Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1905-10-20 · 42 (20.10.1905) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2432763-2433077-2433119--3221-2437158
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 42 Jüdisches Volksblatt Seite;i >ber 1905 -u einer Sitzung zujam menge treten unter -em Vorsitz des Herrn Jumes Simon. Ich legte -cm Ausschuß gemäß unserer Verabredung Ihre Anschauungen über die Frage der Beschaffung eines Territoriums zwecks Besiedlung mit Milchen Auswanderern aus dem östlichen Europa dar. Sie hoffen in erster Reihe, von der britischen Regierung geeignete Ländereien zu erhalten, ohne daß Sie Verhandlungen mit anderen Staaten für »diesen Zweck ausschließen. Sie wollen, daß das zu erwerbende Territorium gesund gelegen sei und sowohl die Möglichkeit fiir eine landwirtschaftliche wie für eine industrielle Entwicklung gewährt, und Sie erstreben für die neue Ansiedluug ein gewisses, der Individualität jüdischer Kolonisten angepaßtes Matz freier Selbstverwaltung unter staatlicher Aufsicht und Oberhoheit jenes Reiches, von dem das Gebiet übernommen wurde. Die Schwierigkeiten, die der Verwirklichung eines solchen Planes entgegenstehen, sind zweifellos große,' daß sie aber unüberwindlich sind, kann nach meinem Dafürhalten nicht erwiesen werden. Mit der gebotenen Vorsicht und Sachkunde in Angriff genommen und aus kleineren Anfängen folgerichtig entwickelt, liegt ein Gelingen durchaus im Bereiche der Möglichkeit. Unter diesen Voraussetzungen aber verdienen Ihre Bestrebungen, wie mir scheint, die aufrichtigen Sympathien aller jener, die helfen wollen, um die völlig unerträgliche Lage unserer Glaubensgenossen in Rußland M lindern. Millionen Juden sind in den westlichen Grenzgebieten des russischen Reiches durch gesetzgeberische Maßregeln zwangsweise zusammengepfercht. Diesen Massen ist fast jegliche Möglichkeit genommen, sich wirtschaftlich aus dem tiefstell Elend emporzuarbeiteu, und jede neue Kiudergeneration steigert die allgemeine Armut, weil die karge Arbeitsgelegenheit, die den Erwachsenen kaum erlaubt, das Leben zu fristen, durch die Heramvachseliden Arbeitsfähigen noch weiter geschnlälert wird. Auswanderung, Hunger, Krankheit und an einzelnen Orten Judenmassakers, die seitens der planmäßig mißleiteten Volksmasse stattfinden, schassen in gewissem Umfang immer wieder einigen Rauln. Ein solcher grauenerregender wirtschaftlicher und politischer Notstand lähmt oder verlangsamt zugleich die intellektuelle Entwicklung der betroffenen Volksmassen. Es ist nicht nreine Ansicht, daß durch Auswanderung diesen traurigen Zuständen endgültig gesteuert werden kann. Millionen eine neue Heimat zuzuweisen, wird eine Unmöglichkeit bleiben. Das Schicksal der Masse der russischen Inden ift unlösbar mit dem Schicksal des russischen Volkes verknüpft. Das ist auch die Ansicht der vorausschMenden Juden in Rußland. Nur gemeinsam mit allen russischen Untertanen, deren Leiden zum Teil ebenso große urrd meist nur etwas mildere sind, »kann auch für die Juden eine bessere Zukunft Heraufziehen. Allein da ein Bruchteil der jüdischen Bevölkerung Rußlands und anderer östlicher Länder alljährlich in jedem Falle auswandert, so ist es vor» hohem Wert, daß die Möglichkeiten vervielfältigt werden, die diesen Elementen geboten werden können, Win sich eine neue Heimat zu gründen.!Eine Kolonie kann nur gedeihen, wenn das Klima und die Bodenverhältnisse die nötige Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung darbieten,' aber eine Kolonie, bei der diese Grundlagen gegeben sind, wird um so schneller emporbkühen, wenn auch die Menschen, die sie zu bevölkern bestimmt 'sind, mit gesteigerter Arbeitsfreudigkeit und mit einer gewissen idealen Hingabe sich ihrer neuen Aufgabe widmen. Bei den Stim- „Aber warum '?" fragte der Fremde erstaunt. „Nun — weil sie wollen," antwortete der Führer, gleichfalls erstaunt über die Frage. „Wollen?" fragte der Fremde seinen Begleiter ungläubig. „Wollen? Können die Untertanen Chakan Vulans tun was sie wollen? Befiehlt Chakan Bulan nicht, oder fragt er, was man will?" „Fremdling, ihr werdet ihn kennen lernen, unfern großen König. Ihr iverdet sehen, ob er befiehlt und ost man gehorcht. Sagt der Chakan zu einem seiner Untertanen, geh hin und töte dich, so gehorcht der Mann zur Stunde." „Aber warum befiehlt er denn nicht, daß sie alle den Glauben annehmen, den er den einzig wahren nennt?" „Weil er ein Jude ist," antwortete der Führer einfach. „Wenn einer ausgenommen werden will in den Bund Abrahams, so muß er zum Chakan Bulan kommen und um die Ehre bitten. Wenn jemand ein Kleinod von euch zum Geschenk null, so muß er euch nachher dankbar sein, oder sucht ihr den andern auf und bittet oder befehlt, das Geschenk anzunehmen?" Der Fremde starrte den Sprecher einige Minuten an, dann ritten sie beide schweigend nebeneinander her. Dem Fremden war das Gespräch nicht aus dem Kopf gegangen, denn ganz plötzlich Hub er wieder an: umngen und Empfindungen aber, sie einen großen Teil der Juden in Rußland beherrschen, wird eine solche Arbeitsfreudigkeit und solche Hingabe vor allem dadurch geweckt -werden können, daß die kolonialen Einrichtungen den religiösen Bedürfnissen der Bewohner besonders Rechnung tragen, wie es geschehen kann, wenn die Kolonie, unter der Oberhoheit einer Großmacht, doch zingleich ein verständiges Maß freier Selbstverwaltung genießt. Bedrückungen, die sich aus religiösen Gegensätzen ergaben, haben Häufig genug den Anlaß zur Auswanderung und zu kolonisatorischer Tätigkeit gegeben, und starkes religiöses Empfinden befähigte die Kolonisten in der neuen Heimat, die Drangsale der ersten Zeiten standhaft zu überwinden und aiusznharren. Die Geschichte der Bereinigten Staaten liefert nicht das einzige, aber das gewaltigste Mittel Hierfür. Daß Sie das ideale Streben unserer russischen Glaubensgenossen nach einer gewissen Autonomie, wie sie auf jungfräulichem Boden zu erreichen ist, unberücksichtigt ließen, ist gewiß berechtigt, und es erscheint mir als Verdienst, daß Sie dieses, aus den russischen Verhältnissen Heraus zu erklärende Streben a>us reale Ziele hinzulenken suchen. Nachdem ich diese meine Gesichtspunkte dem göschäftsstihrenöen Ausschüsse des „Hilfsvereins der deutschen Juden" entwickelt hatte, wurde ich beauftragt, Ihnen, sehr geehrter Herr Zangwiü, gegenüber das folgende im Namen des „Hilssvereins der deutschen Juden" zum Ausdruck zu bringen: „Ohne zu den Meinungsverschiedenheiten, welche den unmittelbaren Anlaß zur Inangriffnahme Ihres Projektes gebildet haben, Stellung zu nehmen, begrüßt der „Hilfsverein der deutschen Juden" Ihre Bestrebungen, wie jedes gesunde im Dienste des russischen Hilfswerkes stehende Unternehmen, mit 'warmer Syupathie, und er ist bereit, im Bereiche seines Leistungsvermögens Ihre Bestrebungen zu fördern." Ich erlaube Mir, Ihnen diesen Beschluß zu übermitteln und ich verbleibe in größter Hochachtung Ihr ganz ergebener Dr. P. NatHa n. Jewi'sh Territorial Organisation, 16, Essex Street, Strand W. C. 6. Oktober 1906. Verehrter Herr Doktor! Ihr freundlicher Brief, der sowohl Ihre wie des Hilfsvereins der deutschen Inden Sympathie mit der Territorialiöee ausdrückt, wird sicherlich unserer Bewegung die größten Dienste leisten. Daß solche Männer wie Sie, Herr James Simon und seine Kollegen im Ausschuß Ihres Vereines, bereit sind, mit uns vermittels Ihrer großen Orgtnisation zusammenzuwirken, wird in unseren Reihen neuen Mut entfachen. Obgleich Ihre Ansichten und die meinige nicht in jeder Einzelheit übereinstimmen, so ist doch eine genügende Basis der Uebereinstimmung vorhanden, die mich Ihre in Aussicht gestellte Mitwirkung an unserer schweren Aufgabe 'mit größter Dankbarkeit begrüßen läßt. ' Ihr aufrichtig ergebener I s r a e l Z a n g w i l l. land. Uebov hie Vorgänge, welche zur Aufhebung der die Anzahl der jüdischen Studierenden! in „Und dieses Volk, das nicht Juden sind, welchem Gotte dienen die?" „Allen," antwortete der Chazar kurz. „Da sind Muselmanen und Christen und die vom Naturkultus." „Und ihr verfolgt sie nicht? Ihr kommt gut mit ihnen aus?" „Aber was habt ihr nur?" fuhr jetzt der Führer heftig auf, „warum sollten wir sie verfolgen?" „Verzeih meine Rede," erwiderte der Fremdling, „aber derartiges haben meine Ohren noch nicht vernommen. Wo ich herkomme, in Byzanz, da wird jeder Andersgläubige verfolgt, im Namen Gottes und seines Sohnes Christi. Und eben jetzt, während ich mit euch spreche, stehen sich vielleicht Bruder dem Bruder, Vater dem Sohne gegenüber, Schiverter in der Hand und morden sich auch im Namen Gottes und um Jesu Christi nullen." „Wie das?" fragte der Chazar überrascht. „Nun," antivortete der andere, „die einen wollen Bilder Christi und Gott und Mutter Gottes in den Kirchen und auf den Plätzen, und vor diesen Bildern soll man sich beugen und Ehre antnn, die andern wollen das nicht. Und deshalb mordet man sich gegenseitic; im Namen Gottes. Und nun erzählt ihr nur, daß nicht nur ihr einig seid, sondern daß jeder bei euch den Gesetzen des Gottes folgen kann, denen er folgen will. Ich kann es kaum fassen." Rußland auf 3 Prozent Äcr Gesamtzahl beschränkenden Bestimmungen führten, schreiben die „Nußkija Wjedomosti": Gestern sandte dev Rektor dev Moskauer Universität, Fürst S. ,N. Trubetzkoi, dem Minister der Volksaufklänmg ein Telegrumnr folgenden Inhaltes: „Dringend ersuche ich Eure Durchlaucht um die Genehmigung, 62 Juden des Moskauer Lehrbezirkes über den Prozentsatz hinaus aufzunehmen. Hinsichtlich der allgemeinen Sachlage im llnwersitätsrate der Gesellschaft und Studentenschaft würde ich die schleunigste Entscheidung dieser Angelegenheit für höchst wichtig erachten." Gleichzeitig nahm der Universitätsrat den Vorschlag der Professorenkommissdn an, ein Gesuch einzureichen, um überhaupt die Bcschrän»- kungen der. Aufnahme jüdischer Studenten an der Moskauer Universität aufzuheben, indem er dieses Gesuchmit folgenden Gründen rnotivierte: „Dic Norm, welche die Zahl der jüdischen Studenten an der Moskauer Universität ans drei Prozent beschränkt, ist ahne Zustimmung der Universität aufgestellt und nach der Ansicht der Kommission durch keine Bedingung des Universitätslebens veram laßt worden! Im Gegenteil stiftete die ungerechte und ganz willkürliche Beraubung der Rechte zur Bildung cinev ganzen Kategorie russischer Bürger nur Verwirrung und vergrößerte nur die schwere Lage der Universität, da sie in den Augen der Gesellschaft und Studentenschaft durch den Eindruck dieser Anordnung in Mißkredit gelangte. Deshalb würde es im Namen der Gerechtigkeit und zur Wahrung der inneren Universttätsordnung schon heute für das künftige akademische Jahr notwendig erscheinen, den Prozentsatz der Juden aufzuheben. Es lväre vielleicht auch gerecht, auch diejenigen Juden aufzrmehmen, welche die Gymnasien anderer Lehrbezirke absolvierten; aber das ist unmöglich, weil alle Universitätskurst überfüllt sind und die Aufnahme von Studenten anderer Lehrbezirke, auch nichtjüdischer Konfession, längst ansgehört hat. Leider stieß hier die Kommission aus Widersprüche juridischen Charakters. Wirklich erfolgte die prozentuale Beschränkung der Juden durch allerhöchste Genehmigung der Verfügungen des Ministerkoinitees vom 6. Dezember 1886 und 26. Juni 1887; die Bekanntmachung dieser Verfügnngcn erfolgte nicht durch den Senat. Die Kommission konnte nirgends diese Verfügungen des Ministerkomitees vorfinden und nur hierauf gestützt, hat der frühere Minister der Volksaufklärung Deljanow, wie er- „ Dafür sind wir auch Juden," antwortete der Führer. „Ich kann's nicht fassen," erwiderte der andere. „Die Andersgläubigen, sie haben alle dieselben Rechte und denselben Schutz wie ihr, derselbe Richterspruch gilt für beide?" „Dasselbe Recht." „Wie nun," meinte der Fremde nachdenklich, „wenn z. B. ein Christ und ein Jude einen Streit haben. Glaubt ihr, daß der jüdische Richter da ganz ruhig seinen Blutsverwandten Unrecht sprechen würde?" „Fremdling, ihr kennt unsere Gesetze nicht und nicht unseren gerechten König, oder ihr würdet nicht so fragen. Unser Gesetz ist so: Wenn zwei Juden streiten, kommen sie vor einen jüdischen Richter, wenn zwei Christen streiten, kommen sie vor einen christlichen Richter; streiten aber ein Jude und ein Christ, so kommen sie vor drei Richter, einen jüdischen, einen christlichen und einen mohammedanischen. Da kann keinem Unrecht geschehen." Der Fremdling starrte vor sich hin, zur Erde. „Fürwahr," murmelte er, „das ist der Jude, der verachtete, und jenseits des Wassers sind wir die Mächtigen — und die Christen, die Kunstjünger — die — Götzendiener —" fügte er nach einer Weile verächtlich hinzu. Und so ritten die beiden nebeneinander her, jeder seinen Gedanken nachhängend. Nur noch einmal unterbrach der Fremdling die Stille. „Sagt mir noch eins, 5. MlTTELDflCH Wien, I., Hoher Markt Nr. 8 AbfOhr- Pillen. den Stuhlieg«lndesMittel sinddinae weis« verxiickertau altbekannte Abführpillen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.