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Jüdisches Volksblatt · 1905-09-15 · 37 (15.9.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
37 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt Nr. 37 Seite 2 (Stiftung „ohne Unterschied der Konfession" machen kann, auch den Inden nichts aufoninnit lassen mag. Und wißt ihr, ihr bemittelten- und reichen Inden, was ihr mit dieser Indolen-; anrichtet?! Die sogenannte „unterste Schichte" inunserem Volke, die auf -enre Hilfe angewiesen Kt, wird täglich gröher imbbreiter. Ohne eure Hilfe sind tausende von jüdischen Mädchen der Schande — ohne Unterschied der Konfession -- preisgegeben. Ohne eure Unterstützung gehen tausende jüdischer Handwerker zugrunde und rennen, den „Rettern" in die Arme — ohne Unterschied der nichtjüdischen Kauftssionen. Wenn ihr nicht helfet, so verkümmern tatiseu.de jüdischer Kinder, die ihre zarten Kinderjahre in Entbehrung verbringen müssen. Ihr seid Juden'und müsset den Juden Helsen, denn von eurer Hilfe hängt das Wohl des größeren Teiles unseres Volkes ab. Es naht die Zeit der hohen Feiertage, die ja auch aus das Herz des indifferentesteir Juden noch einen Eindruck machen; mögen sie auch eine Einkehr nach dieser Richtung bringen! Praktische Auswandererfürsorge in Wien. Zn dem unter diesem Titel veröffentlichten Leitartikel in unserer vorigen Nummer erhalten wir folgende Zuschrift: Israelitische Allianz zu Wien 1. Vez., Weihburgg. 10. Telephon Nr. 3056. W i e n, den 13. September 1905. An die geehrte Redaktion des ,Jüd. Vvlksblatt" Wien. Sehr geehrter Herr Redakteur! «So anerkennenswert es ist, daß Sie in Ihrem geschätzten Blatte vom 8. ds. der Besprechung der Answanderungssragen einen so breiten Raum widmen, so erlauben mir uns doch zu bemerkenj daß die in Ihrem Leitartikel „Praktische Auswanderersürsorge in Wien" zum Ausdrucke gebrachten Anschauungen zum Teil aus ungenauen Informationen beruhen. Sie schreiben unter anderem: „Die Mährisch-Ostrauer Knltusgemeinde hat das ihr im Vorjahre von den mährischen Judeugemeinden übertragene Mandat, den ErnU grantendurchzug mit relativ geringeren Mitteln und Arbeitskräften, alS sie den Wiener Juden verfügbar sind, zu regeln, mustergültig und vorbildlich erfüllt. Es wäre ein betrübendes Zeichen von Einsichtslosigkeit und mangelndem ernsten Willen, wenn die maßgebenden Wiener Juden dem Beispiel einer kleinen Gemeinde nicht folgen und ihrer sozialjüdischen Aufgabe den armen Emigranten gegenüber nicht gerecht werden könnten." Demgegenüber erlauben wir uns zu konstatieren, daß die von Ihnen gerühmte Organisation in Mähr.-Ostrau im vorigen Jahre von der „Israelitischen A l l i a n z z u Wie n" geschaffen wurde und daß diese es war, welche und Hausfrau, Pädagoge und Pflegerin! wirken in diesem Hause der Humanität, von innigem Mitgefühl und kluger Erfahrung geleitet, zusammen, um durch rationelle Pflege, kräftige Ernährung, durch den richtigen Wechsel von Ruhe und Bewegung es den armen Kindern zu ermöglichen, das kommende Schuljahr und das Elend im Elternhause siegreich zu überdauern. Unvergeßlich bleibt jedem der Anblick der glückseligen Kinderschar in ihrer einheitlichen Kolonienuniform, beim Spielen, Lachen und Scherzen. Dank der zielbewußten, mütterlichen Fürsorge seiner Schöpferinnen rind der großartigen hygienischen Einrichtungen verdient das „Kaiser Franz Josefs-Ferienheim" die Bezeichnung eines MusteriNstiituts. Mit der Entsendung von 45 armen Kindern zum Landaufenthalte hat der Verein. „Ferienheim" im Jahre 1892 seine Tätigkeit begonnen und sie weit über die bei der Vereinsgründung ins Auge gefaßten Ziele ausgestattot. Außer seinen Kolonien für erholungsbedürftige .Kinder hat er solche für Herzkranke, rekonvaleszente und skrofulöse Schulkinder geschaffen und während seines Bestandes 6365 Schützlinge mit einem Kostenauftvattde von fast 460 000 Kronen der Gesundung und Erholung zugeführt. Nmmiehr schreitet der Verein an die Errichtung eines eigenen See- Hospizes. Möge das „Ferienheim" durch die kräftige Förderung von Seite der Besitzenden auch weiterhin in die Lage gebracht werden, sein segensreiches Wirken in immer größerem Maße entfalten zu können! im Vereine mit einer Reihe von auswärtigen Hilfskvrpvrativnen — bis auf den verhältnismäßig kleinen Beitrag der mährischen Judengemeinden — sämtliche ans Hunderttauseude von Kronen sich belaufende Kosten der Unterbringung und Verpflegung sowie der Beförderung der Flüchtlinge nach überseeischen Ländergebieten getragen hat. Aehuliche Komitees wie in Mähr.- Ostrau sind übrigens auch in Krakan und in Osivieeim von seiten der „Wiener Allianz" eingesetzt, organisiert und wiederholt inspiziert ivorden. Was die Errichtung von AnSwandererhallen und ähnlichen Anstalten betrifft, so sind diese mtr in den großen Hafenstädten, wie Hamburg und Bremen, opportun, da sich dort große Ansammlungen von Emigranten bilden, deren Reiseziele bestimmt und deren Rcisemittel bereits gesichert sind und die lediglich dort ans den Abgang der Schisse zu warten haben. In den großen Städten der Binnenländer aber haben solche Anstalten feilte Raison d'etre und es bestehen auch solche Auswaudererhalleu ebensowenig in Berlin und Paris ivie in Wien. 'Nichtsdestoweniger wurde die Frage der Schaffung solcher Asyle im Schoße unseres Vereines wiederholt ventiliert. Es wurde aber ans sehr gewichtigen, dem Kenner der Berhältnisse leicht begreiflichen Gründen die Errichtung derartiger Asyle an deil G r e n z o r t c n und auch nur von Fall zn Fall der Vorzug gegeben. Mit bestem Dank für die freundliche Aufnahme dieser Mitteilungen hochachtungsvoll Für den Vorstand der Israelitischen Allianz zu Wien": Dr. Arth u r K n r a n d a m. p. Wilhel in Pappen h c i m nt. p. Aus Rußland. Die russischen Juden und die Mobilisierungen. Zn der Statistik des „Rußki Juwalid" über daö Verhalten der russischen Juden bei den Mvbilisiernngett des Jahres 1904 machen die ,Mitteilnngen ans dem Vereine zur Abwehr des Antisemitismus" folgende Bemerkungen: Wir lassen dahingestellt, ob die mitgeteilte Statistik zuverlässig oder korrigiert ist. In Rußland, diesem Lande unbegrenzter Möglichkeiten, ist ja alles möglich. Weilli sogar Kanonen, Kriegsschiffe, Soldaten, Matrosen, Millionen und LiebeSjpenden gebucht, aber nicht vorhanden sind, dann tonnen auch die Stammrollen, wie übrigens in früheren Fällen schon häufig nachgewiesen worden ist, falsche Eintragungen haben. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß die Statistik direkt gefälscht irnd jetzt gerade veröffentlicht rvvrden ist, um die miuimale, wenn nicht gar vollständige Nichtberücksichtigung der Juden bei Erteilung des Wahlrechtes vor der Welt einigermaßen zu rechtfertigen. Wenn aber selbst die Statistik eine gerechte und zuverlässige wäre, wer bürgt dafür, daß die Inden, denen die EiuberusuugLkarteu nicht haben zugestellt werden können, vor der Mobilisierung und nicht vor drohenden „Pogroms" sich entfernt haben? Wer bürgt dafür, daß sie die diversen Verstümmelungen nicht in von der Negierung oder Polizei veranstalteten bezw. geduldeten Jndenhetzen erlitten haben? Man hat ja von solchen Jndenhetzen nachgerade genug gehört und von sehr vielen wahrscheinlich auch nicht gehört. Wenn man es auch nach westeuropäischer Anschauung nicht billigen wird, sv wird man es Die gefundene Handschrift. Einr wahre Geschichte von O s k a r T. S ch w e x i n e t. Ju dem armseligen Giebelstübchen der Kcrepesi-ut in Budapest saß ein alter Mann hinter dicken Folianten und studierte. Alts den ersten Blick war der jüdische Gelehrte zu erkennen, der Dalmudfot-scher, der Mann, der sein Leben über Bücher gebeugt verbringt und keine höhere Wonne kennt, als eine neue Auslegung irgend eines schwierigen Wortes zu entdecken. Und so vertieft hakte er sich in sein Stndinm, daß -er das Knarren der rostigen Türangel ganz überhörte und auch das Eintreten eines jungen Mannes nicht bemerkte, der, als er den Alten so eifrig bei der Arbeit sah, wie angebannt im Rahmen dev Türe stchen blieb. Eine geraume Weile verstrich, dann räusperte sich der Jüngere, doch auch das überhörte der Alte. Ta näherte sich der Jüngling dem Greise; auf Fußspitzen limschritt er im Bogen den Tisch, bis er hiutev dem Alten, stand, lind blickte ihm! über die Schulter. Dann gab er ihm plötzlich einen Kuß auf die welke Wange, so daß dev Alte erschreckt zusammenfuhr. „Joseph — bu?" sagte er. „Ich hörte dich nicht eintreten." „Was hörst du überhaupt, wenn du beim „Lernen" bist," sagte der andere lächelnd. „Schau, Großväterchen-, cs ist 12 Uhr vobbei, du solltest doch schon zu Bette gehen oder doch sehr wohl begreiflich finden können, daß bet den Zuständen, unter welchen die Indem in Rußland im Kriege wie tm Frieden zn leiden haben, ihr Patriotismus kein sonderlich ausgeprägter ist, daß sie sogar, gleich vielen anderen nichtjttdischeu Russen, sich gern vor dem Transport nach der fernen Mandschurei drückten, zumal -behauptet wurde, die Inden tvürden ans dem Kriegsschauplatz einer ebenso unfreundlichen und gefährlichen Ansitahmcbehanidlnng n nterwohfeu wie daheim. Dann hätte also die russische Regierung selbst schuld, daß die jüdische Mobilisierung so ungünstig ansfiel. Sei dem aber auch wie ihm iv-vlle, sv hat man von antisemitischer Seite keineswegs das Recht, ans der zuverlässigen oder nur fragwürdigen rnssischen Statistik den Schluß zu ziehen, „daß die jüdische Rasse auch dann nicht für das Vaterland zn haben ist, wenn es sich um detl Rest seiner bedrohten Ehre bandelt". Man wende das Auge nach .anderen Ländern. Warum sind Juden in anderen, freieren, zivilisierteren Ländern tüchtige Soldaten und Offiziere? In den Vereinigten Staaten beispielsweise haben, ivie wir des öfteren uachzuweiseu -Gelegenheit hatten, Juden an allen Kriegen des Lattdes in unverhältnismäßig großer Zahl sich rühmlichst beteiligt an den Kriegen, die das Land zur Erlangung seiner Unabhängigkeit gegen England geführt hat, an dem Kriege gegen Mexiko, am großen Bürgerkriege und jüngst noch att dem Kriege gegen S-pauieu. Und um so beweiskräftiger ist das Beispiel Arue-- rikas, als hier die Teilnahme der Inden eine freiwillige war. Im Verhältnis zur jüdischen -Einwohnerzahl war die Beteiligung der Inden eine außerordentlich große und daß sie Tüchtiges geleistet, dafür spricht die große Zahl derjenigen, die cs auf den Schlachtfeldern bis zu Generalen gebracht 'haben. Mit Recht ist denn auch der Vorschlag gemacht wordou, daß Witte seine Anwesenheit bei der Friedenstvniereuz benützen solle, tun sich zn überzeugen, wie Inden in einem freien Lande unter günstigen Bedingungen sich entwickeln können und was Inden für ein solches Vaterland zn tun imstande sind. Witte soll auch seine Ueberzengung dahin ansgedrückt haben, daß in der Lage der Juden Rußlands eine große Erleichterung eintreten müsse. Wenn dies geschehen sein wird, dann werden auch die Juden ‘tu Rußland an patriotischer Gesinnung sich von keinem übertresfen lassen. Wie die Dinge aber liegen, wäre es ein außerordentliches Wunder, wenn die Inden so sehr viel besser wären als die nichtjüdischen Russell, die gegen ihr Vaterland rebellieren, die den Behörden Widerstand leisten, ihreu Verpflichtungen gegen das Vaterland sich lrach Möglichkeit entziehell, gegen ihre militärischen Vorgesetzten meutern und in offener Schlacht den Führer zur lUeberg'abe «von Kriegsschiffen zwingen. Bei der ungerechten und oft abscheulichen Behandlung der russischell Juden durch die russischen Behörden braucht mall sich wirklich llicht darüber zn wundern, daß die Inden sich neuen -Drangsalierungen zu entziehen versuchen. Selbst „patriotische" Russen sprechen es offen aus, daß man bei den gegenwärtigen Zuständen in Rußland nichts anderes erivarten könne. * Die Jndenmetzeleien iu Kertsch. lieber die Jn-denHetze in Kertsch (Krim) werben der „Russischen Korrespondenz" folgende Einzelheiten gemeldet: „Leben, Ehre und Vermögen der Einwohner waren während zweier Tage auf Gnade lnrd Ungnade wenigstens nicht mehr studieren. Dllwirst dir deine alten Augen verderben." Der Alte lachte vergnügt. „An dieser schönen Qnadvatschrift? Niemals. Da kannst dti wieder sehen, wie vorzüglich alles ist, tvas jüdisch ist, selbst! die Schrift. An >dcv Schrift hat sich noch kein Mensch die Augen verdorben. Offen ist sie, ehrlich — leuchtend!" „Aber Großväterchen, fängst du schon wieder an?" unterbrach ihn der junge Mann, „sogar die Schristzeichen ziehst dll heran zu deinen Beweisen. Schlechter lvie die anderen sind wir nicht, ganz gewiß nicht. Aber dieser Wahn des „anserlesenen! Volkes", das „Turmhochstehen über alle anderen' " — ist es nicht eilt -großes Unrecht, eine Sünde gegen nns selbst, daran, festznhalten? Und kannst dn es den „anderen" verübeln, wenn! sie es nns verübeln?" Der Alte sah den Sprecher ein, Weilchen ruhig au-. Dann klappte er mit einer e»ethische n Bewegung, die man ihm gar nicht zw getvant hätte, seinen dickett Foliantenzn-, rückte sein Käppchett hin über zur anderen Seite des Kopfes und drehte sich in seinem Stuhl herum. „Mein Kind — komm her — setz' dich. Ich möchte noch eilt Weilchen mit dir plaudern, ehe wir uns schlafen legen. Setz' dich — so mein Sohn." Der andere hatte der Aufforderung Folge geleistet. Jetzt saßen sie sich gegenüber, Großvater tmd Enkel, und blickten einander in die Augen. Und aus diesen Blicken sprach so biiel!

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