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Jüdisches Volksblatt · 1905-09-29 · 39 (29.9.1905) · page 11

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 39 Jüdisches Volksblatt Auch Joseph hatte sich erhoben. Ludanyi schritt auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Schon fleißig bei der Arbeit, fo ist's recht," sagte er. Wer den Mann zum ersten Male sah, konnte über seine Nationalität gar nicht im Zweifel sein. Er war Magnat vom Scheitel bis zur Sohle. Eine schlanke, gut proportionierte Gestalt von kerzengerader Haltung. Den Kopf etwas zu hoch, schon mehr zurückgewo: feu, stolz. Die schwarzen, Augen blickten immer herausfordernd. Sein kurz geschorenes Kopfhaar war bereits grau meliert, sein verhältnismäßig dünner, aber sehr langer Schnurrbart dagegen war noch, ganz schwarz, gewichst und pomadisiert, so daß die beiden Enden in gerader Linie wie Spieße seitwärts aus feinem. Gesicht hervorragten. Seine dunkle, gelbliche Gesichtsfarbe sowie seine scharf geschnittene Adlernase verliehen seinem Gesicht im übrigen 'twas Semitisches. Man hatte am Tische Platz genommen, Ludanyi mit seiner Tochter auf der einen Seite, Joseph ihnen gegenüber. „Hast du denn schon gespeist, Väterchen?" fragte Maria. „Ja, ja, ich habe keinen Hunger, laß das nur jetzt," erwiderte Ludanyi und blickte zu Joseph' hinüber. „Dann schlage ich vor, daß wir mit unseren Studien fortfahrcn," meinte er. „Nein, nein — ganz im Gegenteil," sagte Ludanyi lebhaft, „just heute werde ich Sie bitten, die Bücher beiseite zu legen." Seine Zuhörer blickten gespannt auf. „Ich habe Ihnen eine Mitteilung zu Machen," setzte Ludanyi fort, „die Sie und auch dich, mein liebes Kind, aber ganz iveziell Sie, Herr Naschitz, sehr interessieren dürfte. Sie sind doch Hebräer?" „Jude! Jawohl, mein Herr! Wozu die Frage?" Ludanyi lächelte. „Nicht doch, Sie haben mich falsch verstanden. Ich meine, der hebräischen Sprache mächtig." „So! Gewiß." „Mer auch wirklich gründlich?" „Alles, was in hebräischer Sprache gedruckt ist, ist mir geläufig," meinte Joseph selbstbewußt. „Wirklich? Nun, wir werden ja sehen/' Ludanyis Stimme klang etwas spöttisch-, als er das sagte. „Wie gesagt, wir werden ja sehen. Entsinnen Sie sich noch, daß die Nachricht von einem Fund durch die Presse ging? Ich meine, jene Ausgrabung bei Bukarest," fügte er hinzu, als er Josephs fragenden Blick bemerkte. „Doch nicht das hebräische Manuskript?" fragte Joseph jetzt aufs höchste gespannt. „Gerade das meine ich," erwiderte Ludanyi. „Wie Sie wissen, wurde bei Bukarest ein Kästchen gefunden, das einhebräisches Manuskript enthielt. Der Bauer, der den Fund beim Umbauen eines brach liegenden Ackers machte, brachte das Kästchen in die Stadt und verkaufte es >an einen Antiquitätenhändler um ein paar Gulden. Dieser Händler, ein Jude, machte sich sofort an die Entzifferung des Manuskriptes (und man sagt, er sei ein gewiegter Hebräer), jedoch vergeblich. Nun trommelte er alle sogenannten Gelehrten seines Volkes zusammen, deren er nur habhaft werden konnte. Alles vergeblich. Nach wochenlanger Arbeit hatten sie auch noch nicht eineneinzigen zusammenhängenden, Satz aus.dein gefundenen Ma nu skri pt a ufzuweisen." Joseph nickte mit dem Kopfe. „Nicht wahr," meinte Ludanyi, der es bemerkte, „das wissen Sie schon alles aus den Zeitungen? Aber Sie wissen nicht, was folgt. Ich koinme eben aus Bukarest — ich habe das Manuskript erworben." „Sie?" "Ja — ich — ist das wunderbar?" „In" — sagte Joseph offen, „das ist Wunderbar. Sie, von allen Menschen, erwerben ein hebräisches Manuskript. Das muß einen besonderen! Grund haben." „Hat es auch, mein Lieber," sagte Ludanyi sarkastisch. „Wer weiß, was solch ein Manuskript enthalten, kann. Vielleicht mal etwas Bestimmtes über Nitualmord. Wer —" „Mein Herr, Sie beleidigen mich," unterbrach Joseph aufspringend und mit fast schreiender Stimme, während Maria erregt chre Hand auf dessen Arm legte. „Setzen Sie sich, junger Mann," sagte Ludanyi ruhig, „ich beleidige niemanden in meinem Hause. Warum legen Sie das, was ich sage, in ungünstigem Sinne aus? Gestatten Sie mir jetzt, diese merkwürdige Sache zu Ende zu erzählen. Ich hatte fogut wie Sie davon in der Presse gelesen, aber, wie Sie richtig meinten, konnte mich das hebräische Manuskript wenig interessieren. Doch da erhielt ich vor einigen Tagen einen anonymen! Brief. Der Schreiber appellierte an meinen Antisemitismus, das- Manuskript zu -erwerben, und zeichnete: „Auch ein Antisemit, der aber kein Geld hat". Er meinte, das Manuskript könne Gott weiß welche Enthüllungen enthalten, die vielleicht für die Partei unbezahlbar wären. Beruhigen Sie sich, junger Mann," rief er, als Joseph wieder unterbrechen wollte, „ich glaube das nicht. Die Juden sind viel zu klug dazu. Also der eine Grund hätte mir nicht genügt. Nun hatte aber der anonyme Schreiber noch einen zweiten Grund hinzugefügt — im P. S., wo gewöhnlich immer dasWichtigste hinkommt. Er meinte, daß mich doch eigentlich das Manuskript auch als Forscher interessieren sollte. Es fei ja bekannt, wie ich mich für das Magyarentum und für die magyarischen Forschungen aufopfere — aufopfere, (jat er gesagt, obwohl es doch nicht so schlimm ist —" Ludanyis Stimme klang sehr stolz, als er dies sagte, während Joseph und Maria nun. doch einen vielsagenden Blick wechselten — „und es schien ihm gar nicht so ausgeschlossen, daß das Manuskript auch in dieser Beziehung wertvollen Inhaltes sein könnte. Das machte mich nachdenklich. Wie, wenn das Manuskript wirklich etwas über den Ursprung der Magyaren enthielt? Die Juden waren ja überall. So reiste ich schließlich nach Bukarest." „Und brachten es mit?" „Ja, und nun wollen wir sehen, ob Sie wirklich alles lesen können, was hebräisch ist." Er schellte dem Diener. „Bringen Sie das Paket herein, das in der Vorhalle liegt." Unwillkürlich hatte sich Josef auf seinem Stuhl herumgedreht, alle drei blickten gespannt zur Türe. Bald erschien auch der Diener wieder, unter dem Arm -ein umfangreiches Paket. Er legte es auf den Tisch. „Bitte, öffnen Sie," sagte Ludanyi. Schnell war die Papierhülle beseitigt und Joseph hatte ein Metallkästchen von etwa einem halben Meter Länge und einem Viertelmeter Breite vorsich. Die Natur des Metalls konnte er nicht bestimmen, doch schien es ihm, als könne es Silber sein, lieber und über mit Beulen bedeckt, stellenweise ganz schwarz, cm anderen Stellen wieder blitzblank, hie und da z-eutimetergroße, augenscheinlich durch Rost eingefressene Löcher aufweiseud, machte das Kästchen den Eindruck, als könnte es Hunderte von Jahren in der Erde gewesen sein. Ein Schloß hatte es nicht. Auch keinerlei Verzierungen. Der Deckel war nicht mit Angeln befestigt, sondern Paßte eng über den offenen Rand des Kästchens, ähnlich wie bei unseren gewöhnlichen Blechbüchsen. Als Joseph nach einiger Blühe den fcstsitzenden Deckel abgesprengt hatte, stieß er beim Anblicke des Inhaltes einen kleinen Schrei der Ueberraschüng ans. Da drinnen lag eine kleine Thorarolle. Schnell nahm er sie heraus. Sie war vonbeiden Seiten zu gleichen Teilen' aufgerollt. Die „Griffe" waren abgebrochen, nur -ein Metallstumpf oben und eine kleine „Rolle" unten ragten aus beih Pergament hervor. Joseph fing mm an, das eigenartige „Manuskript" aufzurolleu —von links nach rechts, um den Anfang zu erreichen. Das Pergament war voller Riffe und kleiner Löcher. Joseph mußte sehr vorsichtig sein. Dennoch arbeitete er fieberhaft und der Anfang war bald erreicht und brachte eine Enttäuschung. Die Stange, die dort bei einer Thora gewesenwäre, fehlte und der unregelmäßige, zackige Abschluß des Pergamentes bewies, daß auch! ein Stück des Pergamentes, undzlvar der Anfang des „Manuskriptes", abgerissen und verloren gegangen war. „Schade," sagte Joseph bedauernd. „Ja," meinte Ludanyi, der bis dahin ruhig da gesessen und Joseph zugeschaut hatte, leichthin- „Mv Ackfttng scheint zu fehlen. ’ Aber übersetzen Sie mir nur das übrige, dann werde ich auch schon ganz zufrieden sein." ' Maria blickte gespannt zu Joseph hinüber. Ihr Geliebter war für sie der Inbegriff aller Gelehrsamkeit. Würde er die Handschrift dort lesen können? Joseph hatte schon angefangen, den Versuch zu machen. Er rollte das Pergament hin und her und wurde immer aufgeregter und ärgerlicher. Schließlich wurde er wütend. „Aber Das ist ja der reinste Blödsinn," stieß er hervor. In dem ganzen Ding ist ja nicht ein -einziges zusammenhängendes Wort zu finden. Hiev z. B.: B, L, D, N, F. G, I. das soll ein hebräisches Wort sein, das ist ja unheimlich." „Ha, ha," lachte Ludanyi spöttisch, „wo sind Sie nur mit Ihrer Behauptung?" „Ich habe behauptet, ich Lenne die hebräisch? Sprache," rief Joseph ärgerlich, „das behaupte ich noch. Aber dies hier sind wohl hebräische Lettern, die Sprache ist es bestimmt nicht." „So, meinen Sie? Na, welche Sprache könnte es! denn ungefähr sonst sein?" Ludanyi hatte recht und Joseph wußte es und er mußte die Antwort schuldig bleiben. Eine solche Aneinanderreihung von Konsonanten hätte selbst dev zungengewandteste Tscheche nicht zu einem» Worte vereinigen können. Die Wörter des Manuskriptes waren, einfach unaussprechbar. Wie hilfesuchend blickte Josef hinüber zu Maria und diese meinte, gleichsam seine Blicke beantwortend: „Es wird eine Schlüsselschrist fein." Joseph machte ein verdutztes Gesicht; Ludanyi lächelte. „Und darauf sind Sie trotz all Ihrer Gelehrsamkeit nicht gekommen?" fragte er. „Aber Papa, Herr Naschitz hat doch noch keine Zeit zum Ueberlegen gehabt," kam Maria zu Hilfe. Es war heraus, ehe ihr's recht bewußt geworden war. Jh-r Vater sah sie mißtrauisch von der Seite an. „Bitte, laß doch Herrn Naschitz für sich selbst antworten," sagte er etwas ärgerlich. Joseph hatte ihn scharf beobachtet und atmete »ttf. „Er könnte es doch nicht fassen," dachte er. Es trat eine Pause ein, während Josef sich wieder mit dem Manuskript beschäftigte. Schließlich fragte er: „Darf ich. das Manuskript mit nach Hause nehmen?" „Nach Hanse? Wozu?" „Zu meinem Großvater." „ Jh re m- G roß va te r? " „Jawohl, die Sache ist zweifellos hebräisch, es ist ebenso zweifellos eine sogenannte Schlüsselschrift. Also gilt es, den Schlüssel zu finden und wenn jemand imstande ist, ihn zu uridecken, so ist's mein Großvater. Deshalb möchte ich ihnr gerne das Schriftstück vorlegen." „Hm," machte Ludanyi, „können Sie Ihren Großvater nicht hierherbringen?" Und' lls Joseph nicht sofort antwortete, fügte er hinzu: „Es soll fein Schade nicht sein." - „Mein Großvater ist 70 Jahre alt und keinem Menschen zu Diensten," war die prompte Antwort. „Wollen Sie mir das Mtchen und den Inhalt mitgeben, so wird sich »rein Großvater an das Studium des Manuskriptes machen und vielleicht des Rätsels Lösung finden. Und wenn er den Schlüssel gefunden hat, dannwirder Sie benachrichtigen. Und wenn Sie daunmeinem Großvater höflichst darum ersuchen werden, nicht wie Graf Ludanyi einen Juden, sondern wie der Forscher Ludanyi einen siebzigjährigeir Gelehrten ersucht, dann wird er auch wohl her kommen und Ihnen das Manuskript übersetzen. Den alten Herrn hierherzuzitieren ist einfach ausgeschlossen." Eine halbe Stunde später verabschiedete sich Joseph. Unter seinem Arme trug er das wohlverpackte Kästchen. Und als die Türe des Bibliothekszimmers ins Schloß gefallen war, meinte Graf Ludanyi zu seiner „Schade, daß der Mensch ein Jude ist." Maria hatte nichts zu erwidern.

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