Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mjsches Nksblalt Krdakktorrr IX/1, Wafagaffr S1. Telephon Nr. 147»». Stzrochst»»te« r v> Wochentage, v», 4 IM « Uhr M*«. Postadreffe: Jüdische» »-lk»»latt. «len. lllsl. verehW«»»«» «egen »erspäteier «der gor nicht ersolgter ->« stell»«, erbitte, wir „» dringend. — HM««kri#tt »«««, Miekt xarickietttm. P»ftsp«rkafse,.K»iNo 847067. I« do» «d„»e«»«t ko« «« täglich eintrete«. «.-d Erscheint jeden Freitag. fiftttiiifttf ml Zerimssrllrr: IßKsK fruij. 3«fcr«fe ilder«h«en die firmen: M. vnkes Nachf., ksaasenstein k V«>l«r, «Mtolf Moste, ST. pozssnyl, kl. Schalet in Wien, ferner alle Knnonoon» Expeditionen im kluslande. Gmzel - Nummer in Wien SS Heller. Administration: IX/1, Wafagaste 81. Telepho« Nr. 147»». SUbon«eme«ts> Preis: Fstr «Ir» «. Oesterreich. Uas«r« s. Frankoznstellung: «an,jährig. Halbjährig . «ierteljährig K 1».- K 6- , K 3- Für da» gesamte $KnSI«> b samt Frankojustelluug: Ganzjährig . . . L 1».«« Halbjährig . . . L ».»» Vierteljährig . . . K L.4» BerschleiHstellen unseres Blattes Ar. 44. , in «eichen «uch Abonnements entqegengenonrmen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, 11/3, Ctefaniestraße IS; Robert Weiß, Wien, I. Mir«. 3. November 1905 (5. Marchrschma« VII. Jahrgang. Deutschliberale über Juden. Da waren wir der Meinung, daß der „Deutsche mosaischer Konfession" ini Wien glücklich ausgestorben ist und sich nach, einigen Böhmischen oder mährischen Nestern geflüchtet hat. Aber da irrten wir uns gründlich. Jüngst stand in einer jüdischen Versammlung — es ist eigentlich überflüssig, zu sagen, daß es eine jüdische! Versammlung, idenn ini einer chBch lichen Versammlung wären die folgenden Worte von, einem Höllengelächter verschlungen worden^ — ein jüdischer Wiener Abgeordneter auf — der Name ist demnach, nicht schwer zu erraten — und erklärte mit Emphase: „Ich Bin ein Deutscher, und wenn Wolf hundertmal mein Deutschtum! bestreitet, so bleibe ich doch dabei; immer denke ich 'daran, daß ich die Farben, schwarz-rot-gold getragen habe." Wir find» nicht so unhöflich, .den, verehrten Wge- «rdneten dairani zu erinnest, wie ihm fejn? Kam nationaler (?) Dr. Lecher anläßlich einer Meixungsverschii-edenheit zurief: „Gehen Sie nach Palästina!" Es scheinen also nicht mir der Mb g eord n ete Wolf, sondern, auch andere deutsche Abgeordneten über die Nationalität des verehrten Abgeordneten, anderer Meinung zu sein!. Der verehrte Abgeordnete möge uns vielmals verzeihen; 'afrer et kommt uns so vor wie ein Schüler, der auf die Frage des Lehrers, wieviel zwei und drei ist, antwortet: 6. Der Lehrer fcmmi ihm hundertmal sagen, 8; der Schüler Bleibt seiner Gesinnung treu; zwei und dreiist sechs.. Wenn der verehrte Abgeordnete zwei und EIwMI>>MI»»»W»WW>WW>WWW^MW>WW>>>>>W>WMMl>M>>WW> ) drei ist sechs unsnicht glaubt, so wollen wir! ihm mit den Auslassungen zweier deutsch,fort- - schriftlicher Parteüuänner -aufwarten, die sich,! kühl bis ans Herz hinan, in der letzten Zeit! über di-e Judensrage ausgelassen haben. Wir , hegen durchaus nicht die« Hoffnung, den ver- \ ehrten Abgeordneten, dessen moralische, Ambi-! tion sonst alles Lob verdient, eines Besseren zu! überzeugen; aber vielleicht regen ihn diese Zitate zum Nachdenken cm.! Zuerst lassen wir dem Professor Rauch,berg , von der Prager Universität das Wort. Er bschreibt in seinem Buche: „Der nationale Bei sitzstand in Böhmen": „Wo die deutschen Mini d-erhetten abgenommen haben, sind d-ie Juden! an dem Rückgang erheblich beteiligt. Zur Zeit! der deutsche Vorherrschaft int Lande standen! sie durchaus auf!d!em deutschen S-tandpunkte. (?) Die nationale Bewegung ist auch j an ihnen nicht spurlos vorüberc „gangen. In j allen Dingen bestrebt., ans r^-ei' .ftrüheven > Soitderstellung herauszrüretdu und sich der ' christlichen Umgebung gleichzustellen, konnit,en! sie es nicht vermeiden, auch irr der Sprachen»- , frage Stellung zu nehmen. Das ist in zwie- - spältiger Weise geschehest: die eilten firt’b der deutschen Tradition treu geblieben, die anderen! haben sich' der tschechischen Mehrheit angeschlossen, nicht überall freiwillig, da und dort , aber auch ohne ernstliche Nötigung. Im Jahre - 1900 hat sich, bereits die größere Hälfte der! böhmischen unid insbesondere auch dev P r a - j ger Juden (?) zur tschechischen Umgangs- - spräche bekannt. Zahlreiche südische Privatmit deutscher llmgangssp,rach,e sind ausgelassen und die Kinder, für die sie bestimmt waren, in die tschechischen öffentlichen Volksschulen verwiesen worden. Man kann die Bö» deutung diesev Tatsachen kaunt hoch, genug schlagen: nicht nur daß die deutsche Stellung in jenen Orten erschüttert, in manchen wohl aufgegeben erscheint, so werden dadurch weiterhin die Besuchsverhältnisse -dev deutschen und tschechischien Mittel- und Hochschulen je länger, desto empfindlicher verschoben un-d viele Jünglinge, die sich sonst dev deutschen Sprache angeschlossen hätten, ins tschechische Lager geführt!. In dem nationalen Kampfe kommt es auf jeden Man,n' an-. Ist es da klug, wenn ein Teil der Deutschen, sich auf den Rassenftanidpunkt stellt und den Juden den Anschluß^ er-- fchweven will? Diese Frage aufwerfen heißt sie beantworten,. Aber auch die Jud>en haben allen Anlaß, zu, bede-nken, ob sie gut daran tun, eine jahrhundert-ealte Tradition abzubrechen. Die Mein-'ing, als ob sie den Mantel nach dem Winde hängen und sich je nach! dem Vorteils baldauf diese, bald- -auf jene Seite schlagen könnten, wird sich als irrig erweisen. Durch dasganze Land geht ber, Zug nach nationalen Auseinandersetzung, nach Auslösungdev utraquisiischen Positionen. Diejenigen Indien, di« es in sprachlicher Hinsicht mitden Tschechen halten wollen,, müssen dcvmuf gelfaßt sein, von den Deutschen auchin, jeder anderen Bezieh-ung als Tschechen angeseben zu werden; sie können nicht hosfen,, im Besitze derjenigen Verbindungen und Vorteile! zu verbleiben, die man ihnen im Vertrauen auf ihre frühere Haltung eingö» räumt hatte. Sie habenzu wählen,, und die Feuilleton. Ei« historischer $««». Unter dieser Ueberschrift teilt Herr S. Rotfchild in Worms in der „Münch. Mg. Ztg." folgendes mit:' Berthold Auerbach erzählt inseinem Nach^ lasse, wie ihn als Knabe ein Schulkameivad plötzlich mit der Frage überrascht habe, was wohl mit den zerlesenen Gebetbüchern geschehe? Als dieser meinte, daß sie wahrscheinlich vor- Bräunt oder indemi Neckar gewo>rsen würden, welche Antwort Auerbach! nicht genügte, sagte sein 5kamerad: „So ftagc doch deine Mutterl" „Ich? fragte meine Mutter," erzählt der spätere Dichter, unto sie sagte: „Kind, wohin gehen Beine Gedanken ilsim-er? Aber ich kann dir's sagen. Ueber der Decke der Synagoge ist ein Speichicr und da liegen die Gebetbücher von hundert und hundert Jahren. Und der Atem der Lebenden steigt auf zu den- Blättern, worauf der Atem der Vebsip-rbenen gehaucht war und wo uianche Träne lsinfiel. Und die Werke der Berstorben-en und Lebeuideugehenmiteinander hinauf zu Gott." Dev Zauber des SyuagogeNspeichers hatte die Phanta,si-e des- Kundenderart gefangen genommen, daß er die erste Gelegenheit benützte, sich! diesen wichtigen O'vt am zusehen. Neizendschildert der Dichter den Besuch des Synagogcuspeichjers mit feinen alten Büchern. Hätte aber der spätere Dichter Gelegenheit gehabt, den Syimgogenspeicher manch-er israelitischen Gemeinde, innerhalb deren Mauern sich ein Stück Geschichte abgewickelt hatte, zu besichtigen, dann hätte er wahrneh-menkönnen, wie so manch>es wertvolle Schriftstück, das über die Schicksale der G>emeinde Auskunft zu geben vermochte, hier unter die alten Gebetbücher gekonuuen war. Dies war besonders in Worms der Fall. In den Schreckensjahren 1618 und 1689 hatte man fichovlich, mancheswertvolle Dokuntent zum Schutze dorthin verbracht. Von dieser wich?- tigen Ansicht Misgehend, hat das vor kurzem verstorbene Vorstandsmitglied, der israelitischen Gemeinde Herr Ju-lius Goldschmidt hier! in dev Tat die Reste des alten Archivs entdeckt. Äußer alten Gebetbüchern und bedeutenden Schriftstückenfand' sich bei dieser Gelegenheit eine Menge alter Wimpeln vor. Es sind dies Streifen von- Leinwand, die neben Naineu und Geburtszeit des neugebovenen Knaben auch -den- Namen des Vaters enthalten, mit fro-mmen Segenswünschen für das Wohl des Knaben. Diese Wimpeln, ineinander ve-rschlnngeü, bildeten fast 'einen unlösbaren Knäuel. Nachdem dieser entwirrt miib durch ein gründliches Seifenbad gereinigt, waren die Wimpeln wie neu geloordeu. Diese zu entziffern schien schon deshalb geboten, weil sic die Standesalntsibücher damaliger Zeit dastellten und dnrch die Entzifferung ein schätzbares Material für die Erforschung der Genealogie einzelner Fantilien getvonnenwerden konnte. Außerdem gewährten diese Wimpeln einen Einblick in öie Kunstfertigkeit im Weben. Sticken und Malen jener Zeit. Nicht weniger -als 443 Wimpeln, welche vom Jahve 1670—1840 reichen, hatte Herr Goldschmidt entziffert. Wenige Monate vor feinem Tode tu,achte er mi'ch> darauf aufmerksam^ daß noch eine große, Anzahl von Wimpeln sich auf dem Syitagogeuspeicher befänden, die ich in der letzten Zeit entz-ifforte. -Es sind 161 9tummern, die den Zeitraum von 1619—1841 umfassen. Uebevblicken wir die ganze WimpelsauiMlung, so fällt uns vor allein die Leinwand auf, die fast wie Seide aussieht und zeigt, wie fein man in jener Zeit zu sp-iunen verstanden hatte; auch die Farben, die trotz der entschwundenen Jahrhunderte ihre frühere -Frische noch besitzen, muß man bewundern. Besonders intev» essant ist die Tatsache, daß die Stickarbeiten auH dem 17. Jahrhundert schöner ausgeführt sind als diejenigen ans späterer Zeit, die einen mehr schablonenhaften Charakter tragcn. Die Zeichnungen sind besonders originell, wennsie den Namen -des Hanfes darsiellen, nt welchem der Vater des Knaben wohnte. So, ist auf den! Wimpeln oft eilt Rad, ein Hufeisen, ein Roß, ein Hut, ein Stern, ein Affe, eine Pulverflasche, eine Glocke usw. abgebildet. Daß dis Ausstattung der Wimpelnim- 17. Jahrhundert eine künstlerischere ist als im nachfolgenden Jahrhundert, wird wohl darauf zurückzuführen sein, daß die günstige materielle Lage dev Juden der Entlvicklnng des Schönheitssinnes förderlich lvar, wogegen dcr materielle Nieder-