Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2432763-2433077-2433118--3210-2437146- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mischen «MM Erscheint jeden Freiing. Agknljimr «nd Hkrausgkber: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: Itt. Dukes Nachf., kjaasenstein & Vogler, Rudolf Mosse, M. pozsonrst, ft. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen. Expeditionen im ftuslande. Einzel - Nrmrmer in Wien SV Heller. Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entcjegengenommen werden: Hermann Gotdschmidt, Wieil, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, i 1/3, Ctefaniestraße 12; Rodert Weiß, Wiell, I. Jakobergasse 7. Redaktion: IX/1, Wasagasse 31. Telephon Nr. 14723. Eprechstundeu: Hn Wochentagen von 4 bis 6 Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches Volksblatt. Wien. IX|I. Beschwerden wegen verspäteter oder gar nicht erfolater Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manuskripte werden mebt zuruckaesteiit. Postfparkassen-Konto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreten. b- ... . .;—d Administration: IX/i, Wasagaste 31. Telephon Nr. 14723. Abonnements - Pre 1Sr Für Wien u. Oesterreich- Ungarn s. Fraukozustellnng: Ganzjährig. Halbjähng . Vierteljährig . K 12.- . K .K 3- Für daS gesamte AnSl rn b samt granlozustelluni: Ganzjäbrig . . . K 1k 4 3 Halbjährig . , . K 0.33 Vierteljährig. . . K 3.42 Kr. 41. Wien» 13. Oktober 1905 <14. Tischri 5666). VIL Jahrgang. Wahlluft. In Wien hat in den letzten Wochen wieder Wahllust geweht. Am leisten Dienstag hat sich diese Wahlluftzu einem Wahlstnrm verdichtet, dev wieder -einige Illusionen! der Deutschfreisinnigen und ihrer Bundesgenossen -hinweggefegt hat. Sowohl bei der R e i chsratswahl in Margareten als auch bei dev La n d t a g s w a h l am Alsergrund retteten die Christlichsozialen ihren Besitz. Man wird! dieses Ergebnis als echtck- Freisinniger und auch als Nationalsude sicherlich tief bedauern, man wird aber als aufrichtiger Freisinniger und als ehrlicher Nationaljude sich offen gestehen müssen, daß die Sache des Freisinns und des Fortschrittes unter d i es er Führmrg, bei dieser Taktik und mit den ihm heute Angebote stehenden Mitteln eher in Mißkredit als zu Ansehen gebracht t werden könne und müsse, wenn! sie in Oesterreich' überhaupt noch zu retten ist. Womit operieren denn die jetzigen Fühwv der deutschfreisinnigen Partei? Mit politischen Schlagworten, die sie selbst in Verruf gebracht haben, und daher bei niemandem mehr verfangen, t a k t i s ch mit -der Kritik der gegenwärtigen Verwaltung, die aber hauptsächlich deshalb nicht ernst -genommen wird, weil die gegenwärtigen Führer der Deutschfreisinnigen zum Teile dieselben! sind, -die durch- Unverstand und taktische Sünden den völligen Untergang dar liberalen. Partei verschuldet Habens und schließlich f i n an z „Wen« nicht noch höher . ."*) Erzählung eines Chassid. Ans dem, Jüdischen, des I. L. P e r e z. Und alltäglich beim Morgengrauen-! rend de>r, Selichot-Zeit pflegte der Rabbi von Nemirolv zu verschwinden. Man sah ihn nirgends, weder in der Synagoge, noch in den Bethäusern, nach beim Gottesdienst in seiner eigenen Wohnung. Tie Wohnung stand offen, jeder konnte himingehen, der N-abbi war nicht zu. sehen. „Wo konnte der Rabbi sein?" „Wo soll er fein! Natürlich im Hinmiel. Hat denn ddv Rabbi vor „Jomim-Noroim" wenig zu tun? Hat er wenig Sorgen? Die Bedürfnisse der Inden sind groß. Nahrung, Ruhe, Gesundheit — das alles brauchen die Inden. Die Sünden aber sind groß, der tausendäugige Satan sieht alles, bringt alles zur Anzeige und klagt an ..." Wer also soll für die Inden eintreten, wenn nicht dev Rabbi? Ein Jude ans Lithauen aber, der einmal in Nemirow war, machte sich darüber luftig . . . Sie kennen doch die Inden ans Lithauen? Moralische Erbauungsbüchev achten sie nicht sehr, wiewohl sie arisgezeichnete Kenner des Talmud und deir rabinischen Literatur sind. Dieser Lithaner also führte aus dem- Talmud an, daß sogar Moses den Himmel nicht beschließlich stets ausschlaggebend gewesen — mit dem Gelde jener Sorte von Juden, die! noch immer nicht „alle geworden" sind. ] Unter solchen Umständen muß jeder Verj such, dem Freisinn in Oesterreich noch auf die ' Beine zu helfen, unbedingt r e s u l t a t l o s s verlaufen. _ Das haben die jüngsten Wahlen j in Wien wieder bewiesen. j Wie hätte es auch anders kommen sollen?!! m Alsergrund, wo die Wahl fast ausschließj lich von Juden und jüdischem Gelde bestritten s wurde, liegt die Leitung der Wahlagitation in! der Hand eines- Mannes, der -gerade aus den Wahlvorbereitungen heraus öffentlich verschiedener Gesetzwidrigkeiten beschuldigt wurde, von denen er sich, bis heute noch nicht vollständig reinzuwaschen vermochte. Auf wen soll em solcher Agitator irgend welchen Einfluß üben? Während die Ehriftlichsozi-alen, trotzj dem sie ihres Sieges im pennten Bezirke, sicher : sein konnten, durch V-.rchmmilungen und am j Tage der Wahl selbst von Mann zu Mann agitierend, alles anfboten, um nicht nur zu I siegen, sondern eine 'ffl-a 11 l i ch e M a j o r ii tat zu erzielen, herrschte auf Seite der ' Deutschfreisinnigen Verdrossenheit, die Wähler ■ schlichen sich sozusagen zur Urne, wie wenn sie i sich des Ganges zur Wahl schämen würden, . und wer ihn irgendwie entraten konnte, ging - gar nicht in die Nähe -des Wahllokales und war auch zu Hanse nicht anzutreffen. Selbst die Inden, denen überrednn'gstücht ige Vereinsagenten den Mitglieds- und Wahlfonds- Handflächen unter dem Firmament erreicht hatte . . . Nun gehhin und streite mit einem Lithaner! Er wurde jedoch gefragt : „Wohin also verschwindet der Rabbi?" „Was -geht mich das an?" gab er zur Antwort, die Achsel zuckend. Er faßte jedoch den Entschluß, diese, geheimnisvolle Sache aufzuklären. Am selben! Abend noch, gleich nach dem Abendgebete, schlich sich der Lithaner in das Zimmer des Rabbi, kroch unter das Bett und versteckte sich: Man muß die ganze Nacht durchwachen! und erfahren, wohin verschwindet der Rabbi und was tut e'r während dieser Zeit; so dachte der Lithaner. Ein anderck' würde vielleicht eingeschlafen sein und den Augenblick verpaßt haben!; der Lithaner aber fand ein Mittel, umden Schlaf zu verscheuchen: er lag? da und murmelte leise einen ganzen Abschnitt des Talmud auswendig, ich kann mich! nur nicht erinnern, war es „Chulin" oder „Nedarim". Bei Tagesanbruch! vernahm er ein heftiges Klopfen: man weckte zu „Selichoth". Der Rabbi war schon längst erwacht; seit mehr als einer Stunde lvar das Aechzen des Rabbi hörbar . . . Wer jemals vernehmen konnte, wie der Rabbi vom Nemirow ächzte, weiß, wieviel Leiden und Weltschmerz in jedem seiner Seufzer stecken .... Das Herz bricht unter diesem Aechzen. Dev Lithaner hat doch aber ein eisernes Herz: er lag da und bette dem Aechzen zu. alle von ihrem schönsten Bürgerrechte Gebrauch machen. In Margarete n hinwiederum, wurde der alte taktische Fehler begangen, indem den Christlichfozialen ein Sozialdemokrat gegenüoergesteUl louröe. Auch da wurden Juden in Kontribution gesetzt, auch da wurde zum Teile jüdisches Geld verschleudert. Zum, Lohne dafür d e n u uz i e r t e die „Arbeiter-Zeitung" am Wahltage zwei jüdische Kau fleute, die augevlick) nnt dem anttsemitischeu Kandidaten und dessen Kunden in Geschäftsverbindung! stehen. Das Organ der koalierten Freisinnigen wirst also dem antisemitischen Kandidaten ein zu geringes Maß von Antisemitismus vor. Abgesehen von der inneren Verworfenheit, die einem solchen Vorgehen zugrunde liegt, wa dieser niedrige Ausfall auch ein taktischer Fehler, der eine große Anzahl jüdischer Wähler veranlaßte. sich der Wahl zu enthalten. Ist nun der schmähliche Wahlausfall wirklich ein Zeichen dafür, daß der wirkliche, ehrliche Freisinn! ganz ansgestorben sei? Sind die Inden, die ihre Stimme den Freisinnigen versagten, Anhänger des Antisemitisinns geworden? Gewiß nicht! Das Verhalten der freisinnigen Wähler den jüngsten Wahlen gegenüber ist nichts anderes als ein Mißtrauen gegen die F ü h r e r der Deutschfrei sinnigen, ein stummer Protest gegendie unfrnckstbrvre Taktik, mit welcher die letzten Reste freisinniger Regung in nicht-jüdischen Kreisen getötet undfür immer zunichte gemacht werden-. Alsbald vernahm der Lithaner, wie in den benachbarten Zimmern die Bettenzu knarren begannen . . . Bald hörte er auch Schritte in den Zimmckn ertönen. Waschungen, wurden vorgenommen, das kurze Morgenaebet wurde verrichtet, die Türen wurden zngeschlagen. Endlich wurde alles still . . . Durch die verschlossenen Fenster drang der blasse Schimmer der Morgendämmerung . . . Und der Lithaner gestand nachher, daß, als wieder tiefe Stille -eingekehrt war und er allein mit dem Rabbi im Zimmer blieb, er voneiner unbestimmten Angst befallen wurde: die Haut hob sich ihm am Körper wie bei einer erschrockenen Gans und die Haarwurzeln an den Schläfen stachen wie Nadeln . . . Und ist es etwa eine Kleinigkeit: zur Selichoth-Zeit allein! mit dem Rabbi in einem Zimmer zu bleiben! . . . Kann man denn wissen, was sich ereignen kann! War plötzlich erscheinen wird!- Endlich stand der Rabbi auf. Er verrichtete anfangs alle vorgeschriebenen Gebete, trat nachher, ans den Kleiderkasten zu und entnahm demselben, ein großes Paket . . . Dem Paket entnahm! er bäuerliche Kleidungsstücke: große Nöhreustiefel, einen, grauen Mantel, eine große Schafpelzmütze und einen breiten Ledergurt, mit kupfernen Nägeln' beschlagen. Der Rabbi legte alle diese Kleidungsstücke an ... . beitrag abzugewinmn vermochten, wollen, nicht steigen konnte, sondern nur die Höhe von zehn Aind der Rabbi Inn rmtfn im- Bette ') „Unsere Hoffnung".