Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mischer MM» Redaktion: IX/l, Wafagaffe 31. Telephon Nr. 14723. Sprechstunden: An Wochentagen von 4 bis 6 Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches BolkSblatt. Wien. IXji. Bml)Wer<Un wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zuitellung erbitten wir uns dringend. — Manuskripte werden nicht rutnelegenem. Vostsparkaffen-Koiito 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreien. m.- ....----m Erscheint jeden Freiing. Eigentumr und Herausgeber: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: HL Dukes llachf., kfaasenstein L Vogler, Niidolf Masse, M. pozsomii, 0. Schale! in Wien, ferner alle Nnnoncen- Lxpeditionen im Kuslande. Einzel - Nummer in Wien 3V Heller. Administration: IX/l, Wafagaste 31. Telephon Nr. 14723. Abonueme Für Wien u. Oesterreich- Ungarn s. Frankozvstellung: Ganzjährig .... X 12.— Halbjährig . . . . K 0.— Vierteljährig . . . K 3 — tS - PreiSr Für das gesamte AttSland samt Frankozustellung: Ganzjährig ... X 13.00 Halbjährig ... X 8.33 Vierteljährig... X 3.43 Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entqeqenqeno,innen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Perlag Wien, 11/3, Stefaniestraße 12; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. Ur. 37. Wien, 15. Keptrmdee 1905 (15. Gtni 5665). VII. Inhegnng. „Ohne Unterschied der Konfession". I. Kr. Tie Sünden der Väter werden cm den- Kindern gerächt. Bis ins dritte und vierte Geschlecht. Im physischen Leben und noch nwhv im politischen. Vielleicht keine Gencrolion, die vor uns gelebt, hat die politischen. Sünden, ihrer Väter so sehr am eigenen Leibe zu spüren bekommen als die unst-igo, und sicherlich wurden nirgends so viele politische Sünden begangen, als in -Testerreich durch unsere Vorfahren. Tie Assimilation, die verderbliche, kriecherische Assimilation, die sich nicht begnügte mit dem völligen Aufgeben der e i g e n e n Individualität, sondern in ihrer Kurzsichtigkeit alles ausbot, mn eine selbständige nationale Entwicklung auch für die Zukunft zu erschweren, wennnicht' rnnnöglich zu machen. — diese Assimilation. hat das heuchlerische Schlagwort: „Ohne Unterschied der Konfession!!" erfunden. Dieses Wort hat dem Judentum! viele schwere Schädenzugefügt, politische und nraterielle Schäden. Große Stiftungen, namhafte Spenden wurden gemacht unter der Bedingung, daß von. diesen Zuwendungen Bedürftige „ohne Unterschied der Konfession" bedacht werden sollten. Man wov naiv genug, zu. glauben, daß durch diese opferwillige!, vorurteilsfreie Verfügung tatsächlich die sozialen und poliiischen Unterschiede der Konfessionen - von einer jüdischen Nationalität war damals noch nicht die Rede — ausgeglichen und aus der Welt geschafft werden könnten. Und so würben Millionen auf dem Altar der Assimilation geopfert, Millionen dem. jüdischen! Besitz tu in ent-! zogen, immense Summen, die, -wenn dos ' Judentum heute über sie verfügenwürde, hinj reichen würden, tausende von jüdischen Eri-! stenzen! zu retten, Sumnmr, die in unseren.! Händen eine Macht bedeuten, durch! welche wir j die soziale und wirtschaftliche Unterdrückung seitens unserer Feinde wenigstens zum Teile zu mildern irr der Lage wären. Tie Folgen^ dieser unverzeihlichen Kurz-! sichtigkeit blieben nicht .aus. Schon zur Zeit der liberalen Aera wurden die. Intentionen der jüdischen Spender und Stifter! nicht in' vollem Maße gewürdigt. Das Verhältnis zwischen jüdischen und nichljüdischen Stipendisten, entsprach schon, damals nicht ganz den tatsächlichen j Verhältnissen, aber es gab wenigstens keine j vollkommiene Ignorierung der Verfügungen j der jüdischen Stifter. Tie Kultusgememde, i die jo auch damals Ms Zentrum der jüdischen! Assimilation bildete, unterließ es, sich einen j Einfluß ans die Vertoilrmg der jüdischer! Stifi tungsgclder durch den Nkagistrat zu sichern.! Mit dem- Anwachsen! des christlichsozialen , Einflusses ans die öffentlichen Angelegenheiten j verschwand allmählich auch die letzte Rücksicht! auf die Absichten! der Spender, und heute sind; wir bereits so weit, daß Inden von, den Benesizien jüdischer Stiftungen, die durch den . Wiener Magistrat verliehen! werden, fast vollständig ausgeschlossen sind trotz der Klausel:! „Ohne Unterschied der Konfession!" 1 Unter solchen Umständen, mutet es einen Feuilleton. Ein jüdisches Ferienheim. Ichhabe nicht allzuoft Gelegenheit, mich von der Art und Weife, lvie bei uns Judcn öffentliche und private Wohltätigkeit geübt tvird, befriedigt zu« fühlen. Ich vermisse in. der Regel die Innerlichkeit, die seelische Befriedigung seitens des Gebers und die lvahre, erhebende, unbefangene Freude des Empfängers au dem! ihm Gebotenen. Und gerade diese Moluente hoben den! wahrhaft jüdischen! Wohltätigkeitssinn! stets ausgezcichuet. Ter Empfänger einer Wohltat soll, nie durch die Wohltat gestempelt werden, er soll sich bis ans Lebensende nicht jener Zeit zu schänden haben, da er zur Masse der Empfangeudeii gehörte, .und durch die Erinnerung an jene Zeit selbst dazu gedrängt werden, sobald er in die Lage kommt, es tun zu können, in. die Rechen der Spender zu treten. Für mich gilt es auchals sicherster Beweis für die gewissenhafte Erfüllung der Pflichten ei leer längere Zeit bestehenden WohltätigkeilsorMnisation, wenn sie unter ihren Mitgliedern, materiellen! und moralischen Für* derern solche aufzuweisen hat, die einst ztl ihren Schützlingen gehörten. Und dem Mangel dieses Wahtheitsbelveises bei den meisten nuferer Wo-hlfohrtsanstalten halte ich onch für einen Grund des Mißerfolges unserer mit sicherlich nicht geringen Opfern geleiteten Wohltätigkeitsaktionen. Als eine erfreuliche, erquickende Ausnahme vonder allgemeinen Schablone lernte ich am jüngsten Sonmag den „Kaiser Franz Josefs- Ferienheinwerein" kennen. Dank der freundlichen Einladung des Vereinspräsidiums hatte ich den Genuß, das Wirken dieses Vereines in ihremeigenen Heim in T i s ch n. owitz- V o r k l o st e r mit eigenen Angen gir betrachten.. Dieser Nachmittag, an dein ich das lustige, unbefangene Treiben von 186 pausbackigen, fröhlichen jüdischen Jungens gesehen, lauter Kinder, die dem häuslichen Elend für die Dauer eines Neonates entrissen und einer Wohltat teilhaftig gemacht werden, die im Sinne der Prinzipien einer modernen sozialen Hygiene keinem Kinde entzogen' werden sollte. Und gerade wir Inden haben, es besonders nötig, für eine gesunde, widerstandsfähige Generation zu sorgen, denn an uns und. noch mehr an unsere Nachkommen werden Existenzprobleme herantreten, denen man. nur mit gesundem Körper und gesunder Seele gewachsen sein. kann. Es soll auch hier unumwunden ausgesprochen werden, daß die dermatige Vereinsleitung, mit Fron Sophie Grünfeld als Gründerin lind Präsidentin an der Spitze, tat* sächlich das Zeug in sich hat, die schöne, edle und veredelnde Aufgabe zu erfüllen, die sich der Verein gestellt hat. * Im Tale der Schwär za wo. umgeben von einer bewaldeten Hügelkette, liegt das Besitztum des Vereines, woselbst die Teilnehmer an der Exkursion von der Begründerin und Präetwas 'eigentümlich an, wenn der jüdische Genwinderat und Kurator des Brann-Radulowitfch'sehen Stiftungsha-uses sich noch darüber aushält, daß die Verfügung der Stifter, die Zinsen der Stiftung armen Schulkindern „ohne Unterschied der Konfession" zukoMinen zu lassen, vom Wiener Gemeinderate nicht berücksichtigt, dafür aber a u s s ch l i e ßl i ch katholische K i n d e r bedacht wurden. Herr Genninderat Kleebinder weiß es so gut lvie wir, daß er in -diesem Kuratorium nur den P a r a O e j u d e n abgibt, dem nicht der geringste Einfluß auf die Verwendung des Stistungsgeldes Zugestanden wird. Herr K l e e b i n d e r möge, doch seinen Einfluß ganz anderswo geltend machen! . . . Leider haben unsere besitzenden Juden aus diesem Vorgehen' der antisemitischen Verwaltung nicht die einzig richtige Lehre gezogen. Bis in unsere Tage hinein haben reiche Juden nicht ausgehört, Stiftungen „ohne Unterschied der Konfession" zu machen — wir verweisen, auf die großen Rothschildschen Zuwendungen. Allerdings haben die Stiftungen seitens der bemittelten Inden stark abgcnonnnen. Ties geschah aber nicht zugunsten der ausschließlich jüdischen Wohltätigkeitsanstalten. Es ist geradezu beschämend für den berühmten jüdischen Wohltätigkeitssinn, wenn ma-n> sieht, wie unsere wichtigsten Ar>neninstitutioncn von unseren Besitzenden, vernachlässigt werden. Es hat fast den. Anschein, daß sie aus Trotz darüber, daß ein Jude heute nicht gut, ohne den Makel der Charakterlosigkeit auf sich zu laden, eine sidentin Frau Sophie Grünfeld, .der Schriftführerin Frau Adele Zins und den, übrigen Vorstandsinitgliedern einpfangen! wurden. Inmitten eines herrlichen alten Pyrkes erhebt sich das Koloniengebäude. ein imposanter, schloßartiger Bau, mit hohen, Hellen Fenstern, breiter Freitreppe und freundlich lodender Veranda. Nebst sieben großen Schlafräulnen, dem Festsaale, deni- Jnspektions- und Verwaltungszim'mer befinden sich in, demselben Waschnnd Baderäume, Küche und Geschirraum, Putz- und Speisekannner, olles mit peinlicher Sorgfalt und Reinlichkeit in, Ordnung gehalten. Das- Haus beherbergt gegenwärtig die dritte diesjährige Koloniengruppe, 136 erholungsbedürftige Knaben, die nach militärischem Muster eine „-Kompanie" bilden. Hinter dem Hauptgebäude erhebt sich ein in großen Dimensionen! ausgeführter, ringsum' verglaster Holzriegelban, die „Taghalle", welche bei ungiinftiger Witterung den- Kleinen als Spielrnid Exerzierplatz dient. Im rückwärtigen Teile des Parkes befindet sich ein spitalsmäßig eingerichtetes Jsolierhaus, das bei Auftreten von Infektionskrankheiten nuter den Kolonisten die ungestörte Fortführung des Kolonienbetriebes ermöglicht!. Der Verlauf des Tages ist durch eine feste Stundeneinteilung geregelt, in der das Hauptgewicht naturgemäß auf die Mahlzeiten, gelegt wird. Militärische Uebungen, die in richtiger Weise Scherz und Ernst mischen, mit Auszeichnungen, Ernennungen, Degradationen nstv. nehmen da neben Spiel und Gesang eine gar tvichtige Stelle ein. Arzt