Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2432763-2433077-2433115--3181-2437114- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 38 Jüdisches Volksblatt im Verhältnis ihrer Seelenzahl entfallende Subvention auszufolgen. Juden in galizischen Schrrlett. Man ereifert sich so gern über die Behandlung der Juden in den Schulen Rußlands, wo die prozentuelle Zulassung der Juden zu den öffentlichen Schulen schließlich im Gesetze begründet ist, während wir dasselbe Schauspiel auch bei uns in Oesterreich, im Reiche der Gleichberechtigung aller Staatsbürger, erleben können. So wird uns zum Beispiel mitgeteilt, daß ins Mädchenseminar in Przemysl nicht mehr als ein Prozent jüdischer Schülerinnen ausgenommen werden, und daß bei Schulbeginn mit peinlicher Genauigkeit darauf gesehen wird, daß dieser Prozentsatz nicht überschritten werde. Ein ähnlicher Geist herrscht auch in der Lemberger Mickiewicz- Schule für Mädchen, wo die Direktion Heuer die Trennung der jüdischen Schülerinnen von der christlichen durchgeführt hat. Die Juden LembergS lassen sich einen solchen Affront gefallen, obgleich sie diese Schule in solchem Maße beschicken, daß die „Jüdische Seite" fast größer ist als die bevorzugte christliche. Wenn sie sich's gefallen lassen, verdienen ste's auch nicht besser. Aufgelassene Synagogen. In Jebenhausen (Deutschland) wird gegenwärtig die am Anfang des vorigen Jahrhunderts erbaute Synagoge abgebrochen. Da§ Gebäude diente schon seit geraumer Zeit nicht mehr zu kirchlichen Verrichtungen. Die einst verhältnismäßig große jüdische Gemeinde Jebenhausen ist seit 1848, in welchem Jahre den Israeliten die bürgerliche Gleichberechtigung gewährt wurde, durch Wegzug der meisten Gemeindemitglieder allmählich so klein geworden, daß von einem Gottesdienste schließlich nicht mehr die Rede sein konnte. Auf der Stelle der Synagoge soll eine Turnhalle erbaut werden. — In Pflaumloch, wo sich die israelitische Gemeinde aufgelöst hat, hat der Stuttgarter Bankier A. Pflaum die Synagoge käuflich erworben und wird dieselbe zu einem philanthropischen Zwecke verwenden. Zwei Minister. Die zurückgetretenen zwei Minister Freiherr von Call und Dr. v. Härtel haben, so verschieden sie sonst waren in einem Punkt etwas Gemeinsames, sie waren, selbst fortschrittlich gesinnt, bereit, vor jeder reaktionären Strömung zurückzuweichen. So ist es auch für uns Juden unter diesen Ministern sicher nicht besser geworden. Man vergesse nicht, daß Dr. v. Härtel nicht nur Minister für Unterricht, sondern auch Minister des Kultus war. Aber obwohl auf dem Papiere der jüdisch« Kultus gleichberechtigt ist mit allen anderen, so braucht man nur einen Blick in das Kultusbudget zu werfen, um zu sehen, wie der jüdische Kultus neben den Millionen, die der katholische, protestantische und griechisch-katholische empfangen, nichts, aber nicht einen roten Heller vom Staat empfängt. Vielleicht interessieren sich die jüdischen Abgeordneten für diesen Umstand. Freiherr v. Call hat seinerseits allen Versuchen, das Handwerk mit e'ner chinesischen Mauer zu umgeben, keinen Widerstand entgegengesetzt. Und doch hätte er nur einen Blick nach Deutschland herüberwerfen müssen, um zu sehe«, wie die deutsche Regierung aus Staatsraison sich den Forderungen der Zünftler entgegenstemmt, obwohl sie geradeso wie die österreichische sich gern parlamentarisch auf diese und ihnen nahestehende Kreise sich stützt. Aber wenn es das Wohl des Ganzen betrifft, hat die deutsche Regierung den Mut, ihren Freunden zuzurufen: Bis hierher und nicht weiter! Die österreichische Regierung aberläßt sich von Schneider, Doboszynski & Co. am Gängelbande führen. 8. Musikschule Profesior Adler. Professor Adler hat den Unterricht für Damen, Herren und Kinder in Klavier, Violine usw. in seiner Schule begonnen. Die Einschreibungen finden täglich 6. Bez., Nohauergasse Nr. 4, statt. Eine ausgeraubte Synagoge. Aus Nyiregyhaza (Ungarn) wird uns berichtet, daß letzten Donnerstag nachts unbekannte Täter die dortige Synagoge ansgeranbt haben. In ihrer Wut darüber, daß sie keine Sammelbüchsen vorfanden, zerstörten sie alles, was ihnen in die Hände fiel. Auch entwendeten sie die heiligen Thorageräte. Der Schaden beträgt über zweitausend Kronen. Born Krakauer Kultusrat. In einer seiner letzten Sitzungen hat der Krakauer Kultusrat beschloffen, den Zionisten Julius Schönwetter an Stelle des Herrn M. Ehrenpreis in den Vorstand zu berufen. Eine lebhafte Debatte wurde Über den Antrag Dr. Samuel T i l l e s geführt, welcher den Vorschlag machte, daß die Kultusgemeinde das von Dr. Rappaport de Porada zur Errichtung eines Kinderspitalgespendete Stiftungskapital von 70.000 Kronen zur Konversion dsr auf der Synagoge lastenden Bankhypothek verwendet werden möge. Auf diese Weise würde die Gemeinde nach Ansicht deS Antragstellers von der drückenden Zinsenlast mit einem Male befreit werden. Mit Recht wendete Dr. Lachs dagegen ein, daß das Stiftungskapital des Dr. Rappaport ein Heiligtum sei, welches für eine« bestimmten, sehr wichtigen Zweck gespendet wurde und unter keinen Umständen zu welchem anderen Zwecke immer verwendet werden dürfe. Rach längerer Debatte wurde beschloffen, die nächste fällige Ratte dem Rappaportschen Stiftungskapitale zu entnehmen und über die endgültige Regulierung der Frage in der nächsten Vorstandssttzung einen definitiven Beschluß zu fassen. Am Schluffe der Sitzung wies der Präsident der Kustusgemeinde in beredten Worten auf die Tatsache hin, daß sich der Mangel eines Oberrabbiners immer mehr fühlbar mache, worauf beschloffen wurde, zur Besetzung des Postens eines Oberrabbiners einen Konkurs auszuschreiben. Freistadt i. Schl. Hier wurde Herr Dr. G. M. Mehrer einstimmig zum Gemeinderabbiner gewählt. Herr Dr. Mehrer, ein Absolvent der Wiener israelitischen theologischen Lehranstalt, zeichnet sich sowohl durch sein bedeutendes talmudisches Wissen wie auch durch sein hervorragendes Rednertalent aus. Den Wiener Juden ist Herr Dr. Mehrer, ein strenger Notionaljude, noch von seinen geistreichen Bibelvorträgen, die er während einiger Jahre jeden Freitag-Abend in der hiesigen Toynbee-Halle zu halte» pflegte, in guter Erinnerung. Wir können den Freistädtern zu ihrer Wahl nur gratulieren. Podiebrqd. In der alten böhmischen Stadt Podiebrad fand am 10. d. M. eine zionistische Versammlung statt, zu der sich etwa 150 Teilnehmer eingefuuden hatten. Rach einer Begrüßung aller Erschienenen besonders der Vertreter des böhm.-zionist. D.-K., der Vereine „Zion", Kolin, „Zion", Kuttenberg. „Bar-Kochba" und .Fraternitas", Prag durch den Einberufer Herrn H. Brod, wurde der langjährige Vorsteher der Podiebrader Kultusgemeinde Herr A. L. Kantor zum Ehrenpräsidenten, H. Brod zum Präsidenten, Herr Fuchs und ing. cand. O. Fantl zu Schriftführern gewählt. Das Referat über „Die Judenfrage" hatte Herr L. Markus aus Kuttenberg. Für seine inhaltsreiche, begeisterte und wirksame Rede in tschechischer Sprache erntete Redner lebhaften Beifall. Die darauffolgende Debatte, an der sich die Herren Weiß, Fuchs, Brod, Goldstein, Kobler, Beutler, Markus, Heller, Millrad, Se. Ehrw. Rabbiner Polest, Schriftsteller Kohn, Ing. cand. O. Fantl und sind. G. Fantl beteiligten, zeichnete sich durch ihre Sachlichkeit und Lebhaftigkeit aus. In einem schwungvollen Schlußwort richtete sodann Referent an die Anwesenden die Aufforderung an unserem großen nationale« Befreiungswerks mitzuwirken. Für die im Entstehen begriffene Ortsgruppe haben bereits 25 Mitglieder ihren Beitritt angemeldet. Für den N.-F. wurde gesammelt. Am Abend fand ein animiertes Tanzkränzchen statt. Reichenberg. Bei den am 8. und 10. September 1905 vorgenommeuen Neuwahlen in die Vertretung der israelitischen Kultusgemeinde in Reichenberg wurden gewählt als Mitglieder des Kultusgemeindevorstandes die Herren: Lud. Edelstein, Kaufmann; Josef Gottlieb, Kaufmann; Josef Lazansky, Kaufmann; Dr. Rudolf Reumann, Fabriksbesitzer; Josef Pollak sen., Privatier; Dr. Wilhelm Schnürmacher, Advokat; Alois Soudek, Kaufmann; Dr. Wilhelm Fleischer, Advokat; Max Langstein, Fabrikant; Siegmund Meller, Kaufmann; Dr. Emil Peres, Advokat; Hugo Schnabel, Kaufmann; Dr. Isidor Schur, Advokat, und Eduard Soyka, Privatier, sämtlich in Reichenberg; zu Ersatzmännern die Herren: Emil Deutsch, Kaufmann; Karl Deutsch, Gesellschafter der Firma Karl und Edmund Deutsch; Wilhelm Fleifchner, Kaufmann; Edmund Raubitschek, Kaufmann; k. k. Professor Leo Schöngut und Dr. Alfred Soudek, Advokaturskanditat; als Mitglieder des verstärkten Kultusgemeindevorstandes die Herren: k.k. Professor Johann Beer; Gustav Breslauer, Kaufmann; Otto Fantl, Kaufmann; Benedikt Fischer, Kaufmann; Viktor Lederer, Kaufmann; Dr. Adolf Metzl, k. k. Bezirksarzt (Friedland); Leo Reumann, Fabrikant; k. k. Gerichtssekretär Josef Rosenseld; Arnold Schnitzer, Kaufmann; Dr. Siegfried Schulhof, Advokat; Emanuel Spitz, Kaufmann; Alois Weidmann, k. k. Bezirkstierarzt; Gustav Winternitz, Fabrikant (Grottau); als Revisoren die Herren: Josef Freyberg, Kaufmann und Ludwig Schorr, Kaufmann; als Mitglieder der Amlagenkommiffion die Herren: Wilhelm Fischl, Ignaz Hersch, Ludwig Kraus und Leopold Sternschuß, sämtlich Kaufleute in Reichenberg, und als Ersatzmänner der Umlagenkommiffion die Herren: Samuel KrauS, Kaufmann, und Emil Meller, Fabrikant in Reichenberg. Temyelweihe. Im Extravillan des VII. Bezirkes in Budapest wurde am 17. d. M. ein neues israelitisches Gotteshaus in feierlicher Weise eingeweiht. Die Bürger israelischer Konfession jenes Stadtteiles hatten stch in großer Anzahl zur Feierlichkeit eingefunden; auch die israelitische Religionsgemeinde war durch eine Abordnung, bestehend aus den Herren Vorsteher Dr. Wilhelm Grauer, Rabbiner Dr. Simon (Händler) H e v e s i und Stadtrepräsentant G. Ehrlich, vertreten. Aus den naheliegenden Kasernen waren auch zahlreiche israelitische Angehörige des Militärstandes erschienen. Die Einweihung nahm Rabbiner Dr. Simon Hevesi mit einer tiefempfundenen Ansprache vor, worauf Oberkantor Professor Lazarus die rituellen Gesänge vortrug. Sodann wurde das ewige Licht angezündet und der „Hymnus" gesungen, womit die erhebende Feier ihren Abschluß fand. An der Spitze des neuen Gotteshauses steht der Vorsteher Samuel Rotier; die Errichtung des neuen Tempels ist in erster Reihe der Opferwilligkeit der israelitischen Religionsgemeinde zu verdanken, doch haben auch ewige Gemeindemitglieder, wie die Herren Gustav G. Ehrlich, Edmund H ö r m a n n, die Brüder Halm, Schuldirektor C s e r e y u. a. namhafte Spenden beigetragen. AlkoholiSmns und Judentum. Vorige Woche fand in Budapest der „Zehnte internationale Kongreß gegen den Alkoholismus" statt, im Verlaufe dessen vielfach die besondere Mäßigkeit der Juden betont und anerkannt wurde. Einer der Referenten (Prof. K a s s owitz) führte unter anderem folgendes aus: „Ich habe zwei Kindergruppen beobachtet: Zöglinge der ungarisch-israelitischen Taubstummenanstalt und Besucher der Budapester Gratismilchanstalt. Unter 389 Taubstummen des erwähnten Institutes fand ich bloß 8, bereu Eltern Alkoholiker waren. Diese niedrige Zahl wird durch die Mäßigkeit der Juden erklärt, denn der berühmte Forscher Saint H ilai re konstatierte, daß von 177 taubstummen Kindern 46 von Alkoholikern abstammen. Essegg (Kroatien). In der letzten Nummer brachten wir auf Grund eitles uns zugekommenen Berichtes die Mitteilung, daß der Oberkantor von Essegg, Herr F r i ö r a ch, eine Berufung nach Bukarest nicht angenommen, sich vielmehr entschlossen habe, ans seinem Posten in Essegg zu bleiben. Mul wird llns voll wohkinformierter Seite mitgeteilt, daß Oberkailtor Fridra ch nunmehr seine Absicht geändert und der Berufung nach Bukarest Folge geleistet habe. Köln. (5 0 j tt h r i g e s A m t s j n b i l ii'u m als Rabbi« er.) Am Svllntag den 24. September begeht der infolge seiner langjährigen Düsseldorfer Amtstätigkeit am Rhein in bestem Andenken stehende Oberrabbiner Dr. W. Feilchenfeld in Posen sein 50jähriges Amtsjttbilünm. Am selben Tage feiert seine Gattill ihren 70. Geburtstag. Die zahlreichen Verehrer und Freunde, ehemaligen Schüler und Schülerinnen des greifen, llvch sehr rüstigen Jubilars werden sicherlich mit großem Interesse von dieser Nachricht Kenntnis nehmell. Breslau. Die Lemberger Synagoge hält mir noch bis nach dem LanbhiitteNfeste Gottesdienst . ^b, da das Grundstück Karlsstr. 30 „zllm goldenen Hirschel" mit dem 1. Oktober d. I. in den Besitz des Herrn Oskar Mallasse übergeht, der den umfangreichen Hänserkomplex abreißen und ans dem großen Areal eine Geschäftspassage von der Karlsstraße bis nach der Wallstratze (vis-a-vis der Rück-, front des kaiserlichen Palais) errichten will. Indes hat der neue Besitzer dem Vorstände noch für den Mollat Oktober das Recht eingeräumt, die Synagoge zu benützen. Dann fällt wiedernm ein