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Jüdisches Volksblatt · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Redaktion: IX/1, Wafagaffe 3t. Telephon Nr. 14733. Sprechstunden: An Wochentagen von 4 bis 6 Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches Bolksblatt, Wien. IX»l. 8tteh«V«rS<n wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir u»S dringend. — IManiufcrlpte werdet» niebt xuröcbflcitem. Postsparkassen-Konto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jeden Freitag. tzjgrriljimr und jerunsgr-tr: Ja Kob Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: M. vukes Uachf., kjaasenstein & Vogler, Rudolf Masse, M. Pozsonyi, K. Lchalek in Wien, ferner alle Annoncen' Expeditionen im Auslande. EmzeL-Nummer in Wien Lv Heller. tr Ndnlinistrakion: IX/l, Wasagaste 31. Telephon Nr. 14733. ASounementS - PretS: Für Wien u. Oesterreich- Ungarn f. Frankozustellung: . .K 13.- . .K . .K 3— FürdaSgefantteAuSl r> b samt ssrankozustellnngi Ganzjährig . . . K 13,<»6 Halbjährig . . . K 0.33 Vierteljährig. . . K 8.43 Verschleißstetten unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, 11/3, Stefaniestraße 12; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. Ur. 47. Wien, 24. November 1905 (26. Marcheschmrm 5666). VL1. Jahrgang. zu verlangen. Den Inden ist es also gänzlich freigestellt, sich als Deutsche oder Tschechen zu bekennen. „Wollen Sie lieber gesotten oder gebraten werden?" fragte der Koch das Huhn. Der: Inden Mährens hatte die Schmerlingsche Wahlordnung einen bedeutenden Einfluß eiugeräurnt. Diesem Umstande verdailkeil sie ihren politischen Einfluß, verdankten sie ihre verhältnismäßig angenehme Stellirng. Damit ist es seit der neuen Wahlreform aus. Die Juden Mährens sind iruillnehr zu einer bedeutungs- und einflußlosen Minderheit zusammengeschrumpft. Sie sind nicht mehr in der Lage, zwischelr beiden nationalen Parteien das Zünglein an der Wage All bilden. Die Folgen davoil werden sich für jeden einzelneu iil wirtschaftlicher uild gesellschaftlicher Hillsicht bald bemerkbar machen. Auch die jüdischpolitischen Gemeinden werden schlver geschädigt. Jll nlancher Beziehung uilterstehen sie, wie alle Gemeinden, denl Landtag, und es läßt sich leicht vorhersehen, welche Beachtung sie künftig finden werden. Selbst die Möglichkeit ihrer Aufhebung uild Verschmelzung mit den benachbarten Christengemeinden ist in bedrohliche Nähe gerückt. Welche Folgen das für. die jüdischen Einwohner dieser Gemeinden haben kann, wird jeder Kenner der Verhältnisse leicht ermessen. Mit Schlünlnerem noch droht das neue Wahlgesetz. Die Juden müssen sich All Wahlzwecken entweder als Deutsche oder als Tschechen bekennen. Wer wird nun glauben, daß eine solche formelle Erklärwlg der Zugehörigkeit zu einem Volksstamme nur während der Wahlzeit wirken wird? Werden die Judeil, die selbst sich als Tschechen oder Juden bekannt haben, diese Zugehörigkeit nach der Wahl fallen lassen? Gesetzlich gezwungen, sich als Angehörige eines anderen Volksstammes zu bekennen, werden, sie auch bald sich n u r als Angehörige dieses Volksstammes fühle n und in ihm aufgehen. Die Assimilanten mögen ' jubeln! Seit 1807 haben sie keinen so vollständigen Erfolg errungen. Und auch außerhalb der Grenzen Mährens wird das neue Gesetz Folgen zeitigen. Für; jede jüdische Realpolitik in Westösterreich mußte bisnun Mähren den Eckstein bilden. Die -stärkste Stütze, an den jüdisches Nationalgefühl! sich klammern konnte, ist nunmehr zusammen-! gebrochen. Den Schaden wird das ganze Judentum zu beklagen haben.! Mußte es so kommen?! Wir haben recht- ' zeitig gewarnt. Zu einer Zeit, da weder Christ noch Jude an nationaler Autonomie dachte, haben wir diese Idee verkündet, die heute zum; Gemeingut aller gebildeten politischen Kreise : geworden ist,, haben wir darauf hingewiesen,; daß die Entwicklung Oesterreichs sich in dieser i Bahn vollziehen müsse und werde, daß die ■ Juden nur mit diesem Programm sich eine j kräftige Position schaffen können, daß sie sonst! durch die nationale Entwicklung der anderen; Volksstämme zermalmt werden müssen. Nur i Will und Hohn hat als Echo unserem Rufe j geantwortet. Alle jüdischen 'Parteien, von den ■ Assimilanten angefangen bis zu jenen hinüber,; die prinzipiell gleich uns auf nationaler Grund- . läge standen, waren in der Bekämpfung dieses 1 Programmes einig, oder sie schwiegen es tot. R Volksfricden! Eine frohe Kunde ist in den trübsten Tagen des November durchs Laub gegangen. Tschechen und Deutsche haben sich über eine Wahlreform geeinigt, die die Majorität des Landtages beschlossen, die Minorität durch stillschweigende Zustimmung gebilligt hat. Das Feld für die nationalen Kämpfe in Mähren ist dadurch für die Zukunft eingeengt, Wahlkämpfe zwischen den Nationen sind nunmehr ausgeschlossen. Damit ist eines der § schwersten Probleme der österreichischen Nationalitätenpolitik gelöst. Eine lange Reihe von Ortsnamen bilden die Wahlorte für die tschechischen Abgeordneten; eine etwa ebenso lange Reihe enthält die Namen der tschechischen Wahlbezirke. Nur schüchtern wagt sich neben einer Anzahl dieser Ortsnamen eine bescheidene Anmerkung hervor: „Juden- und Christengemeinde!" Nur an dieser Stelle des Wahlgesetzes wird man daran erinnert, daß in Mähren neben Tschechen und Deutschen noch ein dritter Volksstamm wohnt. Nur an dieser Stelle wird der Juden Erwähnung getan. Aber auch für sie sorgt das Gesetz in großmütiger Weise. Wähler nämlich, welche weder der tschechischen noch der deutschen Nationalität angehören — welch zarte Umschreibung! — sind in die Liste jener ^Nationalitäten aufzunehmen, zu welcher sich die Mehrheit derWähler der betreffenden Gemeinden bekennt, doch steht ihnen gleichfalls das Recht zu, ihre Einbeziehung in die Liste der anderen Nationalität Feuilleton. Jetzt ist's Zeit!... Von S. Frug. Deutsch von Jakob Krausz. In Rußland ist Festtag, es rüsten und wallen Die Menschen zu neuem Leben; Die Glocken verkünden in heiligen Hallen: „Dem Volk ist die Freiheit gegeben!" Die Glocken ertönen, erwecken den Mut, Den Glauben der christlichen Massen .... Und wieder in Strömen fließt Jndenblui, Mit Leichen bedeckt sind die Straßen. „Ans lichter Höh' ein Engel bringt Den Frieden, den trauten, den warmen ..." Mit Judenblut der Boden gedüngt, Für Juden gibt's kein Erbarmen! Da gibt's kein Erbarmen, nicht Glauben, noch Gott, Dem Tod ist die Freiheit gegeben! Der jüdische Name geächtet, zum Spott Und vogelfrei jüdisches Leben! Genossen und Brüder, nicht ist jetzt die Zeit Zum Jammern und Beten um Siege, Nun ist's an der Zeit, zu fallen im Streit, Doch fallen — wie Helden im Kriege! Geschwunden Entfernung, geschwunden die Zeit, Mer spricht jetzt von „fremd" und von „eigen"? E i n Unglück, e i n Heil, gemeinsam der Feind — gemeinsam der Streit Nun ist's an der Zeit, nun ist's an der Zeit Den eisernen Nacken zu beugen! Ein Tränenstrom dringe zum Herzen hinab Und halte dort ewige Wache: Genieinsam die Waise, gemeinsam das Grab, Gemeinsam die heilige Rache! Genüssen und Brüder, nicht ist jetzt die Zeit Zilm Jammern und Beten um Siege, Nun ist's an der Zeit, zu fallen im Streit, Doch fallen — wie Helden im Kriege. Aus Rußlands Heldentagen. tNach fünfzig Jahren.) Bon Simplex. I e d o r I w anowits ch: Do, jo, mein Schätzchen Iwan Fedorowitsch, du bist glücklich, daß ich dein Vater bin. Du sitzest im weichen, sicheren Nest, das Gesetz wacht über dich, du bläst den Rauch deiner Pfeife in die Lust der Freiheit. Das heißt, du wirst ihn blasen, bis bu erst eine Pfeife bekommst. Iwan Feöorowitsch: Sag rnal, Väterchen, ist es wahr, daß zu jener Zeit die Polizei jeden, den sie wollte, hat ohne welleres einfangen dürfen? F e d o r I w a n o w i t s ch: So nmhr, wie unsere Glückseligkeit. Da gab's nur einen Polizeistaat und unsägliches Zähneklappern und unermeßlicheS Elend. Uud, damit ich nicht «ns einer Rede in die andere falle, weißt du, damals führten die Japaner Krieg gegen uns. I w a n F e d o r v w i t s ch: Was? Die Japaner? Unsere Brüder?! Fedvr I w a n v witsch: Jawohl, mein lieber Fedi, die Japaner! Jetzt sind sie unsere Brüder, aber vor fünfzig Jahren waren sie noch „gelbe Hunde". Am ersten Kriegstage haben sie unsere Port ArtHurer Flotte über den Hansen geschossen. Iwan Fedorowitsch: Und was habt ihr da getan? F e d o r I w a n o w i t s ch: Wir haben in unserer Wut mit den Zähnen geknirscht und als die Milt noch größer ward, haben wir die Kischenewer Juden niedergemetzelt. Damals waren nämlich auch in Kischenew noch Inden. Iwan Fedorowitsch: Und waS taten inzwischen die Japaner? F e d o r I w a n o w i t s ch: Wie ein gelber Schneewirbel sind sie in unseren Körper eingestürmt. Väterchen sandte gegen sie eine Armee nach der anderen und ihre Beamten preßten das Volk lustig weiter alls. Wir t-astell so viel Steuern zu zahlen, als man nur zu erpressen verstand, so, daß uns kein Bissen Brot im Hailse blieb. Als wir dann bei Liaojang die entscheidende Schlacht verloren .... I w a n Fedorowits ch: Nun, was tatet ihr da, Väterchen? Fedor I w a n o w i t s ch: Ich lvar damals elf Jahre alt, als wir die Schlacht bei Liaojang verloren haben, und in unserer Verzweiflung haben wir die Kiew er Juden niedergemetzelt. Damals Haben nämlich, i« Kiew noch Inden gelebt. Iwan Fedorowitsch: Und die Japaner?

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