Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite der nationalen Interessen wegen eines Bezirksgerichtes oder eines Gymnasiums Obstruktion treiben, so wird wohl, wenn cs sich um das nackte Leben von Zehntausenden handelt, die Obstruktion zur Abwehr gestattet sein. Die Regierung aber möge sich vorsehen: Cäveant consules, ne quid detrimenti es publica capiat. Wenn man Leute einfach dahin bringt, daß sie nichts mehr zu verlieren haben, dann darf man sich nicht wundern, wenn ihre Erbitterung keine. Grenzen kennt. S. Der jüngste Pairsschnb.*) Gelegentlich der BespreMng^ welche die „Neue Freie Presse" dem jüngsten Pairsschub gewidmet hat, unterlief, wenn ich mich recht erinnere, auch die Bemerkung, daß die Liste auch durch die Namen auffalle, welche sie nicht enthalte. Diese Bemerkung ist sehr zutreffend, sie erinnert unwillkürlich an die Affäre „Zeit"- Gutmann, welche vor einigen Monaten so viel Aufsehen erregt hat. Das Auffallende an dieser Affäre liegt nicht etwa in dem Umstand allein, daß der Verdacht auftauchen konnte, als wenn die Erlangung von Auszeichnungen und Würden. durch Geld zu erwirken wäre. Denn abgesehen davon, daß sich der Verdacht, wie gerichtlich festgestellt wurde, als durchaus haltlos erwiesen hat, kann derartiges überall Vorkommen. Es sei daran erinnert, daß Jules Grevy, der dritte Präsident der dritten französischen Republik, trotz seiner unanzweifelbaren und auch von keiner Seite angezweifelten Makellosigkeit an seinem Schwiegersöhne Wilson, welcher der Geschenkannahme für Erwirkung von Auszeichnungen überwiesen wurde, scheiterte. Ein ähnlicher Verdacht wurde vor einigen Jahren gegen einen Klammerherrn in Preußen erhoben. Das Auffallende in der Affäre „Zeit"- Gutmann liegt meines Erachtens nvch eher darin, daß die Frage der Berufung eines Industriellen vom Rang und der Stellung Gutmauns ins Herrenhaus überhaupt erst angeregt und, wie Hofrat Grünhut in der „Neuen Freien Presse" erklärt hat, als nicht diskutierbar zurückgestellt werden mußte! Denn wenn auch die Zusammensetzung des Herrenhauses ausschließlich der Krone Vorbehalten ist, so erfolgen die Berufungen dennoch — wie in einem konstitutionellen Staate nichc *) (Wir bringen diesen Artikel zum Abdruck, nicht so sehr wegen der persönlichen Momente, die in ihn zum Ausdruck kommen, sondern wegen des prinzipiellen Gesichtspunktes, der ihm zugrunde liegt. Anm. ö. Red.) „Ah!" rief er, einen Moment verlegen an seinem starken, blonden Schnurrbart zupfend. „Desto besser! Eine jüdische Tochter ist noch besser!" Zwei Stunden später brachte er nur neue Kleider nach modernem Schnitt, schenkte mir verschiedene .Kostbarkeiten und bat mich, _bic Vorbereitungen für die Hochzeit zu treffen, welche am darauffolgenden Sonntage stattfinden sollte. Ich war verzweifelt. Mein Herz blutete. In meiner Ratlosigkeit hatte ich den qualvollen Kampf zwischen Ehrlichkeit und Egoismus durchzumachen . . . Doch blieb mir in meiner Verlassenheit nicht viel Zeit zum Nachdenken. Am nächsten Sonntage fuhr der Hauptnrann an unserem Hause vor, setzte mich buchstäblich in seine Karosse, welche uns zur kleinen Torfkirche brachte. In der Kirche war bereits alles für die Zeremonie vorbereitet, und eine halbe Stunde später ward die verlassene, elternlose jüdische Tochter die christliche Frau des Hauptmannes A l e x e j e w. Während des Taufaktes stand ich ganz besinnungslos da. Wiederholt mußte ich inich am Altar stützen, um nicht ohnmächtig zusammenzustürzen. Ich zitterte am ganzen Leibe nnd es war mir, csts sähe ich die Gestalten meiner verstorbenen Eltern vor mir einherschweben, nnd immerfort tönte es in meinen Ohren: „Unglückselige, was tust du da?" llüchisotzE Vollcsblutt anders möglich —■ über Vorschlag nnd unter Verantwortung der Regierung. Die Regierung aber hat im Staatsgrundgcsetz über die Reichs- Vertretung eine Direktive für die Grundsätze, an welche sie sich bei ihren Vorschlägen zu Berufungen ins Herrenhaus halten muß. Nun verfügt das Gesetz, daß zu Mil gliodern des Herreuharises Männer berufen werden können, die sich tun Staat und -Kirche, Kunst und Wissenschaft usw. besonders verdient gentacht haben. Die Berufung hervorragender Industrieller und Finanzgrößeu zu Mitgliedern unserer ersten Kammer erfolgt denn auch feit dem Bestände des Herrenhauses. In der Eingangsformel der amtlichen Verlautbarungen heißt es stets: „Im Grunde des Paragraph 3 des Staatsgrundgesetzes über die Reichsvertretung usw." Die Notwendigkeit der Berufung hervorragender Männer der Industriertnd Fiuauzbranche zur Teilnahme an der Gesetzgebung fließt auch aus der Erwägung, daß deren reiche Erfahrung auf volkswirtschaftlichen, industriellen und finanziellen Gebieten bei Beratung von in dieses Gebiet einschlageirden Gesetzesvorlagen der Gesetzgebung zugute kommt. Da nun alle gesetzlichen Erfordernisse bei einem Industriellen vom Range Gutnranns zutreffen, da ferner Gutmann in den Jndustriekreisen des Reiches eine hochgeachtete Stellung cinnimmt, da die Etablissements dieses Hauses dem Betriebsumfange nach in allererster Reihe rangieren, da die geschäftliche Gebarung und die Behandlung der Arbeiter und Angestellten! durchaus tadelfrei sind, so ist die Unterlassung der Berufung eines solchen Mannes ins Herrenhaus auffallend; um so auffallender, als Industrielle von geringerem Rang und geringerer Bedeutung Sitz und Stimme im Herrenhause haben. Es drängt sich unwillkürlich als einziger Erklärungsgrund der Gedanke auf, daß bic- Zugehörigkeit Gutmanns zur jüdischen Konfession das Hindernis bildet. Wir sind in Oesterreich leider noch lange nicht so weit, dem wahren Verdienste die Krone zu geben. Das konfessionelle Moment spielt trotz Aufhebung des Konkordates rind trotz der auf .dem Papiere ftefjenbcnvollen Gleichberechtigung noch eine artsschlaggebende Rolle. Noch auffallender aber ist es meiner Ansicht nach, daß der Chef des Hauses Rothschild nicht Mitglied des Herrenhauses ist. Dem Chef eines Harises von Weltruf, eines Bankhauses, ohne welches der Staatskredit fast nicht bestehen könnte, dem Manne, welcher in das Schicksal von vielen Tausenden entscheidend eingreift, gebührt in einem Staate, bejTcn Parlament auf Interessenvertretung beruht, So war ich Denn die Frau des Hauptmannes Alexejew. Es verstrichen drei Jahre. Ich gab einem Sohne das Leben. Ich lebte in Reichtrmr, wrtrde von Vergnügungen zu Vergnügungen förmlich getragen. Aber mein Herz ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Eine nnbezwingliche Sehnsucht erfasste mich nach meinem verlorenen Glauben, nach meinem verlorenen Volke. Anr Ende des dritten Jahres unserer Ehe nmsste mein Mann mit feinem Regiment in den Sebastopoler Krieg ziehen. Man zählte das Jahr 1355. Ich blieb allein ans unserem Hofe, vierzig Meilen weit von Jekaterinoslaw. In der Einsamkeit begann ich Pläne zu schnrieden, wie ich die goldenen Ketten, die mein Herz beklemmten, sprengen könnte. Eine innere Stimme rief nrir unaufhörlich zu: „Entfliehe! Jetzt ist's Zeit, dich zrt reiten!" Einen Monat später habe ich meinen Plan artsgeführt. Ich entfloh, mein Kind zurücklassend, bamü es mir auf meiner Flucht niäjt hinderlich fei. Von dem vielen Reichtum nahm ich nicht mehr als hundert Rubel, um rascher vorwärtszukommen. Nach achttägiger Reise kam ich auf Umwegen in Jekaterinoslaw an, wo ich bald bei einem reichen Jliden in Dienst trat. Zwei Jahre lebte ich in diesem Hause, in unausgesetzter Angst, ntieiti Geheimnis könnte entdeckt werden. Da starb plötzlich die Herrin des Hauses, den Mann mit zwei kleinen Kindern zurücklassend. Ich bemühte mich, den Kindern die Nr. 38 kraft seines Besitzes ein Sitz in der Rcichsvectretung. Den Erklärungsgrund für diese Unterlassung glaube ich> in dev Tatsache ztr finden, daß der Vater des gegenwärtigen Chefs des Welthauses Mitglied des Herrenhauses war. In Oesterreich darf eben einenr! Juden, und wäre er auch Rothschild, nicht einmal der Gedanke kommen, er habe Anspruch auf einen Sitz im Herrenhause — geschweige denn, er könne erbliches Mitglied dieses Hauses werden! Die Berufung des Sohnes auf die Dignität, welche der verstorbene Vater innehatte, würde vielleicht diesem Gedanken Raum geben. Die eine gesetzliche Voraussetzung, daß Rothschild „das großjährige Haupt einer inländischen Adclsfamilie ist, welche durch artsgedehnten Grunw besitz hervorragt", trifft eben zu! Diese Ausführungen! sollen nicht etwa als Plaidoyer für ibie Erhöhung der Stellung unserer Hochfinanz ausgelegt werden. Das liegt uns durchaus ferne! Ick bin auch viel zu wenig, als daß ich mir einbilden dürfte oder würde, mein Wort könne irgend welche Bedeutung haben; sie sollen nur dartun, daß auch Rothschilds und Gutmanns usw., daß auch Juden, mögen sie zu den obersten Zehntausend gehören, die Bitternisse des Judeseins empfinden müssen. Dem Untersten wird der Brotkorb höher gehängt, dem Mittleren wird der Zutritt zu Staatsämtern wenn nicht verweigert, so doch bedeutend erschwert, dem Obersten aber wird die Dignität, die ihm nicht entgehen könnte, wenn er nicht Jude wäre, vorcnthalten. In Amerika wird ein Jude Botschafter, in England freit Iber oberste Ratgeber der Krone die Tochter Israels, dort ist auch Rothschild gleichwertiger Pair, in Frankreich und Italien werden Juden Minister, in Oesterreich aber hat Lessings Patriarch noch immer recht, Jud bleibt Jud, ob reich oder arm, vornehm oder gering! Mögen sich die Mächtigen und Reichen in unserer Mitte dies vor Augen halten, um durch ihren Einfluß Wandel zu schaffen. Sie können es, wenn sie nur wollen! An diesem rechten Wollen aber hat es. ihnen bisher gefehlt. Dieser Vorwurf wird den jüdischen Großen nicht zum ersten Male gemacht. Ich erinnere an folgendes: Bekanntlich war die Wahl Dr. Richters zum Bürgermeister Wiens beschlossene Sache. Da aber die Gattin Richters jüdischen Stammes war, so hat die Statthalterei, wohl von der Erwägung ausgehend, daß Oesterreich Schaden leiden könnte, wenn eine jüdische Dame sich, als Herrin im Stadtgebiete niederlassen würde, den Gemeinderat wissen lassen, daß diese Wahl der Bestätigung durch den Mutter zu ersetzen. Mein Dienstgeber sah, daß die Kinder sich, zn mir hingezogen fühlten und daß ich sie ehrlich und liebevoll betreute, so trat er denn eines Tages an mich mit einem Heiratsantrag heran. Ich nahm fein Anerbieten an und wurde — Madame R o s e nst e i n. Mein Geheimnis trug ich auch jetzt noch mit mir herum. Ich wagte es kaum, auf die Straße zu. gehen, um nicht einem Soldaten, ztl begegnen. Es verging wieder ein Jahr. Da drang in unsere Stadt die Nachricht, der Hauptmann Alexejew reise im Lande herum unb suche seine Frau, die ihm durchgegangen sei, während ev den Feldzug bei Sebastopol mitmachte. Als die Nachricht auch zu mir drang, befiel mich eine Todesangst. Nach kurzer lleberlegung entschloß ich mich, mein Geheimnis meinem! jüdischen Manne zu. offenbaren.. Mein Mann hörte mir wie versteinert zu. „Mir bangt cs um dein Leben!" sprach er mit Tränen in den Augen. Ertnutigt durch die milde Stimmung n min es Mannes, während ich doch den Ausbruch seines Zornes .erwartet hatte, sagte ich: „Es bleibt mir kein anderes Mittel, als nach Amerika zu entfliehen, dort bin ich dann sicher!" „Was soll aber ans mir werden?" hat mein Mann, mich umarmend. „Wir müssen Ms scheiden!" gab ich toefe nend zurücf.