Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt Nr. 3*J Drei Monate später. Reb Jchuda hatte, von Joseph geführt, zur verabredeten Zeit das Bibliothekzimmer betreten und Graf Ludanyi war ihnen bis zur Tür entgogengekommen und hatte den Greis willkommen geheißen. Dann hatte man schweigend am Tische Platz genommen; der Großvater und Josef auf der einen, Vater und Tochter auf der anderen Seite. Der Großvater hatte aus feiner Rocktasche sein Samtkäppchen hervorgezogen und es bedächtig auf seine grauen Haare gedrückt, dann ebenso bedächtig aus seiner anderen Tasche Brille, Tabaksdose und Schnupftuch hervorgekramt, die Brille behutsam auf die Nase gesetzt, und dann mit einem Blicke zu seinem Vis-a-vis hinübergcschaut, als wenn er sagen wollte: So, nun kann's losgehen. Ludanyi hatte die Vorbereitungen des Alten wahrgenommen, ohne mit einer Wimper zu zucken. Denn alle diese „Privilegien", diese Verstöße gegen die Etikette und ganz speziell das Tragen des „Käppchens" hatte sich. Joseph ausbedungen. Der reine „Hof-Zeremonienmeister" hatte Maria ihn lachend genannt. Nun lag das Manuskript entrollt auf dem Tisch und der Großvater erzählte von seinen Studien und wie er den Schlüssel zur Entzifferung der Schrift gefunden. Alle hörten mit gespannter Aufmerksamkeit zu. _ „Demnach scheint es ein schwieriges Stück Arbeit gewesen zu sein," sagte Ludanyi, als der alte Herr seinen Bericht beendet. „And was enthält das Manuskript?" Die Frage war klar und deutlich gestellt worden, der Gefragte schien sie aber gänzlich überhört zu haben. Er fing wieder von den Schwierigkeiten der Entzifferung zu sprechen an, so daß Ludanyi nochmals fragte: „Und haben Sie das Manuskript gelesen?" „In den drei Monaten wäre das kaum möglich gewesen, edler Herr," lautete die AntwoA. „Tie Uebersetzung des Manuskriptes allein würde so lange in Anspruch nehmen — und ich mußte doch erst den Schlüssel suchen." Die Art der Antwort fiel niemand auf, außer Joseph. Der wurde stutzig. Warum hatte der Großvater nicht einfach mit „ja" oder „nein" geantwortet und die erste Frage ganz überhört? Warum die Umschreibung, die allerdings keine direkte Bejahung, aber ganz gewiß auch keine Verneinung war? Er kannte seinen Großvater. Der tat nichts ohne Ueberleguug, ohne guten Grund. Also warum? Weil er keine Unwahrheit aussprechen wollte? Daun müßte er, nach seiner Antwort zu urteilen, den Inhalt des Manuskriptes schon vor der Auffindung gekannt haben. Aber das war ja unmöglich — undenkbar. Sollte der Großvater — Es schien fast, als ob dieser die Gedanken seines Enkels erraten hätte, denn er unterbrach Josephs Gedankengang mit den Worten: „Nun hör auf zu träumen, mein Kind, und achte auf das, was ich dir sagen werde. Wir werden jetzt gleich mit der Entzifferung und Uebersetzung beginnen. Und damit du mir helfen und vielleicht auch manchmal ein bißchen allein arbeiten kannst, will ich dir den Schlüssel mitteilen. Er ist etwas kompliziert. Nun Paß auf, also — jeder fünfte der Buchstaben wird aneinandergereiht, bis sie ein Wort ergeben, aber nicht von links nach rechts, wie man sonst hebräisch liest, sondern von oben nach unten. Wenn du scharf hinschaust, dann wirst du bemerken, wie genall die Buchstabeil in gerader Linie untereinander stehen. Hall du das Ende der scnkrechten Linie erreicht, so fängst du wieder an derselben Linie von oben au und reihst nun jeden sechsten, dann jeden siebenten Buchstaben aneinailder. Du wirst finden, daß der letzte Buchstabe unten immer den Abschluß eines Wortes bildet. Die ersten vier Buchstaben einer jeden Reihe sind da, uin irrezuführen und überhaupt die Schlüsselschrift zu ermögliche«', sie haben keinerlei Bedeutung." Und nun ging's an die Arbeit. Der Großvater diktierte die Buchstaben, Joseph reihte sie aneinander, Ludanyi und Maria saßen da und beobachteten die beiden und obwohl sie feilt Wort verstanden, waren sie doch ganz bei der Sache uud lauschten mit verhaltenem Atem und vor Erregung geröteten Gesichtem. Tie Arbeit ging schneller von statten als man glauben sollte, und noch etwa zwei Stunden erklärte der Großvater, daß Joseph jetzt ans Uebersetzen gehen könnte. Und darauf begann Joseph der Maria die Uebersetzung der gefundenen Handschrift zu diktieren. Keines von beiden ahnte, welche entscheidende Rolle dieses vor wahrscheinlich hunderten von Jahren geschriebene Manuskript in ihrem Leben spielen sollte. Auch Ludanyi ahnte es nicht. _ Des Großvaters Lippen aber bewegten sich leise wie im Gebet. Bekanntlich fehlte der Anfang der Rolle, und das Manuskript begann mitten im Satze: Joseph diktierte: „Denn, o König, die Gefahr ist vorüber. Aber groß war sie, sehr groß — und du halbst davon keine Ahnung. Der Gott, der Israel immer noch beschützt hat in höchster Gefahr, er hat auch dich! beschützt. Iw meinem! letzten Schreiben habe ich dir den Schlüssel zu dieser Schrift mitgeteilt, und nachdem du mir, o König, bestätigt, daß du ihn unversehrt empfangen, will ich dir die Geschichte mitteilen, wie sie sich zugetmgen, damit du daraus ersehen mögest die Größe unseres Gottes und die Ohnmacht deiner Feinde. Und da niemand wissen braucht um diese Geschichte, darum Hab ich gewählt die Geheimschrift. Und wenn du folgest meinem Rat, o großer König/ dann wirst du nie niederschreiben den Schlüssel zu dieser Geheimschrift, sondern mündlich wirst! du ihn mitteilen deinem Sohne, auf daß er ihn mitteile seinen Enkeln und so weiter bis ins jüngste Geschlecht. Damit die Geschichte nun aber auch verständlich sei deinen zukünftigen Geschlechtern, will ich sie niederschreibenl nicht nur wie einen Bericht für dich, sondern ich will sie niederschreibcn wie eine Chronik aus deiner Zeit, damit noch zukünftige Geschlechter werden erkennen, wie groß war die Macht und die Kraft und der Ruhm der Chazaren und nie unser großer Gott beschützt hat den König derselben vor seinen geheimen Feinden in großer Gefahr. - Doch ehe ich mit der Erzählung beginne, die ich gesammelt habe aus Wort und Schrift und deren viele Einzelheiten ick mir mußte verschaffen durch List, will ich noch zwei Sachen erwähnen. Die erste Sache ist, daß es dir, o großer König, wird manchmal unglaublich erscheinen, daß sich die Geschichte so habe zugetragen, wie ich sie niedergeschrieben. Daraus will ich jetzt schon erwidern: Jedes Wort der Erzählung ist absolut wahr! Ich habe jeden Satz geprüft, jede Behauptung erwogen, ehe ich sie niederschrieb, jetzt kann ich ruhig sagen: Alles ist wahr! Vergiß nicht, o König, daß du ein Dorn, bist im Äuge der arideren Volker, erstens weil du mächtig bist - Gott sei gelobt — und zweitens, wcil du bin ein Jehudi. Alles ist recht deinen Feinden, keine Schändlichkeit ist ihnen zu. groß! Aber sie haben nicht gedacht an unseren Gott, deinen Beschützer, mrd sie sind zuschanden geworden in ihrem Trin. Die zweite Sache ist, daß ich dich bitte, o König, nicht zu vergessen, daß ich kein großer Gelehrter bin, und daß ich gezwungen bin, heimlich zu schreiben und in Geheimschrift. Daher, o König, sei gnädig mit nur und beurteile nicht zu hart meine Schrift und Art des Schreibens und glaube mir, daß ich uiedergeschrieben habe düse Erzählung, so gut ich es gekonnt, und der Wahrheit gemäß, mit Gott im Herzen und mit der Ehrfurcht und Liebe zu dir, o großer König, mit der alle Jehndim in der ganzen Welt zu dir aufblicken und immer aufblicken werden zu den guten, großen jüdischen, Königen der Chazaren in alle Ewigkeit, und die Gott erhalten möge bis in alle Ewigkeit, AmenSelah. Und dies ist die Geschichte." Joseph atmete tief auf. „Warum hast du grad' hier ausgehört, Großvater?" sagte er bedauernd. „Jetzt gerade, wo die Geschichte anfängt!" „Die Uebersetzung wird Monate dauern." erwiderte der Alte. „Wir können nur jeden Tag einen Teil vornehmen. Nur Geduld! Heute ist es ohnehin schon sehr spät. Aber wenn es dem' Herrn Grafen! recht ist, dann morgen Abend weiter." „Gewiß, gewiß!" sagte der Graf. „Ich bin selbst sehr gespannt auf die Enthüllungen. Denn Enthüllungen Iverden es doch wohl sein, nach der Einleitung." Joseph, dessen Gesicht vor Erregung mit Fieberröte bedeckt, machte Einwendungen.' „Ich nehme das! Manuskript mit nach Hause und arbeite den ganzen Tag daran," sagte er, „und abends lese ich das Resultat vor." „Oder," meinte Maria, „wir arbeiten hier im Hause zusammen tagsüber daran." Doch der Graf protestierte. Nein; er wollte beim Uebersetzen dabei sein. Arich der Großvater war dafür, daß die Uebersetzungen nur abends vor sich gingen. So blieb es denn dabei. Bald verabschiedeten sich Großvater und Enkel. „Noch gar nicht die Schlimmsten, die ich kenne," meinte nachher der Graf zu seiner Tochter. „Die alten Juden können vielleicht ganz nette Kerls gewesen sein. Aber erzähl's nicht wieder, sonst bilden die sich am Ende noch was darauf ein." Diese banale Bemerkung charakterisierte ihren Vater so gründlich, daß die feinfühlende Maria nur bitter lächeln konnte. t Am nächsten Abend wurde die Arbeit wieder ausgenommen. Einige Stunden diktierte der Großvater die Buchstaben mit einer Fertigkeit, die alle in Erstaunen setzte. Diesmal stand Ludanyi hinter' ihm, verfolgte die Arbeit und überzeugte sich von deren Richtigkeit; denn hebräische Buchstaben konnte er lesen. Schließlich konnte Joseph mit dem. Nebersctzen beginnen. Und während ihm vor Erregung der Atem stockte, Hub er an, die Schlußworte des Abends vorher wiederholend: „Und dieses ist die Geschichte: Das Jahr 796, so wie die Christen es rechnen, war ein seltsames Jahr. Es war viel vorgegangen in der Welt. Unsere Glaubensbrüder waren gedrückt und verfolgt worden an einem Ende der Erde, und zu Ruhm und Macht gekommen am anderen Ende, lins Juden im römischen Lande ging es gut, wogegen die Vulgaren uns verfolgten und Byzanz uns haßte. Und als die Not in« diesen Ländern am größten geworden, da erleuchtete Gott den Sinn des Königs der Chazaren, des großen Bulan, und er trat über zu dein Glauben, des einzigen. Gottes und ließ sich und sein Volk aufnehmen in den Bund Israels, des auserwahlten Volkes. Und das Chazarenvolk war mächtig und sein Land ein ebenbürtiger Nachbar von Byzanz, jenseits des Meeres. Und viele verfolgte Juden kamen ins 9teich und lvnrden dort ausgenommen von den Chazaren als Brüder. Während nun in diesem Jahre im chazarischen Reiche der Uebertritt zum Judentum unter großem Jubel der 'ganzen. Bevölkerung vor sich gegangen war, und ebenso wie Friede herrschte im ganzen Lande, so herrschte um so größere Unruhe tu den Nachbarländern. Die allernächsten Nachbarn, die Poljaren, Severjaren, Radimitschen und Wjatitschen die allerdings verhielten sich ruhig und lebten tu Frieden, denn sie Iva reu. untertan dem großen König der Chazaren, Chakan Bulan, und zahlten ihm Tribut. Und wenn doch die Inden verfolgt wurden- — oder ihre Bethäuser zerstört, — ja, wenn die Mohammedaner oder Christen irgendwo ans der Erde nur die Juden manchmal belästigten, dann zog Chakan Bulan gegen seine Vasallen zu Felde und zerstörte ihre Moscheen und Kirchen. Und so famiem die Juden zu Ansehen in allen Landen und überall war Ruhe im ganzen Reiche. Dagegen löste im großen Nachbarlande Byzanz eine Revolution die andere ab. Zwar war Ruhe moinentan im Jahre 796, wie die Christen es zählen. — aber die Ruhe war wie die, welche vorangeht einem großen« Sturme auf dem Meere. Gar viele Zeichen deuteten« an, daß neuer Krieg im Anzug sei in Byzanz. Jmi Frühling waren, die Heuschrecken über das Land hergefallen und batten zerstört die Ernten und das Gras — und das sei schon ein sicheres Zeichen einer neuen Revolution, sagten die Ackerbauer von Byzanz. (Fortsetzung folgt.)