Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdisches Volkfibiatt Nr. 43 Organisation aufzufordern. sondern um für die eine oder andere politische Fraktion Stimmung zu machen. So fand z. B. der Szolnoker Rabbiner Dr. Körnet Heves früher Hofer) kein anderes Thema für die Rosch-Haschonohpredigt als eine Lobeshymne auf d i e K o a l i t i o n zu predigen, einen Ausfall gegen den Sozialismus zu richten, den er eine Gottesstrafe nannte und seine Gläubigen aufzufordern, für den Sieg der Koalition und den Niedergang des Sozialismus ein Gebet zu verrichten. Als Gegensatz zu dieser Festtagsleistung eines Rabbiners, sei nun diejenige des Großward e in e r neologen Rabbiners, Dr. Ludwig Kecskemeti angeführt, der wieder die Jom-Kipurpredigt dazu benützte, um für den Sozialismus und das allgemeine Wahlrecht Stimmung zu machen. In beiden Fällen fanden diese rabbiinschen Exkursionen auf das politische Gebiet nur geteilten Beifall, je nachdem gesunder Menschenverstand oder politische Verblendung das Urteil sprachen. Haben denn wirklich unsere Herren Rabbiner nichts besseres zu tun, als sich vor den Karren der einen oder anderen Partei zu stellen? Gibt es denn im eigenen Lager nichts zu tun? Auch hierfür seien hier nur einige wenige Fälle aus der jüngsten Zeit verzeichnet, in denen das Eingreifen der Herren Rabbiner und Prediger viel eher am Platze gewesen wäre. Die Christlichsozialen gehören bekanntlich zur Koalition. Unter ihrem Schutze organisieren sie sich und werden so innner stärker. Unter ihrem Schutze hielten sie vor einigen Tagen einen Landeskongreß ab, der nicht nur sehr zahlreich besucht war, sondern auch durch die Beschlüsse, die da gefaßt wurden, keinen Zweifel darüber auskonunen läßt, daß die ganze Aktion sich nur gegen die Juden richtet. Wäre es nicht am Platze gewesen, die Juden zu einer Gegenorganisation aufzu Ordern und zu verlangen, daß die Juden insolauge sich jeder politischen Betätigung entmögen, halten als die antisemitischen Gruppen einflußreiche Mitglieder der Majorität bilden, die ebenfalls von Juden gestützt und gefördert wird?! Oder wie sieht es mit der Entwicklung des Judentiuns in Ungarn, wie mit der: Judentaufen aus, die auch den religiösen Führern nahe gehen sollte?! Die jüngst erschienene Statistik über die Verluste, welche einzelne Konfessionen in Ungarn durch Glaubenswechsel ihre Mitglieder vom Jahre 1896 bis 1902 erlitten haben, gibt uns hierüber einen sehr betrübenden Aufschluß. Ten Uebertritt i n die betreffende Konfession als „Geivinn" genommen, beträgt der reine Verlust der griechisch-katholischen Konfession 5ul2, der evangelisch-reformierten 4634, der Augsburger evangelischen 1922, der jüd is ch en 1996 Seelen. Die Verhältniszahl der Verluste der jüdischen Konfessioir ist also die größte. Tatsächlich ist ja die Zahl der gesamten Uebertritte aus der jüdischen Konfession noch größer, da ja, wie erwähnt, der Eintritt in die jüdische Konfession als Gewinn betrachtet wird. Bekanntlich handelt es sich beim Uebertritte zum Judentulne zumeist um Rücktritte, die nur in den seltensten Fällen einen „Gewinn" bedeuten. Ebenso schlimm bestellt ist es mit den M i s ch ehe n. Auch hier hat der jüngste statistische Ausweis über beit Monat August ein trostloses Bild über die Zustände in der Judenheit Ungarns entrollt. Nach diesem Ausweise wurden im Monat August in Ungarn vierzig Mischehen zivischen Juden und Christen geschlossen. Hierbei war in 24 Fällen die Braut, in 16 Fällen der Bräutigam jüdischen Bekenntnisses. In 16 dieser Fälle erfolgte ein Uebereinkommen hinsichtlich der Religion der Kinder, und zwar in vierzehn z u g u n st e n der ch r i stlichen und nur in zwei Fällen zugunsten des jüdischen Glaubens. Oder der folgende Fall: Die jüdischen Schüler der K es m a rker Mittelschulen, insgesamt 200, wurden sowohl am Namenstage des Königs als auch am Gedenktage der Araber Märtyrer von ihren Professoren j gezwungen, die Kirche zu besuchen und der j kirchlichen Feier beizuwohnen. Motiviert! wurde dieser Befehl damit, daß in der i Kesmarker Synagoge an den genannten! Tagen keine Feiern veranstaltet wurden, i Wo bleiben da die Rabbiner? Was! unternahmen sie, um den Strom der Judenj taufen anfznhalten und die Flut der Mischz ehen einzudämmen?! Es muß noch viel; schlechter worden, sozial und wirtschaftlich, um - diesen Herren die Schuppen von den Augen! zu entfernen und sie zur Rückkehr zu ihrer! Pflicht zu veranlassen. Jo ch a n a n. Am 21 d. M. verschied hier nach langem schwerem Leidender Hof- und Gerichtsadvokat Dr. O.-er K n k e s d). In Dr. KotLsch verlisrt die zio-.iisLi.fch> Organisation einen der eifrigsten Mdar beiter, der seit dein Entstehen der Organisation Mitglied des zionistischen Aktionskomitees war, und lange Znl das Amt des Parieikafsieres bekleidete. Bei der am 23. d. M. von der Leichenhalle des hiesigen Zentralfriedhofes ftattgefundenen Beerdigung waren fast sämtliche hiesigen zionistischen Vereine und studentischen Korporationen vertreten. Bei der Leichenfeier sprach zunächst Herr Rabbiner Dr. David Feuchtwang, dessen tiefempfundenen Worte aus die Zuhörer nachhaltigen Eindruck heroorriefen. Ebenfalls in der Leichenhalle sprach im Aufträge des Präsidiums Herr Dr. Leopold Kahn, der in warmen Worten den Werdegang Doktor Koke sch' schilderte. Gr sagte unter anderem.: „Schon als Schüler der Mittelschule boten sich seinem empfänglichen Gemüt in den achtziger Jahren tn Brody die grausen Bilder der vor den Pogromen flüchtenden russischen Juden mit all den Leiden deS ewig wandernden heimatlosen Ahasver. Und schon damals dämmerte in seinem jugendlichen Geiste der Gedanke auf, daß dieser schmachvolle Ausnahmszustand, in welchem sich das jüdische Volk befindet, nur bei Erlangung einer gesicherten Heimat im alten Hebräerlande schwinden könnte. Dieser Gedanke verdichtete sich zur Ueberzeugung, der er sein ganze-, leider nur zu jäh abgeschnittenes Leben hindurch treu geblieben war. Als Kadi Mahner pflegte er dann auf der Hochschule das Zionsideal mit der ganzen Kraft und Wärme seines Herzens und als, nachdem er sich einen Beruf und Lebensstellung geschaffen, der „Judsnstaut" erschienen war, war wieder er es, der in Gemeinschaft mit seinem Freunde, welcher chm auch in den letzten Stunden beigestanden, unseren verewigten Führer Dr. Herzl in die Bewegung hineingezogen. Als nun dieser Zionismus die großartige Weltorganisation geschaffen, arbeitete Dr. Kokesch an dem Ausbau dieser Organisation und an allen Aufgaben, welche immer neu an die Bewegung herantraten und ihre Lösung forderten, emsig, rastlos und frohgemut durch acht Jahre, der schönsten Zeit seines Lebens. Diese füllte ihn aber ganz aus. Sie wurde die einzige Quelle seiner winzigen Freuden, der einzige Gegenstand seiner Sorgen und seines Kummers. Und auch in den letzten Tagen seines Lebens, in seinem letzten Willen unterließ er es nicht, die Institutionen derselben zu bedenken und seine Ratschläge für die Organisation noch über das Grab hinaus zu erteilen! Wir, die wir im engeren Verkehr und brüderlicher Mitarbeit mit ihm waren, haben unausgesetzt Gelegenheit gehabt, seine unerschöpfliche Liebe, Hingebung aber auch seine seltene Arbritsfreudigkeit und Ausdauer zu bewundern, die gleichwohl mit einer geradezu überwältigenden Bescheidenheit gepaart waren. In allen Stürmen und Schwankungen, die die Bewegung mitzumachen hatte, blieb er immer stark, unentwegt und von strenger, folgerichtiger Gesetzlichkeit. Er war ein ganzer Mann! Edel, gut und htlfreich, hatte offenes Herz und offene Hand, soweit es seine bescheidenen Mittel erlaubten, allen Freunden und Akademikern gegenüber, die sich an ihn nie vergeblich um Hrlfe wandten und denen er noch in seinem Testamente ausdrücklichen Schulderlaß gewährte, in seinem Testamente, welches mit den Worten beginnt: Ich verzeihe allen denen, die mir im Leben unrecht getan, und bitte auch mir verzeihen, wenn ich jemanden unbewußt gekränkt habe. Au diesen Ausdruck echt jüdischer Sanftmut und Friedensliebe, die an den Tanaiteu Hills! gemahnt, knüpfte «r die Bitte, daß ihm, der, soviel er konnte, für dir Befreiung des unglücklichen jüdischen Volkes mitgearbeitet, in der Erinnerung der Freunde ein bescheidenes Plätzchen behalten bleiben möge." gewesen. Cs war bekanutgcgcbcn dem Volke, daß, nachdem die Kämpfe zwischen Sklaven, Bilderstürmern und Petschenegen und dann noch einige ander: Spiele im Zirkus würden beende! sein, dann diese Juden würden in den .Ving getrieben werden und es lvürden auf sie losgelassen werden wilde Bestien, Löwen und Tiger und anderes lackier, zwanzig an der Zahl und wütend gemacht durch tagelanges Hungern. Und die von ihnen, die von den Löwen nicht zerrissen werden lvürden, die sollten frei ansgehen. Dieses also sind in den Jahren, von denen ich schreibe, die Sitten von Byzanz, und die Gefühle ihrer Bewohner, daß man dein Schauspiele, bei welchen! gefüttert werden sollten ausgehungerte Bestien mit den Leibern von lebendigen Frauen und Kindern, mit großer, freudiger Ctregnng enlgegensah. In einer Ecke des großen Hofes, in dcr Nähe des großen Tores, vor dem ein Soldat, die Lanze in der Hand, fortwährend auf- und niederschritt und Wache hielt, saßen ganz allein zwei Frauen. Tie Verschiedenheit zwischen beiden war auffallend. Tie eine, die nicht älter als zwanzig Jahre sein konnte, um- Rachel, die schon erwähnte Tochter des Benoni. Ihr Gesicht lvar jetzt eigentlich zu mager, um direkt bildschön zu sein, ihre dunklen Augen waren dagegen gar herrlich anzusehen und jede Linie ihres Körpers zeugte von nobler Abstammung. Die andere war eine Frau, gar befremdend anzusehen, etwa 40 Jahre alt. Sie war eine Eingeborene der Küste von Lydia, wo sie als Kind von Händlern gefangen genommen und dann in Byzanz als Slavin verkauft worden war. Benoni hatte sie damals erworben, das heißt, er hatte Wohlgefallen gesunden an der Kleinen und halte sie freigekanft, denn Inden durften keine Sklaven halten, lind frei lvar sie in seinen Dienst eingeireten. Tw vorstehenden Knochen in ihrem Gesichte, ihr langes, volles Haar, ihre flamnnnden Augen und die kupferne Haut ließen, sofort die echte Araberin in ihr erkennen. Benoni hatte sie denn auch Neschuschta genannt, nach ihrer Hautfarbe. Zn Hanse aber hatte sie Non geheißen und bei diesem Namen lvnrde sie auch von Rachel gerufen. Neschnschtas hartes, wildes Gesicht zeigte trotz der fürchterlichen Lage, in der sie sich befand, keine Furcht — mir wenn sie ans das Mädchen niederblickte, das sie von Kindheit auf bewacht, das da neben ihr niederkauerte, lvürden ihre Züge weich und Träneir standen dann in ihren. Augen. Bei dem klaren Mondschein konnte man jede Boveglmg dieser beiden: Frauen beobachten, Rachel, auf dem Boden zusammcngekanert, hatte ihr Gesicht in beide Hände gepreßt. Sie bewegte ihren Oberkörper iinaw lässig Vorivärts und rückwärts und betete dabei. Ncschnschta kniete neben ihr, so wie es die Araber zn tun pflegen, und starrte vor sich hin. Da ließ Rachcl ihre Hände sinken, blickte empor zu den lichten Wolken und seufzte schiver: „Unsere letzte.Nacht auf dieser Welt, Neschuschta," sagte sie wehmütig. „Es ist schwer zu glauben, daß wir nie mehr den Mond sollen sehen dahinztchen über unsere Köpfe." „Warum nicht, Herrin? Wenn alles wahr ist, lvas geschrieben steht, dann werden wir sehen dcn Mond für immer und ewig. Ist es aber nicht wahr, dann wird uns weder Licht noch Schattenje mehr betrüben. Aber ganz gleich — noch sind wir nicht tot und ich meine,!vir werden morgen auch noch nicht sterben." „Wie willst bit das verhüte», Neschuschta?" fragte Rachel mit wehmütigem Lächeln. „Lölven haben keinen Respekt vor uns." „Dennoch, Herrin, glaube ich, sie werden respektieren meine Person — und um meinetwillen. auch deine." „Wie meinst du das, Neschuschta?" „Ich meine, daß ich mich vor Lölveir nicht fürchte. Sie sind Landsleute von mir und brüllten neben meiner Wiege. Meinen Vater, den Häuptlingj von unseren Leuten, nannte nraiii den Herrn dcr Lölven, lveil er sie zähmen konnte. Als ich. ein Kind lvar, Herrin, da habe ich sie gefüttert ans der Hand und sw haben sie mir geleckt wie Hunde." „Diese Löwen sind längst tot, Neschuschta, und die anderen — die haben vergessen." „Ich weiß nicht so genau — daß sie tot sind. Jedenfalls, Blut erkennt Blut. Sie lverden erkennen das Kind des Herrn! dev Löwen. Wer auch zerrissen werden mag, wir lverden entrinnen." (Fortsetzung folgt.)