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Jüdisches Volksblatt · 1905-09-29 · 39 (29.9.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdisches Volksblatt Nr. 39 Krone unter ihr kaudinischeS Joch beugen will — ist ein Koloß auf tönernen Füßen, wie ihre Furcht vor dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht beweist. Nichts aber ist imstande, den Antisemitismus in Zis- und TranSleithanien so zu stärken als wenn die Juden dieser Monarchie weiter Vorschub leisten der brutalen Herrschafts- und Ausbeutungspolitik der heutige« Budapester chauvinistischen Machthaber, welche die ganze Monarchie als sin magyarisches Paschalik betrachten. Die r ü ck st ä n d i g e für unser Volk so verhängnisvolle jüdische Assimilationspolitik wird aber durch nichts besser kennzeichnet, als daß man einerseits, das eigene jüdische Volk feige verleugnet und andrerseits jener „judäomagyarischerck Koterie Helfersdienste leistet, welche heute in Ungarn mit Klerikalen sowie mit Christlichsozialen antisemitischer Färbung Hand in Hand geht und die Hauptschuld an allen Wirren des Donaureiches trägt. Der zioniftisch-jüdischnationalen Bewegung harrt hier eine große Arbeit! Will sie eine jüdische Renaissancebewegung sein, so muß sie sich nicht nur durch das Streben nach einer Heimstätte von der alten assimilatorischen Richtung unterscheiden, sondern auch dadurch, daß sie alles das, was die Massen des jüdischen Volkes in Oesterreich in wirtschaftlicher, politischer und kultureller Hinsicht benötigen, energisch vertritt, und zwar in dem Sinne der Herstellung einer Harmonie zwischen den nationalsozialen Jntereffen der Juden mit den Bedürfnissen der Modernen der übrigen Völker uud den Existenzbedingungen des Reiches. Von diesen Tendenzen geleitet geht die vor einigen Monaten gegründete auf dem Baseler Programme fußende „Jüdische Vereinigung'^ nach den Sommerferien wieder an die Arbeit. Sie will entsprechend ihrem seinerzeitigen Aufrufe die wirtschaftliche und politische Organisation der österreichischen Juden auf nationalsozialer Basis anstreben und energisch eintreten für die physische, geistige und wirtschaftliche Renaissance aller jüdischen Volksgenossen bis zum letzten und ärmsten hinab. Stets eingedenk der Solidarität mit de« Brüdern im Osten will sie alles fördern, was zur Erlangung einer Heimstätte geeignet ist, andrerseits aber die politischen und sozialen Rechte der Juden Oesterreichs wahren und erweitern. Sie will, daß die Gleichberechtigung des jüdischen Volkes mit allen übrigen Völkern der Monarchie endlich verwirklicht werde. Niemals aber wird dies Druckerei von» Esraim B a u m r i t t e r und Jsak Notblatt hergestellt, Nummer 8 in der Druckerei A. Bömberg; Nr. 9—27 bei Jsak Goldmann und von 27 bis 46 in der Druckerei S ch r i f t g i e ß e r. Also 46 Nummern innerhalb 11 Monaten in vier verschiedenen Druckereien! Es scheint, daß der Kampf, den das Blatt gegen die Orthodoxie führte, die Ursache war, daß die Drucker mit dem Blatte nichts zu tun haben wollten. In der letzten Nummer verabschiedet sich der Redakteur von seinem kleinen Häuflein Leser. Er beklagt sich bitter darüber, daß, trotzdem in Warschau 70 000 Juden leben, die keine andere Sprache verstehen, als die jüdische, die „Warschauer jüdische Zeitung" nicht mehr als 150 Abonnenten in Warschau und 80 in der Provinz 'aufzubringen vermochte. Der Inhalt dieser Zeitung bestand, dem damaligen Zeitgeiste entsprechend, aus einem Leitartikel, einem Feuilleton und kleinen Gedichten, besser gesagt, Liedern. Das Feuilleton war satirisch, mit beißender Ironie gegen die Orthodoxie, jedoch zumeist ohne jeden literarischen Wert. Das Hauptgewicht wurde auf die Leitartikel gelegt, in denen mit Feuereifer gegen die Orthodoxie gekämpft lind der Aufklklärung, der „Haskalah" das Wort geredet wurde. Ausrufe, wie: „Genug geschlafen, die Fensterläden sind geöffnet, das Licht der Sonne ist in unsere Gemächer gedrungen!" ' ft« hindern, alle jene Bestrebungen anderer Nationalitäten zu unterstützen, die in den früher aufgestellten Postulaten den Juden Rechnung tragen und mit ihnen gemeinsam an dem Aufbau eines völkerversöhnten, wirtschaftlichregenerierten Oesterreichs arbeiten wollen. Ihr Juden Oesterreichs, erwacht aus eurer Lethargie, erinnert euch an eure Pflichten gegen euch selbst und gegen euer Volk! Helft uns mitbegründen eine Organisation zur Wahrung eurer politischen und nationalsozialen Interessen! Unsere Parole aber wird allezeit sein: Alles durch und alles für das jüdische Volk! *) H. K. Gesamtorganisation der österreichischen Juden. Wir erhalten folgende Zuschrift: Wien, 24. September 1905. Euer Wohlgcboren! Die verschiedenen Strömungen im Zionismus, das Verlangen der Jüdischnationalen nach politischer Gegenwartsarbeit, die Sonderwege der jüdischen Sozialisten, die Abstinenz der Juden der liberalen Partei u. g. m. haben die Zerfahrenheit der jüdischen- Verhältnisse, namentlich in Wien, , so vermehrt, daß für das Judentum als solches das Aergste zu befürchten steht, wenn es nicht gelingt, die Juden wenigstens so weit zu organisievett, daß sie in gewissen Hauptpunkten einig Vorgehen. Schon die drohende neue Gewerbe- und Hausierordnung, die für die nächste Zeit bereits bevorstehenden Wahlen für zirka 70 Gemeinderatsstellen in Wien, die längstens Ende 1906 stattfindenden Rcichsratswahlen einerseits, die Auswanderungsbewegung aus Osteuropa mit Infiltration der Zentren Westeuropas, die systematische Erschwerung der Einwanderung für Juden selbst in Einwanderungsländern, die Vorgänge bei den Kültuswahlen der letzten Jahre andrerseits, sollten alle Juden o h n e Unterschie d d r r P a r t e i st e l l u n g, im Judentum oder im allgemeinen öffentlichen Leben, dazu vermögen, einen Zusammenschluß der Juden in gewissen, a l l g e m eine n Fragen zu suchen und zu finden. *) Beitrittserklärungen und Mitgliedsbeitrag inklusive Schekel X 3.— sind zu richten: „An das Sekretariat der Jüdischen Bereinigung in Wien", 13. Bezirk, «iuzerstratze 396, 1. Stock, Tür 9. Daselbst ist (sowie dnrch den Verlag „Zion", 2. Bezirk, Stephaniestraße) auch die daS Programm der Jüd. Vereinigung enthaltende Broschüre „Jnngjuden uud Jungvsterreich" von Dr. Kadisch um 49 Heller zu beziehen. waren 'stereotype Schlachtrufe gegen die Orthodoxie. Nun ist auch dieser Standpunkt längst überwunden, das Erwachen des jüdischen Volkes hat andere Ziele gebracht. Andere Werte, andere Münzen! — . —sz. Der Sieg des Monotheismus. Außer den Hebräern, bei denen anfangs der monotheistische Glaube die Grundlage einer bloßen Volksreligion bildete, war bei feinem Volke der Erde der Monotheismus die ursprüngliche Form! der Religion. Doch wurde auch bei den Hebräern die reine Geistigkeit Gottes erst allmählich erkannt uud blieb für das Volksbewußtfein noch lange durch widersprechende Reminiszenzen an das altsemitische Heidentum verdunkelt. Dagegen herrschte derPolytheismus bei allen Völkern des Altertums; und wenn auch ein Stamm, eine Stadt oder ein Volk nur eine einzige Schutzgottheit verehrte, so stand dieselbe doch als ein göttliches Einzelwesen den Schutz-« göttern der Nachbarn gegenüber. Zwar hat schon Moses dem Gottesbegriffe durch den Ansdruck m,v der keine Pronomina lsuffixe annimmt und daher nicht als Schutzgott einer Person, eines Stammes oder eines Volkes, sondern als Weltenherr aufzufassen sei, konkrete Gestalt nnd lebendigen Inhalt verliehen, da der Jehovahbegriff das ewige Sein und den Kosmos erfüllende und erhal- Die praktische Lösung der Sache wird auf keine unüberwindlichen Schwierigkeiten stoßen. Ohne die Sache irgendwie präjudizieren oder sie dirigieret: zu wollen, sondern bloß um die Möglichkeit der Organisation zu zeigen, set bemerkt, daß gedacht ist die Beschickung einer Vertrauensmänuervcrsammlung durch alle Parteien der Wiener Juden, also der Zionisten, Jüdischnationalen, jüdischen Freisozialen, Liberalen usw. Diese Versammlung einigt sich über die Punkte des prinzipiellen, aemeinsanstn Vorgehens und erwählt ein Exekutivkomitee, an dessen' Spitze ein- Mann aus der Mitte der stärksten Partei, die dermalen die Kultusverwaltüngspartei oder Union sein dürfte, nt treten hätte, während jeder anderen Partei eine Vizepräsidcntcnstelle zufiele. Die vom Exekutivkomitee in einer der prinzipiell gcmeinsameir Agenden ausgesctzte Narole wäre für die Judenschaft in Wien bindend. (Wenn durchführbar, könnte dann auch die Organisation der prinzipiell gemeinsame n A g e n d e n über Nicdcrösterreich und, unter Zuzug der entsprechenden weiteren Parteien, eine solche über ganz Oesterreich ausgedehnt werden.) Die allererste Aufgabe bestünde aber darin, daß ein kleines Aktionskomitee die bekannten Führer . der jüdischen Parteien in Wien zunächst zu einer unverbindlichen Aussprache einzuladen hätte; das übrige hätten die weiteren Versammlungen selbst nt beschließen. Da ich fett Jahren dem Parteileben vollständig sernstehe und mich Parteirücksichten nicht binden, da ich ferner c§! abgelehnt habe und 'ablehnen werde, mich an leitende Stelle zu fetzen, so daß bei jenen, die mich kennen, die Annahme ausgeschlossen ist, daß ich anders als bloß aus objektiven Gründen vorstehende Anregung gebe, so erlaube ich mir hiermit an die mir persönlich bekannten Vertreter der jüdischen Partei- und Vereinspresse in Wien, also auch an Euer Wohlgeboren das Ersuchen zu stellen, diese Anregung der praktischen Verwirklichung cntgegenzuführen, indem »Lie mit den übrigen Herren der Partei- und Vereinspresse zunächst die Aktion in die Hand nehmen. .. ...._,-i Ich sendete gleichlautende Briefe an die Herren Dr. Jos. B. Bloch („Oesterr. Wochenschrift"), Siegfried Fleischer, Jakob Krausz („Jüdisches Volksblat") und Julius Upnmnv („Die Welt"). Hochachtungsvoll Dr. E. F. W e i s l. tende Wesen, das im Endlichen sich offenbarende Unendliche, in sich schließt. Allein cs verstrichen noch viele Jahrhunderte, bis der mosaische Gottesbegriff Gemeingut aller Juden wurde. So hören wir noch durch' die ganze Zeit der Richter und der späteren Propheten bis zuin Untergänge des Reiches Inda Nachklänge heidnischen' Götzendienstes. Erst mit dem Zusammentritte der Männer der großen Natsversammlung verschwindet im Judentum jede Spur polytheistischen Kults. Was sollte aber die mosaische Gottesidee durch zirka tausend Jahre gehindert haben, in das Bewußtsein der Kinder Israels einzuziehen? Warum gelang es erst Esra, diese in den Herzen einzelner Ausevwählten durch Jahrhunderte eingepreßte Glallbcnsflammc in den breitesten Volksschichten zu entfachen? Ja, warum vermochte nichts in dev Welt seit dem Auftreten der alls der „Esraischen Schule" hervorgegangenen Apostel den raschen. Siegeslauf des Monotheismus zu hemmen? Man könnte darauf erwidern: Der Polytheismus, der das Göttliche in seiner besonderen Erscheinungsform festhält, hat in sich selbst den. Trieb, die Einheit in der Vielheit zu suchen, der, sobald das Leben sich mit sittlichen: Gehalte erfüllt, irnmev bestünjinte monotheistische Elemente in sich aufnimmt. Diese Erklärung der Ursache von: Siege des Monotheismus erscheint aber als ungenügend, wenn man sich erinnert, daß die grie-

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