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Jüdisches Volksblatt · 1905-09-29 · 39 (29.9.1905) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 39 wurde denn auch beschlassen, das Vertreterkollegium anzwveistu, Recherchen darüber zu pflegen, ob die statutarischen Bestimmungen für die Betvilligung gegeben sind, in welchem Falle das Vertreterkollegimn schon henke ernrächtigt wird, die Bewilligung zu erteilen. Hoffentlich wird das Präsidium nunmehr der -Lache kein Hindernis in den Weg legen, und hat es wirklich die ehrliche Ilbsicht, den bestehenden Bethausverein vor materiellem Schaden zu schützen, so möge es doch endlich denabnormalen Zustand abstellen, daß der Rabbiner des Bethausvereines, trotzdem er zur vollen Zufriedenheit des Bezirkes wirkt, noch immer nicht zum Gemeinderabbiner ernannt wird, und besonders bei Trauungen gar oft in Situationen gerät, die sein Ansehen bei den Mitgliedern seines Tempels in einer auch der jüdischen Sache sehr bedenklichen Weise hergbmindern müssen. Der Prnrkt der Tagesordnung über die „Supplenten für den Religionsunterricht an den Mittelschulen" wurde auf Antrag des Vertreters Ritter von T a u s s i g von der Tagesordnung abgesetzt. Die übrigen Gegenstände der Tagesordnung boten nichts Wesentliches. Im folgenden geben wir das Wichtigste aus dem Einlauf und dem Präsidialberichte: Gleich nach Eröffnung der Sitzung hielt der Präsident Dr. Alfred Stein folgenden Nachruf: Sehr geehrte Herren! Ich habe die Ehre, Sie nach den Dommerferien, welche das Plenum. unseres Vorstandes hielt, sreundlichst und frendigft zu begrüßen. Die Freude des Wiedersehens wird aber sehr arg getrübt, wenn wir ans die zwei leeren Plätze an diesem Tische blicken und uns vor Augen halten, daß wir die beiden vortrefflichen Kollegen, welche dieselben einnahmen, nicht mehr sehen, ihr kluges Wort bei unseren Beratungen nicht mehr hören norden, daß sie uns für immer entrissen sind. Dr. Isidor Schnabl gehörte nur wenige Monate unserem Kollegium an; aber der ausgezeichnete, vortreffliche Mann, der sich längst vorher schon in den Angelegenheiten unserer Gemeinde bei hervorragenden Vereinen derselben, so bei der „Chewra Kadischa", bei dem ,Mene Brith", erfrigst und mit aller Wärme seines edlen Herzens betätigt Hatte, war uns allen wohlbekannt. Als er zu Beginn dieses Jahres in den Vorstand eintrat, bekundete er mir seine Absicht, seine Tätigkeit insbesondere dem Unterrichtswesen und den Anstalten unserer Gemeinde aus dem Gebiete der Hygiene, dem Spitale, dem Versorgungshause, der Siechenanstalt zu widmen. Ihnen allen ist es bekannt, mit welchem Eifer er seinen übernommenen Pflichten nachgeommen ist. Es sind uns noch in Erinnerung die trefflichen Referate, welche er im Vereine mit, seinenausgezeichneten Berufskollegen in unserer Mitte, insbesondere in letzterer Zeit, bei Stellebesetzungen und in anderen Angelegenheiten, welche für kette geschmückt ist. Dos mittlere Schwein trägt den im Spottvers als Nahrung genannten Gegenstand auf dem Kopfe. Am Fuße der Scheibe liegt auf grünem Rasenboden links ein Mutterschwein mit drei Jungen und Schellenhalsband, rechts ein ebenso dekorierter Eber. Offenbar ist dieses kulturgeschichtlich intexessante MasgemUde eines jener derbsinnlichen Erzeugnisse, durch die sich das mittelalterliche Vorurteil gegen die Juden mitleidlos kundzugeben Pflegte, wennsie erst! den Neid durch eine günstigere Lebensstellung erweckt und diese dann durch irgend ein Mißgeschick verloren hatten. In dieser Beziehung ist der Antisemitismus sich zu allen Zeiten gleich geblieben, indem er stets dazu anleitet, gefallenen Größen einen Eselstritt zrr geben oder die verbissene Wut über in bevorzugter Stellring befindliche vereinzelte Juden an deren minder glücklicherr Glaubensgenossen bösartig austoben zu lassen. Solcher Antisemitismus, der jetzt in Rußland so unheilvoll für die Verfolger wie für die Verfolgten wirkt, kann in der freiem Schweiz hoffentlich nicht mehr aufkommen. Hier hat auch der arme hausierende rrrssische Jude Brot und Frieden gefunden rmd wird auch eine begüterte jüdische Familie, ungestört durch niedrigen Neid, zu dem Ansehen gelangen können, dessen sie sich durch Bildung und Gesinnung tvürdig erweist. Hohe jüdische Würdenträger in Rußland. Mr. Grigori Wilenkin, finanzieller Vertreter Rußlands in den Vereinigten Staaten, der, die Lettuna unserer oberwähnten Anstalten von hoher Wichtigkeit sind, erstreckt hat. Er war ein vortrefflicher Mann! Unser aller Sympathien wurden ihm in reichem Müsse znteil. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten! Salomon Rvsner gehörte unserem Vorstände seü dem Inkrafttreten des Judengesetzes vom Jahre 1890 und der auf Grund desselben stättgefundenen . Einverleibung der üantaligen Vorortegemeinden an. Lange Jahre vorher war er als Mitglied des Vorstandes und auch als Vorsteher der damaligen Ottakringer KultuSgemeinde tätig. Ihren Aufschwung, ihr Gedeihen, alles, was in derselben an jüdischen gemeinnützigen und humanitären Anstalten geschaffen wurde, war seiner Initiative, seiner energischen Mitwirkung zu danken. Er hat sich auch — durch die Regierung hierzu berufen — an der Verfassung unseres KnltuAgemeindestatuts beteiligt. In den Konnnissionen für Kultus- und Unterrichtsangelegenheiten, für tzriedhofsangelegenheiten, alS Obmann deS Bethausvereines für den 16. und 17. Bezirk mrd überhaupt in allen den Angelegenheiten, welche das Plenum des Vorstandes beschäftigten, hat er sich stets als pflichteifriges Mitglied unserer Glaubensbrttderfchaft betätigt und -wenn er es sich vorzugsweise angelegen sein ließ, das Interesse seines Bezirkes hier zu vertreten, so gebührt ihm auch das Verdienst, daß er in diesem Bezirke, in welchem Meinungen und Anschauungen zeitweilig sehr auseinandergingen, den Frieden und die Einigung zu erhalten verstand. — Wir haben unseren beiden Kollegen alle Ehre, deren sie in höchstem Grade würdig waren, erwiesen. Das Präsidium in corpore, alle zur Zcü in Wien anwesenden Vorstandsmitglieder haben sie zu ihrer letzten Ruhestätte geleitet. Nebst dem herzlichen ergreifenden Nachrufe, der ihnen seitens unserer Rabbiner Dr. Güöemann und Dr. Bach gehalten wurde, habe auch ich mich verpflichtet gefühlt, nqmens des Vorstandes ein Wort deS Abschiedes zu sprechen. Auch habe ich namens des Vorstandes ein herzliches Beileidsschreiben an die Hinterbliebenen gerichtet. DaS Andenken unserer hingeschreöenen Kollegen wird im Kreise des Vorstandes sowie in unserer Gemeinde ein gesegnetes bleiben! Sie haben sich zum Zeichen der Trauer von Ihren Sitzen erhoben und Sie sind einverstanden, daß diese Trauerkundgebung unserem heutigen Sitzungsprotokoll einverleibt werde. (Zustimmung.) AuS dem Einlaufe ist hervorzuheben: Dankschreiben des Herrn Albert Freiherrn von Rothschild für die Teilnahme des Vorstandes anläßlich des Hinscheidens des Herrn Nathaniel Freiherrn v. Rothschild,' Dankschreiben der Familie Nothnagel für die Kondolenz des Vorstandes anläßlich deS ^Hiiffch-eidens des Herrn Hvfrat Nothnagel,' Dankschreiben der Frau Helene Schnabl für die Teilnahme anläßlich des Hinscherdens des Herrn Vorstehers Dr. Isidor Schnabl,' Dankschreiben der Frau Helene N o s n e r für die Teilnahme anläßlich des Hinscheidens des Herrn Vorstehers Salomon R o sner; Dankschreiben des Bethausvereines Ottakring für die Teilnahme des Vorstandes anläßlich des Hinscheidens des Herrn Vorstehers Salomon Rosner; Dankschreiben des Vertreters Herrn Theodor Rit. v. Tautzig für die ihm übermittelte Gratulation anläßlich der Verleihung des Großkreuzes des Franz J-vsef-Ordens,' Dankschreiben des Brigittenau e r Tempel Vereines für die gewährte Subventionsvrhöhung auf K 4000; Dankschreiben der „Allian z" für den im Bedarfsfälle zngewie jetzt bekannt wird, die Unterredung der jüdischen »Notablen mit dem' als russischer Friedensbevollmächtigier in Portsmouth weilenden Minister Witte eingeleitet hat, ist der Sohn des Rabbi Mordechai Elijahu Wilenkin, Großkaufmann und Armeelieferant in Zarskoje-Selo bei Petersburg. Der junge Wilenkin, der noch jetzt ein guter, religiös gesinnter Jude ist, hatte auf der Universität die Bekanntschaft des Grafen Wolkonski gemacht, der einige Jahre nach Beendigung seines Studiums Minister des Innern wurde. In dieser hohen Stellung erinnerte er sich seines alten jüdischen Universitätskollegen Grigori und gab ihm sans facon eine gute Anstellung im Ministerium des Innern. Der so zum russischen Tschinowuik erhobene Jude erwies sich st geschickt und anstellig, daß auch die Nachfolger des Grafen Wolkonski ihn nicht nurim Amte behielten, sondern ihn Stufe zn Stufe steigen ließen. Als Rußland es für ratsam fand, sich in Amerika nach einer Anleihe umzusehen, wuvde der geschickte jüdische Beamte insFinanzmmisterium versetzt und als russischer Finanzagent in den Vereinigten Staaten angestellt. Ein noch höher gestellter jüdischer Würdenträger ist der Geheimrat Jakob Halpern, Vortragender Rat im russischen Justizministerium. Ueber die Gründe, welche zur Anstellung dieses Juden geführt haben, ist uns nichts näheres bekannt. Wir wissen jedoch, daß er jahrelang Bnreauchef einev Abteilung des' genannten Ministeriums war und in dieser untergeordnefagten Betrag von 15 6000 zugunsten der verfolgten russischen Inden (Schttomir.) Im Präfidialberichte bringt der Präsident das finanzielle Ergebnis der wichtigsten Einna-hmsqnellen der Gemeinde in der Zeit vom 1. Jänner bis 31. August 1906 zur Kenntnis. AuS diesem Berichte geht hervor, daß die Einnahmen auS Kultusfteuern und JmmatrikulattonSgEhren gegenüber den Einnahmen in der gleichen Periode des Vorjahres ein Plus von X 16 760,46, aus Beerdtgungs- und Ueberführungstaxen ein Plus von X 48 406,44, aus Friedhoftaxen ein Plus von K 14 838,23, aus Traunngstaxen ein Plus von X 9007, auS Betfitzen in den Gemeindetempeln ein Minus von K 9194 aufweisen. Die Ernennung nachstehender Herren zu Mitgliedern des BethausvorstandeS in Ottakring wird nachträglich genehmigt: Samuel Fischer, Leopold Koh n, Salomon K o h n, Wilhelm Mandl sen., Eduard Politzer, Adolf Worin ge r, Sigmund Weiler. Folgende Spendenliste wurde verlesen: Bon Herrn Direktor Moriz Bauer s. A. als Legat zur beliebigen Verwendung für wohltätige Zwecke K 9000; von Herrn kaff. Rat Salomon Kohnberger anläßlich der hohen Feiertage für die Armenanstalt X 400; von den Herren Heinrich und Ludwig Schwarzmann zn wohltätigem Zwecke X 300; von Herrn Arnold Fröhlich anläßlich der hohen Feiertage: für den Frauen- Hort X 60, für den Handwerkorverein X 25, für das Blinden in stitut X 25, für das Taubstummeninstitut K 26, für den Wöchnerinnenverbeuld K 26, für den Verein für Brustleideude X 26, für den Lehrmädchenhort X 26, für den Jsrae- . Mischen Frauenverein X 26, für den Handwerkerverein (zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender) X 25, zusammen X 260; von Herrn Dr. Adolf Sattler noe. der Herren Ignaz Briefer und Philipp I. Löw für einen gemeinnützigen jüdischen Zweck X 200; von Frau Louise Hechter anläßlich deS Sterbegedächtnistages ihres seligen Gatten, Herrn Salomon Hechter, für das Altersversorgungshaus X 10, für das Blindeninstitut X 10, für die Kinderbewahranstalt X 10, für die Volksküche X 10, für den Watsenverein X 10, für den Handlungskrankeuverein X 10, zusammen X 60; von Frau Fulie Mandl als Kranzablösungsspende nach dem seligen Herrn Adolf Fleischer X 30; von Herrn Sigmund F. Haider als Kranzablösuugsspende für Herrn Wilhelm Meller, für den Waisenverein X 20; von Frau Malvine Nadler für arme kranke Kinder X 6. In der vertraulichen Sitzung wurden auf die Adaptierungen des Leopoldstädter Tempels, aus die Unterbringung der Gemeindebiblivthek, des Seminars und des ,>Beth ha Midrasch" bezughabende Beschlüsse gefaßt. Weiters wurden folgende Stiftungen verliehen, beziehungsweise deren Verleihung nachträglich zur Kenntnis genommen: Die Klara Kähaue Ausstattungsstiftung, 2 Plätze zu X 410; die Benedikt Karplus-Gewerbeschülerstiftung, 2 Plätze zu X 50; die Theresia Neumann-Lehrerswitwenstistuug, 2 Plätze zu X 83; die Anselm Freiherr v. Rvthschild-Waisenstiftung, 21 Plätze zu X 200; die Jsäk Küsfler-Ausstättungsstistung, 1 Platz zu X 400; die Albert Gansl-W'idmung für Arme an 19 Personen, zusammen X 990; die L. G. Goldstein-Ausstattungsstiftuug, 1 Platz zu X 300; die Salomon Altmann-Waisenstiftuug, 2 Plätze zu X 60; die Nathan und Jda Figdor-Widmung fiir Wöchnerinnen, 1 Platz zu X 16; die Hermann und Regine ien Stellung zahlreiche Arbeiten 'geliefert hat, die seinen Vorgesetzten, welche diese Arbeiten als ihr eigenes Geistesprodukt ausgaben, viel Ehre gemacht haben. Geheimrat Halpern hat es nicht nur nieinals versucht, seine Angehörigkeit zum Judentum zu verbergen, er gab sich im Gegenteile stets die größte Mühe/für seine Glaubensgenossen einzutreten. Anläßlich seiner Ernennung zum Geheimrat, mit welcher in Rußland die Erhebung in den Adelsstand verknüpft ist, wurde es ihm anheinigegeben, seinen Namen zu ändern. Jakob Halpern weigerte sich jedoch, von der Erlaubnis Gebrauch zu machen rmd erklärte, seines alten Namens sich nicht schämen zu brauchen. Verein zur Unterstützung verlassener jüdischer Frauen. Zahlreich sind in Amerika die jüdischen Frauen, die, von ihren Männern verlassen, dem Elende preisgegeben sind. Nach dem jüdischen Ehegesetze können Frauen, die von ihren Männern treulos verlassen werden, überhaupt nicht mehr heiraten, da die Ehe nur durch die Ueberreichnng, beziehungsweise Entgegennahme des Scheidebriefes, Get, seitens der Ehegatten gelöst werden kann. Die Lage solcher verlassenen und doch nicht geschiedenen Frauen ist oft eitle furchtbare. Die tu New Avrk erscheinende „Fewislr Gazette" hat nun diese Frage angeschnitten, und auf ihre Anregung hat sich itim ein Verein gegründet, der durch ein Zusammenwirken mit den übrigen jüdischen Wohltätigkeitsvereinen Amerikas diesem Nebel steuern will. Der Zrveck des Vereines soll einerseits die Ausfindigmachung der verschollenen Männer, andrerseits die Unterstützung der verlassenen Frauen sein.

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