Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2432763-2433077-2433124--3266-2437208
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

11 entity mentions

Nr. 47 Jüdisches Volksblatt Seite 6 Das Jndenmorden in Rußland. Der Hilfsverein der Deutschen Juden stellt uns folgenden Bericht über die letzten Judenverfolgungen in Rußland zur Verfügung. Die A' gaben sind freilich nicht vollständig. Fast überall waren d'.e Massakers höchst grausamer Art, mit teilweisem oder völligem Ruin der betroffenen Gemeinden und meist auch mit schrecklichen Menschenopfern verbunden. Dis Orte, in denen Judenhetzen stattgefunden haben, sind: 1. Akermann (Gouv. Bessarabien). 2. Alexandrowsk (Gouv. Jekaterinoslaw — M i ll i o n e n f ch a d e n durch Plünderung und Brände). 3. Ananjew (Gouv. Cherson). 4. Bachmut (Gouv. Jekaterinoslaw — verschiedene Menschenopfer, die besten Läden vernichtet). 5. Balta (Gouv. Podolien — 60 Läden verbrannt). 6. Birsula (große Brandstiftungen). 7. Briansk (Gouv. Orel). 8. Cherson, (schreckliches Massaker, 500 Familien ganz ruiniert, brot- und obdachlos). 9. Gadfatsch sGouv. Poltawa, drei Tage hintereinander). 10. Ganeschty. 11. Genitschesk(Gouo. Taurien, viele Läden verbrannt). 12. Golta (Gouv. Cherson, n i e d e r g e b r a n n t). 13. Jwanowa-Wosnessensk(Gouv. Wladimir, drei Tage hintereinander). 14. Jaroslaw. 15. Jekaterinvslaw (70 Getötete, 160 Verwundete, große Brände an der Peripherie). 16. Jelissawetgrad (Gouv. Cherson, die ganze Gemeinde ruiniert, hunderte von Familien ohne Obdach, Nahrung und Kleidung, zahlreiche wohlhabende Leute in Bettler verwandelt). 17. Jusowka (Gouv. Jekaterinoslaw). 18. Kamenez-Podolsk. 19. Kalarasch (Gouv. Bessarabien). 20. Kasan. 21. Kiew (nach Odessa der fürchterlichste Pogrom drei Tage hintereinander, gegen 100 Getötete, gegen 400 Verwundete, die reichsten Häuser und Läden ausgeplündert, bestialische Grausamkeiten, in den ganzen Kreisen wüten Judenkrawalle in den kleinen Flecken). 22. Kischenew (25 Getötete, 50 Verwundete, Schaden größer als während des erschütternden Kische:.ewer Krawalles von 1903). 23. Klinzy (Gouv. Tschernigow). 24. Koseletz (Gouv. Tschernigow). 25. Krementschug (Gouv. Poltawa, 20 Getötete, 80 Verwundete, Judenhetzen in den umliegenden Ortschaften). 26. Krolewcz (Gouv. Tschernigow). 27. Kursk (furchtbares Blutvergießen, in einem Stadtteil ist kein Stein auf dem anderen geblieben). 28. Mariupol (Jekaterinoslaw) drei Tage hintereinander Menschenopfer, tausende jüdische Familien ohne Obdach und Nahrung. 29. Minsk Prämiiert I. wiener Licht-Ausstellung 1900. Telephon 12359. Kaiseröl-Fabriksniederlage (fürchterliches, hauptsächlich gegen die Juden gerichtetes Gemetzel, gegen 100 Tote und viele hunderte Verwundete). 30. Mvhilew-Podolsk (Gouv. Podolien). 31. Mordorowka (Gouv. (Gouv. Cherson). 32. Neschin (orei Tage, verschiedene Menschenopfer). 33. N-kopol (Gouv. Cherlon). 34. Nikolajew (schreckliche Krawalle, 25.000köpfige jüdische Bevölkerung vollständig ruiniert, Reiche arm geworden, fast alle anderen brot- und obdachlos). 35. Nowqorod-Ssewersk (Gouv. Tschernigow). 36. Nowösybkow (Gouv. Tschernigow, drei Tage hintereinander. 37. Obuchow (Gouv. Kiew). 38. Odessa (eine richtige Bartolomäusschlacht während vier Tage und Nächte, eine der wohlhabendsten und ausgezeichnetst organisierten jüdischen Gemeinden ein Trümmerhaufen, unerhörte Grausamkeiten, nach verschiedenen Angaben 1000—2000 Juden martervoll getötet, viele tausende gefoltert und verwundet). 39. Olwiopol (Gouv. Cherson, niedergebrannt). 40. Orel (vom Peistaw organisierter Judenkrawall während zwei Tage). 41. Orscha (Gouv. Mohilew, acht Juden von Soldaten und Hooliyans getötet. 42. Pologoe (Gouv. Taurien) 4-3. Polotzk (Gouv. Witebsk. 44. Rakituoje. 45. Rasdelnaja (Gouv. Cherson, im Eisenbahnzugs 12 Inden hingemordet und 32 verwundet). 46. Riga. 47. Riäsan. 48. Romny (Gouv. Poltawa, 25 Getötete und Verwundete). 49. Rostow am Don (reiche jüdische Gemeinde ruiniert, der ganze neue Markt und viele Läden verbrannt, 511 jüdische Läden ausgeraubt, die ganze Moskowskaja vernichtet, das gesamte jüdische Gut vertilgt, viele Menschenopfer, Kampf der Polizei gegen die Selbstwehr). 50. Rowno (Gouv. Wolhynien). 51. Saratow (mit wenigen Ausnahmen fast alle Juden ausgeplündert, Millionenschaden, zahlreiche Familien ohne Obdach und Nahrung, 50 Getötete und viele Verwundete). 52. Smolensk. 53. Solotonoscha (Gouv. Poltawa). 54. Strascheny. 55. Surasch (Gouv. Tschernigow, 37 Getötete und 244 Verwundete, alle Läden außer der alten Reihe verbrannt, seitens der Juden Versuch bewaffneten Widerstandes). 56. Starodub (Gouv. Tschernigow). 57.Theodosia (Gouv. Taurien). 58. Tjraspol (Gouv. Cherson). 59chTomsk (außer allgemeinen furchtbaren Exzessen und grausamen Menschenbinschlachtungen und Brandstiftungen speziell jüdischer Krawall). 60. Tschernigow. 61. Uman (Gouv. Kiew). '62. Ungeny. 63. Woronesch. 64. Weliki Lükl (Gouv. Pskow). 65. Wisma (Gouv. Smolensk, die gesamte jüdische Bevölkerung ausgeplündert). 66. Winnitza (Gouv. Podolien). 67. Witebsk. 68. Woronefch. 69. Ismail (vollständig niedergebrannt). 70. Retsthitza. Wie die vorstehenden E'nzelheiten, welche die ganze Summe des Jammers dartun, zeigen, ist der N -Island ein wahrhaft surchl' barer und es bedarf ganz außerordentlicher Summen, um auch nur annähernd die Opfer vor dem Hungertode zu retten, die Obdachlosen, die den Unbilden des in Rußland bereits cingetretenen Winters ausgesetzt sind, vor sonst unabwendbarem Verderben zu bewahren. Protestversammlimg der Wiener Jndenschast. Die Wiener jüdischen Korporationen veranstalteten am Sonniag den 19. d. M. im Sophiensaal eine Protestversammluna gegen die Judenmassakers in Rußland. Der Riesensaal, der Trauerschmuck trug, war feid)t gefüllt. Nachdem kais. Rat Anninger die Versammlung eröffnet hatte, hielt Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n die Trauerrede, in der er die russischen Greuel schilderte und dann fortfuhr: „Gleichwie vor einigen Jahrhunderten in Spanien, so sind auch heute die Juden bloß die ersten Opfer der erwachten Leidenschaft — aber sie werden nicht die letzten sein. Die Juden zittern in Rußland nicht mehr allein, sondern es zittern auch die anderen, man zittert in den höchsten Regionen! Viertausend Jahre klingen mit bei dem Worte „Judentum", und nicht wenig hat es der Zivilisation geschenkt. Wir haben das Recht zu einer Frage an die Menschheit. Sie lautet: Spiegelt der Blutschein die Liebe wider, die sie zu besitzen behauptet? Einmütig und in Ehrfurcht erheben wir uns (die Versammlung erhebt sich) vor den Seelen der Hingeschlachteten, die ihr Leben nicht um den Preis ihrer Ueberzeugung erkaufen wollten." (Anhaltende Bewegung und Zustimmung.) Kais. Rat. R u s ch i tz k a forderte sodann die Versammlung zu mildiärigen Spenden für die russischen Opfer auf. Während der Rede des Architekten Oskar Marmorek ließen Studenten Zettel in den Saal flattern, mit der Aufforderung, vor die russische Botschaft zu ziehen. Architekt Marmorek verlas den Brief eines russischen Universitätsprofessors, der lebhaft die Greuel schilderte. Die Metzeleien von Kischenew, Homel und Schitomir, die vor zwei Jahren die ganze Welt erschütterten, sähen sich heute wie kleine Trnnkenheitsexzesse C&h L Klitv Wien, XX2 1 " Dresdnerstrasse 82 Petroleum in Kannen franko Haus nach allen E» in Krieg stürzen wegen Christen, die sich über ihre Religion streiten und einander! verfolgen." „Aber auch die Indien, en.ro Glaubensgenossen werden verfolgt." „Auch die Inden? Wie das?" fragte der König istirnrunzelnd. „Irene behandelt die Juden grausam," erwiderte Leo. „Man» beschuldigt, sie, Brunnen zu vergiften oder Ehristenlkindcu zu morden ihres Blutes wogen. Die Kreaturen Irenes beschwören, alles gesehen zn haben. Und so ist schon mancher unschuldige Jude von Byzanz zutode gefoltert worden." „Warum geschieht das? Nur weil sie Juden sind?" „Sie haben meistens Geld, das nimmt Irene und ihre Leute und auch die Plebejer plündern gern." „Schrecklich!" „O, großer, gerechter Herr und König, glaubt mir! Es ist, wie ich sage. Blut fließt in Strömen in Byzanz und dabei vieles Judenblut. Wollt ihr nicht helfen! um unseretwlllen. so helfet euren Brüdern, den Juden! Als ich Byzanz verließ, da flüsterte man, daß alle Inden gefangen genommen werden sollen, weil sie die Bilderstürmer unterstützt hätten. Ich weiß, die Anschuldigung ist falsch, aber es werden viele Zeugen sein, bereit zn schwören, daß sie Geld erhalten «von den Juden, damit sie kämpfen gegen, die Bilderverchrev und Irene. Wahrend ich hier erzähle, hat man« dort vielleicht schon begonnen, mit Gefangennchmen und Foltern und Morden." Der König blickte Leo scharf an. „Wenn du glaubst, meinen Entschluß durch diese Erzählung abzuändern, dann irst du-," sagte er. „Euer Volk kann tun, was es lvill. Irene kann alle Bilderstürmer vernichten, oder die Bilderstürmer Irene, inich darf das nicht rühren. Wenn die Ehviistlen sich vernichten wollen, sollen sie." „Und die Juden?" „Das ist anders. Meine Brüder, die Juden, werde ich schützen^— oder rächen." „Halst Dank, o großen König, Dank! Dank!" rief Leo freudig. „Wieso Dank? Weshalb dankst du für die Juden? Bist doch ein Christ!" „Q Herr, ich bitte, ich flehe euch an, wenn ihr euren Brüdern helfen wollt, so tut cs gleich, noch! heute. Morgen kann es zu spät sein. Gebt mir Soldaten, Herr, ich will sie führen —" „Gegen die Bildervereh rer?" unterbrach der König. „Ja. —.Nein, nein, nicht so, nicht gegen die Götzendiener, mir den Juden zu Hilfe." „Man nennt dich Leo und du bist der Sohn des Kaisers und ein Edler in deinem! Lande. Also warum lügst du-?" fragte der König hart. „O Herr, ihr versteht nicht! Ihr versteht nicht! Ich rufe Gott zum Zeugen an, daß ich die Wahrheit spreche." „Aber weshalb solltest -du für die Juden kämpfen wollen? Doch nur nur gegen- Irene zu kämpfen." „Doch nicht ganz so, o Herr und König. So will ich es euch denn! erzählen. Jn> Byzanz, da wohnt ein -braver Jude, Benoni mit Namen, er hat eine Tochter, Rachel, das schönste Weib, das lebt. Und Rachel ist das Liebste, das ich besitze auf Erden. Ich liebe sie und sie liebt mich.. Und um Rachel Benonis Leben, ihres und ihres Vaters, zittere ich mehr als mm alle Bilderstürmcr zu Byzanz. Glaubt ihr mir nun, o Herr? Versteht ihr nun?" „Das ist fürwahr anders," sagte der König milde. „Ich verstehe. Verzeihe meine harten Wvrte. Und diese Rachel, wollte sie Christin werden«?" „Wir sprachen nie von Religion, o Herr, wir liebten uns nur." „Nun, wie dem sei — Mine Brüder werde ich Witzen. Moses Jbn Muffta — was meinst du, wenn «wir Kundschafter schicken nach Byzanz zu Pferde und die besten Fußläufer, die uns sofort Nachricht bringen sollen, wie es steht mit unseren Brüdern in jenem> Lande?" „Ich meine, es wäre gut, mein Ehakan." antwortete Moses. „Und du, Leo, lvas meinst du?" Leo hätte am liebsten Soldaten nach Byzanz geführt zum offenen Kampf aber er hatte Furcht, falsch verstanden zn werden und so sagte er nur: ...Nabt Dank aus ganzer Seele, o großer Cbakan." Damit endete die Unterredung. Muffta ward vom König angewiesen, am folgenden Tage die Kundschafter auszusenden. (Fortsetzung folgt.) 2. MITTeLBflCH Rinökempeutlon. Das Bestrebe«, echt. u. iruten Rum zu bakonini' i', tun in vielen K-eisen die Sel»itera*iudessolb. hervorii - " n. Doeh ist li. d. hierzu nMii/. Emeucsn mm! rt cbt Vor“irf. t

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.