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Jüdisches Volksblatt · 1905-09-22 · 38 (22.9.1905) · page 12

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
38 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Jüdisches Yolksblatt Nr, 38 Stück Akt-Breslan in Trümmer. Die Lemberger Synagoge, eine Gründung galizisch-polnischer Juden, welche zur Messe nach Breslau kamen und bas kaiserliche Privilegium besaßen, sich geschästs- Hakber hier aufzuhalten und eine Betstube zu errichten, hat nachweislich schon 1722 bestanden, da in diesem Jahre der Lemberger Scham es (übrigens auch ihr geschäftlicher Vertreter) urkundlich vorkommt und aus dieser Zeit noch ein Thora-Bor- Hang bewahrt wird. Ihre letzten Vorsteher sind die Herren Spediteure Valentin Elias und D. N. Schlesinger und Lal. Maser. Insbesondere verkörpert Herr E. das lebendige Bild eines Breslauer Synagogenvorstehers, der nur für seine „Schul" lebte und in ihr ausging. Nach den Feiertagen soll eine Generalversammlung über die -weitere Existenz der „Schul" beschließen. Im Falle der Auflösung sollen die Heiligtümer, um sie vor Profauatiou zu schützen, anderen Synagogen zugute kommen. Die Esrog-Saison ist wieder da und ein großes Veemögen wandert wieder aus jüdischem Besitze in die Taschen notorischer Judenfeinde, nämlich der griechischen Pflanzer. Laienhaftes Vorurteil hat von jeher den Esrogim aus Korfu wegen ihrer „Schönheit" den Vorzug gegeben. Solange wir keine Esrogim aus Palästina beziehen konnten, mochte ein solche- Vorgehen hingenommen werden. Nun aber, da heute auch Esrogim von jüdischen Pflanzern aus Palästina erhältlich sind, ist die Bevorzugung Korfuer Esrogim geradezu sträflich. Dazu kommt noch, daß die Griechen — wie aus Triest berichtet wird — ein Kartell geschlossen und für Korfuer Ware heucr das Dreifache des vorjährigen Preises begehren. Begründet wird diese Auswucherung der religiösen Juden damit, daß die Esrogernte Heuer angeblich schlecht ausgefallen sei. Es sei hier jedoch daran erinnert, daß die griechischen Pflanzer vor zwölf Jahren nachgewiesenermaßen die „schöne" Ware geflissentlich vernichteten oder verunstalteten, um „den Juden die Festesfreude zu verderben". Es ist nicht ausgeschlossen, daß wir auch diesmal einem solchen Frevel gegenüberstehen. CS wäre Aufgabe gerade der Zionisten, gegen diese Ausbeutung der religiösen Juden die eifrigste Propaganda zu machen und dadurch einen wichtigen Erwerbszweig der jüdischen Kolonien Palästinas zu fördern. Ludwig Axamethy. Wie aus Budapest berichtet wird, wurde Ministerialrat Ludwig A x a m e t h y in den Ruhestand verseät. Axamethy — kein Jude — war im königlich ungarischen Ministerium für KultuS und Unterricht mit der Leitung der Sektion für Angelegenheiten der nichtkatholischen Religionen betraut und hat in dieser seiner Stellung die verwickelten Fragen der Konfessionen mit feinem Takt und großem Scharfsinne geleitet. Sein Scheiden aus dem Ministerium wurde auch von den Juden Ungarns mit großem Bedauern ausgenommen. Anläßlich seiner Pensionierung gestattete der Kaiser, daß Axamethy die allerhöchste Anerkennung bekanntgegrben werde. Die gefundene Handschrift. Eine wahre Geschichte von Oskar T. Schworiner. (Fortsetzung.) II. „Weil das andere wohl nicht der Wahrheit entsprochen hätte." „Nun also," sagte der Alte nur. „Es ist wahr," meinte Joseph, „die Folgen wären unabsehbar gewesen." „Unabsehbar?!" rief der Alte erregt, „nein, absehbar. Sehr wahrscheinlich wäreu wir heute ein mächtiges Volk in Zion — aber wir tvaren zu ehrlich." Wieder herrschte lautlose Stille im Zimmer. Das Ticktack der Wanduhr auf dem Kamin schallte förmlich. Jeder der beiden Männer hatte die Ellbogen auf den Tisch gesetzt und hing seinen Gedarrten nach. So mochten etwa zehn Minuten vergangen sein, als der Alte, ohne aufzublicken, plötzlich fragte: „Ludanyi weih, daß du Jude frift?" Joseph fuhr zusammen. Dann lächelte er. „Hast du mich, erschreckt, Großvater! Ob er es weiß? Bei dein Ponim!" Der Alte ging nicht auf den Scherz ein. „Und doch behält er dich — dev Antisemit^ „Das hat doch wohl seine Gründe," meinte Joseph vubig. „Zwar behauptet er, als er mich engagierte, wußte er nicht, daß ich Jude sei. Er habe es erst erfahren, als ich ihmeinmal meine Meinung sagte für einige antisemitische Aeußerungen, die er ln meiner Gegenwart fallen ließ; so sagt er! Ich meine, er hat sich's schon immer gedacht, konnte aber sonst den rechten! Mann nicht finden." Der Alte lächelte stiolz, während Joseph fortsetzte: „Als er es nun von nur gehört hatte, meinte er, wenn alle so wären wie ich, dann gäbe es keine Antisemiten, aber die Ausnahme beweise auch in diesem Falle nur die Regel. Dafür gab's wieder einen ordentlichen Streit. Jetzt! stehen wir uns ganz gut. Ich bin ebendie Ausnahme für ihn." Nach einer kurzen Pause fuhr Joseph fort: „Aber weißt du, Großvater, ich glaube, den Hauptgrund habe ich dir noch nicht genannt. Ich habe so -eine Ahmmg, daß er, der Antisemit, in diesem Falle einem Juden sogar dm Vorzug gegeben hätte, denn daß er große Sachen mit seiner Tochter vor hat, das wissen Marie und ich ganz genau. Und so ein gewöhnlicher Jude — der konnte seiner Tochter nicht gefährlich werden, das war doch gänzlich ausgeschlossen. Komisch, was?" Der Alte nickte ernst. „Der ist wohl sehr stolz auf seinen Adel, was?" fragte er. „Und ob. Adel ist für ihn dev Inbegriff alles Hohen- und Großen. Das ist's ja eben. Reich ist er, steinreich. Also Geld braucht sein Schwiegersohn nicht zu haben. Aber adlig muß er sein, sehr adlig. Je adliger, desto mehr Mitgift." „Und was sagt Marie?" „Das gute Kind! Die wird sich verschachern lassen mi-d -an gebrochenem Herzen zugrunde gehen." Ter Alte nickte wieder. „Nicht so schnell," murnulte er dabei. Dann hob er plötzlich seinen Kopf und blickte seinen Enkel gespannt an, während in seinen Augen jenes Feuer aufflammte, das da jedes Mal zu sehen war, wenn ihn. etwas stark bewegte o-ber, seine Energie au frö stelte!. „Also so 'stolz ist er auf seinen Adel, was?" fragte er so ruhig wie möglich. „Und wie alt ist dieser Adel, wie weit kann' er seinen! Stammbaum zurückführen?" Joseph war aufmerksam! geworden. Er kannte diese Symptome, dieses- Leuchten der Augen. Ter Alte hatte etwas in petto, irgend einen Gedanken, von dem -er sich viel versprach. Joseph war sehr neugierig, als er antwortete: „Bis znm 11. Jahrhundert sind wir schon gekommen, in ganz gerader, männlicher Linie, doch da hört die Spur plötzlich auf." „Großartig," meinte dev Alte feurig. Und dann fügte er leiser, zuerst nachdenklich, dann zuversichtlicher hinzu: „Es wird, vielleicht schwer halten, aber — mit Gottes Hilfe wivd's schon werden." „Was, Großvater?" fragte Joseph gelspanni. Der Alte sah den.Neffen einen Moment starr cm, dann antwortete er langsam': „Einen Jehud-i ausihm pi machen." „Aus wem," rief Joseph, der seinen Oh von nicht traute. „Aus Ludau-Yi," antwortete Reb Jehuda ruhig. „Schau mich nicht so schrecklich an-," setzte er lachend fort, als Joseph keine Worte finden konnte, „ich bin durchaus nicht verrückt, wie du zu glauben scheinst." Und einen Moment später: „Komm, mein Kind, jetzt ist's wirklich Zeit, schlafeir zu gehen." Und ohne weiteres machte sich der alte Mann darail, feilt Nachtgebet zu verrichten. Joseph folgte seinem Beispiele. Aber seiile Gedanken wareil nicht bei feinem Gotte — wieder und wieder fragte er sich, ob delm sein, Großvater schon so alt sei — doch ein Blick auf die lloch rüstige Gestalt und die lebhaften Augen genügte, u-nl ihm die richtige Antwort p geben. Und so beendete er denn kopfschüttelnd seilv Nachtgebet; kopfschüttelnd löschte er die Lampe ans; kopffchüttelnd togie er sich p Bett. * » * Einige Monate später, an einem Samstag, standen sich zwei junge Leute itn Bibliothekzimmer der prächtigen Ludanyischeu Villa gegenüber. Es waren Josef Naschitz und Maria Ludanyi. Draußen dunkelte es bereits sehr stark, im Zimmer selbst mit feinen dunkelbraunen Nußbaumläfclungen an. Wänden und Decke, mit ben riesigen Bücherregalen mit grünen. Vorhängen und ben massiven Bücherspinden war es bereits ganz dunkel. Sie standen! an einer E!ckc -des großen eichenen Tisches, auf dessen Kante sie ihre Hand gestützt hatte. Ihre Gesichter waren verdächtig nahe zusammen, ihre Blicke schienen die Dunkelheit durchbohren zu. wollen in dem Bemühen, sich in die Augen zu blicken. Sie sprachen im Flüstertöne. „Und ich habe mich so geängstigt," sagte eben Maria. „Aber liebes Kind, du weißt doch, es ist hellte Samstag-, ich konnte doch den Sabbat nicht schänden." „Ach du Böser — immer mit deiner Frömmigkeit, mal könntest du doch den Gottesdienst schwänzen,. besonders da du weißt, daß Vater heute abends von dev Reise zurückkomint." „Aber das habe ich ja schon getan. Ich war heute abends gar nicht in dev Synagoge — deinetwillen." „Dennoch kommst du so spät?" „Ja, Kind, bis hier hinaus zur Andrassyut ist's ein langer Weg, und ich mußte ihn doch zu Fuß zurücklogen." „Doch zu Fuß? Wieso doch?" „Nun, wir dürfen ja am Samstag nicht fahren." „Am Samstag nicht fahreil!? Dü, Joe, bu bist mir doch nicht böse, wenn ich-'s sage, aber weißt du, das — das finde ich zum mindesten — na, komisch. Den Grund davon mußt du mir erklären." „Sollten wir uns nichts anderes mitpteileu haben?" lenkte Joseph lächelnd ab, dabei legte er seine Hand um die Taille des Mädchens und zog es an sich. Und dort im Dunkeln tauschten! sie ihre Küsse ein, wie immer, wenn sie alleinwaren. Sie flüsterten sich Liebesworte ins Ohr und schwuren sich ewige Treue — zwei sich wahrhaft liebende Menschen. Und dabei war es beiden, so schwer ums Herz. Denn daß sie sich jemalswürden angehören dürfen, das glaubte keiner von beiden. Joseph fühlte plötzlich Trän eil! auf Marias Wangen. „Aber Liebling, nicht doch — wer wird denn immer gleich den Mut verlieren. Und wir wollten doch niemals von der Zukunft sprechen — niemals." „Und sprechen doch immerzu davon," fiel Maria wehmütig lächelnd ein. Draußen näherte sich eine Droschke, vor dem Hanse schien sie halten zu wollen. „Himmel — wenn das schon- Vater sein sollte! Schnell, Joe, mach Licht!" Und während Joe zur Tür eilte, um das elektrische Licht anpdrehen, hatte sich das Mädchen mit einem Ruck in einen der um den Tisch -herumstehenden Stühle geworfen, ein Buch aufgeklappt und schien eifrig mit Lesen beschäftigt. Gleich darauf saß. Josef ihr am Tische gegenüber. Di>e Droschke war vorübergefahren. Wie auf Kommando atmetendie beiden jungen! Leute tief auf, sahensich an und lachteil. „Das war ein Schreck — washast du denn für ein Buch erwischt?" fragte Joseph belustigt. Sie blickte aufs Titelblatt. „Jstauur," rief sie aus. „Das hätte gefehlt. Die Welträtsel." „Verboten?" „Verboten — und ob. Erstens, die Welträtsel, diese Ketzerschvift, ich, frrnn sie übrigens bald allswendig — nebenbei; zweitens Haeckel, dev Ketzer, drittens Deutsch, Deutsch — nein Joe. Weißt du, was das heißt, wennein guter Ungar Deutsch liest? Das heißt Hoch verrat." „Sagt dein Vater," vollendete Joe, und beide lachten herzlich. „Wer wenn er so denkt,, warum hat., er dich denn in dev deutschen Sprache rmtorrichten lassen?-" (Fortsetzung folgte j|

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