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Jüdisches Volksblatt · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt Nr. t-7 Seite Q1 So wurde eine Gelegenheit verpaßt, wie sie gleich günstig in absehbarer Zeit kaum wiederkehren dürfte. Der Tag der Abrechnung ist gekommeir! Mit erschreckender Deutlichkeit hat es sich gezeigt, daß unsere Politik allein die richtige gewesen ist, daß die Entwicklung sich in jener Bahn vollzogen hat, die wir verkündet haben. Hätten die Juden auf uns gehört, so würden sie heute ihre eigene Wahlkurie, vielleicht auch eine eigene Vertretung im Landesausschusse haben, nebst den anderen Bencfizien, die daran hängen. Man hat nicht auf uns gehört! für die politische Unreife und die Torheit seiner Parteien muß heute das jüdische Volk büßen! Und diese Parteien selbst? Werben sie aus dem schweren Schlage, der uns betroffen hat, lernen? Werden sie auch künftig ihre fruchtlose Politik weiterleiten, oder werden sie endlich daran gehen, gesunde jüdische Gegenwartsarbeit zu leisten und das eigene Haus zu bestellen?! Oder soll es auch von den Juden heißen: „Nichts gelernt und nichts vergessen"?! Es ist höchste Zeit! Möge es nicht so weit kommen, daß der Schlußstein des Friedensgebäudes, das die Tschechen und Deutschen jetzt gemeinsam ausgebaut, zum Grabstein für das jüdische Volkstum Oesterreichs werde! Protestjudentnm. 5. Kr. In Rußland werden tausende unserer Stammesbrüder in scheußlichster Weise hingeschlachtet und wir gehen hin und protestieren. Das Morden und Schlachten unschuldiger Juden wird unter Aufsicht der Regierung und der Behörden durchgeführt und wir sitznr uns an den grünen Tisch, beraten und debanieren, bis wir eine ,Protestkundgebung" zusammenzimmern, über welche diejenigen, bic es angeht, sich ins Fäustchen lachen. Ein Schrecken geht durch das gesamte Judentum und die größte jüdische Gemeinde Europas, die Wiener Kultusgemeinde, windet und wälzt sich in ihrem Schreck und bringt nicht einmal den Mut auf, sich an die Spitze des erschreckten Judentums zu stelle» und eine große, gewaltige, ehrliche Entrüstungskundgebung zu leiten, sondern versperrt sich in den Ahnensaal der Wiener Großjuden, von dem aus so viele schon die Flucht aus dem Judentum ergriffen, obgleich sie in „Freiheit" lebten, um einen lendenlahmen „Protests in die Welt zu flüstern, aus dem die Ohnmacht grinst. In Rußland hauchen ganze Judenstädte ihre unschuldige, gläubige Seele aus, mit einem Fluche gegen ihr Volk, gegen die ganze Menschheit auf den Lippen, und die radikalste Partei im Judentum, die die Erlösung des jüdischen Volkes zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben will, die zu einer Zeit, da ihr noch ein eisernes Rückgrat und gesundes Mark eigen war, gegen solche Protestaufführung ihre Stimme laut erhob, ist nun selbst zu diesem lächerlichen, schmählichen Auskunftsmittel zurückgekehrt, das man nur ergreift, wenn man sich des peinlichen Gefühls entledigen will, daß man nicht fähig ist, seine Pflicht ordentlich zu erfüllen. Wir protestieren und sammeln. Und beides kopflos und immer zu spät. Wir protestieren! An wessen Adreffe richtet sich unser Protest? An diejenige der Mächte, die es uns doch immer und immer, wenn wir an ihre Türe klopften, deutlich und klar zu verstehen gegeben haben, daß auch die Intervention der Mächte zu Bestrafung völkerrechtlicher und menschenrechtlicher Vergehungen in bezug aufJudenebenfallsAusnabmsgesetzepraktiziert. Wir wenden uns an die Mächte, die ja in ihrem eigenen engeren Wirkungskreis ebenfalls eine eigentümliche Judenbehandlung gewähren lassen, die sicy mit ihren freiheitlichen Staatsgrundgesehen nicht vereinbaren läßt! Wir wenden uns an die Mächte und sie weisen uns, mit dem einen Auge weinend und mit dem anderen schadenfroh lachend, von ihrer Tür! Und nun eine ehrliche, offene Frage: Haben die Mächte nicht recht, wenn fie uns eine solche Behandlung zuteil werden lassen? Benehmen wir uns denn, so oft eine Katastrophe über uns hereinbricht, so, wie es einem Volke geziemt, das sich seiner geistigen und wirischaftlichsn Macht bewußt ist?! Tun wir nicht selber so, wie wenn wir unserer nichtjüdischen Umgebung stündlich dafür dankbar sein müßten, daß fie unS gestattet, die Luft mit ihr zu atmen?!, Sehen wir nicht ohnmächtig, wie wenn wir geknebelt wären, zu, wie uns sogar verbriefte Rechte in geradezu teuflisch auSgedachter Weise auf Umwegen konfisziert werden?! Welches Recht haben wir, uns unserer Brüder in fremden Landen anzunehmen, und die Intervention der Mächte anzurufen, wenn wir nicht den Mut besitzen, unsere bereits gewährleisteten eigenen Rechte zu behaupten? Etwa weil jene schon gemordet sind und wir nur sozial und wirtschaftlich hingerichtet werden?! Warum sollen die politischen Mächte unser beschämendes Jammern erhören, wann diejenige Macht, die wir angeblich besitzen, die Mörder unterstützt und das Geld liefert für die Waffen und die Knuten, mit denen die Juden niedergeschossen und zu Tode gemartert werden, die Mittel vorstreckt für die Erhaltung einer Vureaukratie,diedie Hoolygans zum Judeuschlachten befehligt?! Wenn wir Mut besäßen, wenn wir nicht unfähig wären, unsere eigene Kraft auszunützen, so würden wir — wenn wir schon das Protestieren nicht lassen können — unseren Protest gegen die R o t h s ch i l d s, M e n d e l s s o b n s, B l e i ch r ö d e r s o tutti quariti erheben, die durch ihr unjüdisches, über die Interessen «des jüdischen Vokstums hinweg operierendes Gebaren die Katastrophen, die über unser armes, notleidendes Volk hereingebrochen sind, zum Teile mitverschuldet haben!.... Und nun, da namenloses Elend über uns hereingebrochen, protestieren und s a m nt e l n wir. Jetzt, da ganze Judangemeinden in Waisen- und Jnwalidenkolonien umgewandelt wurden, greift unsere vor Schreck zitternde Hand konvulsivisch in die Tasche und holt den Obolus heraus, wie wenn wir bannt unsere nationale Erbsünde, das Unvertrauen in uns selbst und die Uneinigkeit unter uns, sühnen könnten. Wir Juden sammeln immer nur für Hinterbliebene, für wirtschaftlich Ruinierte. Die politische und wirtschaftliche Prophylaxis ist uns noch immer fremd. Im Sommer vorigen Jahres wurde uns ein Aufruf zur Sammlung für die B ewaffnung des jüdischen Selbstschutzes in Rußland eiugesendet. Der Einsender bemerkte in seinem Begleitschreiben, daß dieser Aufruf an sämtliche jüdischen Blätter gesendet worden sei. Wir hatten den Aufruf abgedruckt. Wir blieben damit allein. Wäre es nicht eines selbstbewußten Volkes würdiger und zweckmäßiger gewesen, wir hätten unseren bedrängte» Brüdern die Möglichkeit geboten, ihr Leben zu verteidigen, als sie in die traurige Rolle der Märtyrer zu drängen, und heute für ihre Waisen sorgen zu müffen?! Brennt uns nicht die Schmach auf der Stirne, wenn wir daran denken, daß Juden wie Kälber in Massen hingeschlachtet wurden, weil sie wehrlos waren, weil wir aus Aengstlichkeit, Unverstand und sogenannter höherer Politik es vermieden haben, unsere bedrohten Brüder mit der Schutzwaffe zu versehen?! Heute sammeln wir für Die Hinterbliebenen, für die arbeitsunfähigen Krüppel und die „Welt" sammelt jetzt auch für die Bewaffnung der — Hinterbliebenen! D«s ist unser Schicksal! Wenn wir auch jetzt nicht zur Besinnung kommen, so werden wir so lange sammeln für — Hinterbliebene, bis unsere Feinde dafür gesorgt haben werden, daß das Sammeln überflüffig werde: es werden keine Hinterbliebenen sein! Fedvr Iwan o w i t sch: Die Japaner? Sie drangen wie der Wirbelsturm immer vor bis Mukden. Nun war der Leidenskelch voll geworden. Knechtschaft auf der einen Seite, Armut auf der anderen und obendrein die fürchterliche Menschenschlächterei wegen einer Laune eines einzigen Menschen, des Zaren.. Die Soldaten flohen ins Ausland und wir knirschten mit den Zähnen. Iwan Feöorowitsch: Und wo habt ihr um diese Zeit 'Juden nieöergemetzelt? Fedvr Jwanowitsch: Wieder in ü' ischenew. Da waren nämlich noch immer Juden vorhanden. Iwan Fedorvw»t s ch: Und die Japaner? Fedor Jwanowitsch: Die Japaner vernichteten damals bei Tschuschima linse re baltische 'Flotte. In unserer Wut darüber hielten wir wieder irr Ki scheuem nach Juden Um? schau. Und da wir hier zu wenig vorsanden, haben wir einen Teil der Odessa er Juden niedergometzelt. Die Unzufriedenheit hatte aber bereitssolche Dimensionen angenommen, daß Väterchen sich nicht mehr getraute, Militär in beit Krieg zu schicken. Er brauchte sie zri Ha Ilse gegell die Anfr »ihrer. Iwan F e d o r o rv lisch: Und lvas forderten denn diese? F e d v r I w a n o w i t s ch: Verfassung und Gleichheit. Das Militär meuterte auch und hielt zllm Volke. Damals war auch der Aufstand der Potemkill-Matrosen und wir metzelten di e I rr d e n n i e d e r. I w a ll F e d o r 0 w itsch: Gab's denn in Odessa llvch Jndell? F e d 0 r I w a n v w i t s ch: Es gab noch uitb es blieben sogar lioch für den Freiheitskampf welche übrig. Man hat nämlich inzwischen mit Japan Frieden geschlossen und Väterchen widmete seine ganze Sorge den inneren Unruhen. Er ließ in Petersburg und M o s k a n das Volk nieöerschießen und das 'Volk hat in seiner Verzweiflungdie Juden in Petersburg und Moskau nieder ge metzelt. I w a li Feöorowitsch: Großartig! F e d v r I w a n o w i t s ch: Endlich hat Väterchen nachgegeben und verlieh uns die Verfassung. Hierauf haben wir die Juden überall n ie de rg e m e tz e l t. I lvan F ed o r ow itsch: Ueberall waren Inden? F e d -v r I w a n v w i t s ch: Wir metzelten sie nieder, wo wir sie eben fanden. T r e p o w 'war »un diese Zeit anr fürchterlichsten. Blut floß all allen Orte»». Das Blut der Freiheitshelden. Zlln» Schlüsse Habel» doch wir gesiegt und im Verlaufe voll einigen Jahrerl errichteter» wir das freie, reiche, auf Grundlage der Rechtsgleichheit aufgebaute Rußland, in dein auch du jetzt sitzt. I w a r» F e d v r o lv i t s ch: Und die Inden? Fedor Jwanowitsch: Diese haben wir, nachdem wir unsere Rechte ausgefochten hatten, alle samt u Ni d s v n d e r s il i e d e r g e m etzel t. Aber wenn wir inl nächsten Jahve eine Reise nach Dieutschland machen werden, das llvch nicht die Freiheiten genießt, die wir haben, da werde ich dir einen Jndell zeige u. Aus dem Ungarischeri im „A Het" übertragen voll I. Kr. Die gefundene Handschrift. Eine wahre Geschichte von Oskar T. Schweriner. (Fortsetzung.) XU. „Dev gute Freund war — ein Spion. Ich glaube jetzt, er stürzte sich ins Wasser, damit ich ihn eirrette. Von solchcn Kreaturen sind wir, o König, umgeben. Jetzt traut der Freund dein Freunde nicht mehr, der Vater fürchtet sich vor dem Sohne, der Hertz vor den Sklaven. Und darum, o großer und gerechter König, bitte ich euch: bei dem Andenken meines Vaters, der aus eurem Stamm entsprossen, helfet unserer gerechten Sache." Es dauerte eine lange Zeit, ehe dev Chakan antwortete. Dann aber sagte er: „Deine Erzählring hat Meine Seele berührt. Aber lvollte ich helfen, so müßte ich Byzanz Überzieher» mit Krieg, denn auf meine Worte wird man nicht Höven. Krieg aber ist immer ein> Unglück. Welches Recht habe ich, ein Unglück zu verursachen um eurer Neligionsstreittgkeiten willen? Wa,rum> sollte ich uvciric braven Soldaten opfern? Mir ist schon viel erzählt worden über cureiii Streit. Aber ob ihr Bilder verehrt oder sie stürmt, beides ist kein' Grund, weshalb ich lm'im Volk den, Gefahren' oin>es Krieges ausswen soll." „So wollt ihr nicht helfen, o König?" „Ich kann nicht. .Mal ' W aschbar! V. Pollenz Ich darf mein Volk nicht M die besten1

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