Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4 5 Jüdisches Volksblatt Stite ä -aß man sich zunächst beit großen politischen und volkswirtschaftlichen Fragen zuwendete, worunter die Anbahnung verfassungsmäßiger Zustände in: Vordergrund stand. Doch bekundete die Errichtung eines selbständigen Unterrichtsministeriums inmitten der bewegtesten Märztage, welchen Wert die damalige öffentliche Meinung auf die so notwendige Neugestaltung des Unterrichtes legte. Der in den weitesten Kreisen best bekannte Freiherr von Feuchtersleben verfaßte einen „Entwurf der Grundziige einer Reorganisation der Schulanstalten", welcher tatsächlich eine Gesundung des arg darniederliegenden Schulwesens anstrebte. Die Bezirks-, Kreis- und Landesbehörden erhielten einen verstärkten Einfluß auf die Schulverwaltung und durch eine große Anzahl von Berichterstattungen wollte sich das Ministerium in genauer Kenntnis der Schulverhältnisse erhalten. Auch gegen den Lehrmechanismus kehrten sich zahlreiche Verordnungen. Doch das Gute bricht sich schwer Bahn. Gar 311 bald hatten sich die Wogen der weltgeschichtlichen Bewegung des Jahres 1848 verlaufen und einer neuen Stillstandsperiode mit klerikaler Färbung Platz gemacht, an deren Horizont als weithin flammendes Wahrzeichen einer bis in das Allerheiligste dev Gesinnung hinoinreichenden Reaktion, das Konkordat vom 18. August 1866 eniporstieg. Dieses Konkordat war ein Vertrag des Staates mit dein apostolischen Stuhle und enthielt Bestimmungen reaktionärster schwärzester Art: „Der ganze Unterricht der katholischen Jugend wird in allen, sowohl öffentlichen als nichtöffentlichen Schulen der Lehre der katholischen Religion angemessen sein; die Bischöfe aber werden kraft des ihnen eigenen Hirtenamtes die religiöse Erziehung der Jugend in allen öffentlichen und nichtöffentlichen Schulen leiten und sorgsam darüber wachen, daß bei keinem Lehrgegenstande etwas vorkomme, was dem katholischen Glauben und der sittlichen Reinheit zuwiderläuft. Alle Lehrer der für Katholiken bestimmten Schulen werden der kirchlichen Beaufsichtigung unterstehen." „Den Schulaufseher des Kirchensprengels wird seine Majestät aus den vom Bischöfe vorgeschlagenen Männern ernennen." „Der Glaube und die Sittlichkeit des zum Schullehrer zu Bestellenden muß makellos sein; wer vom rechten Pfade abirrt, wird von seiner Stelle entsetzt werden." Hierdurch wurde ein guter Teil der Oberaufsicht über die Schule, und zwar derjenige, der das Getriebe des durch die Schule zu vermittelnden Bildungswerkes betrifft, den Händen des Staates entwunden und unter den: Titel einer „Christianisierung des Unterrichtes" der Versuch angestellt, nicht bloß den primären, sondern auch den sekundären Unterricht in: Geiste veralteter Anschauungsreformen umzuwandeln. So sah es mit dem österreichischen Schulwesen zu Beginn und in den fünfziger Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts aus. Und die Juden? Was sollten diese angesichts solcher trostloser Schulzustände tun, um ihre Kinder auszubilden und ihr zukünftiges Geschlecht zu erziehen? (Ein Schlußartikel folgt.) RescgatenMchologie. Wir haben wiederholt in diesen Blättern darauf hingewiesen, daß Assimilation und Chauvinismus unzertrennlich mit einander verbunden sind. (Auch die assimilmor scheu Juden in der Sozialdemokratie bilden keine Ausnahme; sie huldigen einem marxistischen Chauvinismus; und dieser wird in dem Momente, in dem sich die Sozialdemokraten national ausleben werden, in einen nationalen Umschlägen.) Zuletzt zeigten wir es an der köstlichen Figur des Rabbiners der portug fischen Gemeinde in Paris, der einen in Paris anno 1870 zurückgebliebenen Deutschen mit seinem Chauvinismus hart zusetzte. Mit Recht fragt dieser Deutsche, ob die Affäre Dreyfus der' Dank für diesen Chauvinismus war. Diese Bekenntnisse eines Deutschen erschienen in dem Afftmilationsorgane par exr.ellence, der „Frankfurter-Zeitunq". Daher fehlten die weiteren logischen Feststellungen, daß die Deutschen das jüdische Talmideutschtum ebenso generös mit Stöcker, Ah« warbt und Liebrrmann belohnten, um im Deutschen Reiche zu bleiben, denn den Schönerer müssen wir schon für Oesterreich reklamieren. N-'Uerdings bringt aber ein reichsdeutsches Blatt wieder eine treffende Charakteristik des Chauvinismus der magyarischen Juden. Die „Kölnische-Zeitung", das führende Blatt der Nationalliberalen, die man nicht einfach mit dem Warte „Antisemitismus" abtun kann, schreibt in ihrer Nummer von 2o. d. M.: „In dieser chauvinistischen Strömung spielte das unter Tisza zu Macht und Ehren gelangte getaufte und nichtgetaufte Judentum eine hervorragende Rolle, das nach der bekannten R e n e g'a t e n p s y ch 0 l 0 g i t seine Zugehörigkeit zu einem fremden Volksstamme durch ein besonders lautes Eintreten für den neuen Glauben und die neue Nationalität in Vergessenheit zu bringen suchte." Diese Bemerkung ist treffend, nur trifft sie nicht das ganze jüdische Volk, das in seiner übergroßen Majorität absolut keinen Einfluß auf die ungarische Politik hat, und froh ist, wenn es ungestört sein Brot verdienen kann, sondern ein Klüngel von meist getauften Faiseuren, Spekulanten undJobbern, dessen Treiben widerlich genug war. Die Juden Deutschlands mögen sich aber ohne Zorn und ohne Entrüstung merken, wie ein führendes Blatt des Deutschen Reiches, über Assimilation, Judentum und Chauvinismus denkt. 8. BrNapester Brief. Die Juden beginnen sich 31t rühren. Natürlich in ihrer Art, indem sie sich gegenseitig ancjreifen, cmseinden, anstatt sich in dieser schweren, kritischen Zeit zu vereinigen und ein einheitliches Vorgehen zu beschließen. Der Jude in Ungarn ist so wenig Jude und so sehr Ungar, daß er es für ganz selbstverständlich hält, sich derjenigen Partei anzuschließen, deren Programm und polrtische Bestrebungen sich mit den seinigen als eitlem überzeugungstreuen Magyaren deckelt. Eül solcher Standpunkt ist auch wirklich selbstverständlich in einem Lallde, desseil sänltliche politische Faktorell die Assimilation der Juden forderten, in einem Lallde, in welchem die Inden dieser Einladultg zur Assimilation auch mit viel Hingebung und großer Selbstverleugnung Folge leisteten. Ein solcher Standpunkt sollte wenigstells selbstverstäildlich sein, er ist es aber nicht, selbst ill Ungarn nicht, in einem Momente, da das Land sich irr eitler Krise befindet und jede Stimme voll Gewicht ist Ulld jeder Heller einen erhöhteil Wert besitzt. Der Jude hat sich assinliliert, er fühlt sich als Ungar, aber die einzelnen politischeil Fraktionen betrachten in jeden: etu^etnen jüdischen Politiker — sei sein politischer Eillflllß llvch so groß oder klein — nicht den Ungar, sondert: beit Juden, und machen für seine politische Haltrlng das G e s a m t j u d e n t i: m verantwortlich. Hier einige Beispiele: Die Nationalitäten rüsten sich zum .Kampfe. Sie wollen, was ja natürlich ist, aus der kritischen Lage der Magyaren etwas profitieren. Besonders viel erwarten sie von der angekündigten Wahlreform. In allen Versammlungen, welche die Slowaken in jüngster Zeit abhielten, wurden nicht so sehr die Nt a g y a r e n als die Juden angegriffen, denen es die Sloivaken nicht verzeihen können, daß sie die eifrigsten Kämpfer für bcu Magyarismus unter den Nationalitäten waren. Als unschöner Auswuchs dieses übermäßigen Magyarentunls unter den Inden ist es zu betrachten, daß unsere modernen Rabbiner die Kanzel nicht dazu benützen, um die Juden zur Selbsthilfe, zur selbständigen alsbald faiiben sich auch Leute, die aussagten, daß sie Geld erhalten, hätten von den Juden, um niederzureißen die Götzenbilder. Da wurden viele Juden gefangen genommen, unter ihnen auch Benoni und seine wunderschöne Doch!er Rachel. Die Juden bestritten ihre Schuld und schworen, daß sie nicht wußten von den, gefundenen Schriftstücken! und daß sie gar nicht ein Jntewsse daran hätten, ob Bilder hingen in dm .Kirchen« von Byzanz und dort angebetet werden« oder nicht. Ich, der Schreiber dieser Geschichte, nehme an, daß die Kaiserin Irene die Sympathien, der Inden für ihren gerechten, imlbeii« Sohn Konstantin den Sechsten, fürchtete, der eigentlich hätte Kaiser von, Byzanz fein müssen und den sie vom Throne gedrängt. Und da Konstantin den Inden« wohlgesinnt war, und auch gegen das Anbeten dev Bilder in den Kirchen, darum hätte er bei einem energischen Aufstande die ganze geivaltige Partei der. Bilderstürmer und auch die Unterstützung aller Inden für sich gehabt. Das lvußte die Kaiserin, deshalb überzog sie mit Krieg und grausamen Strafen die Partei der Bilderstürmer; die Inden aber beschloß sie zr: vem'chteil, nmnentlich, da dieses Vorhaben lvnrde gutgeheißen vom Papste Leo dein Dritten. Daher die falschen Beschuldigungen! gegen die Inden. Die gefangenen Juden nun, die sich 1 licht hatten taufen, lassen, um dadurch Vergebung ihrer Sünden zu erlangen, die sollten! heute hineintreten in den Zirkus und kämpfen um, ihre Freiheit mit den Löwen -- ebenso wie die Sklaven. Und zwar Männer und Frauen und Kinder. Dieses sollte den Glanzpunkt des Festes bilden. Und deshalb lvaren die Straßen so belebt, schon zwei Stunden nach Mitternacht. Denn die Mächtigsten des Landes lvaren znsamnlengesirömt, und Zehntansende des Volkes. Die SiM war überfüllt mit ihnen; sie hatten ihr Lager ansgeschlagen« am« Meeresufer, auf eine Meile im Ünir'.iv; in den Palästen und in den Hütten des Volkes lvar kein Platz mehr und auch in denFremdenhä ufern waren für jedesLager zwei Perioiun-, so daß die Gäste schließlich ans den Dächern nnd den Ruhestühlen, ans den Böden unD in den Gärten schliefen. Die große Stadt summte wie ein Bienenkorb, den inan gestört bat nach Sonnemintelgang, und obwohl der große Lärm bedeutend nachgelassen hatte, konnte man doch noch viele treffen, die nach ihren Wohnungen! gingen, schreiend und singend. Und die, welche noch nicht ganz betrunken waren, unterhielten sich über die Spiele, die da sollten am kommcnden Tage vor sich gehen, nnd schlossen wohl auch, Weiten ab, lvie lange es dauern würde, ehe die Löwen diesen oder jenen würden zerrissen haben. Die Gefangenen, die unter gebracht waren iili Gefängnis oben! auf dem Berge, einem finsteren' Gebäude ans braunem Stein, eingeteilt in« Höfen, und umgeben mit einer hohen Mauer und ei neue Graben, konnten deutlich "die Arbeiter hören unten im Amphitheater. Das Hämmern interessierte sie, denn viele von denen, die zuhörten, lvaren verurteilt, das Hauptvergnügen zu liefern am kommenden Tage. Im äußersten Hofe z. B. waren etwa 100 Männer, Sklaven und polnische Verbrecher, gefangene Bilderstürmer aus derletzten Revolution. Diese sollten kämpfen gegen, die doppelte Anzahl P et schone gen, die noch gefangen lvaren von ihrem letzten Einfall in Byzanz. Während die Petschenegen zu Pferde sein sollten und! bewaffnet mit Schwelt und Lanze, aber ohne Schild und Panzer, sollren die Sklaven nnd Bilderstürmer zu Fuß sein, aber geschützt durch Panzer und Schild. Zwanzig Minuten! nach dem Sandglase sollte der Kampf dauern. Wer dann lebte und.sich im Kampfe nicht als Feigling gezeigt hatte, dem sollte seine Freiheit gegeben werden. Und so waren alle entschlossen, ihr Bestes zu leisten. Im inneren Hofe dagegen lvareine ganz andere Gesellschaft versammelt. Etwa 60 Personen hatten sich dort in/ den Winkeln znsammengckauert oder saßen und lagen auf den Steinfliesen. Meistens lvaren es ältere Männer, denn die jüngeren waren niedergemacht worden im Kampfe gegen ihre Gegner. Aber auch viele unreife Jünglinge, Frauen und Mädchen, sogar Kinder waren da. Nur hie und da erblickte man einen' kräftigen Mann — paar, die von hinten« lvaren gefesselt worden mit Stricken,. Denn« freiwillig gefangen nehmen ließ sich kein Jude von« Byzanz in oen Jahren, von denen, diese Geschichte erzählt t— wußten sie doch alle, daß ihnen noch Schlimmeres als dev Tod bcvorstand. Diese Gesellschaft nun waren die gefangenen Juden, von denen schon vorhin« die Rede 2. niTTELBflCH Wien, I , Hoher Markt Hr. 8 Abführ-Pillen. föÄrASi: den Stuhl regeln des Mittel sind di«se weise verzuckerten altbekannte Abführpillen