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Jüdisches Volksblatt · 1905-12-01 · 48 (1.12.1905) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wenn dem zisleithanischen Parlamente und dem ungarischen Reichstage Regierungsvorlagen, daS allgemeine, gleiche, direkte Wahlrecht betreffend, demnächst unterbreitet werden, wenn in allen Landstliben der Monarchie bis hinab nach Agram derselbe Ruf nach Wahlresorm ertönt und endlich der Ausgleich zwischen Deutschen und Tschechen auf Grund der nationalen Autonomie im mährischen Landtage perfekt wurde, so sind dies sichtbare Zeichen, daß man endlich in Oesterreich die alten ausgefahrenen Geleise verläßt. Und nur die Juden allein sollten die neue Zeit nicht verstehen, sie allein sollten es nicht begreifen, daß im neuen Oesterreich auch eine neue jüdische Politik inauguriert werden müsse? Sprechen nicht die Ereignisse in Mähren, wo ohne und über die Juden hinweg Frieden zwischen Deutschen und Tschechen geschlossen wurde und neuerlich Judenexzesfe aus Boskowrtz und Austerlitz gemeldet werden, deutlich und vernehmbar dafür, daß die Juden Mährens und ganz Oesterreichs sich organisieren, laut und feierlich ihr Recht auf freie Entfaltung ihrer nationalen Individualität fordern und Protest dagegen erheben;! müssen, doß in dem Oesterreich, welches auf s Grund des allgemeinen, gleichen und direkten j Wahlrechtes u .d aus Basis der nationalen Autonomie neu aufgebaut werden soll, über ein; ganzes Volk, über das jüdische, zur Tages-! ordnung übergegangen werde.! Dies ist geschehen durch die Annahme! jener Ausgleichsvorlagen im mährischen Landj lag , durch welche das jüdische Volk in Mähren S teilweise dem deutschen, teilweise dem tschechij scheu Besitzstand einverleibt wurde. Glück- I licherweise ist die Wahlordnung in Mähren j nicht für ewige Zeilen, denn wir können nicht? glauben, daß neben einem auf Basis des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes aufgebauten Parlament -ock die Dauer Landstuben, die Interessenvertretungen und noch dazu einseitige Interessenvertretungen sind, weiter bestehen können. Wenn Ministerpräsident Freiherr von Gautsch in seiner Rede über die Wahlreform im Abgsordnetenhause aussührte: „Das allge- } meine Wahlrecht darf bei uns nicht die nationale Vertretung eines Volksstammes geradezu verkümmern, weil das Parlament dann nicht mehr das richtige Abbild Oesterreichs wäre, und weil eine Wahlreform, die sich diesen Verhältnissen verschlösse, leicht wie eine bloß äußerliche Tünche abbröckeln würde", so gilt i i Feuilleton. Die Juden in den Vereinigten Staaten. Zur 260jährigen Jubelfeier. Schon Kolumbus hatte materielle und ivissenschafttiche Unterstützung durch Inden erfahren, und unter seinen Reisegefährten waren mehrere Inden. Das; dann bald größere Scharen von Inden sich der neuen Welt znwendeten, hatte vielleicht seinen Hauptgrund in der Heimatlosigkeit der im Jahre 1492 aus Spanien vertriebenen. Das erste Land mit einer bedeutenden jüdischen Kolonie wurde das Uliw entdeckte Brasilien, wohin jährlich zwei Schiffsladungen Inden und Verbrecher ans Portugal geschickt wurden. Die Maranos oder Neuchristen, die im Laufe des 16. Jahrhunderts bekehrten Juden, lvarfen in Brasilien vielfach ihr Scheinchristentnm ab, und so begannen dort bald neue Verfolgungen. Indessen gewannen die Inden dort an Ansehen, führten um 1640 das Zuckerrohr ein und waren im Besitze der meisten großen Pflanzungen. Bei ihrem erfolgreichen Angriff auf Brasilien im Jahre 1624 genossen die Holländer die tätige Mitwirkung der Juden, die dafür mit allen Rechten, die die Juden in den Niederlanden iniiehatten, belohnt wurden. In Pernambueo gab es 1664 nicht weniger als 6000 Juden. Even damals, im Jahre 1664, kamen die ersten jüdischen Einwanderer, von denen man genaue Kunde hat, einige zwanzig an der Zahl, nach Nen-Amsterdam (New Uork), über Westindien von Südamerika her, wahrscheinlich eben von Brasilien, obwohl inzwischen auch Surinam, Jamaica, Mexiko und andere Länder zahlreiche Inden anfgenommen hatten. Der Gouverneur Stupvesant empfing die Ankömmlinge sehr ungastlich und hätte sie am liebsten des Landes verwiesen, hätte nicht die regierende holländisch-westindische Gesellschaft dem widersprochen. Im allgemeinen bestand auch unter der späteren britischen Herrschaft, nicht mir in New syork, sondern auch, und ganz besonders, in Nen-England, eine große Abneigung gegen Inden und Katholiken, ausgenommen bielleicht in New Port in Rhode Island. Am stärksten wurde den Inden in Maryland zugesetzt, wo man schon aus dem Jahre 1684, also 20 Jahre vor ihrer Ankunft in New Uork, von einigen dahin verirrten Juden hört. Der Kampf um die bürgerlichen Rechte wurde hier am nachdrücklichsten ausgefochten (Familie Cohen), führte aber erst 181t) zum Aemterrecht. In den übrigen Kolonien errangen die Juden gleichfalls nur langsam die Rechte der öffentlichen Religionsübung, des Warenverkaufes in öffentlichen Läden und der Wahlbeteiligung. Für das ganze Judentum wurden die Toleranzakte von Birginien aus dem Jahre 1786 von Bedeutung. Birginien war ja damals einer der führenden Staaten der beginnenden Union und stellte die Mehrdies für alle Völker des ganzen Donaureiches, also auch für das jüdische Volk und für sämtliche Vertretungskörper der Monarchie, ergo auch für den mährischen Landtag. So wie das Schicksal der österreichischen Juden enge verwoben ist mit dem Schicksal Oesterreichs und ohne Herstellung der nationalen Ordnung auf Basis der Gleichberechtigung und Autonomie aller Volksstämme Zis- und Trcmslsithaniens auch keine Befriedigung der jüdischnationalen Forderungen möglich ist, i ebensowenig kann ohne Berücksichtigang der Judenfrage von einer vollständigen Lösung des nationalen Problems in Oesterreichs die Rede sein. Die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes, für das programmatisch wir allezeit eingetreten sind und dessen Verwirklichung nun nur eine Frage einer kurzen Spanne Zeit ist, genügt noch keineswegs allein zur Modernisierung Oesterreichs. Ohne Propornonalvertretung aller Minoritäten und ohne national-autonomistische Umgestaltung der gesamten Rerchsverfassung, wird auch das aus dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechte hervorgegangene Abgeordnetenhaus ein Tummelplatz der nationalen und Rassenhetze, ein Bollwerk der Reaktion sein, denn bei den künftigen Wahlen ins Abgeordnetenhaus — darüber gebe man sich ja nur keiner Täuschung hin — werden besonders in den Kronländerü die Chriftlichsozialen und Klerikalen eine ansehnliche Anzahl von Mandaten gewinnen. Soll Oesterreich gesunden, soll allen Bürgern der Vollgenuß ihrer nationalen und sozialen zahl der ersten Präsidenten. Die virginische Gesetzgebung über religiöse Freiheit wurde daher viel beachtet. Patrick Henry, einer der bestbekannten Freiheitsmänner, verleugnete freilich sein historisches Wort: „Gebt mir Freiheit oder gebt mir den Tod" und verlangte Anerkennung des Christentums und Äberkennnng der jüdischen Gleichberechtigung, aber Madison und Jefferson, beide spätere Präsidenten, traten für volle Toleranz ein und siegten. Wie sehr dieser Kampf selbst in Europa die Geister erregte, erkennt man daran, daß Mirabeau, der um diese Zeit in Berlin weilte, in seiner Schrift über Mendelssohn und die politische Emanzipation der Inden (1787) ans jene Vorgänge verwies; auch vor und in den Debatten um die Jndenemanzipation (1701) vor der französischen Nationalversammlung beriefen sich Schriftsteller und Politiker auf die neue amerikanische Toleranz. Die frühjüdische Einwanderung nach den nordamerikanischen Kolonien bestand zum weit überwiegenden Teile wie die nach Südamerika aus Sephardim, spanisch-portugiesischen Juden, wie dies auch die Familiennamen der altkolonialen Juden, Seixas, Peirotto und ähnliche, beweisen. Als Oglethorpe im Jahre 1733 die Kolonie Georgia gründete, stieß ein Schiff mit vierzig Juden zu ihm, die aus Lissabon kamen, und die er nach einigem Sträuben zu sich nahm. Indessen gab es auch schon sehr früh auch Aschkenasim unter den Juden Amerikas, also deutsche und osteuropäische. So wurde Pennsylvanien schon anfangs des 18.

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