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Jüdisches Volksblatt · 1905-09-29 · 39 (29.9.1905) · page 9

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Beilage ju Nr. 39 des „Jüdischen Volksblatt". Nikolaj Wassilko unddieJude«. Die Wahlbewegung in der Bukowina hat die Gemüter in hohem Grade erregt und droht auch die Juden, deren Einigung ein Hauptziel der Bestrebungen des Führers der Bukowinaer Juden, Dr. Strauch er, ist, in verschiedene Lager zu spalten. Tin Kandidat des auch von Dr. S t r a u ch e r unterstützten „Freisinnigen Verbandes" ist der Ruthene Mallek. Für diesen nun tritt auch der Kampfgenosse Doktor Strauchers, Nikolaj von Wassilko, in einem an die Juden gerichteten „Offenen Schreiben" ein. Dieses „Bekenntnis" Wassilko's ist ein bedeutsames Dokument, das eine weitere Verbreitung verdient. Es lautet: Ein offenes Wort an die Judenschaft des Landes. Die Stellungnahme der Bukowinaer Judenschaft zu de« bevorstehenden Reichsratswahl steht jetzt in öffentlicher Diskussion. Dem derzeitigen Führer der Bukowinaer Juden — meinem Freunde Abg. Doktor Benno Str a uch er — der sich nicht nur unter seinen Glaubens- und Nationalgenossen Achtung und Liebe erworben, sondern gerade weil er zu den wenigen jüdischen Abgeordneten gehört, welche sich niemals scheuten, offen zu bekennen, daß sie in erster Linien „Juden" seien, also wegen seiner achtunggebietenden, unerschütterlichen Gesinnungstüchtigkeik, speziell im Wiener Parlamente und in den maßgebenden Kreisen der politischen Welt daselbst die größten Sympathien besitzt, wird gerade die persönliche und speziell die politische Freundschaft mit mir vorgeworfen, daher sei es mir gestattet, daß ich mich offen diesbezüglich mit meinen Freunden, der Bukowinaer Judenschast, auseinandersetze. Ich sage: „meinen Freunden"! Denn jederzeit fanden die Juden bei mir ein offenes Ohr, aufrichtigsreundschaftlicheGesinnung und Hilfe! Nicht trotzdem sie Juden waren, sondern weil sie Juden sind. Da von konfessionellen Rücksichten und Vorurteilen geleitete Erwägungen mir fremd sind, hat das Unrecht, welches der Judenschaft oft aufgezwüngen wird, ihre nicht seltene Ausschaltung von der Gleichwertigkert und Gleichberechtigung, meine Hilfe gewissermassen herausgefordert. In jungen Jahren, damals, als dieselben Standesgenossen, wÄche heute, nachdem sie meine Macht gefühlt, mit gleißenden Versprechungen mich in meinen Prinzipien erschüttern wollen, alles ausboien, um mich sozial, materiell und politisch zu . untergraben, damals schon kamen mir die Juden mit Vertrauen entgegen. Nichts ist daher sekbstverständlicher, als daß ich meine Position, die ich doch zum großen Teile ihnen verdanke, auch in den D ienst ihrer Interessen st e l l t e. Groß ist dieZahl je n e r I u den, denen ich zu einem Fortkommen v er h o l sen, für welche ich jene Schranken der Beamtenstellung durchbrach, die leider, dank von die Staatsgrundgesetze verhöhnenden Vorgesetzten, heute noch in zahlreichen Aemtern bestehen. Ich kann es ruhig aussprechen: Ich habe dabei jedem, der mich darum anging, geholfen und keinen hierbei gefragt: „Sind Sie mein Parteigänger oder nicht V" Nicht Prahlerei leitet mich, wenn ich heute das hervorbebe; wohl aber berechtigter Stolz Ja, ich bin stolz darauf, so vielen Menschen mich nützlich erwiesen zu haben und vor allem — mich nützlich erweisen zu können. Ich bin stolz darauf, nicht nur als Abgeordneter meiner Wählcr eines Bukowinaer Bezirkes vollauf meine Pflicht erfüllt zu haben, sondern in der Lage gewesen zu sein, den Bewohnern des ganzen Landes — meiner gesamten Heimat — dienen zu können. Wenn dies möglich war, wenn ich in Wien zu Einfluß und Ansehen gelangte, so ist dies nicht zum geringen Teile darauf zuriickzusühren, daß man dort weiß, daß hinter mir nicht nur das «athenische Volk in der Bukowina, sondernalle j e n e i n m e i n e r Heimat st e h e n, die eines ehrlichen, talkrüftigen Vertreters bedürfen, unter welchen wohl die Judenschaft, als am meisten ungerechtfertigte Zurücksetzung erleidend, die größte Zahl aus »nacht. Also i m w o h l v e r st a n d e n e n eigenen I n t e r o s s e f e st i g t e n die Juden m eine Position. Durch Anhänglichkeit und Dankbarkeit haben sie mir stets das gelohnt, was ich für sie getan. Vor allem gaben sie mir aber auch als Lohn für meine Tätigkeit den festen Rückhalt, daß ich auf sie jederzeit zählen könne. Nun wird die Judenschast haranguiert. sich in dem Wahlkampfe zwischen M a l l e k und O n c i u l aus Seite des letzteren (Onciuls) zu stellen. Ich, Nikolaj Wassilko, erkläre der gesamten Judenschast der Bukowina, daß ich für Mallek b ü r g e. Was ich den Juden bin, ein verläßlicher Freund, das wird, falls M a l l e k gewühlt wird, denselben auch dieser sein. M a l l e k wählen, heißt: meinen Einfluß stärken. Malle! wird ebenso wie ich stets mit den liberalen Parteien itit Wiener Parlamente gehen. Durch seine Wahl wird also auch der Einfluß dieser Parteien gestärkt. Der Jude, der für Mallek stimmt, schafft die Möglichkeit, daß noch ein Freund der Juden ins Wiener Parlament einzieht. Der Jude, der für O n e i u l stimmt, welch letzterer ebensowenig wie alle seine Vorgänger mit de»» Traditionen der rumänischen Abgeorgneten brechen kann, die sich stets an die „Rechte" im Wiener Parlament anlehnten, stärkt die reaktionären Parteien des Parlamentes. Also das wohlverstandene Interess e muß der Bukowinaer Judenschaft diktieren, ihren bewährten Freund Nikolaj Wassilko im Kampfe gegen Aurel Oneiul — denn nur darum handelt eS sich — nicht zu verlassen. Die Feinde des Judentums sind ander Arbeit: Erzbischöfe und Bischöfe, orthodoxe und katholische, haben sich in dieser Frage einträchtig zufammengefunden; daS gr.-or. Konsistorium arbeitet einträchtig mit dem kath. Bischof Weber — wahllos in seinen Mitteln — für die Wahl Onciuls! Nikolaj Wassilko appelliert an die Bukowinaer Judenschaft: verlasset mich nicht — verlasset aber auch euch s e l b st n i ch t! Czer nowitz, am 20. September 1905. Nikolaj v. Wassilko. Vermischte Nachrichten. Israelitische Kultnsgemeinde Wien. (K u n ö m a ch it n g.) Die Einschreibungen in die Talmud- und Bibelschule im 2. Bezirk, Tempelgasse 3, werden Dienstag und Mittwoch, um 17. und 18. Oktober d. I. von 6—6 Uhr nachmittags, in» Beth-Hamidrasch-Lokale 2. Bez., Ternpelg. 3, Parterre, stattfiriden. Wien, 26. September 1965. Der Vorstand. Erster Wiener jüdischer Turnverein, Wien. Das Damenturnen dieses Vereins Hat am 20,. September d. I. wieder begonnen, und zwar wieder zu den im Vorjahre üblichen Stunden. Das Herrenturnen findet Miontag und Donnerstag abends statt. Beginn des Kinderturnens arn 2. Ott ob er d. I. Auslünfte werden an den Turnabenden im Vcreinslokale, Wien, 1. Bez., Mölkerbastei 5, jederzeit bereitwilligst erteilt. Wien. (T r a u u n q.) Sonntag den 24. ö. fand im Gemeindetempel, 18. Bez., Schopenhauerstraße 39, die Trauung der Tochter des ersten l Kantors Max Peterselka, Fräulein Elisabeth Peterselka, mit dem Wiener Kaufmann Herrn Simon W e i s z statt. Die Beliebtheit, welcher sich der Brautvater im Bezirke und im Kreise des Kultnsvorstandes sowie seiner Berufskollegelt erfreut, dokumentierte sich besonders in der außerordentlichen Beteiligung an dem freudigen Farnilienereignisse des Herrn und der Frau P e t e r s e l k a. Der Tempel war in allen seinen Räumen bis a»»f den letzten Platz besetzt. Wir sahen u. a. den ersten Vizepräsidenten der Kultusgemeinde, Herrn Landesschulrat Dr. Gustav K v H n, Sekretär Dr. Adle r, den Oberkantor Bela Guttma n n, ersten Kantor Don F u ch s, ersten Kantor Schiller, die Professoren Doktor Weiß und Dr. Grau b a r t, Tempelvorsteher W a s s e r v v g e l, die Kultnsbealnten E n g e l, F »» chsgel t, K raus usw. Die kantorale Funttivu hatte der Oberkantor des Tempels Herr Silbermann, der durch seine klangvolle Stimme ultd den exakten Vortrag das Publikum ir» eine der Gelegenheit entsprechende Andacht versetzte. Viele, die bis dahin noch nicht Gelegenheit hatte»», Herrn S i l b e r rn a u n zn hören, sprachen ihr lobendes Urteil über die unaufdringliche, jedoch ins Herz dringende Vortragsweise des Herrn Silbe rmann aus. Die Trauungsrede hielt Herr Rabbiner Dr. Feucht mang, der aükuüpferld alt eilien Vers des WochenabschliitteS, das Brautpaar ermahnte, das Vorbild ihrer Eltern nachahmeud, jiidischen Geist in ihrem neugegründeten Heim zn pflegen. Czernowitz. Der Kaiser hat den Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde, Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Dr. Benno S t r a u ch e r, zum Mitgliede des Landesschulrates für die Bukowina auf die restliche Dauer der laufenden Funktionsperiode erncmnt. Missionäre in Galizien. In der letzten Sitzung der protestantischen Missionsgesellschaft wurde beschlösse»,, die Hauptagitation der Gesellschaft im Jahre 1906 nach Galizien zu verlegen. Zu diesen» Zlvecke soll schon demnächst in Lemberg eine Zentrale errichtet werden. Wir machen schon jetzt die maßgebenden jüdischen Kreise in Lembrrg auf diesen Umstand aufmerksam, deren Pflicht es »st, Vorkehrungen z»» treffe»», daß die Seelenfänger, die ihr Netz zweifellos nach de»« wirtschaftlich gedrückten und zum Teil auch k»»lturell zurückgebliebenen galizischen Jude»» auszuwerfen gedenken, eine entsprechende Abwehr vorfinden. Wir stilume»» übrigens dem Lemberger „Jüd. Tagbl." z»r, das an diese Mitteil»lNg folgende Bemerkung knüpft: „Es »st wahrlich eine Schande, wenn »na» oft sehen muß, wie Inden sich mit diesen Leute»» überhaupt in ein Gespräch einlassen und sich nicht schärnen, mit ihnen sogar auf der Straße oder im Kaffeehause zu verkehren, anstatt ihnen jene Abfertigung zuteil werden zu lasse»», die Seelenschacherern gebührt." Gestohlene Thorarollen. In Bukaczowee (Galizie»») wurde in der Nacht von Sonntag auf Montag aus vier verschiedenen Betlokalen je eine Thorarolle entwendet. Der Gesamtschaden beträgt 2600 Kronen. Bisnun fehlt von dem Täter jede Spur. Die Kultusgemeinde von Bukaczvwce ersucht daher, falls irgendwo neue Thorarollen zum Kauf angeboten werden sollte, sie hiervon zu verständigen. Prag. (Leichenbegängnis.) Am 19. ds. nachmittags fand von der Zentralleichenhalle des israelitischen Friedhofes in Straschniitz das Begräbnis des verstorbenen Chefs der k. k. Mrrespondenzbureau-Filiale in Prag, Herrn Dr. Leopold Großmann, statt. Vollzählig erschienen die zahlreiche»: Freunde des Verstorbenen, um ihm das letzte Geleite zu geben. Die Beteiligung legte ein deutliches Zeugni davon ab, wie beliebt der Verstorbene ob seiner guten Eigenschaften des Charakters und Herzens war. Die Vertreter der Prager Journalistik hatten sich fast vollzählig eingefunden, um ihrem Berufskollegen, der ein Muster von journalistischer Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit gewesen, die letzte Ehre zu erweise»:. Ferner sah inan Aerzte, Advokaten, Kaufleute ustv. Schlicht, wie es der Verstorbene im Leben gewesen, wurde auch die Beerdigung vollzogen. Die Familie des Verblichenen erhielt von nah und fern die herzlichsten Beileidsbezeugungen. Prag. (Leichenbegängnisse.) Vom Trauerhause in der Weinbsrger Divischgaffe Nr. 6 aus fand am 24. d. M. um 11 Uhr vormittags uuter ungewöhnlich zahlreicher Beteiligrrng das Leichenbegängnis des a»n 21. d. M. verstorbenen Hetrn MUDr. Jakob W e l e m i u s k y statt. In der dichten Schar der Trauergäste waren zu bemerken : die Rabbiner Dr. T b i e b e r g e r, Stark und Dr. Weiner, hohe Staatsbeamte (Kollegen des Verstorbener»), Großindustrielle, Direktoren und Verwaltungsräte der hiesigen Banken und Aktiengesellschaften, Mitglieder des Lehrkörpers der deutschen medizinischen Fakultät, Aerzte, Kaufleute, Studenten u. v. a. Die Beerdigung fand auf dem Straschnitzer Friedhofe statt. — Zur selben Zeit wurde vom israelitischen Badhof aus der Großkaufmann Alb. D»»s ch n e r zu Grabe getragen. Die rege Beteiligung ans allen Gesellschaftsschichten legte Zeugnis ab von der hohen Wertschätzung, der sich der Verstorbene infolge seiner trefflichen Charaktereigenschaften zu erfreuen hatte. Unter den Trauergästen befanden sich Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld, Mitglieder des Handelsgremiums, Vertreter der hiesigen Geldinstitute, des Kaufmannsstandes und viebr humanitärer Vrreine. Oldenburg. Sonntag hielt die Kapuvarer israelitische Gemeinde eine äußerst tvichtige »»nd belebte Generalversammlung ab und ha»»delte es. sich, ob jetzt die Genieinde den „Status quo"* Charakter in der» orthodoxen umzuändern hat. Der Präses Herr David Rosenberger, die aufgeregten Geinüter beschwichtigend, hielt eine schöne Begrüßungsrede, ermahnte die Mitglieder zur Eintracht, gab die Angelegenheit ganz und objektiv zur Kenntnis und eröffnete die Sitzung. Es folgte hierauf eine Debatte bezüglich der Statuten, die jedoch wegen Kürze der Zeit vom Präsidium »licht beschafft werden konnte, und e»folgte die Abstim- »nung bezüglich desse»», ob der Charakter der Gemeinde in einen orthodoxen umgeändert werden möge, was mit Majorität in dem Sinne beschlossen wurde, daß die Statuten uachträglich eingeholt, der Generalversaminlung zur Genehmigung vorgelegt tverdeu und erst nach G»»theißen derselben würde der Beschluß ins Leben treten. Die Minorität hatte gegen diesen Beschluß ihr Veto eingelegt u»»d beschloß, wegen Anullierung zu petitionieren. Budapest. (Neue jüdische Barone.) D«r Kaiser hat, wie das Amtsblatt meldet, den Grundbesitzern und Großhä»»dlern Herma»»»», Bernhard und Albert Grödel, die vor nicht langer Zeit das Adelsprädikat „de Gyulafalva" erhielte»», die ungarische Baronie mit dem Titel „Bogdanyi" verliehen. Die Baronisierung der Brüder Grödel erfolgte „in Anerkennung ihrer auf dein Gebiete der Industrie und der öffentlichen Wohltätigkeit erworbenen Vnbienfte". Die drei Brüder Grödel hatten seinerzeit ihre Tätigkeit im Komitate Marmares begonnen. Bei dieser Gelegenheit verzeichnet die „Allg. Jüd. Zeitung* in Budapest die Nachricht, daß dem jüdischen Großgrundbesitzer Peter H a ck st e i n in Debreezin d i e Baronie ebenfalls angeboten, von ihm jedoch abgelehnt wurde.

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