Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 48 Jüdisches Volksblatt Rechte gesichert werden, soll das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht zur Renaissance Oesterreichs führen, dann ist eine Umgestaltung unseregesamten vermorschten Parteiwesens, vor allem aber eine solche Revision der Reichsverfassung nötig, welche die politische Einheit der Gesamtmsnarchie, die politische Freiheit und materielle Wohlfahrt aller ihrer Bewohner, gewährleistet. Der Dualismus muß weiche» der nationalen Autonomie in Zis und TranS. Unbeschadet der Selbstverwaltung aller Nationen in ihre» lokalen Angelegenheiten innerhalb ihres Gebietes und speziell des Schulwesens für alle Angehörigen derselben, muß daher die Monarchie zu einem Einheitsstaats umgebaut werden, so daß nicht nur alle Nationen diesseits der Leitha sondern auch die 2 */2 Millionen Deutsche, 3 Millionen Rumänen und 6 Millionen Slawen in Ungarn, Siebenbürgen und Kroatien- Slawonien zu ihrem nationalen Rechte gelangen. Je turbulenter die magyarische Oligarchie in Ungarn sich gebärdet, je brutaler die magyarischen Chauvinisten auftreteu, um so notwendiger zeigt es sich, daß man auch in Ungarn gründlich aufräumen muß mit jenem übermütigen nationalfanatischen Klüngel, dem leider ein großer Teil der assimilatorischen Juden in Ungarn Heeresfolge leistet. Und die Frucht dieser Politik? HerrKossuth billigtdasBündnis der UvabhängigkeitZpartei mit den — — C h r i st lichs o z iale n N! Dies wie jenseits der Leitha vollzieht sich derselbe Entwicklungsprozeß vom Scheinliberalismus zum nationalen Chauvinismus und durch den Antisemitismus zum christliche» Sozialismus und Klerikalismus. Bei diesen Partei- Verhältnissen wäre der Anschluß der Juden an irgend eine parlamentarische Gruppe Selbstmord. Keine einzige vermag dem Reiche den Frieden, den Völkern die Freiheit und Wohlfahrt zu bringen, aber auch keine von ihnen gewährleistet dem jüdischen Volke seine nationale Autonomie und eine Verbesserungseinertraurigen sozialen Lage. Darum müssen die jüdischen Modernen zur Selbsthilfe schreiten und das jüdische Volk im ganzen Reiche muß sich im Zeichen der nationalen Autonomie und der radikalen Sozialreform organisieren. Eh K. Politische Wochenschau. ihnen ja für die vor unseren Augen sich abspielenden historischen Ereignisse anch tatsächlich nichts anderes übrig, als entweder stumm und geräuschlos mitzumarschieren oder sich die Köpfe Anschlägen zu lassen, wie dies in Mähren in einigen Städten tatsächlich geschehen ist. B o s k o w i tz, Austerlitz ituö Neu- Nausnitz sind die ersten Folgen des Verhaltens der Juden in den letzten zehn Jahren allen innerpolitischen Frageir gegenüber. Die Wahlreform — sowohl diejenige, die von den Sozialdemokraten gefordert, als diejenige, die von der Negierung angeboten wird — ist peinlich darauf bedacht, die Differenzen zwischen den Nationalitäten nach Tunlichkeit zu vermindern und das Recht der nationalen Minderheiten zu schützen. Wohlgemerkt, der nationalen Minderheiten! Derjenigen nationalen Minderheiten, die sich bisnun als solche gemeldet, die als solchke für ihre Rechte gekämpft haben. Die Juden aber, die sich dank der Kurzsichtigkeit ihrer Führer entweder gar nicht als Nation bekennen oder, wenn auch national gesinnt, an dem nationalen Wettstreite keinen Anteil haben wollten, sie blieben unbeachtet und unberücksichtigt und höchstens der stets zu Erzessen bereite Mob gedachte ihrer in Forin von Steinwürfen und Plünderungen. * Ohne Judenplündcrungen kann man sich heute fast gar keine politische Kundgebung mehr denken. In Wien allerdings verlief die Wahldemonstration noch glimyllüb. Es wäre auch zu drollig gewesen, wenn die von Juden geführten Demonstranten sich zrun Abschlüsse des Festes eine kleine „Judenhetz" geleistet hätten. Aber in Mähren ging das leichter, da ist inan auf die jüdischen Sozialdemokraten nicht angewiesen, da weist der Arbeiter vielleicht gar nicht, dast seine Führer Juden sind. Merkwürdigerweise waren die Behörden in den betreffenden Gegenden für die Eventualität von Ausschreitungen gar nicht vorbereitet, mtd das Demolieren und Plündern von jüdischein Gute, konnte geraume Zeit ungestört geschehen, ehe hinreichende polizeiliche Hilfe zur Stelle war. Man wird in jüdischen Kreisen gilt tutn, fid; diese Erscheinung vor Atlgeit zu halten und sich für die Zukunft darnach einrichten, denn der Ausblick in die Zukunft ist leider ein sehr d ü st e r e r. „Die Wahlreform ist auf dem Marsche". Diese Phrase liest und hört man jetzt allerorten. Sie ist auch tatsächlich auf dem Marsch und die Juden trotten — hinter ihr her. <-ie haben, wie immer, auch diesmal das Nachsehen. Nach alledem, was die österreichischen Juden gegen ihr Volkstum bisher verbrochen haben, blieb Die jttdischnationale Studentenschaft hat in den letzten Wochen wieder gezeigt, das; Manucsniut und nationales Selbstbewusttsein die einzigen Mittel sind, mit denen mau den chauvinistischen Ueberhebungen der deutschnationalen Studenten am wirkungsvollsten entgegentreten kann. Die jüdischen Studenten lvareu es auch. ... Jahrhunderts von zahlreichen deutschen Juden ansgesncht, die sich, wie die übrigen deutschen Einwanderer, iliehr im Innern der Kolonie niederliesten, in Schäsersville und Lancaster, einem Mittelpunkte des Deutschtums. Philadelphia, ioo ivir sie zuerst 1703 finden, wurde nach View Bork die stärkste Judeugemeinde, imd daß die Stadt in Fragen der jüdischen Erziehung nild Bildung immer tonangebend geblieben iü, verdankt sie den Einflüssen des deutschen Judentmns. Hier wurde 1-838 die erste jüdische Sonntagsschule gegründet, bildete sich 18-18 eine israelitische Erziehmigsgesell schasr, ivurde 1837 das erste, freilich krirzletzige jüdische College «Maimonides College» ins Dasein gerufen und später (1893) das (9 ratz College, das reichste im Lande. Anch die jüdische Ehautauguageseltschasl nahm hier ihren Anfang. Die deutsch-jüdische Einwanderung erfährt eine ausführliche Besprechung in dem 9. Hefte der Am. Jewish Hill, ^ociely <1991, durch Mar I. Köhler i» New Bork. Vor 1899 überwog die Zahl der ^ephardim, aber schoir 1829 bemerkte ein Reisc'schriftllc'ller, die Mehrzahl der amerikanischen Juden fei deutsch und englisch. Die älteste» deutsch-jüdischen Einwanderer, etwa bis zur amerikanischen Revolution, waren vielfach gebildete Männer, die sich den portugiesischen Inden wohl nur im Gottesdienst allschlossen sie waren nicht zahlreich genug zur eigenen Gemeindebilvung aber kaum in geselligeil Verkehr mit ihnen traten. Die portugiesischen Sephardim out stammten ja zum Teile sehr alten Hosfamilien, besaßen spanischen Stolz und spanische Würde, gepaart mit einer gewissen Indolenz, während die deutschen Jlideu das Merkmal der jahrhundertelangen Unterdrückung nicht jo leicht los wurden, dafür aber, so lmmanierlich ne sein mochten, eitle Tatkraft entwickelten, die sie bald zum Wohlstände führte lliid in Stellungen und Ehren brachte. In und llach den napoleonischeu Zeitläuften Ivanderteu viele tuest- und süddetitsche, namentlich bayrische Jlldell, nach Amerika aus, mid Gersiäcker tuill beobachtet haben, das; nur der kleinste Teil der deutschen Einwanderung kurz vor der Mitte des Jahrhunderts christlich gelvesen sei. Meist scheinen das arme .Handelsjuden gewesen zli sein, die von Ort zli Ort hausierten und so das Judentum and) auf dem Lande verbreiteteil. Mlt der Achtundvierziger Belvegung kam lvieder eine gebildetere Klasse, imd es siild eben die deutschen Inden der ziveiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die am meisten die religiösen Formen, den Sinn für (Gemeinnützigkeit, für Znsalumenschtust, für Teitnahnie am bürgerlichen und politischen Leben des Landes heraus gebildet haben. Franz Lieber bemerkte 1899 Btlmtschti gegellüber, die delltsch amevitani scheil Juden gewännen täglich an Einfluß,, seien reich .gebildet lind intelligent rmd läsen bessere Bücher als die anderen Deutschen. Im (Gegensätze zll den portugiesischen Inden Pflegten sie das gesellige Leben außerhalb der Synagoge und organisierten zahlreiche wohltätige, literarische und freiinanrerische Vereinigungen und Orden, wie dies ja ein gememamerikcmidie tu den letzten Tagen durch Besetzung des Hörsaales, in welchem der Rektor seine Vorlesung hielt, sowie durch tapfere Abwehr der deutschnationalen Angriffe gegen den Rektor den Beweis erbrachten, dast che in unserem Hochfchnlleben einen wichtigen Faktor bilden, auf den man rechnen kann. Leider hat man gegen diese jüdische Studentenschaft gerade von jüdischer Seite zu viel gesündigt, um aus der persönlichen Entschlossenheit dieser Stammhalter des jüdischen Volkstums and) für die politische Entwicklung des österreick'G'eil Judentums denjenigen Nutzen ziehen zu können, den sie hätte bringen können, wenn die politische Erziehung unserer akademischen Jugend nicht vernachlässigt worden wäre. * Die politische Gegcriwartsarbeit im Zionismus, wenigstens in Kreisen der österreichischen Zionisten, ist eine erfreuliche Erscheinung, über die man nicht zur Tagesordnung übergehen darf. In allen zionistischen Schichten inacht sich das Bedürfnis fühlbar, das Versäumte nachzuholen. Ob's nicht zu spät ist, heute, ohne politisch geschult und politisch organisiert zll sein, eine erfolgreiche politische Aktioll zu unternehmen, ist allerdings eine unentschiedene Frage. Jedenfalls kann von dieser Wandlung im zionistischen Lager nur dann Ersprießliches für das östereichische Judentum erwachsen, wenn der nationalpolitischen Gegenwartsarbeit zumindest eine Parität mit den Arbeiten für die Zukunft eingeräumt wird. Eine antisemitische Partei in Ungarn ist die jüngste Errungenschaft der Koalition. Nicht mehr verbrämt durch irgend einen Anstandstitel, sondern ganz klipp und klar „christlichsozial-ailtisemitisch" nennt sich die neue Partei, die zuerst in Steina m äuge r, in dem Komitate Kolomcm voll Szells, in die Oessentlichkeit getreten ist. Interessant all der ganzen Sache ist, dast ein Führer dieser neuen Partei, ein gewisser Alexander G o t t h a r d, zun: Präsidenten der K o s s u t h - P a r t e i von Steinarnanger gewählt wurde. Als nun einige Mitglieder der Kossuth-Partei aus dieser Partei scheiden wollten, weil sie es mit dein freisinnigen Programme der Achtundvierziger für unvereinbar hielten, dast ihr Präsident »'■ offen als Christlichsozialer bekenne, lvie dies Herr G o t t h a r d in seiner Antrittsrede g et a n, richtete Franz Kossuth an diese naiven Leute folgendes Telegramm: „Mit Rücksicht darauf, das; Gotthard die Grundsätze unserer Partei anerkennt, sehe sch keinen Grmld dafür, dast er seine Stelle niederlege, ich bitte ihn vielmehr, daß er zlir Vermeidung von neuerlichen Verlvicklungen auf seinem Platze bleibe. Die scher und insonderheit ein deutsch-amerikanischer Zug ist. B'uai B'rith, der älteste und hervorragendste dieser Geheimorden der amerikanischen Juden, wurde voil Amerika aus ilach Europa und unter anderem nach Deutschland verpflanzt. Wir werden noch auf die Besonderheiten des amerikanischen Judeillllms zurückfommen, die llach Köhler die Taten der deutschen Juden sind, philanthropische, erzieherische, gesellige, religiöse nnb selbst wissenschaftliche Bestrebungen. Die Inden, selber heben gerne die philanthropischen hervor, die geradezu das Ideal des amerikanischen Judentllius gelvorden seien, worin die Juden von keiner anderen Nationalität übertroffen oder erreicht würden. Osteuropäische, zunächst polnische Jlldeil brachte schon die erste Teilung Polens llach Amerika. Die erste rnssisch-jüdische Gemeinde ivurde aber erst 1892 in New Rock gegründet. DaS russische Jndentum ist bekanntlich die Hochburg der Orthodoxie, und es kann deshalb nicht auffalleu, das; diese älteste russisch-jüdische Synagoge 1879 den Anstoß zmn Zusammenschlüsse der strenggläubigen (Gemeinden Amerikas gab; im Jahre 1889 gelang dies durch die Wahl eines orthodoxen Oberrabbiners, I. Joseph aus Wilna. Wie die große russisch-jüdische Völkerwanderung seit 1882 das amerikanische Judentum mit Erfolg national beeinflußte, und lvie sie ein Problein von ganz hervorragender jüdischer, ja nationalamerikanischer Bedentling schuf, ist später darzustellen. Die ruinällischeu