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Jüdisches Volksblatt · 1905-09-22 · 38 (22.9.1905) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
38 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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isches volksblalt 9-— * —“ * Redaktion: IX/1, Wasa aaste 81. Telephon Nr. 14728. Gprechstmrden: An Wochenkagcn von 4 bis 6 Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches VollSblatt, Wien, IX! >. Erscheint jeden Freitag. Azkntiimr und Hrrmsgelur: Jakob Krau«;. 9 1 Administration: IX/1, W.stagastr 81. Telephon Nr. 14723. Abonnements - Preis: 8e»cdu»erärn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Mamirdtipte verLen nicdl rmucirgeiiem. Postsparlasten-Konto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintrcicn. 1--—ä Inserate übernehmen die firmen: Itt. Dukes Nachf., lsaafenftein Sc Vogler, Rudolf Masse, M. pozfonyi, kl. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen. Expeditionen im Ruslande. Einzel-Nummer in Wien 30 Heller. , Für Wien u. Oesterreich- Ungarn s. Franlozustellung: Ganzjährig.... X 12.— Halbjährig . . . . K 0.— Vierteljährig . . . K 3.— 1 Für das gesamte Ansl: d samt grankozustellun-; Ganzjährig . . . K llt.' fl Halbjährig . . . K 0.33 Vierteljährig. . . 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Manhätte zwar historisch darauf erwidern können, daß es nur die mittelalterlichen Zünfte waren, die den Inden gewaltsam die Ausübung des Handwerkes unmöglich machten und so die Inden dem Handwerk entfremdeten; sie konnten sich natürlich, als in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Eelverbefrciheit verkündet wurde, nicht mit einem Schlage dem ihnen! verschlossenen Gewerbe zuwenden. Seitdem ruhtendie Bestrebungen! unter d>en Juden selbst nicht, immer weitere Kreise dem Handwerke zuzuführen, und die Vereine, die dieser Aufgabe obliegen, sind immer nur in Verlegenheiten, die große Zahl der jüdischen Lehrlinge unterzubringen-. Wir können heute mit Stolz auf einen jüdischen Handwerkerstand Hinweisen, der dem arischen die Wage hält. Seitdem hat dieses Schlagwort von der Scheu der Juden vor dem Handwerke viel von seiner Zugkraft verloren. Ja, es hat sich in sein G e g e n teil verkehrt. Es wird nicht mehr darüber geklagt, daß zu wenig Judenim Handwerke vertreten seien, sondern es sind nach christlichem Empfinden zu viel Juden darin. Man sinnt auf Listen und Ränke, um auf „ge- Die Getaufte. (Nach dein Indischen des I. Weudrolvski von- Jakob Kransz.) Täglich morgens und abends kann man sie mit demgroßen „Sid-dur" unter dem Arme zur „Schul" gehen sehen. Die tiefen« Furchen in ihrem Gesichte zeigen, daß sie auf achtzig Lebensjahre zurückblicken kann und daß diese achtzig Jahre für sie eine lange ununterbrochene Keite von Leiden und Bitternissen! bedeutete. Auch die reiche Kleidung, in welche ihr magerer Körper gehüllt ist, vermag einen nicht über die Empfindung hinweMitäuschen-, daß diese alte, am Rande des Grabes stehende Frau einen Kummer in sich tragen müsse, von dem sie vielleicht nur der Tod erlösen« wird. Und sie hat mir ihre Lebensgcschichte selbst erzählt. Diese rechtfertigt die tiefen- Furchen in ihrem« Gesichte, sie macht ihren Kummer begreiflich. Ich bin in einem« Dorfe bei Jekaterinoslaw zur Welt gekommen! — beginnt sie ihre Erzählung — mein Vater war sehr arin und ich war fein einziges Kind. Wir litten» Hunger und befanden« uns in ewiger Not. Meine La-g-e wurde noch schlechter, als ich im Alter von ftesetzlichem«" Woge den Juden die Ausübung des Handwerkes möglichst zu erschweren. Deshalb setzten sich die edlen Gewerberetter a la Schneider hin, um im Schweiß ihres Angesichtes Paragraph auf Paragraph zu schmieden. Der Befähigungsnachweis, der als ein solcher Damm gedacht war, hat nicht feiner Ausgabe genügt. Die Inden waren nämlich so verstockt, sich-, getreu seinen Bestimmungen, den : Befähigungsnachweis zu verschaffen. Also verfielen die Herren in dem heißen Rausche (stehe Schneider), jüdischen Zuzug fernzuhalten, auf andere gewerberettende Ideen, z. B. Geselle n- und M e i st erpr ü f u n g. Wahrlich, das Ei des Kolumbus. Die weisen Meister von der Schere, der Elle und dem Knieriemen vergewissern sich, nur über die Konfession des Lehrlings und« er ist schon gefallen, ehe er noch den- Mund geöffnet hat. D cr z u d >a r f -e s nich t k o m men. Der Staat hat einlebhaftes'Interesse, daß es nicht einem, bedeutenden Bruchteile der Bevölkerung einfach unmöglich gemacht wird, auf ehrliche Weise sein Brot zu verdienen. Am 13. Mai 1906 hat das österreichische Abgeordnetenhaus die Hausierer dem Moloch der Kleingewerberetterei hingeworfen. Noch ein Gesetz, das denjüdischen kleinen und kleinsten Mann schwer schädigt, und diese Schandgesetze werden viele Volksgenossen in das Elend und politisch zu den« extremsten- Parteien treiben. Wir Juden sind ja gewöhnt, von Nichtjnden geprüft zu werden. Der Weg-, den der jüdische Knabe, wenn er einem« akademischen den Jahren in einer Woche Vater und Mutter durch den Todverlor. Ich stand verlassen- und hilflos da. In« unserem Dorfe undin der ganzen Gegend wohntenfast gar keine Juden und Jekaterinoslaw, eine große Stadt mit vielen Inden, liegt 26 Meilen von unserem- Torfe entfernt. Ich machte alte Anstrengungen, um nach der Stadt zu kommen, wo die Juden sich ineiner annehmen würden, dochalle Versuche mißlangen und ich war gezwungen, mich in den Bauernhöfen des Dorfes hernm-zntreiben, da ein Stück Brot, ein Strohlager für die Nacht erbettelnd. Nach einiger Zeit nahm sich ein kinderloser Bauer« meiner an. Jetzt hatte ich zu essen, hatte eine Unterkunft, ichhatte nur die Schweine meines Brotherrn zu hüten. Sv wuchs ich denn wie die anderen christlichen Bauernmädchen im Dorfe auf. Mein, Wohltäter war geradezu stolz auf mich, 'denn ich galt für sehrschön- undklug. So vergingen zehn Jahre. Zehn traurige, qualvolle Jahre, in denen ich keinen Augenblick vergaß, daß ich ein jüdisches Kind bin. Die Bauern im« Dorfe hatten schon fast vergessen, daß ich eigentlich eine Jüdin« war, und riefen mich kurzweg: „Stefans Tochter". In« demselben Winter, da ich siebzehn Jahre alt wurde, wurde in unserer Gegend ein Regiment Soldaten nntergebracht. Der Hauptnmnn des Regimentes, ein kerniger, hochgewachsener, ungefähr vierzig Jahre alter Berufe sich zuwenden will, betreten muß, ist nicht gerade mit Rosen bestreut. Jedoch ist er gewöhnlich von der äußersten Tragik verschont. Der arische Lehrer und Professor bringt ihm zwar keine Sympathie, entgegen, er verletzt aber in der Regel nicht die Gesetze der Gerechtigkeit. Anders wirdes aber bei den Meister- und Gesellenprüfungen sein. Hier tritt zu der Rassenautipathie die Furcht vor der Konkurrenz, der brutale Interessengegensatz. Der Professor oder Lehrer kann hundert gegen eins wetten, daß der jüdische Schüler jedem, nur nicht dem Lehrberufe sich zuwenden werde. Wenn aber der Gevatter Schuster und-Schn«eider den jüdischenLehrbuben oder Gesellenvo-r sich sieht, denkt er an nichts anderes, als daß der Jnd ihm einmal Konkurrenz machen wird. Denn, die ehrsamen Gewerbeprofesso-ren und Gewerbeprofessionisten werden doch niemandem einreden, daß essich darum handelt, den akademischen Grad eines Schustergesellen zu vergeben. Nein, diese Gewerberetter wollen künstliche Barrieren schaffen, um« den Zuzugihnen mißliebiger Elenrente, seien es nun Juden, Sozialdemokraten oder Fremdnationale, zu verhindern. „Wär' -dieser Plan nicht soverflucht gescheit, ich« wär' versucht, ihn herzlich dumm zu nennen". Dieses! Attentat ans die Existeirz breiter Volksschichten darf n i ch t geli ngen. Diejenigen Vertreter, die die Interessen der Allgemeinheit zu vertreten vorgeben, müssen die schärfsten parlamentarischen Waffen ergreifen, mnl diesen Plan deskrassesten Klassenegoismus zu vereiteln- Wenn die Vertreter Mann-, quartierte sich bei uns im Dorf ein. Nach einigen! Wochen, es war geraide ein frostiger russischer Wintertag, öffnet sich die Türe zur Bauernstube, in der wir uns eben« befanden, und herein trat der Herr Hauptmann. Mein« Wohltäter Stefan riß di-o Mütze vom Kopfe, sprang von der Holzbank, auf der er saß, ans, und blieb in militärischer Haltung, wie angewurzelt vor dem Hauptmann stehen. „Weißt du, mein« Täubchen, weshalb ich zu dir gekommen bin?" unterbrach der Hauptmann herablassend das peinliche Schweigen. „Ich habe deine Tochter einige Male geseher. und michin sie verliebt. Wenn« dn alsodie Ehre haben willst, einen- Hauptmann zum Schwiegersohn« zuhaben«, sokannst dumir sie geben. Ich will sie heiraten .... Und sie könnte gliicklich werden . . . und auch du. Stefan« ..." Stefankratzte sich verlegen« hinterm Ohr und antwortete mechanisch-: „.Zu Befehl, Herr Hauptnmnn!" „Und du, teure Anna, möchtest du die Meine werden?" wendete sich! nun der Hauptmann an mich. Anstatt 311 antworten begann ich zu weinen. „Waruin weinst dtl, mein Teuerstes?" fragte er nun, meine Hand erfassend. Ehe ich's hindern! konnte, drückte er einen Kuß auf meine Hand. „Mein Herr," antwortete ich dann schluchzend, „ich bin eine . . . jüdische Tochter!"

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