Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 39 Jüdisches Volksblatt Seite 3 Politische Wochenschau. Der Taufschein ist noch immer -er verläßlichste Führer zu einer Karriere in Oesterreich. Diese Erfahrung müssen wir leider täglich machen, ohne auch die geringsten Maßnahmen seitens der Juden gegen diesen groben Unfug zu bemerken. Einen geradezu unerhörten Beitrag zu diesem Kapitel der jüdischen Leidensgeschichte in Oesterreich liefert die jüngste Konkursausschreibung, die auf dem schwarzen Brette der Wiener Alma mater prangt. Am Mähr-Schönberger Gymnasium ist die Stelle eine- Supplenten für Naturgeschichte zu besetzen. Von dem Bewerber wird außer den Befähigungsnachweisen auch der Taufschein verlangt, also wir Juden in Oesterreich können nicht einmal recht Supplenten an einer Mittelschule werden. Die Frage hat aber noch eine andere sehr wichtige Seite. Unsere studierende Jugend ist noch immer vomJrrwahne befangen, daß die philosophische Laufbahn die einzige in Oesterreich sei, auf welcher nur Fleiß und Wissen und nicht Konfession und Nationalität ausschlaggebend seien. Bittere Enttäuschung ist dann allerdings zu spät die Folge dieses Irrtums. Wir können daher unsere studierende Jugend nicht oft genug ermahnen, das abnormale Zuströmen zur philosophischen Laufbahn einzudämmen, weil wir durch solch unüberlegte Schritte nur die Zahl des geistigen Proletariats vergrößern. Es wäre aber aucy Aufgabe der betreffenden jüdischen Kreise, ihren Einfluß nach dieser Richtung geltend zu machen. * Das jüdische Neujahrsfest beginnt bereits in der Politik eine Rolle z« spielen. Es ist gewiß nichts dagegen einzuwenden, wenn die althergebrachte Sitte, am Neujahrsfeste gegenseitig Gratulationen auszutauschen, in den Dienst der Wohltätigkeit gestellt wird. Die politischen Zionisten waren die ersten, die die Gratulationsablösung am Neujahrsfeste zur Stärkung des Nationalfonds verwenden ließen. Nun haben die Anhänger der anderen extremen Richtung, die »eestl zidi“ dem Nationaljuden es abgeguckl und fordern in der jüngsten Nummer des „Rozvoj“ ihre Gesinnungsgenoffen auf, mit dem alten Gratulationszopfe zu brechen und den Geldbetrag einem „vernünftigen" Zwecks zuzuwenden. Dieser vernünftige Zweck ist nach Anschauung der Herrn vom „Rozvoj“ die Unterstützung des Fonds des „Spolek ceskych akademikü zidü“. So wird oft der schönste Gedanke zum Mittel eines unvernünftigen Zweckes mißbraucht. * Zweizüngige Politik. Unsere ganze Haltung beweist, daß wir unseren Gegnern, ja selbst unseren Feinden gegenüber Objektivität bewahre«. Um so größeres Recht aber haben wir, einmal die Heuchelei Dr. Luegers festzunageln, die noch abstoßender wirkt als die konsequente Tollhäuslerei des Ehren-Schneider. Dr. Lueger hat zwei Gesichter: das eine ist das offizielle, das er bei Kongressen, Empfängen und gemischten Soireen aufsteckt; da preist er nur die Schönheit Wiens und versichert, wie seine stereotype Phrase lautet, „er würde seine Aufgabe verkennen, wenn er nicht zu den Kaufleuten oder zu den Journalisten oder zu dem eben versammelten Kongresse käme"; und nicht nur der Champagner, sondern auch diese friedlichen Worte erzeugen eine ganz rührselige Stimmung. Man glaubt, Lueger habe endgültig seine agitatorische und demagogische Vergangenheit abgelegt. Aber kurz darauf hält er, wie neulich in der Brigittenau, eine verhetzende, von Unwahrheiten strotzende Rede, die nicht einmal einer Opposition, die nach dem Ruder strebt, geschweige denn dem Bürgermeister der Stadt Wien sittlich erlaubt ist. Die ältesten, abgedroschenem« Schlager aus dem judenfrefferischen Mechanismus müssen herhalten; erstens „an allem sind die Juden schuld", auch an der ungarischen Krise. Also der Jesuitenzögling Apponyi ist ein Jud', der „Papst der Reformierten" Banffy ist ein Jud', Kosfuth ist ein Jud' und Andrassy ist ein Jud'? Solche handgreifliche Lügen wie die Schuld der Juden an der ungarischen Krise darf fich Lueger unter dem Beifallsgejohle seiner getreuen Knappen erlauben. Man muß sich fürwahr fragen: Wie muß Lueger seine eigenen Parteigenossen verachten, wie tief ihr geistiges Niveau einschätzen, daß er mit solchen jabgestandenen Verdächtigungen, die nicht der leisesten Kritik standhalten, mit solchen Ammenmärchen, die selbst irgendwo auf dem Dorfe auf Widerspruch stießen, ihnen kommt! Seine zweite Prachtleistung war die ebenso erfundene Behauptung, daß die Juden deshalb eine Kultusgemeinde haben, weil sie eine „Extrawurst" (man merkt die tiefen Tön') haben wollten. Ja, wären sonst die p. t. Herren von Wien bereit, für die Kultus- und sozialen Bedürfniffe der Wiener Judenschaft aufzukommen, wenn die Juden auf ihre Sondervertretung verzichteten? Ist nicht vielmehr die KultuSgemeinde einfach (abgesehen von anderen Gesichtspunkten) deshalb eine Notwendigkeit, weil sie sich um Interessen annimmt (oder an«ehmen sollte), die der Staat und die Stadt ei«fach gröblich vernachlässigen. Aber Lueger brauchte wieder einmal den „Jud" als Sündenbock, um gegen die von klerikaler Seite geplanten katholische« Pfarrgemeinden Stimmung zu machen, die ihm nicht in seinen Kram vafsen. Und dazu müssen die Juden herhalten, und der dumme Kerl von Wien geht auf den Leim. Ja, die Gimpel werden nicht alle. Bon der Wiener Kultusgemeinde. Am 24. ds. fand im Sitzungs-saale der Kultnsgemcinde die erste öffentliche Sitzung des Wiener Kultusvorstandes statt. Es ist wahrhaftig nicht einzuschen, warum gerade diese Sitzung für öffentlich erklärt wurde, oder richtiger, warum Venn nicht alle Sitzungen des Borstiandes öffentlich abgehalten werden könnten? Die zwei Beratungsgegenstände der Tagesordnung, die für die Öcffentlichkeit von Interesse wären, mußten — und diesmal mit Recht — von der Tagesordnung abges«. und der vertraulichen- Sitzung zur Beratung überwiesen werden. Sehr peinlich gestaltete sich die Debatte über ein Gesuch von 100 orthodoxen Gemeindemitglicdern des achten und neunten Bezirkes! um Bewillig u n g eines orthodoxen B eth auses im achten! Gemeindebezirke. Peinlicb war diese Debatte aus zwei Gründen, erstens weil es sich herausstellte, daß die A lehnung des Gesuches ausschließlich vom Präsidium ausging, da zwei Mitglieder des Vertreterkollegiums, die Herren Dr. Alfred Berger und Theodor Ritter von T a u s s i g, gegen den Antrag des Vertreterkollegiums sprachen und stimmten. In der Sache selbst gibt es unseres Erachtens nur einen! Standpunkt: Die Kultusgemeinde hat die Pflicht, dafür zu sorgen, daß jeder Jude s e i n e n Gottesdienst verrichten könne, und sie ist sicherlich nicht berechtigt, innerhalbder Gemeinde jenen- Geist der Intoleranz zur Herrschaft gelangen zu lassen,. den wir beim Staat und den anderen Behörden der Gesamtjudenheit gegenüber sooft beklagen müssen. Wir würden diesen Standpunkt auch dann eingenommenhaben, wenn es sich im konkreten Falle nicht nur die Orthodox!« gehandelt hätte. Der bestehende Bethausverein im achten Bezirke dürfte auch materiell durch die Separierung der Orthodoxen nicht geschädigt werden, weil diejenigen, die wirklich mit einem modernen. Gottesdienste nicht .zufrieden sind, den! neuen Tempel auch dann nicht aufsuchen würd-en, wenn ihnen die Errichtung einies besonderen Bethauses nicht gestattet würde. Ungefähr denselben Standpunkt nahmen auch die Vorstieher Dr. Alfred Berger, Marmorek, Salo- Landan, Kaude rs. Dr. Markus Spitzer und Ritter von T a n s s i g ein. Ans Antrag des letzteren chische Philosopie, die doch diese Einheit gesucht hat, in den polytheistischen Voraussetzungen des Volksglaubens befangen -blieb. Nie und niemals hätten sich! die Griechen -dem Monotheismus aus eigenem Antriebe genähert. Dem frommen Gefühle der Griechen ttmö aller Heiden war das Göttliche eiirs- und dasselbe, mochte die Vorstellung es in eine Vielheit von Einzelwesen versplittern oder zur Erkenntnis der Einheit Gottes vorgeschritten! sein, nwchte sie dasselbe in der Form, eines persönlichen Wesens oder als unpersönliche Macht, Weisheit und Güte auffassen. Warum sollten sie also mit dem Glauben brechen? Wir stark mußte daher die monotheistische Idee gewesen sein, wenn es ihren Trägern gelang, ihr zum Durchbruche zuverhelfen? Wo aber lag diese Stärke? Diese Stärke ist nicht bloß in der religiösen Form des Gotteseinheitsgedan-kens, sondern auch ln seinem sozialen Inhalt, in der „Liebe zrnn Nächsten", zu srichen. t Die Not der babylonischen! Diaspora hat die Juden gelehrt, den Wert der von Mosens im Monotheismus begründeten Mensche iw erb rüderung sowie den Wert der individuellen und nationalen Freiheit zu schätzen, und daher zog der Gotteseinheitsbegriff als unzubezlveifelnde Voraussetzung in das Bewußtsein aller Juden in dein Moment ein, in welchem die Entwicklung des Verbrüderllngspro-zeffes begann. Als daun der Monotheismus unter den Heiden verbreitet wuvde, wars ebenfalls die Nächstenliebe, die ihm Vorschub leistete. Gleichwohl hatten die den Naturmenschen noch nahestehenden Volksmassen den im Monotheismus schlum^ mernden wahren Sinn der individuellen und nationalen Freiheit nicht erfaßt und noch lange sich gegenseitig blutig bekämpft. Es mußte noch zwei Jahrtausende dauern, bis sich der soziale Inhalt des Monotheismus, der weder eine bewußte Reflexion noch eine willkürliche Satzung, sondern eine notwendige Folge des gesitteten Lebens ist, in Sozialismus im allgemeinen und in Zionismus im besonderen, kristallisierte. Mit dem! Aufhören der babylonischen Gefangenschaft hat der Monotheismus seine Siegesbahn betreten, nnd mit dein durch den Zionismus herbeizufühvenden Ende des gegenwärtigen zweitausendjährigen Exils wird er seinen vollen Sieg feiern, nvn Kinn nva nvn ♦DnN wi cns nrn' Ben Jakob. Huntes Feuilleton. Eine jüdische Patrizierfamilie in Basel. In dem letzten Hefte der Baseler „Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde" bespricht August Burckhardt-Basel die Geschichte einer aus Kolmar stammenden, in Basel heimisch gewordenen jüdischen Familie Eberler-Grünenzweig, die bald nach ihrer 1302 erfolgte!: Einwanderung in ihrer neuen Heimat großen Wohlstand und sogar eine politische Bedeutung erworben hat. Nachkommen des erstten Einwanderers Eberler wurden aber gegen Ende des 16. Jahrhunderts nicht nur in einen bösen Erbschafts-streit, sondern auch in eine Münzbetrugsangelegenheit verwickelt (ihre Teilnahme daran nimmt August Burckhardt wenigstens als belviesen an). und damit begann der rasche Niedergang des angesehenen Geschlechtes, das tu einem von Professor H. Pantaleon überlieferten Vers aus jener Zeit ausdrücklich! als zum Baseler Patriziat gehörig bezeichnet wird. Das einen roten Eber in gelbem Feld aufweisende Wappen eines zu dieser Familie gehörigen „Junkers" Grünenzweig ist ans einem Gobelin sichtbar, der aus dem Familienschatze des Mathes Eberler stammt und noch heute in: historischen Museum in Basel verwahrt wird. An dieselbe jüdische Patrizierfamilie in Basel soll aber -auch ein in einer privaten Schweizer Kunstsammlung befindliches Spottglasgemälde aus dem Ende des 16. Jahrhunderts erinnern. Wie die „Neue Züricher Zeitung" berichtet, zeigt dieses Glasgemälde ein Wappenschild, das ein weißes Schwein, dasauf gelben Stelzen -geht, iln roten Feld enthält. Auf blauem, oben von g ethischem Astwerk umrahmten Damastgrund liegt eine Bandrolle mit der Aufschrift: „Ich bin ein sw (-in, oder su) und fressen dreck und niin yn inhs mul und louf hinweg." Als Trabanten umstehen das Wappen zwei Säue und linksein Eber, dieser in. Wams, Stiefeln! und Barett, während die eine San mit Narrenkappe, Schelle und Hals-