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Jüdisches Volksblatt · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 47 an. Hunderttausend Waisenkinder gibt es heute schon. Die große Wanderung hat wieder begonnen — in den Häfen stauen sich die Judenmassen an. Die Eingangspforten aber beginnt man zuzuschlagen. England und Amerika machen Fremdengesetze. Wohin mit den Unglücklichen, fei jetzt die Frage? Irgendwo müsse ihnen ein Zufluchtsort geschaffen werden und die Menschheit der ganzen Welt, die Juden zuerst, müßten Mitarbeiten an dieser positiven Arbeit. (Stürmischer Beifall,) Sekretär Fleischer der „Union" beantragte hierauf eine Resolution, die ihren Abscheu über die Judenmassakers ausspricht und an das öffentliche Gswissen aller Kulturnationen appelliert, damit in jedem Parlament der Ruf nach einem gemeinsamen Schritt aller Regierungen zur Verhütung der Wiederkehr solcher Greuel erhoben werde. Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Dr. Schallt forderte hierauf die Versammelten auf, die beabsichtigten Demonstrationen zu unterlassen. Die Versammlung löste sich in ruhiger Weise auf. Vor der russischen Botschaft und deren Umgebung befand sich e'n verstärktes Wacheaufgebot. Der Wiener Schschklnv für die russischen Juden. In den Kreisen der Mitglieder des Wiener Schachklubs wurde eine Sammlung zugunsten der russischen Juden veranstaltet. Der Präsident des Klubs, Herr A. T r e b i t s ch, hatte als erster für diesen humanitären Zweck einen Betrag von 10.000 Kronen gespendet. Sein Beispiel fand so begeisterte Aufnahme, daß in kurzem eine Summe von 30.000 Kronen aufgebracht wurde. Ministerialrat Dr. Ludwig Ballai über die rnsfischen Greuel. Der Präsident des königl. ungarischen Patentamtes Dr. Ballai hat in einer vom Budapester Hilfskornitee abgehaltenen Sitzung seine Meinung über die Vorgänge in Rußland in einer längeren Rede auscinandergesetzt. Die Budapester „Allgem. Jüdische Zeitung" erhielt vom Herrn Ministerialrat, der, ein guter Jude, schon bei verschiedenen Gelegenheiten seine unerschütterliche Anhänglichkeit _ zu seinem Stamme bekundete, einen Brief, in welchem er einen so gesunden Standpunkt offenbart, daß er auch der breiteren Oeffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden verdient. „Es unterliegt feinem Zweifel," sagt Dr. Ludwig Ballai, „daß, wenn die Sammlung richtig organisiert wird, die jüdische Opferwilligkeit wie auch das Mitleidsgefühl eines jeden anständigen Menschen in großartiger Weise sich bekunden wird. Wenn wir jedoch bedenken, daß diese Greueltaten unter dem Schutze der Behörden verübt wurden, so ruft uns das Alldenken der massakrierten Inden z u r S ü h u e ci n f. Und rvahrlich, das Gefühl der Gemeinschaft der zivilisierteil Welt darf diese Greueltaten n i cC) t u n g e s ü h n t lassen. Sie muß in geeigneter Weise nicht nur Protest erhebell gegen ein Vorgehen, das die efemcntrtvften Begriffe der Menschenrechte mit Füßen tritt, sie muß diesen Protest auch praktisch z ll betätigen wissen. Dies hilfreich durchzuführen, ist die Jndeilschaft nicht mehr auf sich allein angewiesen, beim die Frage ist nicht nur eine Jndenfrage, sondern eine Frage der Humanität. Auch die in der Judenschaft sich bergende geistige Kraft kanil, w e n n bi e G e m e i n s ch a f t s i ch b e t ä t i g t, Ersprießliches zeitigen, denn sie kanrl erforderlichen Falles einen finanziellen und volkswirtschaftlichen Boykott Rußlands durchsetzen. Wenn z. B. die Börsen russische Werte nicht handeln, so Iväre dies schon allein eill beträchtlicher Schadeil lvohl auch für die Kapitalisten aller Länder, vornehnllich aber für Rußland. Jedenfalls lllllß etlvas a u f gesellschaftlichem G e b i e t . unternommen werden! Hoffentlich, ia gewiß wird jetzt für eine Zeitlang Ruhe einkehren, denn wenn die Bestie sich vollgesogen hat, gibt sic bem Opfer Ruhe! Aber wer garantiert dafür, daß, wenn politische Zwecke lvieder eine Judenmetzelei erheischen, ob die Macht sich zurückhalten wird, )v c n n f i c ) i e h t, d a ß s i e e s o h il e e nl p s i il d l i ch e il S ch a d e ll tun k a il it? Rein! Da müssen g e eignet c r e Mittel in Bewegung gesetzt und energisch in Angriff genommen werden! Die Welt und überhaupt die Judenschaft kann ihre Aufgabe nicht darin erschöpft sehen, daß — wenn die Behörden in wiederkehrenden Zeitabschnitten eine Metzelei in Szene setzen —- d e r I u b e [ i ch n n r a u f d a s S a m m ein b e s ch r ä n k e. Das hieße feine Kraft unterschätzen. Es wäre daher angezeigt, wenn ein Komitee entsendet würde, das — unabhängig von der Hilfsaktion — sich mit den maßgebenden Faktoren des In- und Auslandes ins Einvernehmen setzen und über eine gesellschaftliche Aktion beraten tmd schlüssig würde, damit eine finanzielle und wirtschaftliche Maßregel gegen Rußland in Bewegung gesetzt werden könne." Dieser Antrag des Herrn Ministerialrates fand, wie das oben zitierte Blatt zu berichten weiß, im Budapester Hilfskomitee keinen Anklang. Wir aber freuen uns, Herrn Dr. Ballai mit uns eines Sinnes zu wissen. Wir haben diesen Gedanken, lvenn anch in anderer Fornl, an anderer Stelle dieser Nummer atlch unumwunden zum Ausdrucke gebracht. ProtestkundgebMg inProßnitz. Die Proßmtzer Kultusgemeinde berief für den 19. d. M. eine allgemeine Protestversammlung ein, in der einstimmig nachstehende Resolutionen angenommen wurden: 1. Re s olutio n. »Die Versammlung erklärt, daß es heute die erste Pflicht eines jeden Juden ist, die durch die Judenmassakers entstandene Not unter unseren dortigen Stammes- und Glaubensgenossen sofort zu lindern. Sie drückt hiebei jedoch die Ueberzeugung aus, daß gegen solche, die Menschheit schändende Vorfälle mit Almosen allein nicht angekämpft werden kann, daß vielmehr nur durch Verpflanzung der Massen des jüdischen Volkes nach aufnahmsfähigen und rechtlich gesicherten Wohnstätten die Wiederkehr solch schrecklicher Ereignisse unmöglich gemacht wird und daß jeder Jude die Pflicht habe, mitzuarbeiten an der Erreichung dieses Zieles." 2. Resolution. „Die Versammlung protestiert dagegen, daß keine Regierung der zivilisierten Staaten, trotz mehrfacher Präjudizfülle der jüngsten Zeit, das greuliche fünftägige Judenschlachten in Rußland zu verhindern suchte. Die Versammlung erachtet es als Pflicht jeder Großmacht, solche Vorfälle, die die Humanität und Kultur schänden, zu verhindern, macht die hohe Regierung aufmerksam, daß in jenem Teile des russischen Reiches, wo Pogrome wüteten, eine große Anzahl österreichischer Staatsbürger den Räubern und Mördern preisgegeben ist und erwartet von ihr den Schutz ihrer Staatsbürger sowie die Verhinderung von Vorfällen, die eine Schmach der ganzen Menschheit bilden." An die Versammlung schloß sich ein Trauergottesdienst, in dem der Rabbiner Dr. Goldschmied eine erschütternde Trauerrede hielt. — Die durch die Kultusgemeinde eingeleiteten Sammlungen für die Opfer der russischen Judenmassaksrs ergeben befriedigende Resultate. Vou der Israelitischen Allianz. Die Hilfsaktion der „Allianz". Das Ergebnis der von der „Israelitischen Allianz zu Wien" zngnnsten der Opfer der russischen Jndenmassakers veranstalteten Spendensannnlung betrug bis zum 22. d. M. 40(> OOO Kronen, in welcher Summe auch die vorläufigen Saiiulltungsergebnisse der Filialen der „Israelitischen Allianz" in Prag, Brünn, Bielitz und mehreren auswärtigen Kultusgemeinden enthalten sind. Die Sammlniig lvird mit größtem Eifer und aus der breitesten Basis fortgesetzt, damit die „Israelitische Allianz zu Wien" im Vereine mit den verwandten Organisationen in Deutschland, Frankreich, England und Amerika in der Lage sei, den nach vielen tausenden zählenden Hinterbliebenen der Ermordeten ausgiebige Hilfe zu bieten uitb den ungezählten in nahezu hundert russischen Städten wirtschaftlich zugrunde gerichteten Inden zur Wiederherstellung ihrer Eristenz zn verhelfen. Die Tragödie des Kantors ans Kisch enew. In Budapester jüdischen Kreisen bildet jetzt die Tragödie eines Kantors das Tagesgespräch. Nach dem Tode des Oberkantors Jakob Bach m a n n wurde die Stelle eines Oberkantors für den Nombach-Tempel ausgeschrieben. Unter den vielen Reflektanten befand sich auch der junge Kantor Josef T k a c z aus K i s ch e n e w. Die herrliche Stimme und die musikalischen Qualitäten des jungen Mannes haben das Budapester Publikum dermaßen gefangen genommen, daß der Kischenewer Kantor einhellig zum Nachfolger Bachmanns gewählt wurde. Tkacz fuhr nun nach Hause, um seine dortigen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und dann seinen Posten in Budapest anzutreten. Doch sollte es leider nicht dazu kommen. Denn wie Kischenewer Briefe melden, wurde Tkacz während der letzten Metzeleien in Kischenew mit samt seiner Familie vom »Schwarze n H u n d e r t" niedergemetzelt. Die Entrüstungskundgebung des Bvkowinser Landtages. Czerrrowih, 22. November. Die Entrüstungskundgebung über die gegemvärtigen b a r b a r i s ch e n Z u st ä n d e in Rußland, welche der Landtag nach, dem Referat Skedls und den Ausführungen der Abgeordneten S t r a u ch e r und Nikolaj W a f f i 11 o einstimmig gefaßt hat, lautet: »Die Landesvertreter der Bukowina ohne Unterschied des Stannnes, Glaubens unb der politischen Parteirichtrmg verurteilen auf das schärfste die in Rußland geschehenen Massenmorde und sprechen über diese barbarische Entwürdigung der Menschheit ihre tiefe Entrüstung und Empörung aus." Zwei Regierungsvorlagen in Kroatien. Gesetzvorlage über die interkonfessionellen Verhältnisse nnd über die Einrichtung der israelitischen Kultusgemeinden. Partnriunt invntes et naseitur ridicnlnr mur. Wenn jemals, so ist bei diesem Anlaß der Ausspruch vollauf berechtigt, inUt dem auch das kroatische Organ der Fortschrittler seine Besprechung eiuleitet. Als der BauuS vou Kroatien auf seiner Rundreise in Surmieu kurz vor der Eröffnung der gegenwärtigen Landkagssession die erst>- erwähute Vorlage in 'Aussicht gestellt hatte, hofften wir Nicht, daß er sein Versprechen so rasch einlöseu werde, glaubten aber hoffen zu dürfen, sie werde etwas Neues, dem Geiste der Zeit Entsprechendes enthalten. Wun, wir sind enttäuscht worden, obwohl wir — bei der klerikalen Färbung der jetzigen Regierung — keine Umwälzung eriva rieten. Kroatien ist das einzige Land Oesterreich- Ungarns, das noch Immer das Konkordat von 1Hnf) vollkommen anerkennt. Nicht nur 'Ungarn, auch Oesterreich hat eS längst aufgehoben. In Kroatien hatte es die Ehre des 5)»jÜbrigen Jubiläums erlebt und zeigt noch immer keine Lust, zu verschwinden. Wie in den primitivsten kvnst'idntivnellen Rechten, so ist.Kroatien noch immer auch in seinem Verhältnis zur Kirche der reaktionärste Staat unter den Knlknrstaate» Europas. Den Standpnnlt bei der ersterwähnten Vorlage kennzeichnet am besten der Mvtivenberichi der Regierung, in dem es heißt, die Regierung sei der Mbinnng, daß die Gesetzgebung keinen Grund habe, sich auf den Standpunkt der Lösung deprinzipiellen VerhältN'isses zwischen Kirche und Staat nnd ihren Bürgern zu stellen. Im (R'genteil sei es mit Rücksicht ans diese Verhältnisse angezeigt, die wirkliche Grundlage des heutigen interkonsessionellen Zustandes unberührt zu lassen.

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