Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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i\r. 47 Jüdisches Volksblatt Seite 5 Es mag fein, das; einige Abgeordnete bei Ser Wer Han dt nun anderer Meinung sein werden, es inag sogar sein, daß die Mehrheit derselben viel freisinniger denken »vird: bei der heentigen Zusammen stell nng des kroatischen Landtages ist cs aber fast ausgeschlossen, das; diese Vorlage abgelehnt würde, llnd bei der Unempfindlichkeit, mit der moderne Forderungen in Kroatien behandelt werden, wird das Konkordat noch lange seine Geltung behalten. Das Amtsblatt der Negierung sucht die Vorlage zu rechtfertigen, indem es sie mit Rücksicht auf die positiv-historische Basis derselben verteidigt, die konservative, streng konfessionelle Neiberzengnng der Mehrheit des Volkes zur Hilfe niimmt und mit ähnlichen Beschönigungs-Mitteln »t>ericrt, dabei aber derrnoch meint, die Vorlage bürste manchettt allzu konservativ erscheinen. Wir wollen uns 'in nähere Details nicht einlassen. Ärar» nehine das Konkordat vor und wird dann gründlich unterrichtet sein. Die Vorlage ist nur ein aus zerstrenien Gesetzparagraphei, zusamnvengefngles, oberflächliches, nicht durchdachtes Fliclwerk. Man sieht ihr die Eile an, mit der die Negierung bestrebt roar, die Erklärung des Banns zur Tat zu machen, die Serben znfriedenznstellen und sie für sich zu gewinnen, denn die Wahlen stehen bevor. 'Uns dürste der Paragraph interessieren, in fc*cm erklärt wird, das; einem jeden, der das 16. Jahr überschritten hatte, der Uebergang zu einer der gesetzlich anerkannten Religionen nach eigener Entschtiestnng freistehe. Obwohl zu diesen auch die jüdische Religion gehört, so erklärt die Begründung zu diesem Paragraphen dennoch, daß auch gemäß der Vorlage d e r U e b e rg a n g von einer de r ch r i st l i ch e n Religionen zu ei n er n i ch t ch r i st l i ch e n n n - m ö g l s ch s e i. Wiel bedentungsvoller — ohne ein bedeutendes Werk zu feilt — ist für uns die zweite Vorlage, die die Regelung der israelitischen Kultusgemeinden betrifft. Wir wollen gelegentlich der Parlamentarischen Verhandlung noch ansführkicher darauf zurückkommen und nun nur allgemein darüber sprechen. ES sei nur erwähnt, dliß der „Israelitisch-kroatische Verein" in Agram darüber einen 'Diskussionsabend veranstaltete und in Agram auf Veranlassung des Herrn Kultnsgemeindepräsidenten Josef S i e b e n s ch e i n an» 19. d. Bl. ."7 Gerlreindevorsteher znsannnengekommen sind. Die Beschlüsse dieser Zusainmenkunft sind »ins noch n'icht bekannt, doch ist sie an und für sich eine erfreuliche Tatsache, da sich nach eine»»; Zeiträume vor» nahezu 60 Jahren die Gemeinden wieder zn einer gemeinsanren Aktion znjanunenflniden »nid es hoffentlich zn einen» SB int'i»e bc r kroa t i schslauvv n i sche n Kn lt nö gerne' i nden kommen »vird. Herr Sieben schein und Dr. Spitzer, der Vorstand der Essegger Gemeinde, perdiene»» dafür alles Lob. Was die K'ultnsgemeinden betrifft, so regelte»» sie bisher ihre Angelegenheiten im Rahmen einer ziemlich großen Autonomie, was um so berechtigter ist, als ihre Zwecke in erster Linie rein religiöse sind. Nur in einem Punkte machte sich diese Autonomie vielleicht nicht angenehm fühlbar, nämlich irr der Besteuernng. Mitglieder, die ihre Liegenschaften in mehreren Kullnsgemeinden hatten, mußten ihre Kultnsstenern auch an »nehrere Gemeinden entrichten. Durch die neue Vorlage ist darar» nichts geändert. Konnten sich aber früher manche der» grvßen Kultussteuer»» dadurch entziehen, daß sie zu einer orthodoxen Gemein-de übertreten, so scheint dies »»ach der neuen Vorlage nicht möglich zu sein, da 8 2 bestimmt, daß i n der Reg el in jede»»» territorialen Bezirke nu r eine Knltnsgemeinde bestehen könne, der ein jeder Israelit angehören »Nüsse. Es obliegt nun den Kultusgemeinden, falls irgendwo keine Ansnähme gemacht wird, gervissenhast der» Wünsche»» aller Inden Rechnung zn tragen und damit verlöre 8 2 an seiner Intoleranz gegenüber den orthodoxe»» Mirwritäten. Dadurch rväre auch der hie und da gesinnnllgslvse — nur »regen der Kultussteriern begangene — Uebertritt zn de»» orthodoxen Gemeinden -verhindert. Vom Standpllnkte der Gefinnnngssreiheit ist dieser Paragraph, der die Orthodoxen eilizig und -allein der Einsicht und den» Gerechtigkeitsgefühl der reformierten Majoritäten anSliefert, entschieden z»» vernrieilen. 'Aber auch als einen Eingriff in rein konfessionelle Verhältnisse, die zir regelt» keinesfalls Sache des Staates ist, müssen alte Inden dies mißbilligen, abgesehen davon, daß ein solcher Eingriff ein gefährliches Präzedeus -wäre. Auch j„ anderen Beziehungen erlaubt sich die Vorlage Anordnungen, die alle freigesiuuten Bürger mißbilligen »Nüssen. Wenn z. B. die Vorlage r-o>» den Rabbinern die Benützung der Landessprache fordert, ohne Rücksicht darauf, daß in vielen Gemeinden die »»leiste»» Mitglieder dieselbe nicht verstehe»», andrerseits aber iu protestantischen Kirchen die Benützung der deutschen und ungarischen Sprache gestattet, ja sogar ans eigene»» Budget ungarische Schulen unterhält, auch wo es riicht erforderlich wäre, so ist das ein gesetzlich proklamierter Antisemitismus, den aber die Inden selbst teilweise verschn-ldet haben. Wenn ferner von den Rabbiner» akadelnisrhe Bildung von Gesetzes »vegen gesvrdert »vird, während sonst die Bischöfe eigenmächtig darüber nersüge», so ist es, abgesehen davon, daß die Ortlwdvxen i»» Kroatiel» keine 'solchen habe»», ein »»»»- gleiches Blaß, das da a»»gelegt wird. lind »renn endlich den Gemeinde» das Recht Allsteht, die Knttnssteuern z>» bemesse», oh»»e das; der Staat eine -Kontrolle darüber allsübt >»vch Grundsätze für deren Bemessung aufstellt, so fnim das zn Uebertre'ibnngen führe»», die schon jetzt sehr fühlbar -sind. Wenn aber ein Jude in» Orgar» der Fortschrittler dafür eintritt, daß bei der Bemessung der Kultus steuern die Kosten für die Erhaltung der Schulen nicht eingerechnet werden dürften, so müssen »vir uns den» entgegen setzen, insofern wir noch auf den» Standpunkte des Juden stehen. Solailge der Staat alle seine Schulen in christlich - konfessionellem Geiste erhält, so lange sogar die Lesebücher in erster Linie für Christen bestimmt sind, so lange Priester Leiter der Schulen sein können und der Klernö seinen Einfluß ans sie ansübt, infolange haben jüdische Schule»» ihre Daseinsberechtigung. Müßten aber diejenigen die Kosten der Schulen bestreiten, die ihre K inder hin schicken, wie es der Erwähnte fordert, so könnten die Schulen nicht bestellen. Das wäre aber kein Beweis, »vic er es meint, daß sich die Mehrzahl »un sie nicht kümmere, daß die Schule nicht nötig wäre. Denn die Arn»en haben das grüßte Bedürfnis »lach de»; jüdischen Schulen und sie köunien sie nicht erhalten. Die Schule darf nicht davon abhängig sein, ob die Gemeindemitglieder dafür zahl-cn »vollen oder nicht, sondern davor», ob sie die Schule »vollen oder llicht. Das aber sir»d in der Praxis grundverschiedene Tinge. Allerdings «»der bedürfen die jüdischen Schnleir in Kroatien dringender Acnderungen. Danrit »vollen -ivir für heute schließen, inöem »vir nur errvähnen, daß im. kroatischer» Landtag nur ein Jude sitzt sDr. Ludwig Schwarz), der aber gerade jetzt aus Urlcncb »ft. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Der an» 6. November 1905 im Saale de§ Mffenscha-ftlichen Klub abgehaltene erste Vortragsabend war -der Erinnerung zweier großer Toten 'gewidmet. Nach kurzer Begrüßung durch der» Bereiuspräsidenteu -Dr. Josef Freiherrn von -Seiller spendete zunächst der ehrwürdige Nniverfitätspro'sessor Dr. Sebering dein anfangs Juli d. I. Heimgegangenen Ehve-npräfidenten und Gründer des Vereines Hofrat Nothnagel einen tiefempfundenen »reihevvllen Nachruf, in den»! er zeigte, wie der Verblichene gleich groß a-ls Philosoph und Historiker »nie als Arzt war. Anknüpfend an die denkwürdige Rede des gefeierten Forschers in der zweite»» Generalversammlung im Jahre 1862, wies der treffliche Kanzelred ne r auf die hohe Ethik desselben hin, die sich 'in ver schiede »»er» Sinn- und Anssprüchen desselben widerspiegelte. Seinenr tiefen Gemüte erschien der Antisemitismus das Verabscheuungsivürdigste auf Erden nnd dieser Rückfall in die mittelalterliche Unduldsamkeit erfüllte ihn nrit tiefster Scharr» und Trauer. Iu jener groß au geleg den Rede erregte das gründliche historische Wissen 'Nothnagels das größte Stau»»en unter seinen Zuhörern und insbesondere erfüllte die Reflexion ans die Endrvicklur»g des Christentums, rvelches alle Hauptsätze ans der »»'.ouvtheistischen Lehre Moses aufgenvuiuleu habe, alle m!it höchster Befried igllllg. Nothnagel, obwohl strenge auf den» christlichen Standpunkte stehend, lobte doch nur nach den» Satze der großen Propheten, indem der Inhalt seines Lebens die Nächstenliebe bildete. Es sei daher sehr betrübend, »vahrznnehmen, rvie gerade gegenwärtig^ ganz abgesehen vor» der Geschichte, in einem unserer kNachba»reiche gegen diesen Fnttdameutalsatz der christlichen Lehre gesündigt i rer de. lku» de»l scheinbar klaffenden Z'rviespalt zirischen de»» beider» Neligionen zu überbrücken, müsse »»»«»» sich de»r Spruch des Stifters der christlichen Jieligion stets verhalte»», der da lante: „Ich b»»l nicht gekornrnen, das Gesetz Mjosis anfznlöfen, sondern zu erfülle»»." Hierauf hielt Baron Dvblhvff den ange- -kündigten Vortrag über H e i n r i ch H eines Jugendzeit 1806—18M. Der Vortragende erlältterie mit Hilfe ausgezeichneter Quellen lEd. E ng e l, „Gartenlaube" 188-1, ferner ein im Pvlizeiarchiv zu Hanck,»lrg 1882 anfgef»ttlde»»es Manuskript) die Al.'mdlnngen und Leiden des geniale»» Jünglings in» Arrfang seines Lebensweges: er zeigte in geivvhuter Noei sie rslhaft, rvie die Anßenwelt ans das boeiche Genlüt Heines eingervirkt hatte, so daß Sarkasmus und Melancholie fort- »vährend abirechselten. Ta sein Eintritt in die Welt in jene nnglückselige Periode siel, als »kvch ein Rheinblilid möglich »va»', so erscheint auch sein Schulerz über Deutschlands Demütigung verständlich; »im so mehr sühlie er sich unglücklich, als auch die Inder», zn jener Zeit noch »veniger b'-echle hatten als gegenwärtig. Hierdurch ist sein klebertritt zn»n Ehristeiitnni »vohI auch zu erklären. Daß er denselben aufrichtig bereute, geht ans mehreren Aussprüchen hervor. Sein Feuergeist »var felbstoerständlich manchen Kouservatiix'»» ein Sch recke »>: Graf Plagen und P. Döllinger taten sich 1828 in Angrissen besonders hervor und es erinnert die 'Kampsesux'ise der „Schivarzen" in Bauern von damals stark an jene unserer heutigen Auiise'.liiten, die sich nicht scheuen, jene Ehrenu'.änner anzngreise»», rvelche für die durch Etaatsgrnndgesetze verbürgte Freiheit des Unterrichtes eintreten. Jeder Staat sei aber zn bedauern, in dem mit sv »»X'nig Energie für die die Bildung förderndell Bestrebungen eingeireken »vird, es ist ein trauriges Zeichen, daß die „Wachl an» ksthein" heute bei Studenten znnr ,.Geßler"-H»rt ge-vopde»». daß deutsche Bildung rnit Stock und Fällst -e»l»onstriert werde, bilde einen bedauerlichen Rückgang nnd man entferne sich dadurch irnmer n»ehr von -den kosmopolitischen Zielen der »vahrer» Kultur — Heine litt wohl unter der Nllgunst dieser äußeren Verhältnisse offe»»- bar bedeutend, da er ja den Plar» gefaßt Hätte, ausznwandern. Als sich über dem müden kranken (z)eisteöfürstell das Grab tu Paris geschlossen hatte, da trat auch bald die Vergessenheit ein und 1867 »neillte der Toterlgräber des Friedhofes vorn Montmartre zu»n Vortrage»»den, der das Grnb des Dichters mit Mühe anfgefuuüen hatte: ,,0u dit, que c’etait. «>n grand poiüe; s’il 6ta.it Parisien. ii aurai». ci^fiuis lon^tenips son monümenP-. Der Vortragellde plädierte sodann für die Errichtung von l.Heine-'Mottumetttei» auch in Deutschland, wie ein solches in New Aork und in Korfu ldnrch die Kaiserin von Oesterreich) errichtet wurde. Besonders Berlin, das die Andenket» L e s s i n g s und Goethes irr Miarnlvr ehrte, sollte hierin nicht zurückstehen. Zahlreiche Porträts aus den verschiedenen Altersst»lsen, Abbildungen der Grabnlvrrnmente vor und nach 1902 und der Büste, die das freisinnige Wien auf das Grab des Unsterblichen gestiftet hatte <1901 iu der Rotunde ausgestellt), der von S o n n e n th a l bei der Heine-Feier 1902 im grvßen Mir-stlbereinssaal gesprochene Prolog von Max St albe fr, Kopier» nach schriftlichen Origirialen u. a. m. belebten den -biographischen Text. Bon besvl»dere»tt Interesse »st stets die Frage nach dem Verbleib der Autobiographie des Dichters gewesen. 9kach Angabe des Biographer» Streitn»ann >würe dieselbe, »». zw. ans Metternichs Veranlassung, durch Vermfttlrmg Gustav H e i i» e s iu die Wiener Hofbibliothek gsrvandert. Auf eine durch den Vortragenden gestellte Anfrage hatte jedoch die Leitung dieses Instituts schriftlich erklärt, daß diese sich nicht dort befinde. — Reicher Beifall drückte beider» Rednern den Dank deö überaus zahlreichen und distinguierte»» Publikums aus, das andächtig in dem überfüllten -Saale bis zn»n Schlüsse lauschte. Zm Beachtung! In Wien ist in sämtlichen Druckereien die passive Resistenz der Setzer ansgebrochen. Da man nicht weiß, was die nächsten Stunden bringen, sah sich die Redaktion zu tunlichster Beschleunigung veranlaßt, ohne auf Form und Inhalt die sonstige Rücksicht nehmen zu können. Ans demselben Grunde erscheint diese Nummer um einen Tag später. Uersonalnachrichten. Adolf Steinschneider. Die von u»»s in voriger Nummer «»»gekündigte Feier der goldenen Hochzeit unseres geschätzte»» Mitarbeiters,Herrn Adolf St e i n sch »»e i d e r u»»d seiner Frau Gemahlin, fand am 18. d. M., wie vorauszusehen »var, m solenner Weise statt. Aus allen Gegenden des Reiches langte»» a»» das Jubelpaar briefliche »»nd telegraphische Glückwünsche ein und schier zahllos wäre»» die Gratulanten, die ihre Glückivünsche persö»»l»ch überbrachte»». Besonderen Eindruck auf das Jubelpaar »nachte eü» Schreibe»» des greise»» Nabb»»»ers. Dr. Adolf S ch in»e d l, der vor fü»»fz»g Jahre»» die Trauung der Ehele»»te in Proß»»itz vollzog. Zahlreiche wertvolle Geschenke und si»»»»ige Blmnengewinde wurden dein ir» voller körperlicher und geistiger Frische stehe»»dei» „Bra»»tpaare" ge»vidn»et. An» Festabe»»d fa»»d ei»» Ba»»kett statt, an den» es natürlich auch au Toaste»» nicht fehlte. Tränen der Fre»»de entquollen den Anger» der Jubilare, als z>ve» ihrer E»»kel»n»»e»» je ei»» „Hochzeitsgedicht" vortrugen. Als ir»teressa»»tes Mon»ent sei noch hervorgehoben, daß an» Vorabend des Festes eii» Beamter des Bürger»neisters Dr. Lueger bei»»» J»»belpaare erschien u»»d die Glückivü»»sche des Bürgermeisters verdol»netschte. Eine 117 Jahre alte Jüdin, Frau Josef B o r s o s, geborene E i n z i g, ist vorige Woche im Budapester städtischen Armenhause gestorben. Sie wurde iu» Jahre 1788 ii» Saros-Patak in U»»garn geboren. Im Arn»enhause genoß die Verstorbene alisschließlich Koscherkost, welche ihr von» Budapester „Landes - Bikur-Cholim-Vereine" beigestellt wurde. Die hochbetagte Frau war selten krauk und bis an ihr Lebensende bei vollem Bio wußtsein. Erfolge eines jüdischen Arztes. Vorige Woche demonstrierte der jüdische Arzt Dr. David Weiß a»ls Karlsbad auf Einladung des Professors Pierre B it b i n an der geburtshilflichen Klinik der P a r i s e r Universität seine neue Riethode zur Untersuch»»ng Ne»,