Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2432763-2433077-2433118--3212-2437148- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
öir. 41 »1 ückiseRes Vollcsblatt Leite ll deKzusamimengehö-rigkeit! Bei Bewerbung um ein Mandat sagt jedoch deir süßlich lächelnde Wolczynski den jüdischen Großgrundbesitzern: „Hand von der Butten!" Wie die Rumänen gegenden Führer der Juden, gegen Dr. Straucher, der sie zur Selbständigkeit ernporgeleitet, der sie zu einem politischen Faktor gemacht, Vorgehen, wie er in ihren Blättern verhöhnt, besudelt und beschimpft wird, ist bekannt. Ihren letzten Treubruch im Gemeinderate haben wir oben geschildert und dieser Egoisten-klique sollen Juden Gefolgschaft leisten, ihreMacht noch stärken, damit sie desto sicherer den Antisemiten zur Vorherrschaft verhelfen!? Bis zum entscheidenden Tage haben viele Juden Anstand genommen, offen Farbe zu bekennen. Wohl hat die „Egoistenvereinigung" verflicht, die Juden einzuschüchtern. Man lockte sie, man drohte ihnen, zur Zeit, da die Inden noch keine Partei genommen hatten. »Nuir sollen sie aber Partei nehmen. Sie sollen beweisen, daß die Juden dankbar sind jeilen, die wie Nikolaj Wassilko und die ihm folgenden Nuthcnen Dankbarkeit bei ihnen verdient haben. Die Juden sollen dartun, daß sie auf Seite des ehrlichen Freisinnes sind und daß sie alle egoistischen Machenschaften, welche dazu dienen, sich auf Kostendes Landes zu bereichern, verdammen. Sie erweisen damit auchdem Lande einen- Dienst. Schon macht sich ein Terrorismus geltend, bei dem jede Sachlichkeit, jedes selbstständige Denken und Handeln, jede Aufrichtigkeit im öffentlichen! Leben einfach zu schwinden drohen; und daß dies verhindert werde, dafür kämpfen mit Löwenmut und Opferfreudigkeit die Ruthenen. Und da sollen, da müssen die Juden mithelfen-. Denn nur dort, wo Freisinn waltet, kann gleiches Recht für die Juden bestehen. Ans der interkonfessionelle« Schule. Noch sind in aller Erinnerung die homerischen Kämpfe, die unter Beifall der gefaulten „JndeuoreifK die Iudm für die interkonfessionellen Schulgesetze führten; mit finsterer Entschlossenheit stürzteil! sie sich auf die Conradsche Schttlgesetzno-velle vom 2. Mai 1883, als ob ihre Vereitelung unser höchstes Glück wäre. In Wirklichkeit verdanken die Juden allein dieser Novelle, daß noch einige jüdische Schulleiter allgestellt werden, da der Paragraph 48 verfügt, daß als Schulleiter mir solche Personen bestellt werden können, welche auch die Befähigung zum Religionsunterricht jenes Glaubensbekenntnisses Nachweisen, dem die Mehrzahl der Schüle'r der betreffenden! Schule nach dem! Durchschnitte der voraus gegangenen fünf Schuljahre angehört. Wir besitzen also heute noch die allerdings nach der Ansicht unserer Liberalen durch den Paragraphen 48 verschlechterte interkonfessionelle Schule. Ein jüdischer Vater, der sein erstes Kind in eine solche Schule schickte, erzählte mir jüngst seine Erlebnisse. Vorausschicken! muß ich, daß er in einem Meiler Bezirk wohnt, der verhältnismäßig weingJuden aufiveist. In der 1. Klasse der betreffenden Volksschule waren unter 60 Schülern, 4 Juden. Eröffnet wurde der Unterricht durch ein „Vaterunser", geschloffen mit einem- „Ave Maria". Unser Vater war nicht wenig erstaunt, als ihm. nach einigen Tagen sein Kuäblein mit Fragen nach dein „Vater Gottes", dein „Sohne" und der „Mutter Gottes" plagte. Auch hatte er es im Kreuzschlagen zu einer gewissen Fertigkeit gebracht. Unser Vater war über diese Erfolge der interkonfessionellen, Schule durchaus nicht entzückt. Noch weniger aber über die Art des jüdischen Religionsunterrichtes.An der Schule selbst! wurde kein jüdischer Religionsunterricht erteilt, sondern es wurden in einer benachbarten die jüdischen Kinder gesammelt. Der betreffende Lehrer eröffnete seine Tätigkeit damit, daß er die Kinder des „Schema" auswendig lehrte. Gut. Aber nicht gut war es, daß er ihnen nicht die Uebcrsetzung mitteilte, sondern daß er ganz mechanisch die Kinder ihnen unverständliche Worte hcirsagen ließ. Während also die katholischen. Begriffe „Vater, Mutter und Sohn" sich leicht indas Gehirn einschlichen-, verbarrikadierte der jüdische Neligionslehrer förmlich das Gehirn gegen jeden Religionsbegriff. Unser Vater hatte an dieser Schule genug; er schickte sein Kind ineine jüdische Privatvolksschule. WaS, wird erregt der Assimilcmt und freudig ein- Nationaljude ansrufen, in Wien gibt es j üdis ch e V o l k s s ch u - l e n!? Gemach. Der Vater schickte sein Kind in die „Freie Schule". Dort sind unter 15 Kindern 14 Juden und der 16. Schüler ist - - getaufter Jude. So errnütet die „Freie Schule" nolens voteus konfessionelle Schuten. L. S. Der Roman eines Jndenmädtzrirs. (Jüdische Mädchen in Klöstern.) lieber den Abschluß des Romans eines Judenmädchens lesen wir im Czernowitzdr „Jüd. Wochenbl.", einem in jüdischer Sprache gehaltenen und jüdischnationale Tendenz vertretenden Blatte: „Es ist ein altes Sprichwort: „Wann freut sich ein arin-.r Mann? Wenn er verliert und das Verlorene wieder findet. Wenn erst einarmer Vater s e i n K i n d auf welche Weise immer verliert und insbesondere es. wie inan zu sagen- Pflegt, „aus beiden. Welten" verliert und das Kind, den getanen Fehltritt bereuend, zu seinen Eltern zurückkehrt, da ist dis Freude grenzenlos. Leider ereignet es sich irr Galizien, und gerade im Hause frommer Eltern sehr oft, daß ein jüdisches Mädchen-mit eurem christlichen Geliebten aus dem Elternhaus entflieht. Zu den Seltenheiten gehörtes aber,daßeiuesolche„Verlorene" auch wiederkehre und den Weg zum Elternhause wi-ederfindc. Gewöhnlich wird ein solches Mädchen früher oder später in ein K l o st e r gebracht und die Verirrte bekommt nimmermehr die lichte, freie Welt zu sehen. Da hilft dann kein Suchen, da hilft auch das Anrufen des Gerichtes nicht. Man erinnert sich ja noch des sensationellen Falles Arat^n aus .Krakau! Da halfen auch nicht die Audienzen bei den verschiedentlichen Ministern; der arme, gekränkte Vater gelangte sogar vor die Stufen des Thrones, aber auch die Audienz beim Kaiser Hai nichts geholfen. Damals hat ein Minister das denkwürdige, aller Freiheit und Kultur hohnsprecheudeWort geprägt: „An den Toren des Klosters hört die Macht der Regierung auf!" .... Von einer Ausnahme von dieser „Regel" soll hier berichtet werdcn. Der Fall ereignete sich allerdings in der Bukowina, doch der Abschluß, nämlich die Internierung ins Kloster, vollzog sich auch diesmal, wie gewöhnlich, in Galizien. Trotzdem das betreffende Mädchen, wie gesagt, sich schon in einem Lemberger Kloster befand und trotzdem bereits alle Vorbereitungen getroffen waren, um in die Verirrte in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche aufznnehmen und sie dem „Herrn als Braut" zu weihen", gelang es dennoch, daß arme Mädchen aus der klösterlichen Gefangenschaft Zn befreien und sie deir tiefge-- kränkten Eltern znZnführen. Das Mädchen zeigt tiefe Reue über den getanenFehltritt und ist ganz glücklich,denMostörmauern entkommen zu sein. Aus ihren Erzählungen über ihren Aufenthalt im Kloster dürfte am meisten die Mitteilung interessieren, daß i n d e rn s e l b e n K l o st er gege n wärtig noch andere sechs jüdische M ä dch e n inte r n iert sind, deren Eltern gewiß über den Abgang ihrer Kirr der sich grämen ohne von ihrem wahren Anfentbalte Kenntnis zu haben. Alles hängt eben vom Glück ab, und nur als jüdisches Kind aus einem galizischen Klostcr befreit zu werden, muß man besonderes Glück haben und — darf nicht in Galizien wohnen. Der Fall, von dem. hier die Rede ist. hat sich übrigens folgendermaßen zugetragen: Eine gewisse Lotst Kl. . ., Tochter frommer, rechtschaffener Ellern in Sereth, machte dieBekanntschaft eines gewissen- Maximilian N i e ß. Aus Vom jüdischen Theater in New York. Das jüdische Theater in New Dork ist ein äußerst wichtiger Kulttnst.ktvr im Leben der Juden vom New Aorkcr Ostend. Ist auch nicht alles, was da geboten wird, erstklassig, so kann man auch andrerseits nichr behaupten, daß die Darbietungen sowohl inlnlibch cts auch was die Darstellung b'trifst, auf jenem niedrigen Niveau stehen, wie das, besonders in Europa, allgemein angenommen wird. Jüdischer Schauspieler zu sew, ist ein Beruf, der, wenn man die nötigen Fähigkeiten mitbstngt, stinen Mann auch reichlich nährt. Das jüdische Publikum ist verhältnismäßig schwerer znstiedcnzusttllnr als jcdcs andere. Es rekrutiert sich aus lauter Menschen, die selbst manche Tragödie dnrchgeübt, und mißt mitunter die Natürlichkeit der Darstellung nach seinen eigenen Erfahrurrze.!. Der wirkliche Künstler hat nun große Mühe, jenes Maß einzuhsltcn, über welches hinaus die Kunst verloren gehen muß, und sein Publiku« zu einem Kunstgenüsse zu erziehen, der ihm bis dahin fremd war. Eine solche Künstlerin muß die vor kurzem verstorbene jüdische Schauspielerin Miß Florcnce Zeit litt gewesen sein. Ihre Eltern wanderten aus Rußland ein, sie selbst war vor 21 Jahren schon in Chicago geboren. Trotz ihrer Jugend hatte sie schon viele Erfolge zn verzeichnen. Auch die nichtjüdischen Allster anerkannten ihr großes Talent und ihr vorzetiges Ende bedeutet für das New Aorkrr jüdische „Oranst DlwRi'ü" einen großen Verlust. Schon im Alter von 11 Jahren trat sie im jüdischen Theater ihrer Geburtsstadt in kleineren Rallen ans und lenkte durch ihre Erscheinung und ihr Spiel die Aufmerksamkeit der Kritiker sowohl als auch des Pnblrknms ans sich. Ihr erstes Debüt war, wie gesagt, in Chicago bei der Thraiertroppe des bekamucn Direktors Boris T o m a s ch e. f § k i. der, ihr Bühnetttüleut erkennend, ihr allmählich die schwersten Rollen der in den amerikanischen Ju'ceuvikrtcln so sehr beliebten realistischen Ssticll Gvrdius, Libins und anderer überließ. Vorübergehend spielte sie auch, mit beachtenswerten Erfolgen, auf „amerikanischen" (ttichtjüdischeu) Bühnen, bis sie ein Engagement im jüdischen Theater von New Aork erhielt, wo sie bis zn ihrem jähen Lebensende als „Star" wirkte, Lorberrn und Dollars einheiuiste. Miß Zeitlin wanur kurze Zeit krank gewesen und erlag einer Lnngenwitzündung. Miß Zeit Nu war nicht die einzige „Amerikanerin", die sich beruflich dem jüdischen BÜhnenleben widmete. Es gibt bereits eine ganze Anzahl in Amerika geborener Schauspieler und Schauspielerinnen, die als jüdische Künstler, ausschließlich ans jüdischen Bühnen wirkend, ihren Weg machten. Daß es auch da nicht au Intrigen und Knlifsengeschichten fehlt, ist bei dem Temperament der Juden sebstredend. Intrigiert wird in der Regel gegen einen Mächtigen bei einem anderen Machtfuktor. Biel besprochen wurden i» letzterer Zeit die Kesseltrcibereien gegen zwei der hervorragendsten Mitglieder des „Ornml IllontvO" Jakob P. Adler und Siegmund Mogu lesen, die sich denn auch mit der in jüdischen Künstlerfragen sehr einflußreichen „llloorerv /Velorr- IR-oteetivcr Union" zerschlagen haben. Der Streit führte zn unliebsamen Anseinandersttzungen und Kvnkurrknzmanövern, die der Sache selbst viel schadeten. Nun ist der Streit endlich beigelegt, die deidcn Künstler, deren Leistungen allgemeine Anerkennung finde», kehren ins „Oi-nml Vlionstw" zurück, mit ihnen zieht auch das moderne jüdische Drama ein, das Während des Streites, mangels entsprechender gleichwertiger Kräfte, nicht zu Worte kommen konnte. Gute jüdische Dramen haben in New Jork ihren Wert, man könnte sagen, einen guten Marktwert, und ihr Kurs ist in stetem Steigen begriffen. Stücke von Jakob Gordi«, dem Lieblingsdichter des amerikanischen Ghettos, werdcn mit über 2000 Mack bezahlt und die meisten Direktorin zahlen gerne diesen Preis für das Aufführungsrecht eines Gvrdinschen Stückes, das stets die Kaffen füllt. Soeben erhielt Gordin den „Auftrag", der berühmten New Zjorker Schauspcelerin Mme. Kennte Lipzin ein Stück „auf den Leib" zn schreiben. Man ist auf das Stück gespannt und die amerikanische Reklame tut das ihrige, um dis Spannung noch zn steigern. —b. —sz. L. V/isii, l, llotisr Markt kr. 8 »Ml-kl»««. Usll 8tulNroi;oliwsvUit1«U »>uct <1i"6o vviss vorruckvrtsu «Mbsktmuto LbslNirMteQ