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Jüdisches Volksblatt · 1905-09-22 · 38 (22.9.1905) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
38 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdisches Volksbiatt Nr. 38 zufolge De-ö 'tarfeit Zuflusses' russischer JnDen im* Wuchsen begriffen. Kann es nun cnuaiioi k:iDe.it, Das; Der Einflus; Der JnDen Amerikas auf Die öffattliche Meinung zu Gum'len Desjenigen LanDes verwendet werde. Das ihre StammesbrüDer systematisch ern eDrigt, inDem sie ihnen Das Leben fast unerträglich macht'< Mögen nun noch so viele Juden aus Rußland -auswair0.ru. wird immer noch eine gewisse Anzahl Juden in Rußland Zurückbleiben, und so erscheint es Denn ansgemacht, Daß die russische Ju-Denfrage in Rußland, und zwar rascheste ns und in jenem erlauchten Sinne gelöst werden müsse, beit Ihr kaiserlicher Herr in manch.'r anderen Frage an Den Tag zu legen verstanden hat. Mit dieser peinlichen Frage tvürde— einmal zur Zufriedenheit gelöst-- ein für^Rnßland innen rnrd außen so schädlieher Faktor mit einem Male verschwinden. Wir hegen daher die Hoffnung, daß der zwischen nnS ftatrgefundene MeinnngsauStansch eine Lösung herbaführen werde, Die unserer lleberzeugung nach von Ihnen und den Resten Ihres Landes fehnliebn herbeigetriinscht nnrd." Soweit daS Memorandum, das die Unterschriften der Teilnehmer arider Konferenz mit Witte, der Herren Schiff, S e l i g m a n n, S t r a u ß und K r a u s trägt. Es fei hier noch bemerkt, daß Der Inhalt dieses MemorandinnS bei den Juden- Rußlands geteilte Gefühle erweckte und Daßder Petersburger „FraiuD" sich mit aller Schärfe gegen einzelne Ausführungen wendet und den amerikanischen Juden jedes Recht abspricht, für die Juden Rußlands zu intervenieren. „Tie Juden Rußlands müssen sich selbst ihre Rechte erkämpfen!" müsse die Devise sein. —ü. —sz. Der Geist von Tisza-Eszlar. B u d a p e st, Mitte September. Diese Blätter waren fast die einzigen, die bereits vor mehr als drei Jahren die Warnung an die Inden ergehen fließen, sich vorn falschen Liberalismus eines S z e l l und feiner Gefolgschaft nicht einlullen zu lassen, vielmehr'auf der Hut zu sein, ^rnn nicht unvorbereitet vor eine Situation gestellt zu werden, in welcher der im Stillen und künstilich genährte Hatz auch in brutaler Form offen zum Ausdruck gelangen würde. Das Prognostikon, das der politischen Entwicklung in Ungarn in diesem Blatte vor mehr als drei Jahrengestellt wurde, hat sich leider erfüllt. Der übertrumpfte Liberalismus auch derjenigen Parteien, die ein Privileg auf den unverfälschten Liberalismuszu haben be- Frankreich fand. Noch im Jahre 1847 ging er nach Paris, lvo er von Eugen Buruous, dem vorzüglichen- Kenner der Zendsprache, herzlich aufgenommen wurde und auch mit Lctronne sowie mit den Archäologen Longperier und mit dem hervorragenden Orientalisten de Saulcy in innige freundschaftliche Beziehungen trat. 1848 wurde er Lehrer der deutschen Sprache anr Lyeeum zu Laval, 1860 feint er in gleicher Eigenschaft nach Reims. Seins Studien setzte er dessenungeachtet mit unermüdlichem Eifer fort und er lvurde durch seine Arbeiten über Keilschrift und über d'.e persische Sprache so bekannt, daß er im Jahre 1851 durch das Institut de France zur Teilnahme an einer wissenschaftlicheil Expedition designiert wurde, welche die französische Regierung unter Führung Fresnels und des Architekten Felix Thomas nach Mesopotamien geschickt hatte. Die Resultate dieser Expedition sind niedergelegt in dem zweibändigen Werke Opperts: „Expedition scientifique en Mesopotamie". Opperts Hauptverdienste liegen jedoch in der Entzifferung und Erklärung der babyloniWassyrischen Keilschrift. Mit den Engländern Hincks und Ralvlinson teilt er das Verdienst, eine wisseilschaftliche Methode der Entzifferung der babylouisch-assyrischenSchriftdenktnäler angebahnt zu haben, in ihm worden wir jedoch jederzeit den Vegrüudev der „Assyriologie" als Wissenschaft zu erblicken haben, denn er war es, der nicht allein die Entzifferung der babl)loniscl>-assyrischen Keilhaupteu, wurde durch eineu niedrigen Opportunismus hinweggewischt und heute sieht man Kossnth mit den Ehristlichsozialeu Arm in Arm Versammlnngeu veranstalten und dadurch dem Antisemitismus Den Stempll des Patriotismus aufDrückeu. Die Antisemiten haben die Zeit wunderbar ausgeimtzt. Während manin Den verschiedenen Klubs über die ungarische Kommandosprache debattierte, haben die Alltisemiten p r a f t i s ch gearbeitet, indem sie arif dem. flachen Lande den Judenhaß schürten, jüdische Existenzen vernichteten, -Den gesellschaftlichen- Boykott gegen die Inden propagiertenunb auf _ diese Weise die Stimmung im Volke vorbereiteten, aus welcher heraus Judeiwerfotgrmgen, Blmlnärcheulmd ähnliche Früchte eines unechterr Liberalismus entstehen. So mußte es denn kommeir — was indiesen Blättern ebenfalls lauge vorher gesagt wurde — Daß man heute den gewesenen Präsidenten- Der Volkspartei, den Grafen Johann Z i ch y, als beit .fonintenden Mann hinstellt, als eine Persönlichkeit, der das Schicksal Ungarns, also auch der Juden Ungarns überantwortet werden soll. Wenn Graf Z i ch y auch nicht ungarischer Ministerpräsident wird, so ist eine Kombination Zichy schon symptomatisch und charakteristisch -genug, weil sie besagen soll, daß das Volk in Ungarnschon so weit „fortgeschritten" und die Minierarbeit -der Antisemiten . schon soweit vorgeschritten ist, unr der Politik des Antisemiten Z i ch h auch die nötige Gefolgschaft zusichern. Mit einem- Worte: der Antisemitismus ist in Ungarn schon reif genug, um ein Negierungsprogramm bilden zu können. Und nun sollte diese Auffassung auch durch Tatsachen bekräftigt werden. Fast gleichzeitig mit der Kombination Z i ch y, gewissermaßen als eine Bcstäti-gung dieser Kandidatur durch das Volk, kam die Nachricht von dein alleruenesten Blutmärchen und einem kleinen „Judenkrawall". Und sie kam aus einer Gegeud, die itt uns die schrecklichsten Erinnerungen wachruft, aus der Nachbarschaft von Tisza- Eszlar unseligen Angedenkens. Also ein Memento, eilt grauenhaftes. Wachrufen des Geistes von Tisza-Eszlar. Die Sache war nach dem „bewährten" Rezepte aller Blutmärchen präpariert und mit der üblichen Raschheit verbreitet und ansgenützt. Im übrigen lassen wir hier den Bericht, wie er nach Budapest kam, folgen: Am 12. v. M. war die Stadt N y i r e g yh a z a sozusagen in Belagerungszustand- und zwei Tage später war schon fast int ganzen Szabolcser Komiiate die Nachricht verbreitet, daß ein Jude aus Nyiregyhaza mit Hilfe feiner Gattin seine christliche Dienstmagd ermordet und deren Blut ab-g-ezapft habe. In beit schrifttcxte, wenigstens in ihren Prinzipien, zu einer gewissen Vollendung gebracht hat, sondern auch dengrammatikalischen Aufbau der Sprache, also die wissenschaftliche Pflege derselben, begonnen hat. Dieselbe Wissenschaft, die noch in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sehr arg daruiederlag, war schon im -darausfolgenden Dezennium, in dem auch Opperts Geist und Scharfsinn helfend beitrat, so lucit gediehen, daß bereits 1857 die Grundlagen für das Verständnis der babylonisch-assyrischen Inschriften injeder Beziehung ge-schaff'.'n waren. Im März 1857 weilten Hincks, Rawlinson und Ovvcrt gleichzeitig in London und dies benützte die Royal Afiatic Society (die Königliche Orientalische Gesellschaft zu London) dazu, uni die bisher dargelegten Entzifferungsiuethoden unid -Prinzipien nach ihrer Richtigkeit zu prüfen. Sie legte jedem der genanntem Gelehrten eine lithographierte Kopie -einer langen, eben gefundenen assyrischen Inschrift vor mit der Aufforderung, diese selbstständig und unabhängig voneinander zu übersetzen und dann inversiegeltem Umschlag einzusenden. Und siehe da! Als man die so eingesendeten Uebersetznngen verglich rnrd prüfte, da zeigte sich, daß sie in der Hauptsache übereinstimmten. Oppcrts Name war itt der Wissenschaft festbegründet und au-f dem ganzen Erdenrund, soweit überhaupt Kultur und kulturelles Streben gedrungen war, rühmlichst bekannt. Seine Studien erstreckten Ortschaften der Umgebung von Nyiregyhaza, in K e m e c s e, K 0 t -a t und Uj - Fehert 0 ist Das Volk schon beunruhigt und Das Blntmärchen verbreitet sieh in einem immer größer werdenDen Kreise. Die erregte Phantasie des nnwissendenVolkes malt sieh von dem Nyiregyhaza er Fall ein blutiges Bild, um so mehr, als bekanntlich die Stadt Nyiregyhaza es war, in tvelcher seinerzeit von 23 Jahren Die Gerichtsverhandlung des traurigbeiuhmten T i s z a - E s z l a r e r Blutmärchens stjetttgesnnDcn hat. Charakteristisch für.Den ganzen Fall ist es übrigens, daß das neueste Blutbeschuldigungsmärchen ans einem e i n - f a ch e n h ä u s l i eh e n Z wist der beschnl- Digten jüdischen Eheleute' untereinander entstanden ist. . Der Greisler Paul F e l D h e i m war nämlich am Dienstag den 12. d. M. nachmittags um 1 Uhr in betrunkenem Zustande in seine Wohnung heimgckehrt. Seine Frau tnachte ihm lvegen seiner Trunkenheit Vorwürfe, worauf Feldheim die Fenster seiner Wohnung mit seinen bloßen Händen zerschmetterte. Die Glassplitter verwundetenihm die Hände und artch seinen Kopf. Die Frau wollte ihren Mann an weiterem Toben verhindern und rief ihre Magd Juliana K i ß herbei. Beide wollten nun mit vereinten- Kräften den in unzurechnungsfähigem Zustande befindlichen Menschen vom -Geschäftslokal in das Wohnzimmer Hineinschleppen. Der hierbei entstandene Lärmlockte in der verkehrsreichen Gasse die Vorübergehenden heran, welche, durch eitte Spalte der Geschäftstüre blickenld, sahen, daß in dem Geschäftslokale Feldheim und seine Frau mit.der Dienstmagd ringen und daß alle b r e i blutig s i n d. Nach einigen Augenblicken schon verbreitete sich unter der angesammelten Menge das Gerücht wie -ein Lauffeuer, daß die Feld- Heims i h re ch ri st l i ch-e M a g d umbringe n. Eine retsch angesammelte Menge belagerte das Haus, schriee und johlte und .^forderte", daß Feldheim und seine Frau auf der Stelle getötet werden. Zum Glück fiel es einem Ehrenmanueein, an die Polizei zu telephonieren. Alsbaldkamen Polizisten zu Fuß sowie berittene Wachleute anger-ückt, die die Feldheims aus ihrer gefährlichen- Lage befreiten. Der herbeigerufene Arzt Dr. G. Spring -e r legte dann dem schwerverletzten Feldheim einen Notverbandan. Die inzwischen über tausend Köpfe angewachsene Menge verlangte eine sofortige Hausdurchsuehun-g, dennes hieß, die Leiche der Dienstimagd wäre, nachdem ihr Blut zur Eim weihung eines Tempels abgezapft worden« sei, im Keller versteckt lvorden. Die Polizei ging, der aufgeregten, Menge gegenüber taktvoll vor, sieh jedoch nicht nur ans die Grammatik der assyrischen Sprache, sonDern auf alle Gebiete der babylonisch-assyrischeu Kultur. Die durch Ausgrabnitgeti ans Tageslicht geförderten Kellschristtäfelcheii, Die zu vielen Tausenden anwuchsen, fanden in ihm einen unermüdlichen Bearbeiter und so müssen wir in ihm einen HanPtföt'Derer int fern* Kenntnisse aus dein Gebiete der assyriologischeu Wissenschaft verehren. Ein großes Verdienst erwarb sich Oppert in der Interpretierung der Texte juridischen Inhaltes. Hier war -er nicht nur bahnbrechend, sondern fast einzig in seiner Art. Daß lvir heute mit den ^staatlichen Institutionen und mit den Rechtsverhältnissen der alten Babylonier a-nfs innigste vertraut sind, verdanken wir lediglich- Oppert. Opperts weitblickender Geist und nnermüdlicher Forschnngstrieb begnügten sich jedoch mit dem noch nicht. Zahlreiche Texte mathematischen, astronomischen und chronologischen Inhaltes lagen in den Mnfocn aufgespeichert und fanden keine Bearbeiter. Da suchte Oppert sich die GrnndelAnente der höheren Mathematik anzueignen unid in die Geheimnisse bei, astronomischen Wissenschaft einzudringen, um auch diese Texte mit Geschick aufarbeiten zu könncn und uns so mit dem wissenschaftlichen Treiben der alten Babylonier bekannt zu machen. Als vorzüglicher Bibel- und Tatmudkennev war er bestrebt, die Wechselbeziehungsn kennen zu lernen, in denen die Reiche Juda

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