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Jüdisches Volksblatt · 1905-10-13 · 41 (13.10.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
41 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite Jüdisches VoUasblatt Nr. 41 Diese Wahlen und ihr Ausfall müssen notgedrungen ihre Wirkung auch auf dic zukünftige Gsstaltung dev Dinge ausübeii, sie sind das sicherste Dattel, die auch ohnehin allzu lichten Reihen freiheitlicher Mnnpfer zu deziinisren und einer Resignation die Bahn zu ebnen, die den Tod jeder politischen Betätigung bedeutet. Die Folgen dieser Wahl und ihre Vorgeschichte werden sich erst bei den nächstenallgemeinen Wahlen ftihlbar machen. Wir haben mit Absicht diesmal vor den jüngsten Wahlen 51t diesen keine Stellung genommen. Wir wollten nicht, daß die unbeholfenen Führer und Wahlmacher die billige Ausrede haben, idaß wir ihre Zirkel gestört haben. Das Ergebnis der Wahlen, der stetige Rückgang! der freisinnigen Stimmenzahl hat unsere bisherige Haltung gerechtfertigt und ist sicherlich nicht geeignet, uns emes Besseren zu belehren. Die Juden werden doch zur Ueberzeugung gelangen müssen, daß ihre Sache nur durch he selbst gefördert werdet! kann und daß sie bis jetzt nur falschen Propheten nachgegangcn siud, die an dev heutigen Lage des Judentunrs die Hauptschuld tragen. Die Jude« uud die Czernowitzer Reichsratswahl. In der vor einigen Tagen stattgefundencu Reichs ratswahl im Czernowitzer Landgemeindebezirke wurde der Kandidat der vereinigten Rumänen und Christllichdeutschen, Dr. O n c i u l, mit überwiegender Majorität zum Reichsratabgeordneten gewählt. In der Minorität bli-.b der Kandidat der Gruppe der Freisinnigen, M a l l e k. Mit Rücksicht auf die im nächsten Jahre siättfindenden allgemeinen Wahlen besitzt nachfolgendes Situat i 0 n s b i l d, bas vor dar jüngsten Wahl entworfen und uns eingescndet wurde, auch heute noch oolle Aktualität: In dcm politischen Kampfe, der tun das freie ReichsratsmanDat zwischen Rumänen und Ruthenen entbrannt ist, konum den Juden die Rolle des Züngleins an der Wage zu. Ist schon in ruhigen Zeiten die Aufgabe zugunsten der einen oder der anderen Partei die ausschlaggebende Entscheidung herbeizusühun, lveder leicht noch angenehm, so ist das gegenwärtig, angesichts der so hochgehenden politischen Erregung inr Lande umso schwieriger und darum einer reiflichen Erwägung mrt. Sollen die Juden bei dem Wahlkampfe Mallek-Onciul mit den Ruthenen gegen die Rumänen oder umgekehrt gehen? Die Antwort auf diese Frage ist wohl sehr einfach. Bevor nur sic geben, lvollcn wir jedoch ihr eine Begründung vorausschicken. Aus der Tasche des Mantels lugt das Ende eines dicken Strickes hervor . . . Und nun verließ der Rabbi das Zimmer, der Lithauer folgte ihnr .'. . Im Vorübergehen betrat der Rabbi die Küche nahm die unter einer Pritsche liegende Hacke, steckte dieselbe hinter den Gurt und trat auf die Gasse. Der Lithauer bebte am ganzen Körper, folgte jedoch unentwegt dem Rabbi. Eine beängstigcnde Stille herrschte in dein dunklen Gäßchen. . . Hie und da ertönte aus dein Bethause die herzzerreißende Stimme eines Selichot-Vortragenden . . . Aus dein Fenster einer Hütte drang das Aechzen eines Kranken herüber . . . Der Rabbi ging immer seitab von der Straße, iin Schatten der Häuser und der Umfriedungen .... Von Zeit zu Zeit trat die Figur des Rabbi aus deni Schatten; der Lithauer folgte ihm nnennvegt. Er hörte deutlich, wie das Herz in seiner Brust heftig pochte, er folgte dennoch dem Rabbi. Und so gingen sie znr Stadt hinaus. Außerhalb der Stadt dehnte sich ein junger Wald. Ter Rabbi betrat den Wald, legte ungefähr dreißig Schritte zurück und machte neben einenr Baume Halt. Der Lithauer geriet in Erstaunen, als er sah, daß der Rabbi die Hacke in die Hand nahm und sich anschickte, den Bau in zu fällen. Nach langer, harter Arbeit fiel dar Bauin krachend zu Boden . . . Der Rabbi spaltete den Baum, machte ein Holzbündel. steckte die Hacke hinter den Gurt, lnd das Holzbündel ans die Schulter nnd trat den Weg zurück in Die Stadt an. Es sei vorerst festgestellt, daß erst mit den! Einzug des Freisinnes in die Bukowina, die Juden ein ernster politischer Faktor inr ganzen Lande wurden. In der Larrdeshauptstadt lvaren sie es auch schon früher. In!den anderen Orten und Städten der Bukowina, auf dein flachen Lande selbst, da lvarcn die Juden verläßliche Werkzeuge des Bezirkshauptmannes. Die Regierung rechnete mit ihnen so sicher, wie mit — der Gendarmerie, der man einen Auftrag gibt, in dcc bestimmten Ueberzeugung, daß sie ihn auch strikte vollführt. So war es bei löen Juden. Bei Wahlen warm sie ausschließlich privilegierte Regierungsmänner. Freilich, wmn es sich um die Forderung von Gleichberechtigung und gar von Gleichwertigkeit handelte, da war vom Privilegium keine Spur mehr zu entdecken; nicht einmal die Gleichberechtigung war vorhanden, nur in Ausnahmsfällen gnadenweise. Der Freisinn hat, wie bemerkt, diese Situation gründlich geändert. Er stellte für die Juden in!dev Bukowina eine Emanzipation der Tat, nach der bis dahin vorhandenen Emanzipation der Theorie vor. Dem Freisinn sind speziell die Juden zu großem Danke verpflichtet. Wer aber brachte den Freisinn ins Land? Wer schuf den! Freisinn eine feste Grundlage, wer ein weites Feld zur Betätigung? Das war wie bekannt, niemand anderer als der Abgeordnete Nikolaj Wassilko, dessen ganzes Tun und Lassen sich auch früher schon ans gerader freisinniger Linie bewegte. Wassilko trat am 21. Mai 1908 an Aurel Onciul und Dr. Straucher mit der Idee heran, dorr- Freisinn als politisches Programm in der Bukowina einzubürgern. Die beiden Genannten gingen Darauf ein. Mit ehrlicher Gesinnung Ar. Straucher, mit geschickt vorgehaltener Maske Dr. Onciul. Und der Freisinn hielt seinen Einzug in der Brrkowina. Wie einen Segen empfand ihn, und den in seinem Gefolge befindlichen Landesfrieden, unser Heimatland. Und wenn auch die Inden aus dem Freisinn politische und damit zusammenhängend wirtschaftliche Vorteile zir ziehen in der Lage waren, so haben sie dies vorzugsweise dem Äbg. Nikolaj Wassilko — und auch der klugen Führung Strauchers — zu. danken. Und die Ruthenen leisteten dein: Abg. Wassilko auf diesen! Gebiete treue Gefolgschaft, bewährten sich irr der letzten Zeit in Stadt und Land als aufrichtige, ehrliche, wohlwollende Freunde der Juden. Wir verweisen nach der Richtung auf die Vorkoinmnisse im Ezernowitzer Gemeinderat, woselbst die rnthenischen Vertretereng alliert mit Dr. Straucher gehen nnd die Inden unbedingt auf deren bnndestrenes Mitwirken zählen können, Mich zählten und bisher nicht getäuscht wurden. ^0 war es in der Bürgermeisterfrage, so be- Jn einem Gäßchen blieb der Rabbi bei einer halb verfallenen: Hülte stehen nnd pochte an das Fenster. „Wer draußen?" ertönte ans dein Stübchen eine erschrockene Stimme, in der der Lithauer die Stimme einer kranken Frau erkannte. „Ich," entgegnete der Rabbi in russischer Sprache. „Wer?" „Wassil," antwortete der Rabbi nnt kleinrnssischein Akzent. „Welcher Wassil und was willst du?" „Habe Holz zu verkaufen und billig, fast umsonst ..." Und ohne die Antwort abznwarten, begab er sich in das Stübchen. Ter Lithauer schlich dem Rabbi nach. In! grauen Halbdunkel des Morgens erblickt er das armselige Gemach mit der entsprechend armseligen Einrichtung. Ans dein Bette, in Lumpen gehüllt, lag ein krankes Frauenzimmer, das dem eintretenden Wassil mit Verzweiflung sagte: „Das Holz abkaufen? . . . Womit soll ich es kaufen? Woher soll ich, eine arme Witwe, Geld haben?" „Ich werde dir das Holz auf Borg geben," entgegnete der verkleidete Rabbi; „inr ganzen nur sechs Groschen" . . . „Und ivoher werde ich diese sechs Groschen hernehmen?" währte es sich erst letzten Donnerstag bei den Wahlen in 'den Stadtschulrat. Mit den Rumänen bestand ein schriftlicher Pakt, bekräftigt mit Handschlag und Ehrenwort, einvernehmlich und gemeinsam, besonders in Schulfragen, mit den Juden vorzugehen. Das hinderte Lupu und Konsorten nicht, gar kein Einvernehmen zu pflegen und jene Juden, mit welchen der Pakt geschlossen wurde, zu brüskieren. Das ist eben Lupusche Verl ragst reue! Es sei aber auch darauf verwiesen, daß in den ruthcnischen Dörfem sich gerade unter denn Einflüsse der Ausbreitung der freisinmgen Ideen die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Juden und Ruthenen vertieften. Was mm die Rmnänen anbelangt, so konnten auch sie wohl zeitweise dem. Zuge dev Zeit keinen Widerstand leisten. Sie entdeckten die Juden erst dann für ihre Freundschaft, als sie merkten, daß sie treue Bundesgenossen der Ruthenen waren. Ihnen geht es heute nicht so sehr um die Juden als solche, es ist ihnÄr hauptsächlich darum zu tun, die Juden zu isolieren und auf diese Weise die Christlichdeutschen zu stärken. Dieselben christlichen Deutschen, in deren Programm der „Deutschen Volkspartei" die „Befreiung von dem auf vielen Gebieten des öffentlichen Lebens vorherrschenden Einfluß des Judentums" steht. Das Buhlen unii die Gunst dev Inden von rumänischer Seite stellt eine Unterstützung der Wiedmannschen Bestirebungen bei der Schachpartie, deren letzter Zug nur ein: Matt den Juden! bedeuten soll, vor'. Und da sind wir auch schon der Beantwortung der Frage, wohin die Juden: im gegenwärtigen Wahlkampfe sich wenden sollen, nahe gekommen. Hat sich jemand in Zeiten der Not als Freund bewährt, so muß man ihm diese Freundschaft auch vergelten, indem man ihm wieder beisteht. Das haben die Ruthenen und in ganz hervorragenden! Maße Nikolaj von Wassilko den Juden gegenüber bisher getan und sie haben somit ein moralisches, ein ethisches Recht, von den Inden — dies gilt insbesondere von jenem Teil der Intelligenz der Judenheit, der sich ein eigenes Urteil über die Verhältnisse, wie sie sich in den schweren Tagen des Wahlkampfes und bei seiner Entscheidung gestalten, bilden kann —- zu verlangen, mit ihnen, das heißt mit ihren Freunden zu gehen. Mau soll nicht vergessen, daß derselbe rumänische Großgrundbesitz, der heute im Gnaden bei der Familie Onciul-Lupu aufgenoim men wurde, seit jeher sich dagegen stemmt, eiuein jüdischen Großgrundbesitzer aus dieser Kurie ein Mandat einzuräumen. Mehr als ein Drittel aller Stimmen besitzen die Inden! im Großgrundbesitz! Zum Mitstiimnen entdeckt mau eine Interessengemeinschaft, eine Stain „Tu närrisches Geschöpf," sagte der Rabbi streng, „schau, du bist eine arme, kranke Frau, und ich glaube dir . . . Ich bin überzeugt, daß du mir bezahlen, wirst . . . Du hast einen so großen nnd allmächtigen Gott und . . . vertrautest ihnr nicht?! Du vertrautest ihnr nicht einmal in einer Sache.von. nur sechs Groschen, welche'das Holzbündel kostet!" „Und wer wird einheizen?" frng die Kranke wehmütig, „ich bin nicht inrstan.de, anfznstehcn, mein Sohn ist noch in der Arbeit." „Ich werde einheizen," entgegnete der Rabbi. Während der Nabbi das Holz in den Ofen legte, sprach er ächzend den ersten Abschnitt des „Selichoth". Als Das Holz lustig 31t brennen begann, sprach der Rabbi schon: etwas inunterer den zweiten Abschnitt. Den dritten und den lest teil' Abschnitt der „Selichoth" hatte dev Rablü erst dann gesprochen, als das Zimmer sich mit einer angenehmen Wärme zu füllen begann . . . Der Lithauer, welcher alles dies sah, wurde seit dieser Zeit der tireneste Anhänger des Rabbi. Später, als irgend ein Chassid zu erzählen begann, daß dev Rabbi von Nemirow znr Selichoth-Zeit in! den H i m Ni e l steigt, lachte der Lithauer nicht inehr, sondern! Pflegte leise zli sagen: „Wenn nicht n 0 ch h ö h e r . . .!"

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