung berechnet werden soll, bekämen wir Vertreter genug, um einen kleinen Klub bilden zu können. An Arbeit würde eS ihm nicht fehlen. Ferner würde einerderschlimmstenReibungspunkte beseitigt werde». Wenn beute Juden im nationalen Kampfe für eine Partei stimmen, sieht die andere in ihnen nicht die Parteigegner, sondern eben nur den Juden und gegen sie richtet sich der ganze Haß. Enthalten sie sich aber der Wahl, so werden sie von beide^ i Feuilleton. Die gefundene Handschrift. Eine wahre Grschichte von Oskar T. S ch iv e r i u e r. XIV. „Morgen müssen wir so wie so die Lesung aussetzen, da Sabbat ist", sagte Joseph. „Das wird genügen." Das Gehörte hatte einen tiefen Eindruck auf alle gemacht, jeder hillg seinen Gedanken nach. Zum Besprechen waren alle zu abgespainlt, auch war es bereits Heller Morgen. So verabschiedete man sich also tind ging zu Bett. Zwei Tage später wurde die Lesung wie üblich lvieder anfgenommen. Schon nachmittags wurde begonnen, denn Joseph fühlte sich lvieder ganz Wohl und die Ungeduld war aufs höchste gestiegen. Und mit lvenigen Unterbrechungen, während deren etlvas genossen lvurde, diktierte Joseph lvie folgt: „Kaiserin Irene war berühmt lvcgen ihrer großen Schönheit. Sie lvar so unbeschreiblich schön, daß sie alle Männerherzen betören konnte; daß jeder Mann, der in ihre Nähe kam, ihr untertänig und zu Willen lvar. Alle die Feldherren von Byzanz wllßten, daß sie eigentlich Konstantin dem Sechsten, ihren: Kaiser, zu gehorchen hatten und so mailcher unter ihnen war aus seiner Provinz gekommen, um sich seinem Herrn zu Diensten zu stellen. Aber Welt» sie dann mit Irene zusannucnkamen, dann sanken sie ihr zu Füßen und beteten sie an. lind da Irene ebenso klug wie schön war, verstand sie ihre Schönheit anszunützen. Sie ließ bald diesen Feldherrn, bald jenen Staatsmann hoffen, sein Liebeswerben lverde erhört lverden und spielte dann einen gegen den andern ans. Einst kam Kaiser Karl der Große nach Byzanz, um Konstantin dem Sechsten zu seinem Rechte zu verhelfen. Kaum hatte er Irene gesehen, als er auch schon vergessen hatte, weshalb er gekommen lvar und Irene heirateil lvollte. 'sie machte es mit ihm, wie mit ihren Feldherren, versprach es und verschaffte sich viele Vorteile. Aber geheiratet hat sie ihn nicht. Und so geschah es, daß Irene regieren konnte als Kaiserin von Byzanz, während der wirkliche Kaiser, ihr Sohn, fast wie ein Gefangener gehalteil wurde, oblvohl das ganze Volk und die meisten Patrizier ihm zugKan lvaren. Im Palaste zu Byzanz herrschte Zittern und Beben. Der Allsgang der Zirkusspiele hatte die Kaiserin in eine maßlose Wut versetzt. Wegen geringer Vergehen ließ sie Sklaven zu Tode peitschen. Einen .Kapitän der Stadtsoldaten, der angefragt hatte, ob man die geflüchteten Juden verfolgen oder lvieder einfangen sollte, ließ sie in die Verbannung schicken. Immer mußte sie an Neschnschta denken, die sie für eine jüdische Hexe hielt lind an ihren Fluch. Und dann die Eule! Sie zitterte und wurde bleich, wenn sie daran dachte. Wie gern hätte sie die Inden büßen lassen für das, was Neschnschta getan, wie gern sie wieder eillfangen und jetzt erst recht martern lassen. Aber der Fluch und die Eule hielten sie davon ab. Sie fürchtete sich. Es schien ihr, die Juden verfügten über Zaubermittel. Hatten^ sie doch Magier. An einem Fluch und einer Eule hatte sie schon genug. Vielleicht ließ sich der Fluch noch ablvenden, wenn man die Inden in Ruhe ließe. Und zum Erstaunen ihrer Umgebung gab sie den Befehl, keinen Juden zu belästigen, bei Todesstrafe. Nachdem sie den Befehl erteilt, war sie noch wütender als zuvor. Jetzt haßte sie die Juden. Aber den Befehl zurückzuziehen lvagte sie nicht. Und nun kamen auch noch die zehn übrig gebliebenen Getreuen, die dem Leo, als Kaufleute verkleidet, nachgeschlichen waren und berichteten von dem Fehlschlagen ihrer Mission. Sie berichteten, wie sich Leo gewehrt habe, als wenn er mit dem Teufel im Bunde wäre, und lvie er sieben niedergehauen, ehe er gefesselt werden konnte. Und als man ihn schon soweit batte, da seien fremde Soldaten gekommen und haben ihn fortgeführt — wohin konnten die Leilte nicht sagen. Das alles könne nicht mit richtigen Dingen zugegangen sein, sie glaubten, er sei mit dem Teufel im Bunde. Und sie machten das Zeichen des Kreuzes. Wenn es Irene auch nicht sagte, so meine doch ich, Schreiber dieser Zeilen, daß sie es gleichfalls glaubte. Dies schien ihr die erste Wirkung des Fluches, daß 17 Mann nicht imstande gelvesen lvaren, einen Mann zu böztvingen. Und nun würde Leo Hilfe finden und zurückkehren an der Spitze eines großen Heeres und Rache üben, sie bezwingen, verdrängen, Konstalltin auf den Thron setzen, ihr die Augen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.