Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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£>eite 4 Versammlung spricht gleichzeitig die Erwartung auch-Hatz jeder Jude in jedem Teile der Welt es «als seine Pflicht betrachtet, nicht nur die jedesmaligen Opfer der Judenverfolgungen von Fall zu Fall mit Almosen zu unterstützen, sondern sein ganzes Können in den Dienst des Gedankens zu stellen, daß endlich einmal die Wunde geschlossen werde, aus der immer und immer wieder jlidlfches Blut fließt." Als letzter Redner erbat sich der Sozialdemokrat Herr Dr. Freund öaö Wort. Er zollte in einer kurzen Rede der tapferen Gegenwehr der indischen Studenten und Bürger vollste Anerkennung, führte jedoch die Ausschreitungen auf die sozialen russischen Verhältnisse zurück. Der Wirde der Versammlung entsprechend, erwiderte ihm Herr Friedrich Löw. > * Eine Audienz beim Grafen Goluchowski. Das . Präsidium der Oest.rreichisch- Jsraelitischen Union, vertreten durch die Herren Steginrmd Mayer und kais. Rat Wilhelm Anninger, ist bei dem Minister des Aeußern Grafen Goluchowski in Audienz erschienen und hat demselben im Hinblick auf die russischen Eri eignisse, wie auch mit Rücksicht darauf, daß selbst! bei dev größten. Vorsorge unserer Regierung ein Uebcrgreifen der Bewegung nach . Galizien nicht ausgeschlossen ist, die Ettvägung unterbreitet, ob es nicht möglich wäre, durch die Initiative unserer Regierung die zivilisierten '; Mächte zu einer gemeinsamen Vorstellung bei , der kaiserlich russischen Regierung zu verair-- lasscn, damit dieselbe m.it mehr Ernst, als sie bisher gezeigt , hat, der Don ihr selbst zugegebenenvassiven Assistenz der Lokalbehörden in Rußland bei diesen blutigen Exzessen entgegentrete. Gras Goluchowski emvnng die. Herren inliebenswürdigster Weise, wies aber in seiner eingehenden Erwiderung auf die Schwierig- / fettem einer Einmischung in die inneren Angelegenheiten -eines fremden Staates hin und auf die voraussichtliche Erfolglosigkeit eines , solchen Schrittes, weshalb die österreichische Regierung es ablehnen müßte, an die anderen Mächte ein solches Ansinnen zu stellen. Er glaube sogar, daß ein solcher Schritt gerade eine entgegengesetzte, für die .russischen Juden gefährliche Wirkung haben würde. Für die zahlreichen in Rußland lebenden jüdischen 'gnHehöritzcn Oesterreichs bieten nach den tele? graphischen Berichten, die er unausgesetzt erhalte, sowohl die Botschaft als die Konsulate das Aeußerste auf und es sei das unausgesetztzt^ Bestreben der Regierung, unsere Staatsangehörigen in ausgiebigster Weise zu schützen. Ein Uebergrcrsen auf, Galizien befürchte er nicht und würden auch die Behörden dort sofort „O, großmächtiger König dev Ehazaren," Hub der Fremdling an, „dessen Ruhm gedrungen ist bis zu meinem Lande und zu meinem Volke. Ihr seid bekannt eurer Gerechtigkeit wegen weit und breit. Ihr helfet den Bedrängten und Verfolgten und deshalb bin ich zu euch gekommen, um Hilfe von euch zu erflehen/ Ich komme aus Byzanz, wo die Kaiserin Irene gar grausam herrscht. O Herr, könntet ihr all das Elend sehen, könntet ihr dabei sein, wie sie alte, brave Soldaten, die ihv Leben tausendmal eingesetzt haben für ihv Vaterland, zu den gemeinsten Arbeiten verdammt, wie sie alles mit Tod und Vernichtung verfolgt, was ihr nicht zu Willen ist und mit ihr Götzendienst treiben will; wie sie unschuldige Christen und Juden der verschiedensten Missetaten beschuldigt und sie dann martern läßt, wie sie ihren eigenen Sohn mit dem Tode bedroht, den Sohn, der eigentlich der richtige Kaiser von Byzanz; wenn ihr sehen könntet dieKreaturen, mit denen sie sich umgibt, die Eunuchen, die Patriarchen, die Götzendiener; wenn ihr wüßtet, wie die Edlen des Volkes umgeben sind von Spionen, wie die gemeinsten Schufte die höchsten Stellen .des Staates bekleiden, wie das Volk durch Stehern zu Boden gedrückt wird, damit jene schwelgen und stehlen können. O, Herr und König, wenn ihr das ganze Elend kennen würdet, fürwahr, das Herz im Leibe würde euch schmerzen und ihr würdet helfen." Tränen stunden in den Angen des Fremdlings. als er geendet hatte. Der König blickte erstaunt hinüber zum Jüdisches Volksblatt jedem Versuch, eine ähnliche Bewegung hervorzurrrfen, mit der. äußersten Strenge entgegentreten. In dieser Bezühung dürfe die'jüdische Bevölkerung in Galizien, vollkommen beruh gt sein. •* Trauergottesdienste tu Wien. Mittwoch den 15. d. M. Punkt 4 Uhr.Nachmittags fanden irr, allen Wiener Synagogen Trauergottesdienste statt. Alle Synagogen waren geradezu überfüllt. Dr Gemeinde- und Bethausvorsteh-elrwaren in den einzelnen Synagogen verteilt. Sowohl die Trauevgesänge als auch die von >dcn einzelnen Rabbinern gehaltenen Trauerreden machten ans die Anwesenden tiefen Eindruck. In einzelnen Synagogen wurden Sanmr,lungern zugunsten der Hinterbliebenen der hügemvrdeten iuden veranstaltet, die ein schönes Ergebnis hatten, Wir müssen uns wegen Raummangels leider versagen, aus die nä'hexe Beschreibung des Verlaufes der.einzelnen! 'gottesdienstlichen Veranstaltungen einzugchen. Der Gesamteindruck war überall ein imposanter. * Kundgebungen in der Provinz. Aus allen größeren Städten dev Provinz, so aus L e m b e r g, K r -a k a u, B r ü n n usw. sind uns längere Berichte über veranstaltete Protest- und Trauerkundgebungen zugckommen, deren Abdruck wir jedoch wegen lleberhäufrmg des Stoffes für die nächste Nummer verschieben müssen. Die Kiewer Greueltaten. Mit zitternden Händen schreibe ich Ihnen über die Dinge, die ich mit eigen-en Augen gesehen habe. Ich kam erst gestern Abend von Kiew und habe kaum mein nacktes Leben gerettet. Wenn ich erzählen könnte, was sich ln Kiew ereignete, es würde ein Stück denkwürdiger Historie werden '.mit wuchtigem Inhalte. Welch welterschütterndes Ereignis! Die zahlreiche jüdische. Bevölkerung dev Stadt Kiew mußte zwei Tage lang, am 19. und 20. Oktober (a. St.), unmenschlich grausame, blutige Mißhandlungen und beispiellose Plünderungen seitens einev zügellosen Menge ertragen. Drei Viertel aller jüdischen Häuser auf Podol, Kreschtschatik (größte Straße Kiews), Bessarabska. Große Wasilkowska-stmße sind geplündert und-gänzlich verwüstet. Alle diese Bestialitäten trugen sich vor den Augen der Kommandanten. „Fremdling," sagte er dann mit weichev Stimme, „mit welchem Rechte sprecht ihr so? Wer seid ihr?" „Ich bin auch einer der Bedrängten, der Verfolgten," erwiderte jener leidenschaftlich. „Diese Bestie verfolgt mich, weil ich ihren Götzen nicht dienen will — und auch weil sie mich fürchtet. O, ich bin nicht Konstantin, ich werde mich wehren, und ihr, großer und gerechter König — o helfet mir!" „Fremdling, du bist erregt und deshalb sei dir vergeben. Aber an deine guten Sitten will ich dich erinnern. Ich bin der König, der dort ist mein Kommandant, Moses Jbn Muffta, und wer bist du?" fragte der König in mildern Tone. „Verzeiht, o großer König! Fükwahr, ich bin sehr erregt. Verzeiht. Jch heiße Leo!" „Wie, Leo? Führst du nicht deines Vaters Namen?" „Nein, denn mein Vater war Kaiser Leo der Vierte, der Chazar. Meine Mutter aber war nicht Irene." „So wärest du ein Bruder des! Kaisers von Byzanz?" „Ja, o Herr, ein Bruder linker Hand des Kaisers Konstantin des Vierten von Byzanz. Und unser Pater war ein Chazar und deshalb kam ich zu euch, o Herr." „Dein Kommen fei gesegnet," sagte der König und reichte Leo die Hand, „und nun sage mir ausführlich, was du von mir verlangst." „Eure Hilfe, o König, eure Hilfe," flehte dir. 4fr Polizisten zu, nicht ein einziger Polizist mljAe auch mir einen Finger, um der allgemeinen Metzelei und Plünderung.Einhalt zu tun. Pie Not spottet jeglicher Beschreibung. Einige tausend Familien sind obdachlos und liegen unter freiem Himmel ohne Speise rnrd Trasik. Alle Läden aus Kreschtschatik sind beraubt, und das Brodskysche Palais ist gänzlich vernichtet und beraubt. Der Sohn des ' Millionärs Brodsky ist in Stücke zerschnitten worden. Der Herr Abraham Hornstein/Bruder der hiesigen Millionäre Gebrüder Hornstein, telegraphiert eben-: „Bis auf ein Hemd berckübt, ohne Brot.". Bemerke, daß letzterer ein sichr wohlhabender! Mann war. Die Leidenschaften haben sich noch nicht beruhigt. Aus allen benachbarten Städten kommen traurige Nachrichten über Näube eien rnrd Mordtaten, welche ungehindert fortgesetzt werden. Man plündert und mordet unarifhörl'ch. Um nur einen kleinen Begriff geben zu können von dem, was.sich in Kiew zugetragen hat, "müßte man über hie Beredsamkeit eines Jeremias verfügen. Angesichts dieser erschreckenden Ereignisse ist hie Situation eine solche, daß wir hiev in meittpnr Wohnorte leben, wie sich die Schafe bange zusarnmendrängen, wenn sich des Wolfes Heulen hären läßt, und wir haben absolut keine'Garantie für die persönliche Sicherheit und es erscheint ganz unmöglich, ruhig unseren Geschäften nachzugehen. Die Radomysl-er Juden, "gequält durch die blutigen, Ausschreitungen her letzten Tage, ohne Schutz undohne Mittel/ sind ganz verzweifelt und ihres Lebens nicht sicher. Ter Vermögensverlust in Kiew kann jetzt natürlich nicht' berechnet werden, es ist aber sicher, daß er über dreiß'g Millionen beträgt. Von dem Feuer des Kiewer Krawalles und der. Plünderungen fliegen Funken in die Provinz. Gott schütze uns! * Die Kiewer können von den erlebten Schrecken nicht in sich kommen. Alle Läden, jüdischer Kauflerrte sind geschlossen. Die Straßen» gleichen Friedhofsalleen.. Man sieht d e unglücklichen Judenwie Schatten auf den Straßen herumschleichen, die meisten mit Wunden am Kops und im Gesicht. Noch jetzt läßt die wütende Menge keinen einzigen Juden auf der Straße vorbei, ohne ihn zu mißhandeln. Besonders schwer habendiejenigen Juden gelitten, die an diesem Unglückstage die Tramway benützten. Wenn die wütende Menge bemerkte, daß in einem Trämwaywagen ein- Jude saß, so schrie sie den christlichen Passagieren zu: Leo. „Wenn ihr nich tzu Hilfe kommt, sind wrr alle verloren. Der Kaiser, ich selbst, alle Grölern des Reiches. Wir sind von Spionen umgeben Tag und Nacht. Einst errettete ich einen Mann arrs dem Wasser mit eigenen Lebensgefahr. .Er war mir sehr dankbar, wir wurden die besten Freunde. Er haßte Irene und die Bilderverehrev wie ich. Er verehrte den wahren Kaiser wie ich. Alle meine heimlichen Pique für die Zukunft vertraute ich ihm, Als die Bilderstürmer geschlagen und _ viele gefangen genommen wurden, da verheimlichte ich. '.hm nicht, daß ich rnich zu euch begehe, o Herr, qm Hilfe von euch zu erflehen für unsere gerechte Sache; so ich sie hier nicht fände, daß ich weit.erzichen rrnd nicht ruhen und' rasten winde, fr* ich sie gefunden. Wahrend meiner AbwesenHit sollte er ein wachsames Auge haben auf das Liebste, was ich besitze auf Erden und was ich zurücklassen mußte unter Feindeni Er versprach es, er schwor, dieses Liebste zu schützen wie seinen Augapfel und zu verteidigen mit seinem Leben. Leomachte eine kurze Pause. Dann fügte er bitter hinzu: „Bor zwei Nächten wurde uh in der Steppe von als Kaufleuten verkleideten Soldaten überfallen. Ich wehrte mich und erschlug sieben. Dann wurde ich schwach von meinen Wunden und die Angreifer fesselten mich. Wäre dieser brave Feldherr nicht Hinzügekommenman hätte mich nach Byzanz zurückgeschleppt. Einer der Angreifer war mein guter Freund. Er wird niemanden mehr verraten. Er liegt eingescharrt in der Steppe. (Fortsetzung folgt.)