Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. :r Jüdisches Volksblatt dem Pöbel ausgeliefert. Die Hooligans, unterstützt durch die „Nachlässigkeit" der Polizei \mb des Militärs, teilten sich in mehrere Partien und ohne voll den Behörden behindert zu melden, vernichteten und demolierten sie die Magazine, Läden, Privathauser, bedrohten mit dein Tod diejenigen, die irgendwie sich der Gendarmerie gegenüber verdächtig machten, und prügelten bis zur Bemnsztlosigleil alle, die sich mit einem Wort um Hilfe an sie gewendet haben. Die Panik hatte alle E'inwvhu-er ersaht, die Weiber und minder iveinten husterisch und sielen in Ohnn'.acht, man horte herzzerreißendes Wehgeschrei der -Verzweiflung: das P-seifen lind das Gehen! der ivildgeirordenen Menge brachten der Bevttltern-ng Todesangst nnd Schrecken bei. Die Bestien vernichteten das gesaunte Handgerät nnd die K-rumbiiden vieler Inden, verprügelten sie furchtbar, steckten -Häuser in Brand nnd ivarsen das zweijährige Kind eines Krämers ins Feuer. Das ist nur ein Beispiel ans mehreren. An der Peripherie der Stadt, in den Vororten lind in Ienikale lein Borort von ilertscbj hanste die Menge besonders grausam. (Ls gab auch Märtprer -.der, nie wir sagen: -heilige Opfer. Etwa sechzig junge Inden, bewaffnet mit Revolvern, gingen tapfer zur Verteidigung ihrer Brüder vor,' ater früher noch, at.s sie etiras tun tvlinten, wurde ans sie, ans Beseht des Stadthonpimannes, eine Salve abgegeben, nnd sie wurden genötigt, anseinanderzngeheli. Alls dein Kampfplätze blieben an dieser Stelle 2 Tote nnd U schwer Verivlindete. itnier den Getöteten befindet sich ein christlicher Gi-mrmstnst namens Kiritschenkv und linier Len Verwundeten ein christlicher intelligenter Arbeiter Wvjtzerhv-wskij. Die Salve wurde ohne jegliches Warnnngssignal abgesenert. Das Resultat — etwa hundert Familien, die noch gestern ziemlich gut gelebt haben, sind jetzt genötigt, nun Hilfe zn betteln. Der Metzelei ging eine patriotische Maniseslativn vorauf, die von der Polizei und den Hooligans veranstaltet mar. Die Manifestation galt als Gegendemonstration gegen die Arbeiter, die am 9. August eine regierungsfeindliche .(Kundgebung veranstaltet hatten. -Diie" Arbeitiertniidgebnng rrar freilich nur der Borroand zur Metzelei, da es festgestellt ist, daß ein Geiidarriierie-Geuieral a. De (der Name desselben wird leider nicht angegeben) Flugblätter verbreitete, die das Thema „Haut die ^nden!" variierten: er agitierte unter dem „Schwarzen Hundert" schon seit etwa sechs Monaten. Die Polizei förderte seine „patriotischen" Bemühungen und so wurde mit gemeinsamen Kräften die Metzeleinszeniert." Die Inden in Finnland. Höchst ausfallend sind die Maßregeln, die der Senat Finnlands gegen die inländischen Jaden getroffen hat. Danach sind die in Finnland ansässigen Juden nicht befugt, außerhalb Helsingfors, Wiborg und Abo sich niederznlassen, einschließlich auch eines jeweiligen Aufenthaltes ans dem Lande. Die in Finnland wohnhaften Inden dürfen mit auswärtigen Inden keine Heirat schließen nnd die finnländischen Inden dürfen, mit Ausschluß jeder anderen Beschäftigung, nur Lumpen, Streichhölzer nnd alte Kleider verkaufen. Der Erwerb unbeweglicher Guter ist ihnen strengstens untersagt. Die Juden erhalten Aufenthaltt,passe nur ans die Dauer von 6 Monaten. Jeder Jude kan» nach Begehen eines Verbrechens innerhalb 24 Stunden ans dem Lande ansgewiesen werben. So harte Bestimmungen findet man selbst in den übrigen Teilen Rußlands nicht nnd sie sind ungeheuerlich in einem Lande, das sich in seinem Freiheitstampfe gegen russische Vergewaltigung so eifrig um die Sympathie des Auslandes bemüht. * Ausweisung jüdischer Opernsänger aus Moskau. Der „Nnssischen Korrespondenz" wird ans Moskau vom 2. September gemeldet: T-nrnviov hat drei Sänger, Frau Blrnnn und die Herren Sibirjakow nnd Kanjonsky von hier ansgeiviesen. Alle drei gehören zn den ersten, geschätztesten Kräften der hiesigen Oper. Sibirjalvw war auch mehrere Jahre an der kaiserlichen Oper in Sk. Petersburg. Pvltische Gründe für die Ausweisung sind ganz ausgeschlossen nnd so wird auch im Pvlizeibericht ausdrücklich erklärt, sie hätten als Inden kein 9!echt in Moskau zn wohnen: ße hätten sich in den AnstedUnigsrayon zu begeben. Man ist in Moskau empört über dieses Polizei stück. Rabbiner-Installation tu Budapest. Am L. ds. wurden die nengewählten Nabbinen der Pester israelitischen Neligionsgemeinde Dir. Inlins Fischer nnd Dr. -Simon Händler in ihr Seelsorgeramt feierlich iustalli-ert. Die eigentliche Installation fand im Nahmen einer unter dem Vorsitze des Vizepräsidenten der Neligionsgemeinde Hofrates Dr. Philipp Weinmann gehaltenen Borstandssitzung statt, der die Vorsteher Max Gri'inbanm, Sigmund L. Vreitner und Ludwig Adler, ferner als Schriftführer der neue Sekretär der Gemeinde Dr. Julius Weißbnrg anrvohnten. Bei dem feierlichen Akte waren der Präsident des -Heiligen Vereins Jakob Boschan, der Vater des zn installierenden Rabbiners Doktor Händler, der Tataer Rabbiner Abraham Händler, der Nabbinatsvorsteher der Synagoge in der Rombach-nteza Feldmann, ferner zahlreiche Repräsentanten nnd Ansschnßnritglteder der Gemeinde anwesend. Ter Vorsitzende Dr. Weinmann cröffnete die S-itzung. Er machte die Mitteilung, daß der Präsident der Pester israelitischen Neligionsgemeinde .Hofrath Sigmund Kühner von der Hauptstadt abwesend ist, ferner daß die Vorstandsmitglieder Magnatenhausmitglied Sigmund Kornfeld -nnd Louis Vmimgarten ihr Fernbleiben entschuldigt haben. Nachdem der Vorsitzende als den Zweck der heutigen Sitzung die Nabbinen- Insiallativn bezeichnete, betraute er den Knltnsvorsteher Ludwig Adler, ferner die Tempelvorsteher Inlins Adler, Verthold Herzmann, Emerich Virnbanm und Dr. Wilhelm Grauer damit, die neuen Rabbineu in die Sitznng einznhvlen. Mit lebhaften Eljenrusen begrüßt, betraten Dr. Julius Fischer nnd Dr. Simon Händler im vollen Ornat den Saal. Nachdem sie am VorstandStische Platz genommen hatten, erhob sich Dr. Weinmann, um die neuen Rabbinen im Liebe zneilMlüder, es lag soviel Verehbnng baviiv fitr den Alten, soviel väterlicher Stolz aus bei,' Jungen, doch inansich nicht hätte wundern kömmt, wennsie sich plötzlich in die Arme gefollcn wären. Lautlos verstrich eine Minute, der Greis hotte die Hönde seines Enkels ergriffen und streichelte sie zärtlich. Und plötzlich, ganz nnverniilteit, uirterbrach er die Stille. „Was »rocht deine Marie?" fragte er. Josephs Gesicht färbte sich kirschrot. „Gros; — Großvater," stammelte er, von der Jroge augenblicklich ganz verivirrt, „Groszvoter.ich verstehe dich gor nicht." „Wim, mm," beschwichtigte der Alte lächelnd, „ich meine doch mir, wie es mit ihre-nr griechischen Studium. geht." „Ach! so!" Joseph atmete erleichtert auf, lvos dein Altennicht entging; er lächelte nnr noch etwas merklicher. „O, sie begreift ganz gut." „Ist jo auch ein sehr kluges Mädchen -- nichts" fragte er noch einer Ponse, als keine Antwort ans seine Bemerkung erfolgte. „Gott — ja „Wozu so ein Mädchen mir Griechisch studieren nins;," bemerkte Reb Jehndo so n-ebeiibel. „Du iveisst doch, )vie! ihr Vater ist! Jetzt hat er auf eimncll entdeckt, dos; er mit seinen magyarischen. Forschungen ohne Griechisch nicht weiter kann, und da er zu alt ist, mu jetzt noch selbst damit onznfangen, läßt er's feine Tochter erlernen, doinit sie ihm helfe." „Hm," meinte der Alte bedenklich, seinen Kopf in seine Hand stützend nnd Joseph vonder Seite betrachtend, „das wäre doch eigentlich gor nicht notwendig. Wozu hot er dich denn, du liest griechisch luic du Zeitgenosse des Homer -- ober will er dich entlassen, sobald sie ausgelernt hat?" fügte er neckisch hinzu. Keine Antwort. „Darauf weißt du nichts zn erlvidern," meinte der Alte, lind den Kopf des Jünglings in seine Hände nehmend, fuhr er fort: „Schon, mein Sohn, ich binein. alter Mann. Siebzig Jahre zn gesund. Und der jüdische Wunsch hat sich an mir bewährt: „Ohne Brille und ohne Stock!" Aber auch mein Geist ist frisch geblieben, Gott sei's gelobt denkst du, dein -alter Großvater sieht nichts Dann irrst du! — Wie du mirvonder schönen Tochter Lndonyis erzählt hast, bist du dabei ganz rot geworden. Do habe ich mir manches gedacht. Wie du ober ongesongen hast, ihr griechische Stunden' zu geben, da hob' ich gewußt! Und nun schan, Joseph — Ivie deiiie Mutter selig gestorben ist n-nd ich dich zn mir genommen habe, da hob' ich mir vorgenommen, dich nicht nur zn einemnützlichen Menschen nnd guten, Inden zn erziehen, sondern aus dir vor allen Dingeneinenglücklichen Menschen zn machen. Mit Gottes Hilfe wird es mir gelingen'. Aber darum darfst dn mir auch nichts verheimlichen. Dornm! antworte mir offen: Dn liebst Marie?" Zelte Ü Namen des Vorstandes mit der folgenden Ansprache zn begrüßen: Sehr geehrte Herren Rabbinen! Unsere Neligionsgemeinde hat sich die Uebcrzeugnng verschafft davon, daß Ihre Erwählung den bestehenden Regeln entsprechend vollzogen, daß diese Ihre Erwählung im Sinne der Statuten durch das große Wühlerpnbliknm genehmigt wurde und daß auch die Bedingung eingetreten ist, welche bezüglich der Repatriierung eines von Ihnen festgestellt wurde. Der Vorstand hat demzufolge Sie als vvrschris'.sniäßig nnd definitiv gewählte Rabbinen der Pester israelitischen Neligionsgemeinde deklariert. Da der Präsident unserer Neligionsgemeinde fern weilt, wurde mir das Glück zuteil, ans dem Anlasse, daß Sie im Begriffe sind, als gewählte Rabbinen unserer Neligionsgemeinde Ihre Stellungen einznnchmen, im Namen des G-emeindevorstaudes Ihnen hierzu bestens Glück zn wünschen nnd Sie in Ihrem Amte ans das wärmste zn begrüßen. Im Namen nnd im Aufträge des Vorstandes der Neligionsgemeinde installiere ich Die hiermit formell in Ihren Amtsstellungen nnd berechtige Sie gleichzeitig zu jenen Agenden nnd zur Versehung jener Angelegenheiten, welche fügenden nnd Angelegenheiten ctnsere Gesetze und unser Nechtsgebrauch in den Wirlungskr'eiS der Gemeinderabbinen verweisen. Der Gemeindevvrstand sieht mit voller Vernhignng nnd aufrichtigem Vertrauen Ihrer amtlichen Tätigkeit entgegen. Ihre Jndioidnalität und Ihre bisherige Wirksamkeit scheinen volle Bürgschaft dafür zu bieten, daß Sie Schulter an Schulter mit jenem -Manne, der in unserer Neligionsgemeinde seit nahezu vierzig Jahren glänzend das Nabbineramt ausübt, Ihren erhabenen Beruf in traditionellem, echtem, jüdischen Geiste auSfüllen werden, jedoch mit Würdigung der berechtigten Ansprüche der wirklichen Lebensverhältnisse, mit zielbervnßier Bestimmtheit, jedoch mit friedfertiger Tendenz, mit nnernindlichem Amtseifer, doch mit umsichtigem Takte. Seien Sie Führer nnd Leiter des GlanbenSlebens der Gläubigen der Neligionsgemeinde. Durch -Ihre Lehren und Ihre ilnterweisnngen hemm'en Sie die Gefahr, welche — leider — derzeit bei uns den jüdischen Glauben in erhöhtem Maße arg bedroht. Machen Sie mit Energie, doch mit Klugheit jene Faktoren nnschädlich, welche die Gefahr gebären: erwecken und befestigen Sie in den Gläubigen der Neligionsgemeinde die Anhänglichkiert zur Neligionsgemeinde und die Glaubenstrene: unterweisen Sie die Gläubigen in Patriotismus nnd Moral. Möge Ihre Wirksamkeit unserer Neligionsgemeinde zum Heile, Ihnen selber zur Freude und zum Nuhme gereichen! Gottes Segen begleite Ihre Tätigkeit! t-Stii rm ische Elfen rn fe.) Hierauf erhob sich Dr. F i s ch e r, nm für die schöne nnd herzliche Vegrüßnng seinen tiefempfundenen Dank ansznsprechen. Er ist gern bereit, sich mit hi «gebendem Eifer der Erfüllung Joseph nickte longsoni mit dem Kops und sah zu Boden. „Un>d Morte — liebt sie dich?" Wieder lvor ein Nickeil die Antwort. „Nu — und?" Einvielsogendes, verziveifelndeS Achselzucken. „Weis; es ihr Vater?" „Um Gattes willennicht," -ricf Joseph erschrocken ans. „Sv ungefähr hob ich'S nnr gedocht," erividerte der Alk". „Was soll nuno ber da raus werden?" „Ich lveis; es nicht," erwiderte Joseph tonlos, „scho.de, dos; du davongesprochenhast, Großvater, ich liebe Marie, sie liebt mich — und daran ist nichtszn ändern. Was iveiter lverden soll? — Wir wollen gar nicht daran denkeil. Vorläufig n-ur so dahin leben. Ob lvir rms jemals werden! angebörendürfen- — das steht in Gottes Blocht!" „Ich lveis; ein. Mittel," erlvid-erte der?llte. Gespannt blickte ihm Joseph in die Augen. „Ja, ein Mittel. Los; dichtaufen!" erlviderte jener ruhig. „Großvater, dos ratest dn niir?!" ri-A Joseph onfspringend. „Dos bewahre Gott!" rief Reb Jehndo, „ich hob' dir mu" dos Mittel genannt." „Dos lvürde ich nie tun," sagte Joseph fest. „Gott sei Dank! Eine andere Llntlvort habe ich, von dir eigentlichnicht erlvortet ----- ober hören wollte ich sie doch! Und mm hör' zu,