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Jüdisches Volksblatt · 1905-11-03 · 44 (3.11.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
44 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 3 Jüdisches Volksblatt Nr. 44 Entscheidung wird durchgreifend und endgültig sein." Der Jude — der Sündenbock, das alte Lied. Wo dir deutschen! Minderheiten zurückgegangen sind, sind die Juden daran schuld. Deutsche, di'o in gemischtsprachigen Gegenden zu den Tschechen, übergehen, gibt es nicht. Man findet unter Chrisün, die sich als Tschechen ausgebcn, eine riesige Anzahl deutscher Namen. Tut nichts. Der arische Deutsche darf sich so etwas erlauben. Der Jude wird zwar in den „deutsch-freiheitlichsten," Kreisen über die Achsel angesehen und nicht als voll angenomsrnen. Aber a* hat die Pflicht, mitten unter Tschechen der Märtyrer des Deutschtuurs zu sein. Und wenn es ebenso wahr wäre, wie es unwahr ist, daß die größere 'Hälfte der Prager Juden sich als Tschechen fühlt, könnten s i ch i n Prag ü b e r Haupt d i e deutschen T h e a t e r, die d e u t s ch e n Schulen, die d e u t s ch e n Vereine u n d s ch l i e ß l i ch a u ch d i d e u t sch e Universität halten?! Hand aufs Herz,, Herr Professor! Noch strenger geht der frühere deutsche liberale Abgeordnete Alexander v. Peez in der „Münchener Allgemeinen Zeitung" mit den Juden! ms Gericht. Sind nach Professor Nauchberg die Juden bloß an dem Rückgang der deutschen- Minoritäten schuld, so sind nach v. Peez die Juden überhaupt an der ganzen unglücklichen Lage der österreichischen Deutschen schuld. Man höre und staune: „Zu einer so blitzschnellen Ausbrütung „demokratisch" genannter! Gedanken wäre es nicht gekommen ohne das Eingreifen des jüdischen Stammes und der von ihm (?) ber herrschten Tagespresse. Das alte Kulturvolk dev Juden, mit großen und festen Ueberlieferungen, scharfsinnig emsig, nüchtern, in Geschäften überlegen, lebte vor 1848 in einem Zustande der Unterdrückung, die die in ihm vorhanden'c Energie noch bis zur Kraftdes erhitzten Dampfes anspannte. Als nun im Jahre 1848 alle staatlichen' Bande sprangen, ersah das Judentum, die Gelegenheit, um, aus seinem Ghetto befreit, seinen! Anteil an den Gütern des Lebens zu fordern. Dieser Anteil ist dm Israeliten' geworden. (?) Wie die Tatsachen, lehren, hat kein anderer Stamm (?) seit 1848 in h; am Besitz, Bilduna und Macht auch nur annähernd so große Fortschritte gemacht als der jüdische. Dürfen, wir uns daher wundern, wenn das Jahr 1848 und die damals in Umlauf gekommenen allgemeinen Begriffe von „Freiheit" für die Israeliten von einer vollkommenen Glane! umgeben sind? Für sie bedeuten sie ja die Erlösung aus -drückenden Bandcn und das Emporkommen zur Gleichberechtigung, das Gelangen zu Vermögen und staatsbürgerlicher Ehre! Für uns andere, und namentlich die Deutschösterwicher, liegen die Verhältnisse nicht so einfach. Auch uns hat das! Jahr 1848 einiges (!) Gute gebracht, aber, wenn man den staatlichen Maßstab anlegt, daneben doch, sehr viel llebles, wohin rvir vor alkmi eine völlige Verwirrung nuferer politischen Ausichtcn rechnen. Wir schwärmten für die Freiheit aller Völker und vergaßen, daß die den Denlschösterreichern vonder Geschichtte anvevtrtante Mission eure Aufgabe zur Herrschaft ist. Um. der „Freiheit" willen' solleil wir Ungarn lieben, aber Nationalität und Neichsinteresse beuten: nach anderer Richtung. Die Nationalität ließ uns starke Annäherung an Deutschland suchen, aber dieses Streben hat rms den Krieg von 1866 eingetragen.. Die Liebe zur Freiheit dev Magyaren' hätte Wien fast zur Grenzstadt gemacht. Es wäre leicht, diese Antithesen zu häufen. Wir sollten' uns dein.nach endlich klar werden, daß die demokratische Richtung, da jeder Stamm sie. für sich in Anspruch nimmt, während doch die Ideale keines Stammes ungemischt durchführbar sind, zum Chaos undzur Auflösung des Reiches führen' müssen. Wir haben im Vorausg.heudeu bereits ein heikles Gebiet betreten, an dessen Grenze, nach Ansicht vieler, geschrieben steht: „Eintritt verboten". Warum das? Jede praktische Politik geht auf Kompromisse ans. Wie kann man aber zu Verständigungen kommen, wenn sogar die Besprechung der strittigen Fragen verpönt sein soll? Ter Antisemitismus in Oesterreich ist — abgesehen von äußerer Schürung — entstanden aus der E r k e n n t n i s, daß die Deutschösterreicher seit 1848 im Ringen run die Güter der Erde hinter dem j ü d i s ch e n St a m m e w e i t z u r ü ckgeblieben sind, und da, um mit Lichterberg zu 'reden, die Menschen unendlich! lieber für ihre Glanbensansichten streiten, als nach deren Geboten zu leben, so erhielt jene Erkenntnis, welche bei richtiger Selbstprüfung Ke Mutter vieles Guten hätte werden können', (!) eine durchaus negative, feindselige, gegen die Juden gekehrte Richtung. .Nun wird niemand leugnen, daß die Dinge seit 1848 nicht durchaus nach! uusirem Wunsche verliefen. Aber die Schuld dessen domjüdischen Stamme aufzubürden, ist denn doch ungerecht. Waren wir nicht die Zahlreicheren, die Mächtigeren? Hatten wir nicht die Klinke der -Gesetzgebung in der Hand? (sic!) Wer hinderte u n s, d a ß w i r u ll, s, g e g e n etwaige Uebergriffe s chü tz t e n!?!! Und tritt hier nicht die gleiche Schwäche zutage, die wir in der ganzen Politik.gezeigt haben? Der Mangel an Fcstigkeir, an Tatkraft, an, Selbständigkeit der Gedanken und des Handelns? Den Juden überwindet man nur durch Bessermacheu. Und ist cs denn, so gar nichts und kommt es nicht auch unser eur deutschen Volkstum und der Heimat zugute, daß der jüdische Stamm jetzt, nachdem die mit manchen Schlacken. behaftete llebergangszstt vorüber ist, in- Literatur, Musik, darstellender Kunst und Wissenschaft wahrscheinlich eine größere Anzahl von begabten' Männern hervovgebracht hat als irgend ein anderer Stannn? Wäre unsere Wolksw.rtschaft das, was sie ist, ohne die: Juden? Es will nns scheinen, als ob gerade der. deutsche Stamm — in und außer Oesterreich — einige schwere historische Mängel aufweist, die durch israelitischen' Einschlag verbessert werden könnten. (Wie gütig. Anm. d. Red.) In mrser zur Schwärmerei, zum Zerfließen geneigtes Volkstum brachten sie ein stiahlhartes, zielbowußtes Element, das im. Wettkampfe -der Völker rund Staaten uns' nicht fehlen sollte. Mit dem Antisemitismus mag es, wie mit doktrinären Glaubensartikeln' überhaupt, cm jeder halten wieerwill. (!) Aber politisch betrachtet, war der Antisemitismus für nns Deutsche in Oesterreich ein großes Unglück. Er hat die Israeliten, die sich schon als Deutsche zu fühlen begannen, wenn, nicht, geradezu in Gegner, so doch in kühle Neutrale gewandelt. Er hat den engen Bund der Magyaren mit den Juden befestigt und in den Sudeteuländern und Wien eine Anzahl erprobter Mitkämpfer uns entfremdet. Mit welchen Opfern buben die Magyaren diesen Bund erkauft und wie unverhältnismäßig leichÄr sollte uns der Erwerb eines guten Verhältnisses mit dem jüdischen Stamme werden, der vorn rüge einer gewissen Jnternationalität, die ihm im Blute liegt, dauernd nie mit den, kleinen! Nationalitäten zusammengchen ka nn! Einer G e f ü h l s w a l l u n g (schöne Gefühle. Anm. d. Red.) nachgeband, haben w i r Amifemttismus getrieben. Mit welchem Erfolge? Mit dem. Erfolge, daß wir unser Volkstum geschädigt lind durch eine n c u c, r e i n dokt r i n ä r b >o h a ndelte M arotte (!) eine neue Ursache von, Zänkerei, Feindseligkeit und Spaltung in unsere Reiben getragen haben." Also resümieren wir. An -dem fff Jahre 1848 sind die Juden schuld. Natürlich. Das Jahr 1848 hat den Deutschen „einiges Gute gebracht, aber leiderauch den Jriden". „Die Deutschöstereicher sind seit 1848 im Ringen um die Güter der EM hinter dern jüdischen Stamme weit zurückgeblieben." Hine illae lacrimae. Und noch dazu, ist es falsch. Man darf -das jüdische Volk nicht nach domi Reichtlim der Prager oder Wiener jüdischen ■■BHMHBaHBBBBBHHnBMBHRIflBUMflBnMnnBOnflHHMBflNIin gang während des 18. Jahrhunderts einen Rückschritt zur Folge hatte. Der Umstand, daß sich unter den Wimpeln viele vor dem Jahre 1689 finden, läßt darauf schließen, daß die Synagoge in der für Worms so unheilvollen Zeit wenig Schaden gelitten hatte. Was nun die in dcn ausgestellten Registern enthaltenen Familiennamen betrifft, ( so begegnen wir öfters dev Familie Oppenheim, aus beren1 Reihe sehr viele verdienstvolle Vorsteher der jüdischen Gemeinde hervorgegangen sind. Wir wollen besonders auf David Oppenheim (gest. 1624) hinweiscn, welcher aus eigenen Mitteln den „Almemov" (Pult zum Auftegeu der Thorarollen), das Lehrhalls hinter der Synagoge und das Friedhofshäuschen erbauen ließ. Er hatte außerdem reiche Spenden für die Synagoge gegeben und dreißig Jahre läng alltäglich drei Studierende au seinem Tische gespeist. Einmal findet sich auch der Name Wertheimer. Aus dieser Familie entstammt Josef Josel Wertheimer, Vater von Samson Wertheimer, dem, hochangefehenen Hoffaktor Kaiser Leopolds. Von anderen' bedeutenden Persönlichkeiten wollen wir noch die Familie des Rabbiners Levi herausgreifen, der eilest von Napoleon dein Ersten bei dern von ihm berlifenm Sanhedrin besonders ausgezeichnet lmiubc, und der. Ahn des in München verstorbenen General- Musikdirektors Levi gewesen, Sind) den Ahnen des auf dem Gebiete der Ethik in neuerer Zeit öfters genannten Felix Adler in New Uork begegnen wir in dem ausgestellten Verzeichnisse. Schließlich wollen wir noch darauf Hinweisen, daß. sich in diesem Namen, von Familien ans dem 17. Jahrhundert befinden, welche heute noch der israelitischen Gemeinde angehören. Wie die Reste des alteil Archivs, darf auch das aufgestellte Wi-inpetverzeich'ivis als eine tvichtige historische Onulle zur Erforschung der Geschichte der jüdischen Genreinde getteil, uild als eine nach vielen Seiten bedeutsame Sprache der „Toten an. die Lebcndeir". Die gefundene Handschrift. Ei«e wahre Geschichte von Oskar T. Schweriner. (Fortsetzung.) IX. „Ich habe keine Hoffiuing, Neschnschta, morgen inüssen wir eines schrecklichen Todes storbcu - und unschuldig, nur lveil mir Juden sind. Gut, daß du es llicht erlebt hast, Mutter," setzte sie nach klirzer Pause schllichzendhinzu, „und du, du, armer, armer Vater." - „Und Leo." „Sst, .neime nicht hier seinen Namen — und möge Gott ihm beistehen." Und sie schlnchzte. Es verging eine Stunde und noch eine. Die Gefangenen saßan apathisch in ihren Winkeln. Pot dem großeir Tore wecchselte di>e Wache, der gowöhrrl'iche Soldat war abgelöst worden von eimnr Soldaten das Palasbs. Denn diese Soldaten lvaren besonders treu und begleiteten die Kaiserin -auf allen ihren. Wegen'. Der Mond und die Sterne lvaren verschwlmdeu, tmi Osten, rötete sich -der Himmel, der Morgen brach an. Da öffnete sich plötzlich das Tor und der Soldat schob noch eilten -Gefangenen in den Hof, so brutal, daß der Gefangene zu. Boden fiel. Er raffte sich wieder auf nn'b kauerte sich sodann an die Mauer nieder. Die 'anderen hatten sich durch beit Vorgang aus ihrer Apathie lliicht aufrütteln lassen. Es wurde imni'er heller. Das Gebrüll der Löwen hörte kaum, mehr auf. Dagegen war hin und wieder ein Halmnerschlag zu hören; die Arbeit war glso vollendet. Vom Tore her tönte der regel-mäßige, feste Schritt dcS Soldaten. Itachel, die lvieder aufgelvacht war aus ihrer Ohnmacht, betete mm unallfhörlich zu ihrem Gote, lvahreird.Neschnschta mit verzerrtem! Gesicht, aris dern eine ohnmächtige Wut sprach, auf ihre Gebieterin uiedetzblickte. Der zuletzt angekommene Gefangene, der eine lange Weile an, der Malier gesessoili, schien von' dem Gberüll der Löwen sehr geäugstigt zll sein. Er lief jetzt mit verstörtem Gesicht im! Hof umher, auf lmd nieder, und leise vor sich hinsprecheNd. Keiner der Gefangenen achtete auf ihn, alle waren sie mit ihren Sterboge'beteu beschäftigt. Nur Neschllschta betete nicht. Sie dachte nur nach, wie sie ihre Herrin vor den Löwen retten könnte, und wenn glich durch den Tod. Da ging eben der zriletzt angekommene Gefangene Ofclel ■••«kbirt gmtrdloM I PoUeaz R^ffr>rm n sind die besten!

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