Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1905-09-29 · 39 (29.9.1905) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2432763-2433077-2433116--3193-2437127
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Jüdische« Y«lkibJatt Nr. 39 (Gin neues jüdisches Internat in Budapest.) Für arme, ohne Stütze dastehende Zöglings der israelitischen LandeS- Lehre r-P räparandie würde am 13. d. im Hanse Aggteleki-utcza 19 in Budapest ein bescheidenes Internat eröffnet. Dieses Internat besteht aus einer bequem eingerichteten Wobnnng vün zwei Zimmern, mit drei Bettest und den nöiigtn Kleidet- und Bücherschränken. Der Eifer der gewesenenen Zöglinge der Anstalt war es, der dieses Internat zustande gebracht hat. Das große Interesse, das in jenen vornehme» jüdischen Kreise», die jeder humanen Sache ihre Unterstützung angedeihen lasten, für dieses Internat bereits sich kündgegeben hat, bietet die Hoffnung, daß dasselbe str itt "je größerem Maß entwickeln werde. Bei Eröffnung deS Internates waren der Sekretär der israelitischen Landeskanzlei Dr. FranzMezei und der Direktor der Präparandie Dr. Jösef Banoczy zugegen und gaben ihrer Zuversicht Ausdruck, daß diese segensreiche Institution in jüdischen Kreisen einige Unterstützung finden werde. Zugleich übergab Direktor Dr. Josef Banoczy die Summe von 1000 K, die ei» hochherziger Unbekannter zur Förderung des Internates gespendet habe. Ferner machten die Herren: Alexander v. Hatvany-Deutsch, Jakob B o s ch a n, Martin Schweiger, Manfred Weiß de Gsepel, EmanuelJ.Weiß, Emerich Birnbaum, Moriz Lindenbaum, Witwe Samuel Fleischl, die Pester Chewra Kadis cha und der Lehrkörper der Präparandie Bettstiftungen von 1OObiS2OOX. Diejenigen armen Zöglinge, die der Wohltat dieses Internates noch nicht teilhaftig werden konnten, werden als eifrige Hauslehrer mit bescheidenen Ansprüchen bereitwilligst anempfohlen. Anfragen sind an Vereinssekretär Ignaz Rozsa, Dembinßky-utcza 31, III. 23, zu richten. Ei» jüdischer Meisterschaftsathlet. Das Gerede vo« der körperlichen Minderwertigkeit der Juden dürfte wohl schon längst ziemlich allgemein als antisemitisches Märchen erkannt sei». Es ist schon seit langer Zeit die erfreuliche Tatsache zu konstatieren, daß die Juden sich auf allen Gebieten des Sports mit großem Eifer und sehr ansehnlichem Erfolge betätigen. So hat u. a. ein Jude, Herr Joseph Choduß, den Titel des Meisterschaftsathleten des Verbandes der Amateurathletenvereine von Berlin und Umgegend, welcher über 1200 Mitglieder zählt, inne. Choduß hat schon seit mehreren Jahren bei den Konkurrenzen um die Meisterschaft im Gewichtheben, die dieser Verband alljährlich veranstaltet, den ersten Preis erworben. Berlin. Die Lehranstalt für die Wissenschaft deS Judentums sendet uns das Verzeichnis der im Wintersemester 1905/06 zu haltenden Vorlesungen. Dr. B anet h wird lesen: 1. Talmud babyl. Kidduschin, Kap. II (Forts.), vier Stunden Dienstag und Freitag 10 bis 12 Uhr. 2. Talmud babyl. Joma curs. Kap. I, vier Stunden, Montag und Donnerstag 9 bis 11 Uhr. 3. Talmud jer. Berachot, Kap. I, eine Stunde, Mittwoch 11 bis 12 Uhr. 4. JoreDe’a (Tur und Schulchan ’Aruch 95—97), zwei Stunden, Mittwoch 9 bis 11 Uhr. 5. Ebern ha’ezer XVII (Forts.), Stunden, Dienstag 9 bis IO Uhr. 8. Mischne Tnora, Buch 6 (Forts.) zwei Stunden, Montag und Donnerstag 11 bis 12 Uhr. — Dr. El bogen wird lesen: 1. Einleitung in die Wissenschaft des Judentums, eine Stunde, Mittwoch 8 bis 9 Uhr. 2. Pentateuch mit den alten hebräischen Kommentaren, 2 Stunden, Sonntag und Mittwoch IO bis 11 Uljv. 8. Talmud babyl. Pesachun, Kap. X, vier Stunden, Sonntag 8 bis IO Uhr, Mittwoch und Freitag 9 bis IO Uhr. 4. Geschichte der Juden im amoräischen Zeitalter, zwei Stunden, Dienstag 9 bis 10 Uhr und Freitag IO bis i t Uhr. 5. Geschichte des Synagogenkultus und der synagog. Literatur, zwei Stunden, Dienstag 10 bis 12 Uhr. 6. Historische Uebungen, eineinhalb Stunden, Freitag 11 bis 12l/a Uhr. — Prof. Dr. Maybaum wird lesen: 1. Methodik des jüdischen Religionsunterrichtes, eine Stunde, Dienstag 8 bis 9 Uhr. 2. Homiletische Uebungen, zwei Stunden, Freitag 8 bis io Uhr. — Dr. Aahuda wird lesen: 1. Prophetische Texte in historischer Folg« (Forts.), drei Stunden, Montag 11 bis 1 Uhr und Donnerstag 11 bis 12 Uhr. 2. Das Buch der Richter (Forts.) und die Bücher Samuelis mit Berücksichtigung textkritischer Fragen, zwei Stunden, Montag 9 bis 11 Uhr. 3. Grammatische und stilistische Uebungen im Hebräischen II. Kursus, zwei Stunden, Donnerstag 9 bis 11 Uhr. 4Bachja's Chebot. ' Hallebaboth mit Berücksichtigung dos arabischen Originals, zwei Stunden, Mittwoch? bis 9 Uhr (abends). — Dr. Freund wird lesen: Die Rechtsstellung der Juden in Preußen, zwei Stunden (in noch zu bestimmenden Stunden). — In dem tm Monate März 1896 stattfindenden Ferienkursus wird Geheimrat Prof. Dr. Hermann Cohen aus Marburg lesen: 1. Ethik mit Bezugnahme auf Religionsphilosophie, vier Stunden (in noch zu bestimmenden Stunden). 2. Uebungen über Plato und Kant, vier Stunden (in noch zu bestimmende« Stunden). Die Eröffnung des Wintersemesters findet am 26. Oktober um 12 Uhr vormittags statt. Zattgwill tu Verkitt. Ein interessanter Gast weilte in der aßgelaufenen Woche in Berlin, der berühmte englische Ghettöpoet Israel Zangwill. Derselbe hat bekanntlich auf dem letzten Zionistenkongreffe den Standpunkt der Territorialisten vertreten, daß es eine zwingende Notwendigkeit für die Gesamtjudenheil sei, angesichts der wachsenden Judennot daS Angebot der englischen Regierung betreffs Gründung eines autonomen jüdischen Gemeinwesens in Ostafrika unter britischer Oberhoheit prinzipiell anzunehmen und neue Verhandlungen mit der englischen Regierung anzuknüpfen, um ein materiell geeigneteres Landangebot zu erziele«. Wie wir hören, haben die Verhandlungen mit der englischen Regierung die prinzipielle Geneigtheit derselben ergeben, für diese Zwecke ein neues Angebot von Land in Südafrika zu machen. Auch hervorragende Finanzkreise soll Herr Zangwill für seine Zwecke bereits gewonnen haben. Seine Absicht war, die maßgebendsten jüdischen Kreise Deutschlands, speziell der Gemeinden Frankfurt a. M. und Berlin, für diese Idee zu gewinnen. Man darf daraus gespannt sein, ob es dem geistvollen Dichter gelingen wird, sein Ziel zu erreichen. Berlin. Sonntag de» 17. September fand hier sine Sitzung des geschäftsführendeu Ausschußes des Hilfsvereines der deutschen Juden statt, die auch von zahlreichen auswärtigen Mitgliedern besucht war. Der Präsident des Hilfsvereines Herr James Simon gab eine Ueberficht über die finanzielle Lage des Vereines, während der stellvertretende Vorsitzende und Geschäftsführer im Ehrenamte, Herr Dr. Paul Nathan ein eingehendes Referat erstattete hat über die allgemeine Lage der Juden in Rußland und über die Maßnahmen, die zur Besserung ihres traurigen Loses unternommen worden sind. Der Hilfsvereiu der deutschen Juden hat immer serneute Hilfsaktionen zugunsten der russischen Glaubensgenossen eingeleitet und nach Maßgabe seiner Kräfte überall helfend eingegriffen. Dabei wurden alle Pläns, die auf eine Besserung der Lage der Juden in Rußland selbst und auch außerhalb Rußland hinzielten, sorgfältig geprüft, und wo eS zweckentsprechend war, nach Möglichkeit gefördert. An den Vortrag knüpfte sich eine längere interessante Debatte, die die völlige Uebereinstimmnng der Anwesenden mit den Ausführungen deS Referenten dartat. Hierauf wurde eine große Reihe von Bewilligungen befchloffen. Dem Komitee zur Hilfe durchreisender russischer Juden in Kopenhagen sind Mk. 2500.—, dem jüdischen Unterstützungsverein für Obdachlose in Hamburg Mk. 200.—, dem Bremer Komitee für hilfsbedürftige durchreisende Juden Mk. 1500.— von neuem bewilligt worden. Alle diese Komitees steheu i« engsten Zusammenhänge mit dem Zentralburean für jüdische Auswanderungsangelegenheiten, das dem Hilfsvereine der deutschen Juden und der Großloge „U. O. B. B." untersteht. Der jüdischen Gemeinde in Bialystok sind zur Verteilung an die durch die bekannten Exzesse ihres Ernährers beraubten Familien Mk. 5000.— zur Verfügung gestellt worden. Der neu gebildeten Gesellschaft „Bczalel" zur Förderung der Knnsihandwerke in Palästina ist für das Jahr 1000 unter gewissen Voraussetzungen Mk. 3000.— bewilligt worden. Der Hilfsverein beschloß ferner, daS Defizit der jüdischen Kindergärten in Jerusalem im Betrage von 1900 Francs zu decken. Es wurden ferner für eine Mädchenschule in Jerusalem und anders Schulzwccke in Palästina und Rumänien namhafte Beträge votiert. Mit Rücksicht darauf, daß die finanziellen Mittel des Hilfsvereines durch die trostlose Lage in Rußland und durch die zunehmende Auswanderung auf das äußerste in Anspruch genommen wurden, und da leider nichts darauf hindeutet, daß selbst nach dem Friedensschluß die Lage unserer Glaubensgenossen eine Befferung erfahren werde, hat der geschäft-führende Ausschuß sich dafür ausgesprochen, sich demnächst mit einem öffentlichen Aufruf an den bewährten WohltätigkeitSsinn unserer deutschen Glaubensbrüder zu wenden. (Der Tempel der ungarisch-israeUtischeu Gemeinde in Chicago.) Aus Chicago wird vom 5. d. geschrieben: Der ersten ungarischen Gemeinde »The First Hungarian Gongregation“, an deren Spitze der Großkaufmann Mr. Adolf Frisch steht, ist es nach mühevoller Arbeit gelungen, z»m Bau eines Tempels zu schteiten. 1 Am 4rb. wurde mit großer Feierlichkeit der Grundstein gelegt. Hervorragende Persönlichkeiten hatten sich zur Feierlichkeit eingefunden, darunter der Bürgermeister der Stadt Chicago Mayor E. F. D e m m e, Richter Julian M a e k, Samuel A l t s ch u l e r, Präsident der „Hungarian Charity Society“, Dr. A. D. Writter u. a. Die Rede hielt der Rabbiner der Gemeinde, Fischer, in ungarischer Sprache. Der Bau, welcher nach den Plänen der ungarischen Architekten Eichenoerg und Klafter ausgeführt wird und mit einem Kostenaufwands von 50.000 Dollars verbunden ist, wird eins Zierde der Stadt Chicago sein. Zu den Rücktritten der getauften Juden in Rußland. Immer häufiger sind die Fälle, wo die Juden in Nußland, die früher unter dem Drucke der Verhältnisse irgend eine christliche Religion annahmon, nunmehr von dem kaiserlichen Manifest über die Religionsfreiheit Gebrauch machen und zum Judentum zuvückkehren. Einer der vielen typischen Rücktritts fälle ist der Fall des Jelisa-wetgrader Advokaten Bernstein. Dieser hat seinerzeit den lutherischen Glauben angenommen. Vor einigen Tagen nun verständigte er den Ortsrabbiner, daß er zum Judentum zurückgekehrt sei. In dieser Mitteilung betont Bernstein, daß er nie die lutherischen Glaubensgesetze ausgeübt habe, im Herzen stets Jude geblieben sei und nie aufgehört habe, für sein Volk und dessen Leiden zu fühlen. Der Rabbiner gab die Mitteilung B e r n st e i n s an die Behörde weiter und nahm ihn wieder ins Judentum auf. Die gefundene Handschrift. Eine wahre Geschichte von Oskar T. Schweriner. (Fortsetzung.) III. „Weil man ohne sie nicht gut fertig werden kann und auch wohl, weil es zur allgemeinen Bildung gehört." „Und Haeckel — der Ketzcr — wozu den?" Maria sah dem. Fragenden ein Weilchen in die Augen. Dann meinte sie: „Wohl, sveil der zur vollständigen Bibliothek gehört. " „Hm — und sag' mal, warum ist er eia^ itlich „Anti"?" „Wahrscheinlich, weil's zum guten Ton aehört." Es klang hart, wie sie das sagte, so, daß Josephs Herz hoher schlug. „Aber damit sprichst du ihm doch jede Ueberzengung ab," meinte er dann. „Ich liebe meinen Vater, wie nur ein einziges verzogenes Kind, das seine Mutter nie gekannt hat, seinen Vater lieben kann," erwiderte Maria. „Meinetwegen hat er nie wieder geheiratet, dafür werde ich ihm ewig dankbar sein, aber all das kann mich doch den Tatsachen gegenüber nicht blind machen. Und Tatsache ist, daß auch nicht eine Spur von Individualität in meinein Vater steckt. Er macht alles mit, ahmt alles nach. Ebenso wie er heute sein Haar nach der neuesten Mode scheitelt, würde er morgen» begeisterter Philostinit sein, wenn's plötzlich auch Mode würde. Und dabei unbewusst, durch Suggestion, möchte ich beinahe sagen — und das ist denn auch die große Entschuldigung für ihn. Er selbst weiß gär nicht, daß er mitmacht, er tut alles ans Ueberzengung, weiß tausend Beweise dafür anzutreten. Du hast ja hier gerade den besten Beweis. Meine liebem Landsleute werden plötzlich chauvinistisch; schwupps ist er der größte Chauvinist unter ihnen. Ich darf mn Gottes Willen kein» Deutsch lesen. Er stellt magyarische Forschungen an." „Gott sei Dank," unterbrach Joseph. „Oder auch nicht, bin meinst, daß wir uns dadurch kennen lernten. Ob das gut war?" Joseph starrte trübe vor sich hin auf den Tisch und erwiderte kein Wort, während Maria bekümmerten Auges zu ihm hinüberschaute. „.Nun bloß kein Trübsal blasen, Joe, Guter," sagte sie, „geh, hol dieBücher, der Alte kann jeden Moment kommen." Und so fand sie „der Alte", als er eine halbe Stunde später ins Zimmer trat, eifrig mit ihren griechischen Studien beschäftigt. Das Mädchen lief ihm entgegen. „Endlich wieder da, Papa?" sagte sie zwischen Küssen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.