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Jüdisches Volksblatt · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite Jüdisches Volksblatt Nr. 40 vom jüdischen Volke zu sprechen. Ob darob ind)t einige gelehrte Professoren und noch nicht getaufte Bankiers vor Schrecken vom Stuhle stürzten, ist uns nicht bekannt. Aber selbst diese traurigen Folgen vorausgesetzt, dürfen wir in unserem Eifer nicht erlahmen, weil das wahr ist, was wir verkünden, und was den Juden nützt. Denn unsere Zwitterstellung, halb Nation und halb Konfession, diese unglückselige Halbheit, die Mendelsohns Schüler heraufdeschworen, sie hat nur die Folge, daß wir dort, wo die Konfessionen zu Wort kommen, als Nation betrachtet werden, und dort, wo die Nationen in den Vordergrund treten, als Konfession zurückgestellt werden. Am 14. Weltfriedenskongreß in Luzsrn sind wieder die modernen Rechte der Völker verkündet worden. Den Vorsitz führte Bundesrat C o mt e s s e. Die namhaftesten Anhängerder Friedensidee, unter ihnen Frederic P a s s y, aus Paris die Baronin Berta v. Suttner, Professor Q u i d d e und Dr. M o l e n a a r aus München waren anwesend, aller Herren Länder waren vertreten. Von den großen Staaten fehlte nur Japan. Den Vorsitz führte Elie Ducomm u n, der Sekretär des internationalen Friedensbureaus in Bern, dem im Jahre 1902 der Nobelpreis zuerkannt wurde. Bon den Beschlüssen des Kongresses wollen wir folgende Stelle heroorheben: „Der Kongreß glaubt, daß das beste Mittel zur Schaffung eines Völkerrechtssystems zu gelangen, darin besteht, die nachfolgenden Grundsätze, die von den Weltfriedenskongressen zu Rom, Pest und Hamburg einmütig aufgestellt wurden, allgemein zu verbreiten, vor allem in den Ländern, wo sie noch am wenigsten allgemein angenommen worden sind: 1. Die Beziehungen zwischen den Nationen sollen von de« nämlichen Grundsätzen des Rechts und der Moral geleitet werden, die die Beziehungen zwischen den Individuen leiten. 2. Da niemand das Recht hat, sich selber Recht zu verschaffen, so kann keine Nation einer andern den Krieg erklären. 3. Jede Streitigkeit zwischen den Nationen soll auf dem Rechtswege geregelt werden. 4. DieSelbständigkeit einer jedenNation ist unverletzlich. 5. Ein Eroberungsrecht gibt es nicht. 6. Die Nationen haben das Recht der Notwehr. 7. Die Nationen haben das unveräußerliche und unverjährbare Recht, frei über sich selbst zu verfügen. 8. Die Nationen sind solidarisch, die einen für die andern. Ferner erklärt der Kongreß: Daß die Freiheit und das Recht der Souveränität einer Nation durch die Freiheit und die Souveränität der andern Nationen beschränkt sind; daß Krieg und Eroberung nicht Attribute der Souveränität, sondern Attentate auf dieselben sind, und daß infolge* ■BMW——————— bert. Das Licht seiner Lehre, das in Nord und Süd, in Ost und West die Finsternis des Heidentums verscheucht hat; die Weisheit seiner Könige, die herrlichen. Liedcr seiner Dichter und Psalmisten sind ein Gegenstand der Bewunderung, das Eigentum der Nationen geworden, Israel selbst aber ist verhöhnt, gedemütigt und verachtet. Auf seinen, Wanderungen hörte es oft seine Widersacher ausrufen: „Das Gebot der .Nächstenliebe hat unsere Religion der Welt offenbart, Frieden und Eintracht verkündet nur unsere Lehre." Mit Zitternden Händen hielt Israel ihnen seine heilige Thora entgegen und rief: „Sehet! was hier geschrieben steht: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." „Liebet den Fremdling." „Du sollst dich nicht rächen und Feindschaft nicht nachtragen" . . . „Fort, Jude, fort!" donnerte man ihm entgegen, „unser ist die Lehre, unser das Gebot der Nächsten-, der Fremdenllebc, unser Glaube ist der wahre, echte, allein seligmachende." Israel hörte auf seinen Irrfahrten in den Gotteshäusern verschiedener Völker seine Psalmen singen, sein „Amen" sprechen, seine „Hallelujas" anstunmen. „Wehe, wehe!" rief es tränenden Auges seinen Feinden zu: „Wenn ihr mich hasset, warum singt ihr die Psalmen meines Königs eni dg Mllhnilmfsfsk mlhni dgnmlnumenllmi David, warum sprecht ihr in meiner Sprache Amen und Halleluja?" „Fort, Jude, fort!" lautete die Antwort; „was geht dich unser Gottesdienst, was gehen dich unsere Psalmen an? Fort, Jude, fort. dessen die Achtung, die die Nationen ihrer Souveränität gegenseitig schulden, sie verpflichtet, die internationale Gesellschaft, die sie selber bilden, mit den Einrichtungen auszustatten, die erforderlich sind, um sie gegen Krieg und Eroberung in ihrer Existenz sicher zu stellen; daß diese Instruktionen als Urheber des Friedens auf die Basis der Unverletzlichkeit der Persönlichkeit, ausgebildet zur Unverletzlichkeit der Individualität derVölkerbegründet werde« müssen, um so den Nationen die Autonomie durch die Solidarität zu sichern, und daß die Gesamtheit dieser Institutionen in der Idee einer Föderation zum Ausdruck kommt, die weit entfernt, die Vaterländer zu beseitigen, sie zu Einheiten macht und ihnen durch die Sicherung und die Freiheit, die sie ihnen durch den Frieden garantiert, erst volle Kraft und Bedeutung verleiht." Wie weit sind wir Juden denn enfernt, daß diese Grundsätze in Bezug auf uns selbst auf dem Weltfriedenskongresse verwirklicht werden. Niemand empfand das Bedürfnis, gegen die Unterdrückung der Juden zu protestieren, eben eine Folge des Zwitterzustandes, nicht Konfeffion und nicht Nation, in dem wir uns zum Heile unserer Rabbiner und Kultusvorstände befinden. Gegen die Unterdrückung der Armenier wurde eine Resolution beantragt, auf die Juden hatte man ganz vergeffen, und erst eine Delegierte aus Paris stellte den Antrag, bei dieser Gelegenheit auch der Juden zu gedenken. Darob großes Schütteln der Perücken. Ablehnen konnte man den Antrag nicht, annvhmen wollte man ihn nicht, und so wurde er an eine Kommission gewiesen und darin wahrscheinlich begraben. Solche unwürdige Behandlung unseres Volkstums wird so lange dauern, als eben der nationale Gedanke nur ein Bruchteil unseres Volkes erfaßt hat. Stünden wir als ein Ganzes, als ein Volk neben den anderen Völkern da, könnten wir leicht auf dem internationalen Kongresse zu Wort und zur Geltung kommen. So bieten wir aber unseren Feinden und lauen Freunden die Gelegenheit, mit einigen Phrasen über unsere Lebensfragen zur Tagesordnung zu schreiten. Da ist ein Feld, wo sich jüdischnationaler Schaffensdrang betätigen sollte; auf jedem internationalen politisch-kulturellen Tage muß für eine Vertretung jüdischer Interessen gesorgt werden. Das ist fürwahr nicht der kleinste Teil zielbewußter nationaler Arbeit. L. S. Politische Wochenschau. In der letzten Nummer unseres Blattes wiesen wir auf die Gefahr hin, daß „die Juden neuerlich im Begriffe sind, sich als Stimmvieh oder wir geben dich der Vernichtung preis!" Und nicht allzu selten Haben Israels Feinde ihre Drohungen in die Wirklichkeit .tmzusetzen angefangen! Nicht allzu selten ergoß sich aus Israels Augen ein Tränenmeer, das von dem Blut seiner hingeiuorideten Sohne und Töchter rötlich gefärbt war. Endlich erschien am Horizont der Völker die Sonne der Humanität und sandte ihre goldenen Strahlen auf die ganze Erde nieder. Atlch Israel glaubte sich! von dieser Sonne beschienen und wollte schon erleichtert aufatmen. Da versammelten sich die Fledermäuse, Eitlen un>d Maulwürfe und kreischten und heulten: „Die humanitären Errungenschaften der Neuzeit sind u n s e r Werk, nur für uns erdacht und erkämpft worden, nicht aber auch für Israel, für die Semiten." Selbstbewusst und über die ihm widerfahrene Behandlung empört, schlägt Israel seinen Gegnern das Buch der Lehre auf und zeigt ihnen das seit vier Jahrtausenden dort niedergeschriebene Gebot: „Gleiches Recht sei bei euch für den Eingeborenen wie für beir Fremdling, der im Laitde weilt." „Torheit, Eiubildtntg," hört Israel voit verschiedenen: Seiten' rufen: „Fort Jude, fort! Israel ist ein ätzendes und zersetzendes Elen teilt im Leben der Nationen, das Judentum ist beschränkt und engherzig!" Nun begreift Israel, was es heißt, Gnadenbrot essen, auf den Fortschritt vertrauen oder durch Gesetze — gleichgestellt sein, und unwillkürlich muß es an die Worte des nn- und finanzielles Ausbeutungsobjekt für Parteien inißbrauchen zu lassen, w c l ch e b e - r e i t s U n heil ge n u g für das g e - s a m t e R e i ch it n b seine Völke r, i n s b e s o n d e r e für di e ö st e r r e i ch is ch e n I u d e n h e r a u f b c s ch tv o r e n haben." Diese Woche haben wir sie nun tvieder an der „Arbeit" gesehen, die geehrten Vertreter der deutschen und tschechischen Gcmein-bürgschafi, wie sie mit allen Mitteln der verwerflichsten chauviuistischeni Demagogie auf dem denk s ch e n V o l k s t a g und dem t s ch c ch i s ch e it; P rote st m e e t i n g in B rü u il (gegen und für eilte tschechische 11 n iu e r s i t ä t) die nationalen Leidenschaften bis zur Gluthitze und zur Besinnungslosigkeit entflauunten. Es gab Tumulte, Insulten initb 800 V c r w it n d e t c. Nach altbewährter Methode werden nun die Spalten der Presse wieder mit der Schürnng der verbrecherischen Nationalitätenhetze ansgefüllt, und das weitere besorgen unsere Herren „Volksvertreter" mit Brandrüden, Interpellationen usw. Wäre die immer wiederholte Verleumjdung wahr, daß die Juden die Förderer des nationalen, Streites find, dann müßten wir uns freuen, tatsächlich erfüllen aber tins sowohl als volksbewußte Juden wie als moderne Oesterreicher diese _ V o r g ä u g c mit c r n!in c r Besorgnis; spielen sie sich ja in Brünn ab, der Hochburg des assimilatonschcn Judentums. Würden dessen Wortführer noch eilten Rest von klaren! Bewußtsein und von Pflichtgefühl gegen das j ü d i s ch e Volk besitzen, so müßten sie nach den Brünner Vorgängen doch endlich zur Erkenntnis gelangen, wohin die „judenliberale" Politik führt, und daß ihr Platz dort iticht sein kann, wo neben L e ch e r auch die Häuptlinge verschiedener antisemitischer Gruppe n, der „D e u t s ch e n V o l k s Partei", dev O stu n d A l ldeutschen, derC h r i st l i ch s o z i a l c n u n d K l e r i k a l e n das große Wort führen. Das scheint aber den Zirkel dev „freisinnigen" Kreise gar nicht im geringsten zn stören, ja, die „Neue Freie Presse" in rührender Harmonie mit der „Zeit" blasen Jubelfanfaren über den deutschen Volkstag! Dieselben „freisinnigen" und „demokratischelt" Blatter, welche bei allen Wahle n im N a m e n id c r „F reihet t" alle Freisinnig e n z u m K a m p f e gegen d i e R c a k t i o n, d i e I u d e n geg c n d e n A n t i s e m i t i s m it s z u u XI r n c r tt f e n, s i n d e n t z ü ck i darüber, daß die Christlichsozialen und Klerikalen mit den Antiklerikalen zusammen gegen die — Tschechen deinonslrieren. Natürlich pollzieht sich itn tschechischen Lager dieselbe Komödie. Man deklamiert glücklichen Salomo denken: „Wehe! wehe! die Weisheit der Armen ist Verachtet!" Der verlassene Salomo hatte aber, selbst als er betrübten Herzens auf dem« Stein außerhalb der Stadt saß, nicht aufgehört, der weise Salo m o zu sein. Selbst als er von aller Welt verachtet und verkannt war und den Xlebermütigen zur Zielscheibe . ihres- Spottes dienen musste, zweifelte er nicht an sich und fühlte sich! als lit1 ü n i g S a l o iw o. Das Bewußtsein seiner Würde und seines Wertes erhielt ihn in den Tagen des Unglückes, verlieh ihm den Mut und die .Kraft, den. Kampf gegen Asmodai aufzuuehnten und ihn zu. besiegen. Salomo, so spinnt jene Sage ihre Fäden fort, kehrte nach vielen traurigen Abenteuern in sein Vaterland zurück, gewann wieder sein altes Gesicht und die Majestät seines früheren Aussehens; Asmodai verschwand, und der so schwer Geprüfte bestieg iit Jerusalem aufs neue den Thron seines Vaters David. Und auch Israel, dessen 'Lebensgeschichte in der Sage über das Schicksal seines ehemaligen, glorreichen Königs Salomo sich auffallend klar abspiegelt, k e n n t und v e r k e n n l n i ch t seinen Wert als nützliches Glied im Organismus der Völker, auch Israel hat, trotz aller Stürme des Spottes, Hasses und Neides, die es von der Oberfläche zu verwehen drohten und d r o h e n, ben* Glauben an sich selbst! und an 'die von den! Propheten ihm geweissagie Zufun.fi: nicht verloren. Selbst als es zu Boden geworfen und mit Füßen getreten wurde, verzweifelte es nicht und gab diesen seinen Glau-

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