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Jüdisches Volksblatt · 1905-11-03 · 44 (3.11.1905) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
44 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JtdMchm YetinUatt treffen, du Gesetz wirkt vor im'b nicht zurück, und wer sein Gewerbe nur einen Tag vor Jw krafttrcten des Gesetzes anmeldeir würde, könnte zur Erbringung des Befäbignngsnachweises nicht verhalten wevven. Allerdings milche das Gesetz dahin ammviert tverden, das; jeder, der einen BcsähignngS- Nachweis für das Handrlsgewerbe erbracht hat, das Recht habe, nötigenfalles ni ähnlichen, Branchen überzngehcn. Für dieses Ämendement sollen alle österreichischen AtmifI-cutc und nicht blos; die Juden, ein treten; die levt.'irn sind doch blos; neun Zehntel der gesamten Bcvölkertntg in der diesseitigen Reichshälftc; in Dalmatien, Istrien gibt es gar keilte jüdischen Kauflente, in. Srcürmark miv lvenige, imD die Frage des Befähigungsnachweises ist keine rein jüdische, lvie es die Schächtfrage war, und dieselbe tangiert ebenso die christliche wie die jüdische Hanvelswelt in Oesterreich. Es möoen daher in Galizien zu dem Grundstoffe, den ich da lieferte, Versammlungen eilt berufen werden, und die geehrte Redaktion des „Jüdischen Volksblatt", das sich konsequent nrit galizischeu Angelegenheiten beschäftigt, wird, wie ich glaube, für alle Berichte über Versammlungen, die über den Punkt des Befähigungsnachlveises beraten würden, ohne weiteres ihre Spalten zur Verfügung stellen. Aus Rußlind. Von I. Braun, Radomisel, Rußland. Die Streikbewegung, welche vom vorigen Jahre ab hier in Rußland so scharf hervovgetreten ist, läßt sich jetzt noch mehr wahrnehmen. Alles streikt- und wir sind hier in großer Verlegenheit. In zahlreichen Ortschaften im Kiewer Gouvernement verlaß! das ganze Hausgesinde ohne vorherige Kündigungden Dienst. In der benachbarten Stadt Schitomiv sind alle Gymnasien, städtische Schulen, sogar die jüdische Talmnb-Thoraschnle geschlossen. Die Knaben und Mädchen fordern Freiheit, Abschaffung des Prozentsatzes für Inden und gewähren den Unbemittelten freien Schulbesuch. Tie Not in meinem Wohnorte Radomisel ist unbeschreiblich. Viele jüdische Familien haben im ganzen Haushalte kein einziges Wäschestück, weder aus Leinen noch ans Baumwolle. Ein Jude, der hier eine Waschanstalt eröffnet haste, erzählt mir, daß die Frauen der hiesigen jüdischen Handwerker kein einziges Stück weißer Wäsche in, ihrer Wirtschaft besitzen, während die männlicher Mitglieder der Familie sich jeder mit einem einzigen Hemdo behelfen müssen! Die Juden lassen nicht waschen, und zwar „Wenn durch die Eule ein Tumult entstände — vielleicht —" meinte sie. Er sehüttelre wieder den Kopf. Noch eine Meile saßen sie da, lautlos. Darm sagte Nesehnschta: „Vorläufig habt Dank. Ich gehe jetzt zu Rachel. Und io Gort uns bei'üeht, auf baldiges Wiedersehen!" Die .Stampfe der Sklaven und Bilderstürmer waren vorüber. Die Tausende, die da auf den Tribünen saßen, hatten sich heiser geschrien, wenn dieser oder jener der Kämpfenden besondere Tapferkeit gezeigt hatte, zum Zeichen, daß ihm das Leben geschenkt werben sollte. Und so oft hatten sich diese Szenen wiederholt, daß die Kaiserin sich genötigt sah, gar vielen das Leben zu schenken. Jetzt, während man ans die Juden wartete, deren- Vernichtung der Schluß «bes Siegesfestes bilden sollte, traten Sklaven in« den- Ring, und beseitigten die Spuren des geflossenen Blutes und streuten frischen- Sand. Unterdessen unterhielt sich die Kaiserin mit ihrem Nachbar zur rechten« Hand, dein Emmchen- Stenrakins. „Das Volk scheint Freude zu haben an dm Spielen," sagte sie. „Wie sollte es nicht. Verdankt es doch diese gottgefällige Einrichtung, seiner siegreichen Kaiserin!" „Nicht wahr, Stenrakins, auch ihr hattet mein Tun für gottgefällig?" „Wie denn anders? Eine Rächerin« seid ihr der gesäurten Christenheit, o große Majestät. Wie Nero vor 000 Jahren die Ehristen verweni'gev aus Unreiülichkeit als aus richtiger, unverfälschter Annut. Vor den Feiertagen war ich in Berditschcw, Kielver Gouvernement, und was ich da sah, war ein Bild ewiger Finsternis! Alles ist da tot, stnnrm, düster und verfallen! Die Straßen sind vor lauter Wasserpfützen unpassierbar; die Misthaufen machen sich breit, dampfen in der Sonne unid lösen sich bei Negenwetter zu einem mehligen' Brei auf. Die eigenen Hilfsquellen der Stadt können mir einen geringen Teil dev Bevölkerung auskömmlich ernähren. In Berditschew würden 30 bis 40 Manusaktnristen ein gutes Auskommen haben, allein« die Stadt besitzt deren mehr wie 600! Zertrümmerte Fensterrahmen und von den- Wänden abbröckelnde Stukkatur zeugen für ibirc völlige Hoffnungslosigkeit der Wohmmgsinbaber, und nnri die drei großartigen Synagogen mit ihrem berühmten Kantor Nise Beizer bringen den Annen« noch Trost und Anfvichtigkeit. In deni benachbarten jüdischen« StädUein Brusilow sah ich bei meiner Durchreise 1.8 Personen in ei nenn Raum im Hospitale liegen- und sterben. Krebs, Woche nbet tfi eb er, Nieren ent zü ndi mp, Geschwülste, Knochenbrüche lest ich da neben- und durcheinander. Die Träger aller dieser Leiden lagen ohne Unterschied von Geschlecht und Aller ans schmutzigem Lager gemeinsam in einem engen, düsteren Zimmer. So leben wir hier! Erledigte Mstnrrgen bei der Mieurr KrrLtrrsgemrinde. Farm; Jcitelcsschc Stiftung für Hörer der Medizin. Aus den Zinsen der Fanni Jeitelesschen «Stiftung für Hörer der medizinischen Wissenschaften gelangen für das Schuljahr 190-5/00 vier Stipendien von je K 188.— an israelitische Hörer der medizinischen Fakultät zur Verleihung. _ Bewerber haben ihre Gesuche, belegt mit Ltlidien-, Gcbnrts-, Mvralitäts- und Mtttellvsigkeitszengnissen bis 15. N o v c m ber 1905 im Cinreichnvgsprvtokolle der israelitischen Kultnsgemeinde Wien, l. Bez., Seitenstettengasse 4, 1. Stock, während der Arntsstunden zwischen 9 und 12 Uhr vormittags zu überreichen. Später einlangende Gesuche werden nicht berücksichtigt. Fanni Jeitclessche Stiftung für Nabbinatskandidaten. Ans den Zinsen der Fanni Feitclesschen Stiftung für Nabbinatslandidaten, welche zugleich ordentliche Hörer der philosophischen Wissen-schasten sind, gelangen im «Studienjahre 1905/00 zwei -Stipendien von je 188.— an Hörer obgenannter Wissen schäften zur Verleihung. «Bewerber haben ihre (besuche, belegt mit Studien-, Gebnrts-, M'vralitäts- und Mittellosigkeitszeugnissen bis 15. vl v v c m b e r 1905 im Einreichiungsprototvlle der israelitischen Kultusgemeinde Wien, 1. Bez., Seitenstett-engasse 4, 1. Stock, während der Amts stunden zwischen 9 und 12 Uhr vormittags zu überreichen. folgte und zerreißen ließ im Zirkus Von wilden Tieren, weil jüdische Rabbinen ihn angestistet, so tut ihr jetzt den Juden, Nach ihrem eigenen Gesetze: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und das soll nicht gottgefällig sein? Und dabei seid ihr noch barmherzig,denn ihr verbrennt sie nicht, lvie jener. Und die Bilderstürmer — «das sind Ketzer. Und- Ketzer mW Juden zu vernichten' ist ein« löblich Werk. Das Volk n^er kann euch nur dankbar sein für das g-Mndiose Schauspiel. " „Ihr sprecht «die Wahrheit, mein Stenrakins." Sie blickte im Kreise herum,. „Und all das Volk. Nun ja, -es ist der erste Zirkus von Byzanz und die ersten Spiele dieser Art seit Mmsehenalter. Ob Neros größer lvaren?" Ein Herold trat in die Arena. „Die Inden die Jndpi," ging cs von Mnn-d zu Mund. Die poM'vsten beugten sich weit über die Ballnsirad-e und blickten gierig zrl dem Eingänge, durch «den der Herold gekommen. Und alsbald öffnete sich das Tor und herein traten die gefangenen Inden, schlotternde, apathische (Astalten, Männer, Frauen und Kinder. Die nicht freiwillig Vorlvävts gingen, wurden hineingestoß-en. Dann schloß sich das Tor hinter ihnen. Die Juden waren allein in« der Arena. Verwirrt, «geblendet vom Hellen Sonnenlichte blickten sie um sich. Die Kinder schrien. Alle lvaren dicht aneinandergedrängt bei der Gingangspforte stehen geblieben, so daß aller Augen dorthin gerichtet lvaren. -lr. 4* Später ciülangend-e Gesuche werden nicht -berücksichtigt. Fanni Jeitelessche Heiratö-Ausstattungsstiftuns. Aus den Zinsen der Fanui Joitelesischen Heirats-Ansstattlntt-gsskiftung gelangt der Betrag von K 588— an eine arme hier ansässige Branl israelitischer Konfession für das Jahr 190>5 zur Verleih-nng. Die Gesuche, belegt mit Geburts-, Dittennnd Mittel'lvsigleitszcugnisseu, ferner nnt dem Nachweise, daß die Bewerberin sich bereits im Brautstände befindet, sind bis 15. N o v e m b e r 1995 im E'lnreichlilngSprotvkvlle der israelitischen KultuSgemeinbe Wien, 1. Bez., Seitenstett-engasse 4, 1. Stock, während der Atntsstnnden zwischen 9 -und 12 Uhr vormittags zu überreichen. Später einlangende Gesuche werden nicht berücksichtigt. Vermischte Nachrichten. Israelitische Kultusgemcinde, Wien. Die Cinsch>l«eibungen für den Unterricht der Bibelschuel der Israelis scheu. K-nltnsgemcinde, 2. Bezirk, Nembrandtstraße 34, finden Sonntag beit 5. November vo-n 10—12 Uhr vormittags im Schullokale, 2. Bez., Rembrandtstr. 34, statt. Verein zur Abwehr des Antisemitismus in Wien. Gleichwie in früheren Jahren veranstaltet der Verein zur Abwehr des Antisemitismus auch in der kommenden Saison einen Zyklus von Vorträgen und wird Herr Baron Josef v. Doblhoff den Reigen am Montag den 6. November d. I., abends 7 Uhr, im Wissenschaftlichen Klub. I. Eschenbachgasse Nr. 9, mit Erinnerungen und Betrachtungen ,aus Heinrich Heines Jugendzeit 1805—1839" eröffnen. Erster Wiener jüdischer Turnverein. Mitte September wurde der volle Turnbetrieb wieder ausgenommen und weist der Besuch der Turnstunden eine erfreuliche Zunahme der Turner und Turnerinnen auf. Turnstunden für Herren sind Montag und Donnerstag von 7y2—9 Uhr, das Damenturnen sindet Mittwoch und Samstag von 7—8y2 Uhr abends statt. Das Kinderturnen wird heute wieder ausgenommen und endet mit Ende April 1904. Turnstunden Dienstag und Freitag von 5 bis 6 Uhrabends; der hierfürzuentrichtende Monatsbeitrag beträgt K 6.—, für Kinder von Vereinsmitgliedern X 5.—. Anmeldungen werden am Turnplätze, I. Mölkerbastei 5, an allen vorstehenden Tagen entgegengenommen. Wie». R a b b i n e r w a h l. Der Vorstand des Bethaus-Vereines „AmZVolkert", 11. Fugbachgasse 7, hat in seiner am 25. Oktober stattgehabten, durch Heranziehung von Vertrauensmännern verstärkten Sitzung Se. Ehrw. Herrn Rabbiner I. L. Abele s, Vater des Gemeinderabbiners Dr. Abeles, Schwieger- „Kommt näher!" schrien die, lvelche am anderen- Ende -des Zirkus ihre Plätze hatten. „Näher, näher, in die Mitte, kommen! Holt Soldaten! Treibt sie in die Biille! Feige Juden!" ertönte jetzt ein ve«rlvorrenes Geschrei von allen Seiten. D,a drängte sich plötzlich -eine hohe, lvllbliche Gestalt von hinten 'durch die Bleu ge. Es war Neschuschta. „Was Ivollt ihr?" rief sie ihren Leideusgenosfen zu, „wnrnin geht ihr nicht? Wollt ihr nicht jenes Untier dort verfluchen, ehe ihr sterbet? Fo-lget mir im Namen Jehovas!" Dann schritt sie der Milte des Zirkus« zu«. Jetzt achtete niemand mehr ans die anderen, von denen nur wenige ihr auf einige Schritte gefolgt waren. Alle sahen nn'r dieses Weib. Vor dem purpurnen Baldachinder Kaiserin Jveire machte NeschuWa Halt. Jhrty Gestakk reckte sich, ihre Augen blitzten, als sie mit «erneut knochigen Finger zur Kaiserin! empor zeigte, undihre Stimme schallte idnrch den Zirkus, als sie -ansrief: „In einigen M>i-nnten> werden die Bestien mich zerrissen haben«. Aber -ehe ich sterbe, will ich dir mieinen Fltich hinterlassen. Sei verflucht in alle Elvigkeit. Ich bin! Magier der Juden, ich verfluche «dich, sek verfallen dem Teufel. In den Sternen Hab ich's gelesen, du bist verfallen. Mögest du verfaulen! bei lebendigem Leibe und« «deine Feinde inögen dir die Augen ansstechen." Dann wendete sie ihr Gesicht znm! Himmel und schrie: „O Jehova, du Hevrschev des Himlnels« tm«d der Erden, sende inir ein

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