Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdisches Volksblatt Nr. 46 Kundgebung des Wiener Kultusvorstandes. In. Anwesenheit säintbcher Kultusvorsteher mit Ausnahme des kranken Präsidenten, fand am 16. November die öffentliche Trauersitzung des Vorstandes statt. Vizepräsident Tr. Gustav K o h n eröffncte die Sitzung mit folgender Ansprache: Geehrte Kollegen! Die heutige öffentliche S.tzung, welche leider in, Abwesenheit unseres erkrankten Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern abgehoben werden nmß, ist der Trauer gewidmet. Wir wollen in dieser Trauewersammlung zum Ausdrucke bringen b!e tiefe Entrüstung, den furchtbaren Abscheu, das schmerzliche Entsetzen, welche uns ob der grauenhaften Morde und Plünderungen, die an unseren russischen Glaubensbrüdern begangen wurd.n, erfüllen und die alle diejenigen erfüllen sollten, welche sich Menschen nennen, ohne Unterschied der Konfession. Wir wollen Ausdruck geben, dem Bcsremden, daß von anderer Seite nur veremzelt der Aufschrei des Schmerzes, der sittlichen Entrüstung und Empörung sich vernehmen ließ, dem Befremden Ausdruck geben, daß unßre Regierung und die Mächte, welche bei Greueln von geringerem Umfange einzugreifen stets für gut befanden und befinden, m diesem Falle in stillschweigender Passivität sich verhalten haben und noch weiter verhalten. Wir wollen es versuchen, in dieser öffentlichen Trauerversammlung das schlafende öffentliche Gew.sfen aufzurütteln. Sie wissen, sehr geehrte Herren, daß wir heute nachmittags Traucrgottesdienste in allen Bethäusern unserer Gemeinde angeordnet und veranstaltet haben. Wir wollen aber in dieser^ öffentl chen Trauewersammlung auch eine Resolution fassen, welche alle diese Gefühle, alle diese Wünsche, die uns Juden infolge -dieser gräßlichen Vorfälle erfüllen, zum Ausdrucke bringen. Ich bitte um die Verlesung der Resolution, vonwelcher ich hoffe, daß die gesamte Judenheit nicht zögernwird, sich derselben und den .darin zum Ausdrucke gebrachten Empfindungen und Wünschen anFuschließen. . ' Hierauf verlas der Sekretär kais. RatDr. Lieben folgendeResolution, welche von sämtlichen Anwesenden stehend angehört, und dann einhellig zum Beschluß gehoben wurde: Resolution. „Wir Vertreter der Wiener Iudeni'chast haben uns heute versammelt, um im Namen derselben össentlich Ausdruck zu geben der aus tiefstem Herzen quellenden Empörung über die Duldung jener erschütternden Vorgänge in Rußland, melche gegenwärtig die ganze zivilisierte Welt mit Schrecken und Entsetzen erfüllen. Nicht mit jenen wollen wir rechten, welche in tierischer Verkommenheit ihrem Blutdurste und „Was ich tun? Was ich tue?" schreit Pinni zurück, „ich breche dir die Glieder, daß du an mich ewig denken wirst," und dcn Worten folgte die Tat. Kurz, Vetter Pinni hat Muhme Reise in einer Weise bearbeitet, daß kein Glied an ihr ganz blieb. Jankl Dovid stand während der ganzen Zeit abseits und ergötzte sich an der „Arbeit" seines Freundes. Als die Kinder und das Hausgesinde dies sahen, begannen auch sie sich aus ihren Winkeln hervorzurühren. Einer ging gegen den anderen los, man schlug und mordete und bald glich das Haus der Muhme Reise einer Ruine. Muhme Reise war zu sehr okkupiert mit der Entgegennahme der Schläge, bie ihr P'.nni unausgesetzt applizierte, als daß sie an die Herstellung der Ordmmg im eigenen Hause hätte denken können-. Endlich mußte sie zur Einsicht gelangen, daß ihre eigene Existenz gefährdet sei. In diesem- Stadium des Hausstreites erschien wieder Jankl Dovid mit einem wohlüberdachten Plane, durch welchen der Friede zwischen den Eheleuten wicderheugcstellt werden sollte. Muhme Reise hatte sich anfangs geziert und wollte auf den« Vorschlag Jankl Davids nicht eingehen. 's ■ Endlich, nach langem Zureden und als die Situation für die Muhme Reise immer unhaltbarer geworden war, fuhren beide Eheleute zu Jankl Dovid und dort wurde folgender Friedenspakt geschlossen: 1. Die Eheleute stellen die Schlägereien ein. ihrer Raub sucht fröhn-en; unsere Anklage gilt Vielmehr jenen Faktoren, welche durch skrupellose Auswühlnng der Voltsleidenschaften, durch unerhörte Nachgiebigkeit gegenüber dem Terrorismus fauatksierter Bauden an entsetzlichen Greueltatcn sich mitschuldig gemacht und sich als die intellektuellen Urheber furchtbarer Lchaudtatcn mit unausrottbarer Schmach beladen haben. In unsagbarem Schinerze um die hingemordcten Ädärtyrer/iinaugstbolier Sorge um unsere unglücktichen Brüder in Rußland rufen wir die Machte au, sich wie sie es wiederholt bei anderen Anlässen getan haben, im Namen der Zivilisation, des Rechtes und der Gesittung zu gemeinsamer Aktion zu vereinigen und die russische Negierung mit allem Nachdruck an ihre Pflicht zu mahnen, dein wahnwitzigeü Treiben, welches die schrecklichsten Vorgänge Mittelalterlicher Barbarei in den Schatten stellt, Einhalt zu gebieten." Zum Zeichen dev Trauer wurde dann die Sitzung geschlossen. Kundgebung des Czernowitzer Kultusvorstandes. Vom Präsidium des Czernowitzer Kultus- Vorstandes erhalten wir folgendes T.logramm: Unter vollzähliger Teilnahme der Mitglieder des Miltusrates und in Anwesenheit eines großen Publikums aus allen Kreisen der Gesellschaft faßten wir heute folg.nde Resolution: „Tie aus Rußland kommenden Nachrichten über die furchtbaren Judenmassakers im Zarem - reiche haben, in der gesamten gesitteten Welt Entsetzen und Abscheu hetvorge rufen. In uns Ju- .den aber den tiefsten Schmerz über die entsetzlichen Grausamkeiten, -denen unsere unglück- : lichen Glaubensumbi Gesinnungsgenossen nach tausend, abertaufenden zum Opfer fallen. Die von der gesamten Presse aller Völker und von aus Rußland eintreffenden Flüchtlingen mitgeteilten Schilderungen beweisen, daß wohlorganisierte Horden, mit Geld und Mordwerk- .zeugen ausgerüstet, im größten-Teile des Zarenreiches rauben, plündern und taufende vo-n Juden sowie die diesen zu Hilfe eilenden russischen Studenten und Angehörigen der russischen Intelligenz erbarmungslos hinfchl achten. Grauenerregende Greueltaten werden an Frauen, Kindern und Greisen verübt und selbst die Hin gemordeten unschuldigen Opfer geschändet. In unzählrgen Orten Rußlands sind so die Juden nahezu gänzlich vom entfesselten rohen Pöbel in bestialischer Weise ausgerottet. Die ganze gebildete Welt steht unter dem furchtbaren Eindrücke dieser entsetzlichen Greueltaten, die umso schrecklicher, sind, da sie von den öffentlichen- Organen der staatlichen Gewalt angestiftet, organisiert und ausgeführt werden. Die geschilderten, aller Welt bekannten schrecklichen Greueltaten sind ein Hohn und . eine Schande auf die Gesittung, Kultur und Humanität des 20. Jahrhunderts und der Menschheit überhaupt. Im NamenI der Bukowinaer Juden ruft der Kultusrot der Czernowitzer Judengc- 2. Muhme Reise gelobt, außer an Sonn- und Feiertagen keinen Wutki zu trinken. 3. Muhme Reise benimmt sich! fortan wie eine Dame von Stand, wird nicht mit jedem herumschreien, ihre Kinder nicht prügelnrurd niemanden quälen. 4. Muhme Reise verpflichtet sich zunächst, das Lesen und Schreiben zu erlernen und daun täglich ein Kapitel aus den Büchern „Die Pflicht des Herzens" und „Die modernen Rechtsbegriffe" mehrmals durchzulesen, mit einem - Worte, sich menschenwürdig und menschenähnlich aufzuführen. Der Friedenspakt wurde von beiden Teilen unterzeichnet und bei In kl Dovid in Verwahrung gelassen. Seit diesem Tage leben die Eheleute in Ruhe und Frieden. Die gefundene Handschrift. Eine wahre Geschichte von Oskar T. Schweriner. (Fortsetzung.) XI. 11m dieses ganze herum waren hohe Steinmauern aufgeführt, die mit ihrem Glasdach! rin festes Haus bildeten. Im Dache waren Fenster, die von unten geöffnet wurden!, um den Opferrauch abziehen zu lassen. Oben, beinahe unter bertü Dache, zog sich eine durch Perlenvorhänge verstrickte Galerie entlang, die für die Frauen war. Die Müntzer beteten im Vorhofe diesseiis des Perlenporhanges. meinde die gesamte Judenfchaft zu energischem soldarischen Handeln auf und erhebt gleichzeitig seine Stimme zu flammender Entrüstung. Wenn im mss.fchen Reiche alle Bande der Rechtsordnung gelöst sind, Millionen von Staatsbürgern und Bewohner dieses Reiches barbarischer Vern-ichtung pre.sgegeben werden, Massenmorde und Massenabschlachtungm von Menschen nicht nur unter derr Augen der staatlichen Zivil- und Militärbehörden verübt, vielmehr auch von. betten Organen gesch it r t und bewerkstelligt werden, d annstelltr sich R. u ß l an d a u ß e r h a l b jeder Rechtsordnung, und gleichwie die europäischen Negierungen in China und in der Türket deshalb intervenieren, weil Ausschreitungen und Morde gegen Christen verübt wurden, ebenso ist es Pflicht der Regt e r u n g e n aller zivilisierten Staaten, im Nämen der Menschheit, der Kultu-r, Gesittung ünd Humanität die angemessenen- Schritte zu unternehmen, damit Eigentum und- Leben von Millionen Menschen geschützt werden. Insbesondere erachtet es die Bukowinaer Judenschaft für eine Pflicht der k. k. österreichischen Regierung im Hinblicke darauf, daß auch viele österreichische Staatsbürger dein Rauben, Plüuidern und Morden! in Rußland schutzlos preisgegebeir. sind, sich dieser Unglücklichen anzunehmen. Der Kultusrat der Czernowitzer Judengemeinde hat, schmerzlich bewegt, in seiner PIlenavversammlung vom 12. November einstimmig beschlossen, seiner tiefen Entrüstung und Empörung über, die Massenmorde und Greueltatcn, die an taufenden Juden in Rußland verübt werden, Ausdruck zu -verleihen und die Entrüstung und Protestkundgebung im telegraphischen Wege sowohl dem k. k. österreichischen -auswärtigen Minister Grafen Goluchowski sowie dem k. k. österreich'scheu Ministerpräsidenten' Baron Gautsch-, im schriftlichen Wege aber dem! k. k. Bukowinaer Landespräsidenten von! Bleyleben sofort mit der ergebenen Bitte mitzut,eilen), den ihnen Austehenden Einfluß für die unglücklichen Inden in Rußland geltend zu machen. Für den! Kultusrai: Der Präsident Dr. S t r a u ch e r. Ein Bnkowiner Landtag. Am 13. d. M. ging uns folgendes Telegramm zu: „Jüdisches Volksblatt", Wien Bukowinaer Landtag verhandelte über Antrag Dr. Straucher, Nikolai Wafsilko, Dr. Wolczynski, Dr. Lnpn, Dr. Skedl und Genossen betreffend Entrüstungskundgebung über die russischen Judenmassakers. Nach glänzender Begründung und Schilderung der furchtbaren Greueltaten durch Dr. Strauch, rvotierte Landtag einstimmig Dringlichkeit und wies Antrag Der König betrat den Tempel durch einen besonderen- Eingang, der direkt zum Altäre führte. Ehe er den Hof betrat, legte er alle Zeichen «der königlichen Würde ab- und bekleidete sich, mit dem weißen Kleid und dev weißen Kappe des- Hohenpriesters. Der Gottesdienst war eine Vermischung des Alten mit dem Neuen, denn während der König drinnen opferte, betete draußen das Volk die von den Gelehrten! vovgeschriebenen Gebete. Es war also in dev Morgenstunde. Dev Gottesdienst war eben beendet, dev König hatte das Gewand gewechselt und sich auf sein Pferd geschwungen, das seiner vor der Tür des Tempels harrte, um nach dem Palast zurückzukehren. Seine Begleiter, zwanzig Soldaten in voller Rüstung, die den Tempel gewöhnlich kurz vor dem Ende des Gottesdienstes verließen, saßen bereits in den Sätteln und scharten sich! sofort um ihren- König. Der Zug setzte sich eben in Bewegung, als vom andern Ende der Strafe ein Reiter angesprengt kam, bei dessen Anblick der König seinen Begleitern ein Zeichen machte. Dan!n erwartete er den Reiter, während dis Soldaten sich einige Schlvitte zurückzo-gen-. Der Reiter machte vor dem! Könige Hall und salutierte, indem er sein mächtiges Schwer!! zog und es zur Erde neigte. „Moses Jbn Mufsta, gesegnet sei dein Kommen. Wann bist du eingetroffen?" „Erst heute Nacht, o Herr. Ich. hatte gerechnet, schon gestern abends Belendschev zu errci-