Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Postadresse: Jüdisches Bottsblatt. Wien. lX>l. Bf$el!Werd<tt wegen verspäteter ober gar nicht erfolgter Zustellung crbillkn Ivir uns dringend. — Maumlirlpte werden nicht xutüchflciiclit. Postsparkasten-Konto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreien. id-4 ißron raiö rutc?b Den geehrten Abonnenten, Inserenten, Lesern und Freunden dieses Blattes entbieten wir anlässlich des Jahreswechsels unsere herzlichsten Glückwünsche! Die Redaktion und Administration des , Jüdischen Volksblatt“ Die österreichischen Juden und die Reichskrise. Der zionistische Parteitag in Prag hat sich einstimmig für die innerpolitische Betätigung ausgesprochen, er hat sich für eine fortschrittliche jüdische Volkspolitik in Oesterreich entschieden und die verschiedenen Distriktsk o m i t e e s beauftragt die diesbezügliche politische A u f k l ä t u ngsarbeit in die Hand zu nehmen. Die Verhältnisse in Oesterreich gestalten sich nun durch die wahnwitzige chauvinistische Politik de^r magyarischen Koalition immer ernster, auf beiden Seiten der Leitha stehen Neuwahlen für die parlamentarischen Körperschaften in Sicht, innerhalb der österreichischen Judenschaft aber herrscht die ärgste Verwirrung und Zerklüftung, sie ist Feuilleton. Beiträge zur Entstehung der jüdischen Zeitungsliteratur. Wenn wir von einer jüdischen Zeitung sprechen, so verstehen wir darunter Zeitungen, die in jüdischer Sprache, oder, wie sie unrichtig genannt lvird, im „Jargon" geschrieben sind. Heute zählen! lvir bereits eine große Anzahl solcher jüdischer Zeitungen in der ganzen Welt, ja sie überwiegen sogar diejenigen jüdischen Blätter, die irr einer anderen Sprache gehalten sind. Viele dieser jüdischen Blätter haben zufolge ihrer weitverzweigten Organisation, wie z. B. das Tagblatt der „Fraind" in' Petersburg, eine Bedeutung erlangt, wie sie manches in einer sogenannten modernen Sprache gehaltenes Weltblatt kaum erreicht hat. Die jüngste Erscheinung ans diesem Gebiet ist das seit kurzem in Warschau erscheinende Tagblatt „Der Weg", dessen! erster Nummer wir diesen' Artikel entnehmen. Bereits vor mehr als achtzig Jahren (Ende 1823) erschien« in Warschau eine jüdische Zeitung unter deur Titel: „D er B eobacht er an der Weichsel". Der Gründer dieses> ersten jüdischen Mattes Aütony E i s e n b a u m (geboren im Jahre 1793) war ein nach den Begriffen jener Zeit intelligenter, aber jedenfalls äußerst begabter Mann. neuerlich im Begriffe sich als Stimmvieh und finanzielles Ausbeutungsobjekt für Parteien mißbrauchen zu lassen, welche bereits Unheil genug für das gesamte Reich und seine Völker, insb sondere für die österreichischen Juden heraufbeschworen haben. Die Sommerferien sind vorüber und es ist daher an der Zeit, den Prager Parteitag s b e s ch l u ß auszuführen und ernstlich an die politische Erziehung sarbeit heranzutreten. Wünschenswert und notwendig wäre die Klärung der Streitfrage zwischen Palästinensern und Territorialisten (v o rläufig ist weder die Erlangung P a l ä st i n a s noch eines anderen Territoriums in Sicht) um so dringender ist es, daß endlich positive, praktische Arbeit in Oesterreich begonnen werde. Es handelt sich nicht um ein sofortiges Hineinstürzen in die innerpolitischen Wirren Oesterreichs, aber um Klärung in den Köpfen, um Schulung, mm Organisation der jüdischen Massen, die jeder größeren Aktion in Zukunft Jahre, vorausgehen muß. Das alte Oesterreich ist in seinen Fundamenten erschüttert, der Dualismus kracht in allen seinen Fugen und immer klarer wird es, daß die in diesem Blatte seit Jahren als notwendig und unvermeidlich bezeichnete staatsrechtliche Umgestaltung des Reiches in ein auf Basis der A u t o n o m i e aller Völker der Mon- Jm Jahre 1823 kamen fünf Nummern, im zweiten Jahre (1824) 37 Nummern des „Beobachters" heraus. Neben dein jüdischen Texte war auch die p o l n i s ch e U e b ersetz u u g dcs> Inhalts gedruckt. Die Ausgestaltung und dev Aufbau des Blattes waren sehr primitiv, die „Artikel" predigten! die Assimilation. Das Papier war dick und schwer und die Schrift nicht Quadrat, sondern die sogenannte „Raschi-Schrift". Interessant ist auch, daß auf dein Blatte weder der Name des Redakteurs, noch des Herausgebers oder des Druckers vermerkt war. Düs Blatt hatte drei Hauptrubriken: 1. „.Nachrichten aus dem, Jnlande", 2. „Nachrichten aus dein Auslande" und 3. „Verschiedenes". Auch eine „Humoristtische Ecke" kommt hie und da zum, Vorschein, die durch Anekdoten und lustige Bemerkungen, „über ausländische Lotteriezetteln" ausgefüllt wird. Die „Nachrichten aus dem Jnlande" enthielten hauptsächlich Regierungsbefehle, während die anderen Rubriken fast ausschließlich der.damaligen Emanzipationsbewegung, Mendelssohn usw. gewidmet waren. Bezüglich des ersten Redakteurs Antony Eisenbau m erzählt N u ß b a u m in seiner „Jüdischen ^schichte" und in den „Historischen Skizzen" (beide polnisch), 5aß E i s e n b a u m im Jahre 1826 Rektor der Warschauer Rabbinerschule wurde, ivelchen Posten er bis zu seinem im Jahre 1862 erfolgten Tode innehatte. Jeder Rabbiner nrußte I archie aufgebautes Neuösterreich nicht weiter aufgeschoben werden kann. Der zusammentretende österreichische Reichsrat findet wieder die ungelösten seit Jahrzehnten uns beschäftigenden deutschtschechischen, polnisch-ruthenischen und italienischsüdslawischen Streitfragen vor, die alle aber durch das bisher so verkehrt behandelte Ungar is che Problem in den Hintergrund gedrängt wurden. Die ungarische Frage kann aber niemals durch ein einseitiges Kompromiß mit der reaktionären magyarischchauvinistischen Koalitionssippe sondern nur als Teil des österreichischen Gssamtproblems durch eine Verständigung aller zisleithanischen und aller transleithanischen Völkerschaften (im Sinne der Glsichber e ch t i g u n g und Autonomie) auf Grund einer neuen modernen, einheitlichen Reichsverfassung gelöst werden. Welche Stellung aber nehmen die Juden in dem großen Umgestaltungsprozeß der Monarchie ein? Abgesehen von der Masse der Indifferenten und von der Politik Angeekelten lassen sie sich als Kanonenfutter von der magyarischen Oligarchie und ihren zisleithanischen Satelliten mißbrauchen. Die in Ungarn herrschende magyarische Koalitionsclique aber, welche alle nichtmagyarischen Völkerschaften brutal vergewaltigt, das arbeitende Volk (auch magyarischer Zunge) politisch entrechtet und wirtschaftlich ausbeutet, Zisleithanien und die die Approbation Eisenbaums erlangen, ohne welche nicmanv einen Rabbinerposten in Polen bekleiden durfte. /. Ein einziges Exemplar dieser Urahne der jüdischen Zeitungsliteralur befindet sich in der Warschauer Synagogenbibliothek. Der „Beobachten an der Weichsel" konnte nicht lange auf seinem, Beobachtungsposten bleiben, denn, er vollendete nicht einmal dm zweiten Jahrgang. Er war nach der 37. Numimer als erstes mißglücktes Experiment auf dein Gebiete jüdischer Journalistik „wegen Mangels an, Abonnenten" ein,gegangen. Vierundvierzig Jahre später, m Jahre 1867, erschien in, Warschan das zweite jüdische Wochenblatt, die „Warschauer jüdische Zeitung". Diese Zeitung war ausschließlich jüdisch, ohne polnische Uebersetzung, und, hatte, was Papier, Druck und innere Ausgestaltung betraf, einen „europäischen" Anstrich. Redakteur und Drucker waren angegeben, ja sogar eine Liste der „Hauptmitarbeiter" fehlte nicht. Der Preis der Zeitung betrug 3 Rubel jährlich für Warschan und 3 Rubel 86 Kopeken für die Provinz. Der Redakteur der „Warschauer jüdischen Zeitung" war ein gewisser Htllel G l e'i tst e r n. und in der Liste der Mitarbeiter konnte man Namen finden, wie A. M. D y k, Moriz Ge l ki n (Bankier), Paltiel Sam os Ht s ch n i, Dr. E t t i n g e r, Aron Ten n e nbaum, Hirz Hakohen Neun«nowitsch usw. Die ersten 7 Nummern wurden in der