Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1905-10-20 · 42 (20.10.1905) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2432763-2433077-2433119--3222-2437159
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 4L sichtlich aus den Papieren des Inspektors des Moskauer Lehrbezirkes vom 2. Juli 1887 sub Nummer 608-1, für die Ncoskauer Universität d.c Norm von drei Prozent für die Juden ausgestellt. Gleichzeitig damit ist im Statut (Ausgabe 9 1899 bis 1900) zum Artikel 787 eine Bemerkung hinzugefügt, das; „die Beschränkung der Aufnahiue der Juden in den Verfügungen und besoirderen Gesetzgebungen enthalten sind". Nach der juridischen Meinung den Kou;- miissionslnitglieder lind des zur Sitzung eirrglladenen Privatdozcnten N. W. Dawydow kamt inan diese Sachlage nicht ignorieren, und die juridische Kraft der Beschränkung bei der Aufnahme der Juden kann nicht bestritten werden. Man ivürde sich vielleicht darauf berufen können, das; die Verfügungen des Ministerkomit.es vonr Jahre 1886 und 1887 nicht veröffentlicht worden sind und man könnte den Senat zur Verantwortung ziehen; allein das würde nur wenig das Schicksal der auf die Entscheidung des Rates wartenden 62 Juden fördern. Aus diesen Gründen findet es die Kommission für ziveckentsprechend, sich cm d.n Minister der Volksaufklärung mit dem Gesuche zu wenden, die Beschränkung bei der Aufnahme jüdischer Studenten an der Moskauer Universität auf Grund der Verfügung des Ministerkomitees vom 6. Dezember 1886 und 26. Juni 1887 aufzuheben." Erfreulicherweise hat sich der russische Minister für Volksaufklärung dieser Argument tierung nicht verschließen können. Jndischsozial. Ein äußerst beachtenswerter Artikel erschien unter obigem Titel in der jüngsten Nummer der Berliner „Allg. Zeitung des Judentums". Nicht des Inhalts wegen ist diese Sukkothbetrachtung interessant, sondern weil dieser programmatische Artikel eben in obengenannter Zeitung zum Abdrucke kam, der der nationalsozialen Bewegung im Judentum gegenüber bisher eine schroff ablehnende Haltung bekundete. Vielleicht wird dieser, aus unverfälscht assimilatorischen Kreisen kommende Appell auch die hiesigen Gesinnungsgenossen der ..Allg. Zeitung des Judentums' zum Nachdenken veraulasseu darüber, ob die Tätigkeit einer nroderucu jüdischen Kultusgemeirrde sich wirklich darin erschöpfen dürfte, Rabbiner und Beamte anzustellell und Matriken zu führen. Nun zum Artikel selbst. Nachdem der Autor des Artikels sich dagegen verwahrte, edler Chazar, was führte eud) hierher heute Nacht, hinaus iu die Steppe?" „Lügen will ich nicht vor euch," erwiderte der audere, „und sagen kann ich es auch nicht, also entschuldigt, wenn ich schlveige." Es trat eine kurze Pause ein. Dann meinte der Fremdling: „Ich achte eure Gründe, doch sagt, warm sind wir in eurer Hauptstadt Beleudsber." „Morgen bei Sonnenaufgang." „Und wann widerfährt mir die Ehre, euren König zu sehen?" „Bald nach dem Morgengebet, wenn es ihm passen wird, euch zu sich zr; befehlen," erwiderte der Chazar kalt. Der Fremde hatte sich bei den kalten, etwas zurechtweisenden Wörter; so straff aufgesetzt, wie seine Wunden es ihm erlaubten. Eine tiefe Falte des Unmuts zeigte sich auf seirrer Stirrr. Er rvollte etwas erwidern. Aber im nächster; Momerrt hatte er sich wieder beruhigt, ja, er lächelte sogar unmerklich, und als er seine Lippen auftat, war es nur, um zu sagen: „Seid bebauet." Und bis zum nächsten Morgen spräche;; sie kein Wort mehr miteinander.- Joseph hielt irrne. Lautlose Stille herrschte im Zimmer. Da schlug eine Turmuhr in der Nähe. „Vier Uhr!" sagte der Großvater. »Jetzt ift's genug" „Es ist auch zu Ende," meinte Joseph »Kein Buchstabe mehr." Der Alte erhob sich. die Bezeichnurrger; „Christlichsozial" urrd „Evangelrschsozial" nachäffei; zu rvollen, urrd rrach einem Nachweise dessen, daß die heilige Schrift urrd unsere garrze Geschichte die Ausübrurg alles desserr, was er unter „Jüdischsozial" versteht, uns geradezu zur Pflicht machen, setzt er seine Ausführungen folgendermaßen fort: Wenn es gewiß ist, daß die soziale Frage nicht mm eine Magen frage ist, sondern auch eine Gerrrüts- und Herzensfragc, eine Frage der Menscher;, die sieh rncht geachtet fühlen und nicht geliebt lvissen, so erfüllt die jüdische Gemeinschaft ihre Pflicht nicht, wenn sie hior nicht Abhilfe zu schaffen sucht. Sie muß vi.linehr, wie es die Väter getan Haber;, den Arirrei; und Notle.deuden überall errtgegeirtreterr und muß den Menschen in;, Menschen aufsuchen urrd cs ihm wieder zu fühlen gebe;;!, daß er glliebt und geachtet iff; sie rrurß der; Adel jeder rechtschaffenen Arbeit nicht nur in Worten predigen, sondern die Anerkennung dieses Ltd-ls im Leben des Tages zurrr Ausdrucke bringen. V.ele werden nun allerdings sagen, daß die Synagoge, daß das Judentum als religiöse Gemeinde nicht mit den sozialen! Fragen an sich zu tun habe, da doch Stadt und Staat eine große Anzahl von Wohl sah rtsü i; rieh tu nge rr geschaffen haben, welche ihre Wohltaten ohne jede Beschränkung, ohne konfessionelle Rücksichten und : ohne speziell die Juden zu benachteiligen, ange-! de.her; lassen. Wir können dies ohne weiteres zugeben und gen; anerkennen, daß in den städtischen Verwaltungen, in den staatlichen schon weniger, und in privaten Verbänden ein humaner Geist herrscht, aber wir dürfen dann;;! doch nicht vergessen, daß wir die Verpflichtung haben, in ganz besonderer Weise Fürsorge für : unsere Glaubensgenossen zu treffen namentlich bei Zuständen, wo Stadt und Staat nicht ein-; reten können und auch nicht einmal die Veri pflichtung dazu haben. Wir dürfen uns dieser 1 Pflicht nun einmal nicht entziehen und d'e Veri hältnisse erfordern es geradezu. Das ist! jüdischsozial! Was haben wir nun aber zu tun, wo ist zu helfen und wie ist zu helfen? Vor allem ist es notwendig, daß w'r unsere! soziale Frage studiereu, daß mir uns Kenntnis i verschaffen von dem Vorhandensein, von dein : Umfang und von den Tiefen sozialer Schäden . in unserer Mitte, daß wir uns durch genaue Untersuchung statistischer und ökonom'scher Art über die einschlägigen Verhältnisse so inforrnieren, um uns eine sichere Unterlage für soziale Arbeit zu verschaffen. Daran erst kann sich eine bestimmte Organisat'on schließen, und deren Aufgabe muß es sein, dem Begriffe Leben einzuhauchen. Es ist! schon wiederholt darauf hingewiesin worden, daß die Leitung der Liebestätigkeit in der Genreinde früher itt beachtenswerter Weise nüt dein Kultus in innigste Verbindung gesetzt wurde. „Dort, wo man himmlische Gaben empfing, empfing man auch die ird scher;, uud dort, wo mar;! sich verpflichtete, Seele und Leib zun; lebendigenOp.fer zu bringen, opferte man auch irdische Gaben für die Brüder." Diese Verhältnisse haben sich geändert. Die großer; wirtschaftlicher; Urm Wälzungen haben vieles rveggeschwernrnt, was ehodein als traditionelle Hebung, ja als heiliges Gebot in; Judentum lebte. Sie haben aber auch, wenn lvir so sagen dürfen, unser soziales Gewissen geschärft und so ein tieferes Verständnis für.die Pflichten des einzelnen der Gesamtheit gegenüber gegeben. Man darf sagen: unsere soziale Aufgabe ir; der Gegenwart ist eben brennender als in der Vergangenheit. Gerade die Fortschritte, die die Menschheit gemacht Hai, drängen uns neuer; Aufgaben zu. Wir wollen nur einige horvorheben, indem wir den Arrregunger; folgen, die ein tatkräftiger urrd umsichtiger Führer der sozialen Bewegung in -den B'nei Brith-Logen gegeben hat. Unsere größte soziale Not bringen die Armer; und Unglücklicher;, lvegen ihres Glaubens Verfolgten aus den; Osten mit. Wir haben es wiederholt zurückgewiesen, wenn man es versucht hat, die Teilnahme für diese durch« die Hervorhebung der Schäden abzuweisen, welche ihre Masseneinlvanderung rwtwendig mit sich führt. Damit steht in Verbindung ein wichtiger Punkt der allgemeinen sozialen Frage: Wir müssen die Wohnurrgsverhältrnsse der arn;en jüdischen Bevölkerung untersuchen, um daraus zu ersehen, wie man am besten helfen kann. Bei allen Untersuchungen wird mar; auf eine große Zahl alle nstehender junger Mädchen und Frauen stoßen, die in irgend einem Berufe tätig sind und denen wir Gelegenheit zur Fortbildung und zu edlerer Geselligkeit geben müsser;. Auch die Kinder dürfen unserer Fürsorge nicht entbehren. Die Säugl'ngssterblichkeit ist in den großen Städten eine sehr große, die städtischen Fürsorgeanstalten für Säuglinge werden von unseren Glaubensgenossen nicht immer benützt, die Errichung eines Säugl'ngsheims sollte die Aufgabe einer jeden jüdischen Gemeinde fein. Auf dem Gebiete der Gesundheitspflege ist, so seltsam dies auf den ersten Bl'ck erscheinen möchte, für uns als Juden noch manches zu tur;. Bei der weiten und tiefgreifenden Verbreitung der Nervenkrankheiten unter unseren Volksgenossen wird man daran denken müssen, Volkssanatorien für Nervenkrankheiten zu errichten. Die Erfahrung lehrt, daß diese Kranken bei besonderer Behandlung schneller gesunden und oft mit dauerndem Erfolge. Das gleiche gilt von Rekonvaleszenten- und Genesungsheimen. Andere Einrichtungen, „Also auf Wiedersehen morgen, Herr Graf," sagte er, Ludar;yi die Hand reicher;d. Der schier; ir; einiger Verlegenheit. Daru; faßte er einen Entschluß. „Ich kann Sie jetzt nicht forttaffen, meine Herren;. Ob Sie wollen; oder rncht,?ie muffen diese Nacht ir; meinem Hause verbleibe;; Ein Diener ist immer wach, er rvird Ihnen; Ihr Zimmer anrveisen. Gute Nacht, meine .Herren." Und während Großvater ur;d Eickel die Treppe znm Fremdenummer emporstiegen, sagte urckei; der Graf zu feiner Tochter: „Zwei Inder; ir; meinem Hanse als meine Gäste zrr beherberge!;, das hätte ich mir auch rncht träumen lasser;. Wern; das merrre Fre;n;de wüßte;;! — Aber eine andere Auffassung bekomme ich doch von der; Inden! Die zwei da finb doch wirklich nette Kerls; na — und die ir; der Handschrift — wie heißer; sie — Chazaren — alle Achtung! Wie edle Ritter mären die —" Während ober; der Großvater zu Joseph meircke: „So weit machte sich die Sache famos, 's wird schon werden," was Joseph sich rncht recht erkläret; korncke ur;d schließlich auf die Uebersetzungen bezog. — - — Als sich am nächsten Morgen die beiden Gäste von ihrem Wirt verabschieden wollten, machte Maria einen Vorschlag. „Das Diktieren der Buchstaben am Abend ist immer sehr lar;gweilig und es ist auch schade um die Zeit. Wir sind gespamck auf den Fortgar;g der Geschichte und wissen abei;ds ftunbculang vor Ungeduld weder ein rwch ' aus. Wie rvär's, Väterchen/ — Ludern;)! liebevoll beirr; Arm fassend — „wie wär's, wenn die Herrei; hier blieben, am Tage ihre alten Bruchstellen ir; Ordrrung brächten urrd abends die Uebersetzurrger; vorr;ährner; Dam; hätter; wir vielleicht ir; einer Woche erreicht, was sorrst Monate dauern würde." Sie wandte sich an die beiden: „Nicht wahr, meine Herren, Sie tun mir schon der; der; Gefallei; und bleiben." Ehe der verdrrtzte Ludanyi noch arckworter; korncke, hatte der Großvater zugesagt mit der; Wörter;: „Wer;;; Sie so bitter;, gnädiges Fräulein! Das heißt, rvenr; der Herr Vater nichts dagegen haben." Der konnte wohl kaum etwas dagegen habe,; und die beiden blieben. Nur zu den Mahlzeiter; verließen sie das Haus. „Das mit dem Geiz der Juden scheint doch rncht ganz zn stinrrnerr," meircke Ludanyi so nebenbei. „Hier riskieret; diese Leute, mich durch ihr Ausgehn; zu beleidiget;, wo sie andererseits doch das Geld ersparen könnten. Denn arm finb doch beide!" Ur;d verwur;dert schüttelte er der; Kopf. Fast den ganzer; Tag hindurch diktierte der Großvater die Buchstaben und Joseph reihte sie zu Worten aneinander. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.