Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdisches Volfcsblatt Nr. 38 Lebens int) Vergleich zu den Opfern, bk schon tausende jüngerer Genossen für die Zukunft gebracht haben. Du kannst Dir gar nicht denken, welches Glück der Tod in sich birgt. Glaube nicht, daß ich das Leben weniger liebe als andere. Ich liebe es, wie es eben ein junger Mann von 19 Jahren Heben kann. Was mir den Tod so leicht macht, ist das Bewußtsein, für eine große, heilige Sache zu sterben. Für die Befreiung nicht nur des russischen Volkes, sondern der ganzen Menschheit sterbe ich. Ich habe ruhig und furchtlos vor meinen Richtern gestanden, ebenso furchtlos und rrchig werde ich das Blutgerüst besteigen.Jch habe weicheRegungen kaum gekannt, nur Musik und Gesang konnten mir Tränen erpressen. Du sollst nicht weinen und trauern. Ich weiß, daß Dir mein Tod Schmerzen verursacht, aber liebe Mutter, weine nicht um mich. Wenn Du wüßtest, wie wehe mir Deine Tränen tun, würdest Du nicht weinen. Wozu auch Tränen, damit rettest Du mich doch nicht. Zur Trauer hast Dn keine Ursache, denn bald siehst Du ein freies Rußland. Verzeihe mir, daß ich Dir Qualen verursacht habe, ich konnte nicht anders. Gern möchte ich Dich noch einmal, zum letztenmal, an meine Brust pressen, ich tue es irr Gedanken. Lebe wohl, geliebte Mutter, auf immerdar! Dein Sohn Chaim Gerschkowitz." Antisemitische Neservistenunruhen in Galizien. Das russische Muster hat zunächst in unserem Galizien gleichgesinnte Nachahmer gefunden. So meldet das Lemberger „Jüd. Tagbl.", daß eine Anzahl von Ersatzreservisten, welche zur Wassenübnng einberufen wurden, vor einigen Tagen in Jaworzno aus die Juden einen förmlichen „Pogrom" nach russischem Muster veranstalteten. Die Offiziere waren zu einem Feste gefahren und disse Gelegenheit benützten nun die Reservisten zur Ausführung der judenfeindlichen Exzesse. Es wurden, und auch darin wurde das russische Muster befolgt, Fenster eingeschlagen, Geschäftsläden geplündert und die Juden, deren das Gesindel habhaft werden konnte, mörderisch geschlagen. Erst als der einzige in der Kaserne befindliche, diensthabende Offizier, von den Exzessen verständigt, herbeieilte und mehrere Arretierungen vornehmen ließ, konnte den Ausschreitungen ein Ende gemacht werden. Berlin. In Heidelberg ist am 5. d. M. der .Professor der alttestamentarischen Theologie an der theologischen Fakultät der Berliner Universität, Dr. Friodrich B a e t h g e n, im 66. Lebensjahre gestorben. Bon den rein theologischen literarischen Hervorbringungen Baethgens sind zwei Werke hervorzuheben. Gemeinsam ist beiden, daß sie theologische Fragen in einer Weise behandeln, daß darum breite Schichten der Gebildeten Interesse nehmen. Dies gilt vor allein von Baethgens „Beiträgen zur semitischen Religionsgeschichte" (Berlin 1888). Den Kern der Erörterungen bildet eine der wichtigsten Fragen der Religionsgeschichte, nämlich die, ob die Religion des Volkes Israel ursprünglich von derjenigen der übrigen semitischen Völker verschieden war oder nicht. Damals standen sich im wesentlichen zwei Meinungen gegenüber. Nach der einen fanden sich Anklänge an den Monotheismus bei den meistlen semitischen Völkern. Nach der anderen handelt es sich bei dem Monotheismus der Israeliten darum, daß sich dieser aus dem Polytheismus entwickelt hat. Baethgen versuchte demgegenüber zu erweisen, daß der Monotheismus sich n u x bei den Israeliten findet, und zwar in ganz reiner Form. Neste von Polytheismus, die als Vorläufer des Monotheismus anzuspvechen wären, sind in der religiösen Anschauung der Israeliten nicht aufzuzeigen. Alle polytheistischen Anklänge gehen auf fremde Einflüsse vorübergehender Art zurück. Die andere Schrift, ein Vortrag Baethgens qus dem Jahre 1880 über „Anmut und Würde in der alttestamentarischen Theologie", bietet eine feinsinnige, rein ästhetische Betrachtung dar alttestamentarischen Dichtung dar. Auch, hier finden sich wertvolle Hinweise aus die Besonderheit der altisraelitischen Reli- Ssanschmmngen. Vermerkt seien noch chgens Uebertragung und Erläuterung der men, hie Ueberschung des Hiob und seine Neubearbeitung des Niehrnschen. „Handwörterbuches des biblischen. Altertums". een SichrWellertri Miß Mary Cvrelli in Srtüt- Hans würbe im Jahre 1696 von einem Ratsherrn namens Rogers erbaut. Die Tochter des Ratsherrn war an Robert Havvard verheiratet und ihr im Jahre 1607 in hem Hause geborener Sohn John verließ nach Beendigung seiner Studien die Heimat, um sich in Neu-England anzusieöeln, wo er die berühmte, nach ihm benannte Harvard- Universität gründete. Der Käufer dieses von amerikanischen Touristen oft besuchten historischen Hauses ist ein Jude. Er -kam als armer Metzgerbursche nach Chicago, wo er heute Besitzer einer der sechs größten Fletschverpacksirmen und ein Führer des Fleischtrnsts ist. New Kork. Jakob H. Holländer von der Johns Hopkins-Universität, welcher vor zwei Jahren Finanzminister von Porto Rico war und die Insel durch eine geschickte Steuergesetzgebung aus allen finanziellen Nöten befreit hatte, ist jeÄ vorn Präsidenten Noosevelt als sein Spezialgefallüker nach Sau Domingo geschickt worden, um die Finanzlage dieser Republik zu studieren. Die Uebertragung dieser Mission ist auf Oisterbay, dem Sommersitze des Präsidenten, erfolgt. Prof. Holländer wird seine Reise auf dem Kreuzer der Bereinigten Staaten „Calvesion" antreten und seine Untersuchungen bis Oktober beendigen müssen, da er als ordentlicher Professor der Nationalökonomie an der Johns Hopkins-Universität sein Katheder nicht lange leer stehen lassen kann. Prof. Holländer ist erst 35 Jahre alt und, was für jüdische Professoren ganz besonders hervorgehoben zu werden verdient, ein treuer, guter Jude. So pflegt er am Jom Kippur in der Har Sinai-Synagoge zu Baltimore die Funktion eines Bvrbeters auszuüben. Ferner ist er Direktor der dortigen jüdischen Wjvhltütigkcitsgesellschaft, Vizepräsident des amerikanischen jüdischen Geschichtsvereines, Mitglied des Komitees der Jewish Publikation Society, Direktor der Makkabäer usw. Kurz ein warmherziger Jude, der die thm aus dem Judentum erwachsenden Pflichten ernst nimmt. Karlsruhe. Unter den Ehrenernennungen und Verleihungen zum gestrigen Geburtstage des Großherzogs befinden sich wieder eine ver- Hültnismüßig große Anzahl Israeliten. Der Vizepräsident der Karlsruher Handelskammer, Herr Rudolf Herrmann dahier, wurde zum Kommerzienrat ernannt. Es erhielten ferner das Ritterkreuz 1. Klasse die Herren Kaufmann Louts Hirsch und Fabrikanten Dr. Karl Weyl in Mannheim, das Ritterkreuz 1. Klasse mit Eichenlaub Herr Geh. Kommerzienrat Karl Laöenburg in Mannheim, das Ritterkreuz 1. Klasse Herr Bezlrksrabbiuer Dr. Meier Rawicz in Offenbnrg, Ritterkreuz 2. Klasse die Herren Synagogenrat Samuel Schnurmann in Karlsruhe, der frühere Vorsteher der isr. Gemeinde Pforzheim, Fabrikant J'ul. Schlesinger in Pforzheim, der Synagogenrat David Kahn in Mannheim, das Verdienstkreuz vom Zähringer Löwen die Herren Gezirksälteste Josef Norömann in Lörrach und Eli Netter in Gersbach, die kleine goldene Verdienstmedaille , die Herren Neligionslehrer Max Hanauer in Mosbach, Heinrich Schweizer in Flehingen und Daniel Ackermann in Wiesloch. Dos Komrrmnalwahlrecht der russischen Juden. Eine große Anzahl jüdischer Gemeinden des Reiches hat sich an daS Ministerium des Innern mit dem Anträge gewendet, die Wahlen für die städtischen Vertretungen hinauszuschiebe». Der Gedanke, der diesem Anträge zugrunde liegt, ist der folgende: Zur Reichsduma haben die Juden das Wahlrecht, zu den städtischen Vertretungen hingegen haben sie es nicht. Die wenigen Juden, die in den städtischen Vertretungen sitzen, und zwar selbst in Städten, die bis zu 20 Prozent von Juden bewohnt sind, wurden bisher von der Regierung ernannt. Diese ernannten Vertreter haben aber, wie erinnerlich sein dürfte, von der allgemeinen Freiheitsbewegung gleichfalls ergriffen, fast sämtlich ihre Mandate niedergelegt. Sie wollen nicht Stadtverordnete von Regierungsgnaden sein. Diese Bewegung setzt sich nunmehr in den ermähnten Petitionen fort; eS wird das Ministerium des Innern ersucht, entsprechend dem Wahlgesetze für die Reichsduma, den Juden auch für die Stadtparlamente das aktive und passive Wahlrecht zu gewähren, und, bis dies geschehen, die Wahlen für die Duma in den Städten hinauszuschieben. Für den Einfluß des antisemitischen Agitators Kruschewcm, der die Judenmetzeleien in Kischenew inszeniert hat, spricht eS nun, daß unter seiner direkten Einwirkung auf daS Ministerium des Innern, wie der ^Fralnd" mitteilt, eine entsprechende Petition der jüdischen Gemeinde von Kischenew abgrlehnt worden ist. Bei anderen Gemeinden steht die Entscheidung noch aus. Geschästsnottzen. „ Ohritz Arzt - keine Brille. Mt Brtüe braucht, der versäume nicht, die rveltsiüdtW MriMnm des einzigen Spezialinstituts^fj lugenMser „Heularinm", Wien, 1. Oe»., Am tezzanln (Ecke der Kärntnern " z-n besichtigen, wo Brillenbedürstigen täglich No« 9 bis 7 Uhr von Augenärzten die richtigen Gläser verordnet werden und Brillen und Zwicker dort zugleich ohne Preiserhöhung von 1 fl. 50 kr. aufwärts zu haben sind. Für Brillenträger, die bisher wegen der Nasenform keine Zwicker tragen konnten, hat das ,/Ocularinm" den Alleinvertrieb verschiedener Fassons, die fest und angenehm, ohne zu drücken, ans der Nase Halten. 90 000 Kronen beträgt der Haupttreffer der Witwen- und Waisenfonds-Lotterie. Wir mache« unsere geehrten Leser darauf aufmerksam, daß die Ziehung unwiderruflich am 19. Oktober 1906 stattsindet. Lose zu 1 K sind zu haben in allen Verschleitzstellen. Bethaus - Anzeige. Änlässlieh der hohen ^sierbsge man Dr> rurcn mn wird in den Nestroy-Sälen, Praterstraöse 34 (Czerningasse 2), unter der bewährten Leitung des Oberkantors Oesterreicher mit Chorbegleitung ein feierlicher Gottesdienst abgehalten. Der Verkauf der Plätze findet den ganzen Tag über in den Nestroy-Sälen sowie im Cefö Neptun, XX., Mathildenplatz, und bei Rosner, II., Leopoldsgasse 31, statt. Hochachtungsvoll i. Rosner. flHERIKfl CKl Abreise aus flavre Jeden Samstag. 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