Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2432763-2433077-2433115--3175-2437108- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 38 Jüdisches Volksblatt Seite h lieh die Magd einen erhöhten Platz besteigen, damit das Publikum sehe, daß sie lebt und ihr nicht nur kein „Blut abgezapft", sondern auch kein Haar gekrüimut wurde. Aber die nunmehr aufgeregte Menge bezweifelte, daß dies dieselbe Magd sei, denn sie hatte nicht die Schürze an, die kurz zuvor auf ihr gesehen loitrbc. llnt diesen Blödsinn kümmerte sich die Polizei nicht mehr, sondern; zerstreute die Menge, aus deren Mitte antiseuntische Rufe ertönten. Noch gegen sechs Uhr abends bildeten sich aufgeregte Gruppen vor km Gewölbe Feldhei m s. Unter der Menge, die sich gleich zu Beginn Var dem Hause angesammelt hatte, befanden sich viele Bauern aus den umliegenden Dörfern, die nun zu Hause darauf schwären, der „Blutmord" sei in Nyircgyhaza tatsächlich verübt worden. Die Mordgeschichte wird mit schauerlichen Einzelheiten ausgeschmückt. Das betörte Volk m den Dörfern glaubt rnur fest, daß die Juden in Nyiregyhaza einen „Nitnalmord" verübt hätten; und spricht mit Erbitterung über die Polizei, die die „Juden in; Schutz nimmt" und sie nicht ihrer aufgestachelten Leidenschaft ausliefern wollte. Jochanan. Vermischte Nachrichten. Ueber die Wichtigkeit einer jüdischen Realpolitik enthält die jüngste Nummer des Czernowitzer zionistischen „Jüdischen Wochenblattes" einen sehr beachtenswerten Artikel. Diese Anssührungen sind umso beachtenswerter, als man es von zionistischer Seite bisher nicht gewohnt war,. die Notwendigkeit einer jüdischen Nealpolitik in Oesterreich betonen zn hören, aber auch beachtenswert deshalb, weil sie als ein Notschrei derjenigen jüdischen Volksmasse des Reiches betrachtet werden mutz, die den Mangel einer jüdischen Realpolitik am eigenen Leibe und am empfindlichsten spüren. Hier die markantesten Stellen des Artikels: „Wir Inden können uris nicht mit Realpolitik befassen, philosophiert ein Teil unserer Politiker, und zwar schon aus dem Grunde nicht, weil wir nicht in der Lage sind, Abgeordnete in den Reichstag und Landtag frei als Inden zu wählen. Durch unsere wirtschaftliche Lage seien wir von den anderen abhängig und seien daher bei den Wahlen immer gezwungen, mtf die Wünsche, oft gar aus die Befehle von „oben" Rücksicht zu nehmen. Es wiirde sicherlich nicht schwer fallen, die ilknhaltbarkeit dieser Argumentation nachzuweisen und. den Beweis zn führen dafür, daß« uns diese Art von Wahlpolitik mehr geschadet als genützt hat. Aber gesetzt, daß nur wirklich keine Wahlpolitik treiben konnten, was bat das mit der Nealpolitik zu tun, die gerade wir mit Rücksicht an'f unsere wirtschaftliche Lage treiben müssen? Wir sind wohl noch nicht so weit, um mit den großen nationalen Fordernngen hervorzutreten, unib Israel zu Babylonien und Assyrien staudeu, 'it;ui auf diese Weise die biblische Chronologie, die bis dahin so im Argen war, auf neuer Grundlage 311 ergründen und festzusetzcn. Und in der Tat war hierfür kaum jemand geeigneter als Oppert. Aber nicht niti“ hier, auch auf dem Gebiete des Äalenderwese ns und der Chronologie überhaupt ist er bahnbrechend tätig gewesen'. Er kamt mit Recht als der Begründer einer exakten Chronologie und als erster Förderer derselben als wissenschaftliche Disziplin genannt werden. Und wenn« auch ein guter Teil dieser fettrer Arbeiten — namentlich jener der letzten zwei Dezennien — nicht jeder ivissenschaftlichen Kritik Stand zu halten! vermag, so wird sein Name, doch stets als Begründer dieser Wissenschaft und als einer ihrer eifrigsten' Förderer genannt werden müssen. Ein; besonderer Zweig dev assyriologischen Wissenschaft, mit dem Op Ports Name für ewige Zeiten unauslöschlich verknüpft bleibt, ist die Snm'erologi'e. Schon im Anfänge der fünfziger Jahre hatte Hincks darauf aufmerksam gemacht, daß die Keilschrift so eigentümlich ist, daß ihre Erfinder keineswegs die Semiten gewesen fein, können«. Und als die Assyriologen — killt Ausnahme Josef Halevys — es als Tatsache anerkannt haben, daß die Erfindung der Keilschrift einem nichtsemitischen, Volke zuevkannt werden müsse, da war Oppert der erste, der dieses Volk als das sumerische bezeichnete. Im Lager dev Assyriologen, Ivaren aber solche, welche dieses Volk und; ncich die Sprache als „akkadisch" bezeichnen wollten; auch fehlte es nicht an solchen;, welche die Bezeichnung „sumero^akkaidisch" in Vorschlag brachten'. Und da lvar es wieder Oppert, der den Nachweis erbrachte, daß' Sumevev und wie es die Tschechen, Rnthenen usw. tun... Wir hakten noch nicht bei der Wahlpolitik, die den äußersten Punkt einer nationalen Nealpolitik bildet, aber wir sollen um unsere wirtschaftlichen Angelegenheiten „politisch" kümmern, miissen Stellung nehmen und unsere Stimme hören lassen gegen Gesetresvorlagen, die unser Leben berühret«. Dies wird uns sicherlich niemand verbieten oder verübeln. Aber auch das tun wir nicht. Wir stehen untätig «md sehen gleichgültig zu, wie man ilnmer neue Gesetze und Verordnungen schafft, die unsere Existetlzen ruinieren, unseren Erwerb vernichten, und wir bleiben ruhig, wie lvenn es gar »licht uns betroffen würde. Das Volk, die Masse, schweigt, weil sie überhaupt nicht weiß, was mit ihr und um sic herum geschieht, und unsere „Großen", unsere Politiker schweigen, weil es noch nicht e n t s ch i e d e n i st, ob m a n s i ch m it jüdischer Realpolitik befassen dürfe oder nicht, und so kam über uns das Hausiergesetz tmö so werden wir das neue Gesetz über den Befähigungsnachweis über nlls ergehen lassen . . ." Wer arbeitet in Palästina? In den politischen/ Kreisen Athens verfolgt man mit lebhafter Auflnerksamkeit die Entwicklung des Planes der A n s iedl u n g von G r i e: ch e n in Jerusalem, die im Interesse des dortigen' griechischen Patriarchats erfolgen soll. Herr Alexandropulos, der griechische Generalkonsul irr Jerusalem, hat, wie man der „Pol. Korr." aris Athen schreibt, .dem dortigen griechischen Patriarchat einen Kolonisationsplan vorgelegt, nach welchem das Patriarchat in dem Viertel Nikiphoria in Jerusalem etwa 200 Häuser erbauen soll, mn dort die hellenischen Ansiedler unterzubringen. Da jedoch das für die Errichtung dieser Häuser nötige Kapital n mn gelt, empfahl Herr Alexandropulos Ideni Verkauf der Güter, welche das griechische Patriarchat in Jerusalem in der Bukowina besitzt «md die einen Wert von 1,600.000 Kronen haben sollen. Diese Güter sind Geschenke, die in vergangenen Jahrhunderten von Bojaren; für das Heil. Grab gewidmet wurden. Da verschiedene Personen unter dein Vorwände, Vorschüsse geleistet zu haben, sich eines Teiles dieser Güter bemächtigt hatten, entsandte seinerzeit der frühere Patriarch Nikodemus von- Jerusalem; eine Kommission nach der Bukowina, um über die Rückzahlung dieser Schulden zu verhandeln. Auf ihren Vorschlag nahm Patriarch Nikodemus bei einer österreichischen Bank eine Anleihe von 400 000 Gulden auf, für welche die Einkünfte der gewidmeten Güter als Pfand dienten, aus welchen Einkünften auch die Zinsen und die Anwrtisation der Schuld bestritten wurden. Die Anleihe ist nunmehr zur Hälfte getilgt und es Akkader überhaupt zwei verschiedene Völker gewesen seien : Sumerer waren die nichtsemttischeir Bewohner Südbabylonieus, Akkad lvar der.Name für das nördliche, semitische Babylonien. Ami Orientalistenkongresse zu Wien (1880) sprach er über diesen Gegenstand und sagte in treffender Weise: „So wie es keine ösierreichisch-uugarische Sprache gibt, so hat es mich keine sumero-akkadische Sprache gegeben." Und indem, er dies mit gewohntem Feuereifer vortrug, griff er in die Tasche, holte seine Börse hervor, entnahm; derselben eine. Geldnöte und sagte: „Sehen Sic, meine Herveir, hier haben Sie ein modernes Bild zur Demonstrierung der sumero-akkadi scheu Frage. Auf der einen Seite sehen Sie eine ungarische, auf der anderen' Seite die österreichische Inschrift. Es gibt Wohl eine öfterweichi sch-ungarische Monarchie, aber keineswegs eine österreichisch-ungarische Sprache; ebenso gab es ein sumero-akkadisch es Reich, aber niemals eine sumero-akkadische Sprache." Und diese Demonstration hatte auch den; gewünschten Erfolg. Nicht ohne Interesse ist es, daß Oppert auch der erste lvar, der der Behauptung Ausdruck gab, daß das Volk der Schrifterfinder der großen, nralischen (skythischen, tatarischen oder turanischen) Familie angehöre. Seiire Arbeiten sind medergelegt in zahlreichen selbständigen Werken sowie in, den Zeitschriften verschiedener Länder. Seiner unermüdlichen Schaffenskraft lvlwde aber auch reichlicher Lohn zuteil. Schon 1867 lvar er Professor des Sanskrit an der kaiserlichen Bibliothek zu> Paris und seit dem. 12. Jänner 1874 ordentlicher Professor dev assyrischen Philologie und Archäologie am College de France; im Jahre 1881 wählte ihn die Acabemi'e des Jnseriptions et belles lettres zn bleiben nur mehr 200 000 fl. zu bezahlen. Eine Kommission, bestehend aus dem Bischof von N c a p 0 l i s (P a l ä st i u a), Msgr. Arsentos, gewesenem Delegierten dcs Patriarchats in Konstantinopel, und dein gesetzeskundigen Beirat des Patriarchats, soll sich demnächst nach der BUkowin/a begeben, um die Formalitäten des Verkaufes einzuleiten. Inzwischen hat Archimandrit Glykorios, Vertreter des Patriarchats in Konstantinopcl, der Pforte einen Takrir behufs Erwirkung eines kaiserlichen Jrades überreicht, durch welchen das Patriarchat in Jerusalem! zum Verkaufe der gelvidineten Güter in der Bukowina ermächtigt wird. Der letzte Brief eines zum Tode Verurteilten. Der unlängst in Petersburg Hingerichtete Chaim Gerschkowitz, der wegen Ermordung des Pristawgehilfen Strachowitz und des Dwovntks Wladimirow verurteilt lvorden ist, hat kurz vor seinem Tode einen Brief an seine Mutter geschrieben, den die in Genf erscheinenden „Nachrichten des jüdisch«-sozialistischen Bundes" veröffentlichen'. Das Schreiben! lautet: „Liebe Mutter! Ich habe Dir eiireu Brief vor ver Verhandlung geschrieben,, weiß aber nicht, ob Du ihn erhalte!« hast. Wenn Du in seinei» Besitz gelangt bist, dann ist auch inzwischen das Urteil gegen. mich bekannt geworden. Das Urteil ist so ausgefallen, wie ich es erwartet habe. Wie hätten „sie" auch anders urteilen können;, „sie", die Du ja kennst, „sie", die Dir so viel qualvolle Stunden« schon bereitet haben. Aber laß lins nicht von äußeren Feinden sprechen, die ja im ganzen Volk zue Genüge bekannt sind. Es sind ja die letzten Zeilen, die ich in diesem Leben an: Dich richten kann, und' da möchte ich Dir sagen, was mich in diesen letzten Stunden bewqgt. Es find die letzten Stunden in meinem Leben. Obwohl mein Verteidiger Berufung gegen das Todesurteil eingelegt hat, bin ich mir über mein Schicksal klar. Nur der plötzliche Ausbruch einer Revolution oder andere unvorhergesehene Fälle könnten mich reiten. In Rußland ist ja alles möglich, aber ich habe die Hoffnung aufgegeben und mich in mein Schicksal ergeben. Jedermann weiß, daß in Rußland die Revolution« jeden Augenblick zum Ausbruche gelangen; kann, trotz Militär und Polizei. Durch die Hoffnung auf den Ausbruch: der Revolution wird mir der Tod leichter, ja ich möchte sagen süßer. Glaube mir, teure Mütter, ich bin« völlig ruhig. Was bedeutet der Verlust meines ihrem Mitgliede. Auch war er Ritter «der Ehrenlegion und Mitglied fast jeder Akademie der Wissenschaften. Auch die Wiener Akademie der Wissenschaften sowie die Magyar« Tudomanyos Akademie. verlieren; in ihm eines ihrer hervorragendsilen auswärtigen; Mitglieder. Oppert war aber nicht« nur Gelehrter, er lvar auch Weltmann und' besaß ein hohes Maß von Bildung. Seine Vorträge und Vorlesungen waren gewürzt mit Witz und geistreichen Einfällen, seine wissenschaftlichen Kritiken jedoch entbehrten, nur selten 'eines persönlichen! Beigeschlnackes. Sah er die Resriltate seiner Untersuchungen durch die Arbeiten anderer in Frage gestellt, dann artete seine Erregung zur heftigsten Gegnerschaft ans. Und doch wurde er, der Groß- und Altm;eister, selbst von seinen größten Gegnern geehrt, geachtet und geliebt, und wir alle stehen jetzt tiestrauernd an seiner Bahre nn«d beweinen den Tod ein«es großen Fürsten im Reiche der Wissenschaft. Doch wenn sein Körper auch; gebettet wird ins finstere Reich der Erde, so lebt sein Geist in seinen Werken fort. Auch die Babylonier glaubten an die Unsterblichkeit und die Auferstehung. Wie die Natur, die alljährlich abstirbt, int Frühling zu neuem Leben erwacht, so soll auch das Mißgeschick des Menschen nicht ewig dauern; aus dev finsteren Unterwelt soll er eiüst einporsteigeil, cm« dein Tage, an dem es ben himmlischen! Göttern gelingt, das ganze Totenreich in Trümmer zu schlagen. Auch Oppert wird, wenn auch sein Leib dem Schatteirreich übergeben wurde, in der Geschichte dev Wissenschaften auferstchen, denn sein Name lebt fo«vt, und lvas er gesäet, wird noch den spätesten Geschlechtern reichliche Früchte tragen.