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Jüdisches Volksblatt · 1905-12-01 · 48 (1.12.1905) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 48 Ausdrucke zurückhielt und ihnen die Tatsachen selbst in ihrer grausen Tragik vor Augen führte. Er zeigte zuerst durch einen Ueberblick über die Geschichte der russischen Juden, daß die Massakers, die sich in der letzten Zeit immer inehr häufen, systematisch von der russischen Negierung organisiert werden, die damit zweierlei Zwecke verfolgt. Erstens will sie die Juden physisch und moralisch zugrunde richten, mit sie für das russische Volk unschädlich zu machen, und zweitens leiter sie die Mißstimmung des Volkes oder einzelner Klassen gegen einzelne politische Maßnahmen der Negierung durch die Ursachen auf das jüdische Volk ab. So war es in den achtziger Jahren nach dem Attentat auf Alexander Ik., so kam es zu Kischenew und Hornel, als unter Plehrve die revolntionäre Bewegung anwuchs. Diese systematischen Hetzen der Regierung riefen unter den Juden Reaktionen hervor. Schon ch: den''achtziger Jahren wurden die ersten Selbstwehrorganisationen gegründet, die aber wieder in Vergessenheit gerieten. Dann kam die Bewegung des „Bund", der Chowewe- Zionismus . und der politische Zionismus. Da bracher: unerwartet die letzten blutigen Greuel Heren: und zeigten der: russischer: Juden plötzlich in grellem Lichte ihre wahre Lage und ihre wahrer: Freunde. Keine Hand rührte sich zu ihrer Hilfe; selbst die russischen Sozialisten verhielten sich der Selbstwehr gegenüber passiv und erließen erst eirüge Tage nachher flammende Proteste. Doch auch iu Europa blieb es still. Was tat die freisinnige deutsche Jntetliger:z, was die Presse aller Länder, um der: 'fanatischen Volkshaufen in der: Arm zu fallen? Die russische:: Juden müssen erkennen, daß sie ganz auf sich allein angewiesen sind. Zweierlei haben sie in Zukunft zu erstreben: die feste Organisation der Selbstwehr und die Erlangung der gesetzlichen Gleichberechtigung. Die letztere kann nur erreicht werden durch den Sturz des Absolutismus. Die Westjuden haben eine mächtige Waffe in der Hand, durch die sie ihren russischen Brüdern helfen können: die russischen Staatspapiere, die meist in jüdischem Besitze sind. Dadurch, daß kein Jude mehr russische Werte kauft, ist es inöglich, einen gewaltigen Druck auf die Regierung des Zaren auszuüben und sie eventuell zum Rückgänge zu bringen. Aber auch mit der gesetzlichen Gleichstellung der Juden wird der Antisemitismus in Rußland nicht aus der Welt geschafft werden; denn das Land zählt heute fünf Prozent Juden, die, da sie meist den verhaßten Zwischenhandel betreiben, auch weiterhin stark auffallen werden und bei Käufern und Verkäufern gleich unbeliebt sein werden. Aus diesen Verhältnissen deduzierte nun der Referent in ausgezeichneter Weise die Notwendigkeit des Zionismus für die russischen Juden auch in Zukunft. Nach den: Referate, das nüt lebhaftem Beifall ausgenommen wurde, wurde eine Resolution beschlossen, in welcher gegen die russischen Greucltaten protestiert und die Forderung nach internationaler Regelung der Judenfrage aufgestellt wird. 1. Der jüdische Gemeindctag. Hauptsächlich, um die Regierungsvorlagen zu erörtern, fand nach mehreren Dezennien zum erstenmal wieder eiüe Zusammenkunft der Kultnsgemeinderepräsentanten Kroatieu^Llaw'onieus in der Hauptstadt Agram statt. Beinahe alle Gemeinden waren vertreten. Wir vermissen unter den Erschienenen die Vertreter der B rode r, der R um a e r und der A g r a m e r orthodoxen Mlltusgemeinden. Tie Agramer orthodoxe Gemeinde ist bedauerlicherweise überhaupt nicht eingeladen worden und so wird die auch so schon bestehende Disharmonie noch verschärft. Den Vorsitz führte der Agramer Vorstand, Herr Gemeinderat L i e b e n s ch e i n. Das Zieserat hatte der Essegaer 'Vorstand Dr. L p i tz e r und der Vizepräses der Agramer Gemeinde, Advokat Dr. G o l d m a n n übernommen. Dr. Spitzer betont, da st die Versammlung nur den Zweck habe, auf die Mängel der Vorlagen aufmerksam zu machen, nachdem die Regierung bcdanerlicherweise die Gemeinden nicht vorher besragt hatte. Zn 8 14 der Vorlage bemerkt er, daß er die Nichtgleichberechtignng der Juden mit den anderen Konfessionen enthalte, da er den Nebertritt zur jüdischen Konfession nicht gestattet. Ten Juden seien die Proselyten keineswegs erwünscht, doch müssen sie Gleichberechtigung fordern. Redner bemängelt es, daß den anderen Konfessionen ein Beitrag ans Landesmitteln zngeiviesen sei, den Juden aber nicht, ferner, daß die Aufsicht über die Verhältnisse der jüdischen Gemeinden den Lvkalbehörden überlassen sei, während über die griechisch-orientalischen und protestantischen Gemeinden der Banns selbst die Aufsicht habe. Rabbiner Dr. Jnlije D i a m a n i-Vnkovar weist darauf hin, daß bereits mit Verordnung vom 4. April 1884 der in Wien vom Christentum zum Judentum stattgefundene Nebertritt in Kroatien gültig sei. Auf eine im Landtage gestellte Interpellation wurde vom Kultnschef Voneina erklärt, daß in einem zi: schaffenden Gesetze der Nebertritt zum Jndentnm gestattet werden wird. Rabbiner Dr. Ungar-Essegg betont, daß nach Paragraph 30 des interkonfessionellen Gesetzentwurfes alle früheren widersprechenden Gesetze und Verordnungen außer .«rast treten. Daher wird also die Gleichberechtigung der Inden aufgehoben werden. Wir Juden brauchen keine Proselyten, aber wir müssen die Möglichkeit dazu haben. Rabbiner N e u m ann - Viakvvee erklärt, daß mit der Verfügung des neuen Gesetzes kein Uebertritt zun: Judentum gestattet sei, darin liege ein Schutz des jüdischen Volkes gegen eventuelle Verfolgungen. Darum möge der Paragraph 18 mit der Begründung unverändert bleiben. Rabbiner Winter und Makso Steiner wünschen unbedingte Aendernng der Bestimmung, damit die jüdische Religion nicht als minderwertig erscheine. Oberrabbiner Dr. Hosea I a c o b i - Agc am betonte ebenfalls, daß die jüdische Religion Prvfelyten nicht begünstige, aber unwichtig ist die Frage nicht; denn viele treten heute ans dem Judentum ans, weil die Heiraten mit Christen nicht gestattet seien, sowie wegen Schwierigkeiten bei der Kindererziehnng. Wir Inden haben diese Frage nicht ans das Tapet gebracht; aber jetzt Müssen wir Stellung nehmen. Sind nur gleichberechtigt, so darf man uns nicht mit „nationalen Vorurteilen" kommen und darum fordern wir volle Durchführung der Gleichberechtigung auch im Paragraph 18 des interkonfessionellen Gesetzes, lLebhafter Beifall.) Marev Bind e r schließt sich dem Vorredner an, und schlägt eine Resolution vor, daß die Juden Kroatiens die Regelung der interkonfessionellen Verhält:: iss begrüßen, aber entschieden gegen die Ungerechtigkeit des Paragraphen 14 Stellung nehmen. Mavrv B i n d e r schließt sich dem Vorredner an, daß das Judentum, das ja an demselben Gott glaubt und dieselben zehn Gebote befolge, nicht gleichberechtigt fei'? Er wisse, daß dagegen das kroatische Volk nichts einzmvenden habe. Rabbiner D'r. Marge! sagt, man müßte eventuell gleiche Rechte fordern. Sei der Eintritt in die jüdische Religion nicht gestattet, so möge auch der Austritt ans derselben verboten sein. Adolf P lachte will den Austritt ans dem Jndentnm niemanden verwehren, aber wir müssen alle Landtagsabgevrdnet'en um Anerkennung der vollsten Gleichberechtigung der jüdischenKonfession bitten. Referent Tr. Spitzer betont, daß die jndischen Knltnsgemeinden keine Politik treiben und darum die Aendernng der betreffenden Paragraphen nicht ekiva eine Belohnung für irgend eine politisch? Haftung sei. Das sei Privatsache jedes einzelnen. Es handle sich da um den Grundsatz der Gleichberechtigung. Abznlehnen sei der Gedanke, daß jemanden der Austritt ans der jüdischen Religionsgemcinschast verboten werde. Schließlich wird die Redigiernng einer Resvlntivn im Sinne der vvrgebrachten Wünsche einem besonderen .Komitee überlassen. Das Meritum dieser Resolution habe zu sein, daß die versanrmelten Rabbiner und Vorsteher die Regelung der interkonfessionelben Verhältnisse begrüßen, aber gegen die in der Regierung des Paragraphen 11 verletzte Gleichberechtigung Stellung nehmen. Ans Antrag Dr. I a e v b i s und Dr. G v l dm a ii n s wird in der Resolution darauf hinzniveisen sein, daß die Begründung, nachdem sie die beteiligten kreise nicht früher befragt, nachträglich die heute vvrgebrachten Wünsche berücksichtige. Ag. Dr. Ljndevit S ch iv a r z referiert über die ihm von den einzelnen Knttnsg-emeinden betanntgegebenen Wünsche. Diese beziehen sich ans die Einheit der Gemeinde, die ungenügende Regelung des RabblnatSverhältnisses und der PensionSverhältiilsse der Geineindebeamten, sowie ans das Verhältnis der Knltnsgemeindeu zu den Verwaltungsbehörden. Nach dem Referate des Dir. Hugo Spitzer wird beschlossen, daß beim Paragraph 3 des interfcien nicDiTQemeOcir worden, Mädchen nnd Frauen davongeschleppt, Männer gemartert. Ter König, mit Tränen in den Augen, befahl sofort, den weisen Rat zusammenzurufen. Leo wendete sich an die Flüchtlinge: „Kennt einer von euch den Goldschmied Benjamin Benoni?" fragte er. „Sein Hans stand neben meinem," sagtö ein junger Mann. „So wißt ihr vielleicht „Ich sah ihn fallet:." „lind seine Tochter Rachels" „Gefangen." Eii:ei: Augenblick stand Leo still, bann drehte er sich um und lief zur Türe hinaus, Jbn Muffta eilte ihm nach. „Wohin, mein Freund," fragte er ruhig, als er ihn erreichte. „Wohin? Das fragst Dit? Nach Byzanz, meine Rachel rette:: oder mit ihr sterben. Wo bleibt der Sklave mit den: Pferd!?" „Willst du einem Freunde zu Gefallen sein?" „Wie das?" „Warte noch eine Stunde, ich will mit dir sprechen." „Gerade jetzt?" „Ja, wenn du mir ein wahrer Freund bist, so warte die Stunde." „Es ist schwer, sehr schwer — aber - ich warte." „Habe Dank." Eine ganze Stunde gingen die Freunde im Garten des Palastes nebeneinander auf und nieder. Jbn Muffta beschwor Leo, nicht ::ach Byzanz znrückzukehren. Es wäre sein sicherer Tod und Rachel könnte er nichts nützen. Was dort geschehet: sei, sei geschehen. Wenn sie aber noch lebe, könne er sie von Belendscher ans eher retten, als in Byzanz. „Wie bas?! Wie?!" schrie Leo. „Ich habe einen Plan, mein Freund. Laß bich aufnehmen in den Bund Abrahams, werde Jude und Ehazar. Dann verlange von deinem König Ehakan Bnlan, daß er deine Frau Rachel ans unverschuldeter Gefangenschaft in fremden: Lande befreie. Dam: wird unser gerechter König sie von Irene verlangen,' mit dem Schwerte in ber Hand, so es notig sein sollte, und wenn deine Rachel dann noch lebt, dann wirst du sie bekommen." Und noch lange redete Jbn Muffta so zu seinem Freunde Leo, bis ein Sklave kam, der sie suchte und sie bat, zum König und znin Rat der Weisen zu kommen. Biele Sttmden dauerte die Beratung. Es wurde beschlossen, Byzanz nicht sogleich mit Krieg zu überziehen, da man Geschehenes nicht ungeschehen inachen könne und nun: auch mit den tributpflichtigen Wjatitschen und Poljaren wahrscheinlich würde Krieg führet: müssen. Dagegen: sollte eine Gesandtschaft abgehen nach Byzanz mit Geschenken für Irene. Diese Gesandtschaft sollte erklären, daß die Juden von Byzanz fortan unter dein Schtltze des Chazarenkönigs Ehakan Bnlan stünden und nicht unschuldig verfolgt werden dürften. Gleichzeitig solltet: sie die Auslieferung der Rachel Benoni verlangen, die ein Untertan des Ehakan sei. Aus dieser Forderung sollte:: sie unbedingt bestehen, und wenn es hieß, daß Rachel Benoni tot sei, so sollten sie ihre Leiche verlangen. In dem Falte sollten sie keine Stunde verziehen lassen, sondern verlangen, sofort zur Leiche geführt zu werden. Und sollte Irene den Wünschen der Gesandtschaft nicht Nachkommen, dann wäre es an der Zeit, Byzanz nüt Krieg zu überziehen. Am nächsten Tage brach die Gesandtschaft, zwanzig Mann, zehn Krieger nnd zehn Gelehrte, ans nach Byzanz. Sie trugen mit sich viele kostbare Geschenke ans Gold nnd Silber nnd Edelstein und ein Bildnis des Ehakan, gemalt in Del von einen: byzantinischen Maler, der einst geweilt hatte in Belendscher. An demselben Tage wurde Leo aufgenomnien in den Bund Abrahams, „denn der verehrt keine Bilder," sagte er. Sein Freund Moses Jbn Muffta blieb mit ihm in Belendscher. Alle atmeten tief au.f, als Josef schwieg. Die Spannung auf den Gesichtern machte einem Ausdruck der Ermüdung Platz. Namentlich Josef sah sehr nütgenommen aus. Maria bemerkte es. „Sie werden mehr ruhen müssen," meinte sie. (Fortsetzung folgt.)

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